Das jahrelange Pendeln zwischen Schwarzwald und Frankfurt machte mich zu einem Wiedergänger des Bahnhofs. Ich kam, wenn ich freitagsabends die Stadt verließ, häufig schon eine halbe Stunde früher zum Bahnhof, weil ich das Bahnhofsleben als solches anziehend fand und gerne beobachtete. Ich konnte einzelne Personenkreise ausmachen, die zwar keine Reisenden waren, sondern den Bahnhof als Operationsgebiet benutzten; also Bettler, Drogendealer, Hehler, Taschendiebe, aus Heimen geflohene Jugendliche, junge Mädchen, die sich als Prostituierte versuchten. Einer anderen Gruppe, für die ich keinen Namen weiß, gehörten Männer in mittleren Jahren an, die ebenfalls keine Reisenden waren und sich auch nur kurz im Hauptbahnhof aufhielten. Sie sind nicht gut gekleidet, ohne schon liederlich oder verkommen auszusehen. Die meisten dieser Männer tragen prall gefüllte Plastiktüten bei sich, manchmal auch Sportlertaschen, kleine Koffer oder halbgefüllte, manchmal auch flache Rucksäcke. Die Männer haben nur ein Ziel: die Schließfächer. Deren Schlüssel haben sie schon in der Hand, sie wissen, wo sich ihr Schließfach befindet. Einige der Männer haben auch zwei Schließfächer, ein großes, das sich am Boden der Schließfachwand befindet, und ein eher kleines von der Größe eines gewöhnlichen Reisekoffers. Das große öffnen sie zuerst. Es kommt ein Gestell aus Sperrholzplatten und diversen Leichtmetallstangen zum Vorschein: ein zusammengelegter Klapptisch. Im kleineren Schließfach befinden sich mehrere Plastiktüten mit eng übereinandergeschichteten Schmuckkästen. Es sind Broschen, Ohrringe, Halsketten, Armreifen, Ringe. Die Männer sind fliegende Händler, die sich auf einen langen Tag vorbereiten. An Samstagen gehen viele von ihnen auf den Flohmarkt, an Wochentagen suchen sie sich einen Platz im Stadtinneren, was sie eigentlich nicht dürfen. Es sei denn, sie haben einen Gewerbeschein, der ihnen die freie Platzwahl erlaubt. An Sommertagen ist der Verkaufsplatz gleichzeitig eine Art Produktionsstätte. Die meisten von ihnen haben ihr Handwerkszeug dabei, das heißt mehrere Zangen, Silberdraht, gelochte Glasperlen und vorproduzierte Perlmuttplättchen und Hohlformen aus Kupfer und Feinblech. Der Mann, den ich heimlich betrachte, hat sein Gepäck auf beide Arme und einen Rucksack verteilt. Bevor er losgeht, holt er aus dem oberen Schließfach eine Flasche Cognac heraus, nimmt einen langen Schluck, stellt die Flasche in das Schließfach zurück, schließt das Fach ab – und geht los.