Die moderne Stadt bringt kaum noch bemerkenswerte ästhetische Reize hervor, die von den Menschen ein längeres Verweilen fordern. Die Straßen ähneln einander, die modernen Zweckbauten ebenfalls. Die Schlichtheit als Struktur herrscht nicht nur in Köln oder Hannover oder Stuttgart, sondern auch in Frankfurt, und in Frankfurt besonders. Die Gesichtslosigkeit der Moderne wird oft beklagt, ist aber unaufhebbar. Der Hauptgrund der Gleichförmigkeit liegt in den Kriegsfolgen, was immer mal wieder vergessen wird. Denn die meisten der neuen Bauten stehen noch nicht allzulange und erinnern doch nicht mehr an den Zweiten Weltkrieg. Damals, Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre, wurden die zerstörten Städte im Hauruck-Verfahren schnell und ideenlos wieder aufgebaut. Der Wiederaufbau geriet lieblos, weil die notleidenden Menschen nicht lange warten konnten. Es fragte damals niemand nach irgendwelchen ästhetischen Erwartungen. Im Gegensatz etwa zur Gründerzeit gab es keinen irgendwie bedeutsamen Stil, in dem sich die Zeit hätte spiegeln und gleichzeitig über sich selbst hätte hinausweisen können. Um den Zweckstil der fünfziger Jahre zu vermeiden, hätte es einer allgemeinen Willensbildung und einer ebensolchen Willensäußerung bedurft, die in der Ratlosigkeit der fünfziger Jahre nicht zu haben waren. Übrig geblieben von dieser Not ist ein geringes Angebot an neuen Sehenswürdigkeiten; sie zwingt die Stadt und ihre Bewohner, ohne Anleitung und ohne fremde Hilfe selbstentdeckte Sehenswürdigkeiten aufzuspüren. Das kann gelingen, kann aber auch schiefgehen. Bis heute kann man am Durcheinander der Innenstädte ablesen, dass es keine Instanz gab, die die Einzelheiten der »neuen« Städte sinnvoll aufeinander abgestimmt hätte. Die Elemente der Stadt sind nur angesammelt und aufgehäuft, gegeneinandergeschoben und aneinandergedrückt. Schon ist der geringe Platz wieder vollgebaut und zeigt uns nichts als seine Merkwürdigkeit. Das Umhergehen in vollständig kommerzialisierten Umgebungen macht uns zu Minimalisten des Sehens, die sich schon mit kleinen Entdeckungen zufriedengeben müssen. Der Anfang dieser Entwicklung liegt in der unmittelbaren Nachkriegszeit. In der Industriestadt, in der ich in den fünfziger Jahren aufgewachsen bin, gab es viele zerstörte Häuser und Brücken und keine Beatniks, keine Rock’n Roll-Krawalle, keine Prügeleien mit der Polizei, keine Straßenschlachten wegen irgendwas, keine Jugendgangs, denen ich mich hätte anschließen können, sondern es gab – mitten zwischen den Trümmern – zwei italienische Eissalons und zwei Tanzschulen. Heute muss ich zugeben: Das hat gereicht. An dieses Angebot konnte sich das aufstrebende Ich wenden. Ich war oft in den Eissalons und besuchte die Tanzschule. Wie soll man Genügsamkeit beschreiben oder begründen? Wir sind in der Flüchtigkeit des vorübereilenden Lebens kaum fähig, genau zu denken und genau zu sprechen, von der Entdeckung unserer Wünsche zu schweigen. Mir fällt oft erst Tage später ein, was ich über den Mangel der vorigen Woche hätte sagen können. Da verlässt – wir sind jetzt wieder auf der Zeil – ein kleiner gedrungener Mann ein großes Kaufhaus. Hinter dem Mann geht eine fast ganz verhüllte Frau, offenbar ein türkisches Ehepaar. Der Mann trägt eine große Plastiktüte, die er in der Nähe des Zeil-Denkmals öffnet. Er entimmt der Tüte ein neues Sakko, das er sich erst vor wenigen Minuten gekauft hat. Er zieht sein gebrauchtes Sakko aus und übergibt es samt der Tüte und einem hölzernen Kleiderbügel seiner neben ihm wartenden Ehefrau. Der Mann geht in seinem neuen Sakko ein paar Schritte hin und her, die Ehefrau begutachtet ihn und streicht dem Mann begütigend über den Rücken. Es ist rührend und lächerlich. Den alten Sakko steckt der Mann in die Tüte, den Kleiderbügel hängt er an das Denkmal. Das monumentale Denkmal kann die Zeil nicht von ihrer rasenden Starre befreien. Kleiderbügel sind unzerstörbar, sie sind ein Teil der Kultur, vermutlich haben sie teil an der Ewigkeit. Der Türke bemerkt nicht, dass ihm beiläufig eine Verwandlung von Gegenwart in Dauer gelungen ist. Das merkwürdige Denkmal, das kaum einer begreift, ist durch den Kleiderbügel grotesk-großartig geworden. Auch jetzt schaut niemand das Denkmal an. Mit langsamen Schritten wankt das türkische Ehepaar davon.