Nach der Lesung, wenn Teile des Publikums, die Veranstalter und der Autor bei einem Glas Wein beisammenstehen und plaudern, pirscht ein nicht mehr junger Mann seitlich an den Autor heran. Er hat auf diesen Moment gewartet, und jetzt spricht er hastig und verlegen sein Anliegen aus. Während er spricht, holt er aus seiner Kollegmappe ein Manuskript heraus, das er dem Autor übergeben möchte. Der Mann ist, obwohl es von ihm noch kein Buch gibt, selbst schon ein erfahrener Autor. Von dieser Erfahrung spricht er jetzt. Er weiß, dass die Lektorate der Verlage »hoffnungslos verstopft« sind und dass es für ihn keinen Sinn hat, weitere Manuskripte zu verschicken. Die Verlage antworten nicht, ja, sie senden nicht einmal die ihnen überlassenen Manuskripte zurück. Ein Skandal, finden Sie nicht auch?! Er, der ungedruckte Autor, muss sein Manuskript als verschollen aufgeben, die Lage ist niederschmetternd. Nein, nicht ganz. Denn eben hat er ja mich kennengelernt, einen Autor des von ihm so geschätzten Verlags. Ich spüre, wie mir der ungedruckte Autor sein Manuskript unter den linken Arm schiebt und sich bedankt. In früheren Jahren habe ich mir solche Manuskripte tatsächlich aufdrängen lassen. Ich habe die Manuskripte drei Wochen zurückbehalten und habe sie dann zurückgeschickt. Das war ein Fehler. Ich hatte dem Autor das Gefühl gegeben, sein Werk sei von irgendwem »geprüft« worden. Nicht selten bringt der Postbote – weiß der Himmel, woher die Absender meine Adresse haben – ein neues Päckchen und bittet wieder um »Prüfung«. Im Bewusstsein vieler Ungedruckter hat sich die Fiktion festgesetzt, ein publizierender Autor sei eine Art Außenstelle seines Verlags und mit bedeutsamen Vollmachten ausgestattet. In der Regel schicke ich Manuskripte sofort und ungelesen zurück; beigelegt ist ein kurzer Formbrief, in dem zu lesen steht, dass sich kein Autor um die möglicherweise misslingende oder sonstwie enttäuschende Erstbegegnung mit einem Verlag herumdrücken könne und dass ich keine weiteren Manuskripte erhalten möchte. In hartnäckigen Fällen verweigere ich die Annahme der Sendung. Es ist allerdings schon passiert, dass ein Autor eines zurückgeschickten Romans bei einer Lesung wieder auftaucht und sich beschwert. Ich mache darauf aufmerksam, dass es viele Möglichkeiten gibt, seine narzisstischen Bedürfnisse zu befriedigen. Niemand muss Schriftsteller werden.