Ich nehme an, die Hauptwache in ihrem heutigen Zustand wird von den meisten Stadtbewohnern, auch von ihren Planern, als Problemzone empfunden, obwohl sie niemand so nennt. Damals, in den siebziger Jahren, als sie entstand, wurde sie als Erleichterung aufgenommen, die sie – allerdings nur noch in einer Hinsicht – auch heute noch ist. Die Hauptwache kanalisiert Fußgängerströme, die gleichzeitig aus verschiedenen Richtungen in den Stadtkern vordringen; sie entknäult die Ströme und gibt den Stadtgängern die angenehme Gewissheit, dass jeder einzelne unbehindert und fast ohne innere Beklemmungen dorthin gelangen kann, wo er hinwill. Gelungen ist diese Reibungslosigkeit durch die Erfindung der sogenannten B-Ebene. Sie ist ein unter die Erde verlagerter zweiter Raum, der die Fußgängerbewegungen auf der ersten Ebene auflockert und der gleichzeitig größer ist als diese. Es gibt zahlreiche Rolltreppen, die allesamt zur B-Ebene hinabführen und diese insgesamt vernetzen. Attraktiv war die B-Ebene, weil dort – sozusagen über Nacht – zahllose neue Geschäfte ihre Glastüren öffneten und besonders auf Jugendliche einen starken Sog ausübten. Es gab hier plötzlich alles, was Zwanzigjährige brauchen: Jeans, T-Shirts, Gürtel, Taschen, Schallplatten, Taschenbücher, Sommerschuhe, Pizzabäckereien, Eis-Salons, Bistros. Und etliche Bank-Filialen, wo das Geld abgehoben werden konnte, das für schnelle Anschaffungen nötig ist. Wer die konsumistischen Begierden gestillt hatte, ließ sich noch ein Stück weitertreiben ins Zentrum, weil dort junge Rockmusiker die Hits nachsangen, die alle kannten: das Neueste von den Rolling Stones, den Beatles, den Platters, von Leonhard Cohen und von wem auch immer. Heute erscheint an jedem Spätnachmittag eine Laienspielgruppe und drückt singend und Gitarre spielend ihr christliches Bedauern darüber aus, dass alles so ist, wie es ist. Manchmal bleibt jemand stehen und hört eine Weile zu, meistens nicht. Denn heute geht nur noch durch die B-Ebene, wer unbedingt muss, und das meint: wer schnell die S- oder die U-Bahn erreichen will. Was sollte man sich auch sonst anschauen oder anhören? Die meisten Geschäfte stehen inzwischen leer, die Innenseiten der Schaufenster sind mit Papier ausgeschlagen. Es ist nicht so, dass es das Problem der Öde nur in Frankfurt gibt. Auch anderswo sind aus den Fußgängerunterführungen schaurige Betonkanäle geworden, die den Hässlichkeitspreis kriegen würden, wenn es so etwas gäbe. Einen Ausweg aus dem Dilemma kann es nur geben, wenn die politischen Parteien im Magistrat den Notstand erkennen. Es wird nicht genügen, einfach noch mehr Untertunnelungen anzulegen. Wer die einfallslosen Fußgänger anklagt, liegt ganz schief. Nein, die Stadt braucht eine unverbrauchte stadtplanerische Idee, die etwas von dem zurückholt, was schon lange entschlafen ist: eine neue Aufreizung der alten Wege.