Auf dem niedrigen Mäuerchen rings um die Hauptwache sitzt eine bunt gemischte Gruppe. Am auffälligsten sind die hoffnungslosen Fälle: abgestürzte Alkoholiker und Obdachlose, Drogenabhängige und Freaks. Sie haben zwar einen Pappbecher vor sich stehen, aber sie können nicht mehr trinken, dazu fehlt ihnen die Kraft und auch das Geschick. Ihre widerstandslose Verkommenheit hindert die Wohlmeinenden, ihre Geldbeutel zu öffnen. Genau neben den Verlorenen kichern viele Jugendliche. Mit ihren Skateboards überspringen sie zwei oder manchmal drei Treppenstufen, ohne zu stürzen. Manchmal klappt es nicht, dann rutschen sie aus und landen mit den Knien auf den Marmorplatten des Gehwegs. Aber ein Sturz ist nicht schlimm. Die Jugendlichen sind hervorragend ausgerüstet. Sie tragen wie Eishockeyspieler dicke Knieschützer und ebensolche Ellenbogenpolster. Noch etwas weiter weg stehen und liegen ein paar Halbwüchsige, die mich am meisten interessieren. Sie tragen modisch zerfetzte Jeans, ein T-Shirt, darüber eine schwarze Lederjacke, im Gesicht eine Sonnenbrille, am Hals ein Goldkettchen oder ein Lederhalsband. Ihr wichtigstes Kennzeichen: Alle, Jungen und Mädchen, haben eine offene Bierflasche in der Hand. Die Bierflasche ist das wichtigste Zeichen ihres Designs. Denn die Bierflasche gibt ihnen etwas proletarisch Außenseiterisches, ein Signal des Ausgeschlossenseins und der Deklassierung, der ästhetisch gewordenen Hoffnungslosigkeit. Sie schauen verächtlich umher und machen die eine oder andere halblaute Bemerkung über die Leute um sie herum, die üblichen Kleinbürger, die für ihre Kinder schon wieder neue Latzhosen und nette Schühchen kaufen. Ein paar der jugendlichen Trinker tragen große schwarze Sonnenbrillen und graue Kapuzenpullover, die ihrem Outfit einen Schuss lauernder Gewaltbereitschaft verpassen. Andere haben gefärbtes Haar und gepiercte Lippen und absichtlich vernachlässigte oder verschmutzte Kleidung, von der ein punkiger touch ausgeht. Man weiß oder kann sich denken, gegen wen sich die Verachtung richtet: gegen die überangepassten Eltern und die auf Anpassung drängenden Lehrherrn, sofern vorhanden. Merkwürdig ist nur die Vorstellung, warum ausgerechnet von einem proletarischen Design eine Art Widerstand ausgehen soll. Wissen die Jugendlichen nicht, dass die heutigen Proletarier die angepasstesten Menschen überhaupt sind, wissen sie nicht, dass der endlich aufgestiegene Arbeiter mit großem Stolz seinen VW in die Garage lenkt und schon an Weihnachten darüber nachdenkt, wohin die Familie im kommenden Sommer in Urlaub fahren soll? Die heutigen Wunschproletarier wirken wie stehengebliebene Ikonen aus dem 19. Jahrhundert: damals, als Marx und Engels auf den Pauperismus des einfachen Volkes aufmerksam machten, long long ago.