Gegen Mittag erscheinen zwei Herren. Ich weiß, was sie sich anschauen wollen, ihrem Besuch ging ein Briefwechsel voraus. Ich führe die beiden in der Wohnung umher und zeige ihnen das Material. Ich habe es in Kisten und Kartons vorsortiert, ich gebe kurze erläuternde Kommentare. Die zwei Herren kommen vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach, und sie sind hier, weil sie für ihr Archiv meinen »Vorlass» kaufen wollen. Leider bin ich ein wenig aufgeregt. Von diesem Besuch habe ich seit Wochen gewusst und hielt ihn doch für nicht ganz wahr. Wie in einer literarischen Fiktion habe ich es für möglich gehalten, dass die Herren ihre Absichten änderten. Es würde sich noch herausstellen, dass »man« nicht wirklich an meinen Sachen interessiert war. Aber dem ist nicht so. Die Herren sind wirklich eingetroffen, um den Umfang und die Art des Vorlasses zu sehen. In mehr als dreißig Ordnern habe ich Entwürfe, Vorstufen, Kapitelskizzen und kürzere Einzelbeschreibungen zu kommenden Romanen gesammelt und tatsächlich aufbewahrt. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sich außer mir je ein Mensch für dieses Material interessieren könnte. Die Aufzeichnungen sind oft nur deshalb entstanden, weil ich meiner inneren Mutlosigkeit irgendetwas entgegenhalten musste. Ohne diese Vor-Notizen wären die »eigentlichen« Werke nie entstanden. Ich war so sehr hin- und hergerissen, dass ich oft in Versuchung war, auch die Notizen wieder zu vernichten. Warum sie »überlebt« haben, weiß ich heute nicht mehr. Nach etwa eineinhalb Stunden verlassen die beiden Herren meine Wohnung. Wieder meine ich, dass sich die Meinung der beiden geändert haben muss. Die Anschauung des Materials muss ihnen die Augen geöffnet haben.
Merkwürdigerweise half mir in diesen zwiespältigen Wochen ein kleines Büchlein aus der Reihe »Rowohlts Bildmonografien«, das ich mir in meiner frühen Begeisterung für den Schriftstellerberuf einmal gekauft hatte. Es ist der Band über Thomas Wolfe, erschienen 1962. Das Cover zeigt den Schriftsteller mit dem Manuskript von »Of Time and the River«. Das Manuskript besteht aus einer kniehohen Aufschichtung loser Blätter. Vor dem Manuskriptberg steht eine geöffnete Holzkiste, die bis obenhin ebenfalls mit Manuskriptteilen aus »Of Time and the River« gefüllt ist. Dieses so hoffnungslose wie leidenschaftliche Bild hinderte mich immer mal wieder, meine eigenen Manuskripte und Aufzeichnungen wegzuwerfen. Der Grund für die immer wieder auftauchende Lust auf Vernichtung ist vermutlich die Scham. Die Scham vor dem Einblick anderer Menschen in das werdende Schreiben. Nach ein paar Tagen kommt ein Lieferwagen aus Marbach und holt meinen kompletten Vorlass ab. Noch ein paar Tage später schickt mir das Archiv einen Übereignungsvertrag.