Ich glaube nicht, dass es außer Frankfurt noch eine andere Stadt gibt, in der sich die folgende Szene abspielen kann. Wir befinden uns am Rand eines großen, nicht allzu teuren und deswegen beliebten Familienlokals. Die meisten Tische sind besetzt. Jüngere Ehepaare mit kleinen Kindern haben sich hier niedergelassen, zu ihren Füßen lehnen gefüllte Plastiktüten gegen die Tischbeine. Die Leute sind in entspannter Stimmung, vermutlich sind sie froh, dass sie das Gewühl in den Kaufhäusern hinter sich haben. Da und dort gibt es einen freien Tisch. Die Leute weichen vor ihnen zurück, weil Essensreste der Vorgängergäste nicht weggeräumt sind. Es handelt sich überwiegend um Pommes frites, die unschön in den Resten einer Sauce ausharren. Die Resteteller bleiben lange unangetastet. Das Restaurant will oder muss Kosten sparen, das Personal (drei Frauen) ist vollauf damit beschäftigt, neue Portionen und Bier und Limonade auszugeben. Die Bedienerinnen haben nicht einmal Muße, dann und wann über den Rand ihrer Theke hinauszuschauen. Deswegen sehen sie nicht, dass sich um die Essensreste herum längst Tauben niedergelassen haben. Rätselhaft ist allenfalls, warum die am Rand des Lokals sitzenden Krähen die leeren Tische nicht erobern. Auch sie haben Hunger, aber sie halten sich zurück. Es sieht so aus, als hätten sie einfach mehr Stil als die Tauben – aber es sieht nur so aus. Die Tauben picken ohne Unterlass nach den übrig gebliebenen Pommes, die sie leider nicht auf einen Sitz verschlingen können. Sie wirbeln die aus ihrem Schnabel herausragenden Kartoffelstäbchen herum, aber diese fallen nicht wie erwünscht auseinander, knicken nicht ab und werden auch sonst nicht kleiner. Der eine und andere Vogel stößt ohne Absicht ein Stäbchen zurück in die Sauce; das eingetauchte Kartoffelstäbchen bekleckert beim Herumgewirbeltwerden den seidig schimmernden Hals oder das zartfarbene Brustgefieder. Ein paar Kinder haben das Spektakel mitverfolgt und fangen an zu lachen. Leider wissen die Tauben nichts von ihrer kindischen Lächerlichkeit, und sie ahnen auch nicht, dass sie sich mehr und mehr vollkleckern. Es ist sonderbar, dass Stadttiere im Handumdrehen Teile eines allgemeinen Unterhaltungstheaters werden können. Es ist der ewig weiterlaufende Stummfilm des Naturtheaters, dem immer noch die überraschendsten Effekte gelingen. Einige Väter nutzen den Anblick der Vögel und ermahnen ihre Kinder: So siehst du auch gleich aus, wenn du nicht aufpasst. Die Tauben sind sogar erregt. Selten fällt ihnen soviel Nahrung auf einmal zu. Aber da passiert es: Ein älterer Mann mit Handtuch, wahrscheinlich der Besitzer, tritt hervor und verscheucht die Tiere. Ein Vogel ist ungeschickt und streift beim Abflug mit einem Flügel die Sauce. Ein Gejohle bricht aus, als wäre dem Tier eine besondere Nummer gelungen.