Ausflug 2. Bergen-Enkheim ist ein Ort, von dem man glauben könnte, dass er vom nahen Frankfurt noch nie etwas gehört hat. Dabei ist er nur eine mäßig lange Busfahrt von der so ganz anderen Stadt entfernt. Bergen-Enkheim ist bis heute ländlich, die Gassen sind eng, an fast jeder Ecke steht ein liebevoll gepflegter Fachwerkbau. Geschäfte gibt es eigentlich nur in der Hautpstraße, der Marktstraße, die hinter dem alten Rathaus ein wenig breiter wird und momentweise vergessen lässt, dass wir uns auf dem Land befinden. Wenn nicht alles täuscht, ist Bergen-Enkheim in den letzten Jahren für die happy few interessanter geworden. Es gibt hier teure Modeläden, Cafés, attraktive Restaurants, Reisebüros, Boutiquen. Dennoch sieht man an Werktagen nur wenige Passanten. Es sind scheue Einwohner, die zuerst die Fremden mustern, ehe sie in die Bäckerei gehen und ein halbes Biobrot kaufen. Noch fremder ist das Geräusch, das am Himmel entlangzieht: riesige Flugzeuge, die in niedriger Höhe den Ort überqueren. Wer aus Frankfurt anreist, kommt wegen der landschaftlichen Umgebung, die man hier nicht erwartet, wenn man nicht von ihr weiß. Wer die Marktstraße entlanggeht, kann jede Gasse benutzen, die nach rechts hinabführt, und in der Ferne die breite Mulde sehen, in deren Zentrum sich Frankfurt erhebt. Je länger man den Wegen folgt, desto stiller wird das Umfeld. Kein Auto, kein Motorrad, kein Radler, kein Geräusch – bis das nächste Flugzeug naht. Als Stadtschriftsteller bin ich es nicht gewohnt, Landschaften zu beschreiben, aber hier könnte ich mit Üben anfangen. Die Bergener Landschaft ist kein Park, und sie soll auch keiner werden. Man muss den Hang auch nicht bis ganz nach unten hinabsteigen, bis in die Ebene. Es gibt, auf verschiedenen Höhen, immer wieder Querwege, die in die Horizontale führen. Die Wege sind nicht hergerichtet für Spaziergänger, sondern (sozusagen) naturbelassen, in halbwildem Zustand. Es gibt keine Sitzbänke, keine Papierkörbe, keine Wegweiser. Die Wege werden auch von landwirtschaftlichen Fahrzeugen benutzt, das heißt sie sind rumplig und haben zum Teil tiefe Schlaglöcher, in denen sich kleine schlammige Pfützen bilden. Ringsum Obstwiesen, Grasflächen, Weinstöcke, vergessene Bäume, die unten noch belaubt sind, weiter oben schon schwarz und abgestorben. Ich habe es bis jetzt nur zum Vogelliebhaber gebracht, leider nicht zum Vogelkenner. Das heißt, ein paar der zahlreich umherschwirrenden Tierchen kann ich identifizieren, ich nenne die Namen nicht, jeder kennt sie. Es passt in diese Landschaft, dass sie mich an meine schon lange tote Schwiegermutter erinnert. Sie fühlte sich als eminente Tierfreundin, die die Vögel tatsächlich »unsere gefiederten Freunde« nannte. Es störte sie nicht, dass man dann über sie lachte. Ich muss immer noch über sie lachen, niemand sieht es, niemand hört es.