Ein Trost während meines Schulwegs waren zwei kleine Kioske, schmale Häuschen, ein älteres Modell aus Holz, das andere aus richtigen Backsteinen gemauert. Es waren überwiegend Schulkinder, die ihren Schulüberwindungsbedarf hier kauften, Objekte der Verzauberung, die es bis in die sechziger Jahre gab, später nicht mehr. Das schlichteste Objekt war die gemeine Zuckerstange, fingerdicke Stäbchen, die es in zwei Größen gab. Die andere Beglückung am Kiosk war der sogenannte Waffelbruch, zerbrochene Waffelstücke, die die Hersteller nicht wegwerfen wollten. Sie sammelten sie in kleinen Tüten, die ein paar Pfennige kosteten. Wenn man Glück hatte, klebte an mancher Waffel noch ein Stück Zuckerzeug. Die dritte Wegzehrung war der Höhepunkt des ganzen Schulwegs, die zehn Pfennige kostete: die Wundertüte. Es war eine zugeklebte Papiertüte von der Größe einer Brieftasche. Ihr Inhalt: zwei oder drei Bonbons, ein Kaugummi, ein Luftballon – und ein winziger Plastikring oder eine Brosche aus Blech, die sich die Mädchen sofort an den Pullover hefteten. Das Angebot der Kioske war sehr klein. Außer dem Kinderkram verkaufte der Mann hinter der Theke ein oder zwei Tageszeitungen und – für die Mütter – zwei Modezeitschriften mit Schnittbögen. Die heutigen Kioske haben mit ihren Vorläufern fast nichts mehr zu tun. Ihr Angebot haben sie ins fast Unermessliche erweitert. Sie führen nach wie vor auch Süßigkeiten, aber Kinder zählen heute zu ihren seltensten Kunden. Die Hauptklientel sind Erwachsene, die keine Zeit für den Supermarkt hatten. Auf einen Einkaufskiosk (so werden sie heute genannt) kann man sich immer verlassen, denn die meisten haben bis 23.00 Uhr geöffnet. Sie bieten alles an, was der Mensch plötzlich braucht: Schnittbrot, Käse, vakuumverpackte Wurst, Postkarten, Zeitschriften, Kugelschreiber, Präservative, Filme, Nylonstrümpfe, Milch und, vor allem, Alkohol, sozusagen für jeden Bedarf und fast in jeder Menge. Man muss nicht einmal genau hinschauen, um sofort zu begreifen, dass die Kioske heute vor allem Alkoholstationen sind. Bis kurz vor Thekenschluss erscheinen Männer mit leeren Taschen und kaufen Bier, Korn, Cognac. Es fällt auf, dass sich die Männer nicht mehr (wie früher) an die Kiosktheke stellen, zwei Biere trinken und dann weiterziehen. Der Trinker von heute ist eine diskrete Suchtpersönlichkeit geworden, die ihr Laster kaum noch öffentlich zeigt – Extremfälle ausgenommen. Der Trinker erscheint spät mit der leeren Aktentasche, packt drei oder vier Flaschen ein – zahlt und trinkt zu Hause. Ob das ein Vorteil ist? Vermutlich nicht. In den eigenen vier Wänden ist die Schamgrenze am niedrigsten, die Toilette am nächsten, und der öffentliche Selbstverrat fällt ganz aus.