Als die Post noch Deutsche Bundespost hieß und keine Gewinne machen musste, gab es in den Stadtteilen schöne, große und – im Winter – auch geheizte Schalterhallen. In diesen Hallen standen mehrere Sitzbänke und kleine Tische, manchmal auch Stehschreibtische, wenn jemand (mit der Hand) eine Postanweisung oder eine Zahlkarte ausfüllen musste. Hier trafen sich viele Rentner, deren Wohnung ungemütlich oder zu kalt war, auch viele junge Mütter mit Kind und Kinderwagen und mancher Arbeitslose, von denen es damals erst wenige gab. Die meisten Rentner hatten noch kein eigenes Konto; die Renten wurden noch persönlich von Postbeamten am Schalter ausgezahlt. Aber auch Rentner, die ihre Rente schon abgeholt hatten, waren immer noch oder schon wieder da. Die Schalterhallen waren mollig warm, und außerdem war es damals noch nicht üblich, in Cafés unnötig Geld auszugeben. Bis zu ihrer Privatisierung hatte die Post eine Tendenz zur Gemeinnützigkeit. Junge Frauen machten hier ihre Säuglinge frisch oder stillten sie. Die Rentnerinnen verzehrten mitgebrachte Brote, die alten Herren sahen wieder mal nach, ob in ihren Brieftaschen noch alles in Ordnung war. Viele dieser Brieftaschen hatten die Kriegsjahre überlebt und mussten, damit sie nicht auseinanderfielen, mit einer Gummiflitsche zusammengehalten werden. Die Beamten (man sagte damals: die Beamten) sahen dem Treiben geduldig zu. Wobei nicht immer klar wurde, wer wen beobachtete. Ich glaube, die beiden Großgruppen (Rentner und Beamte) fanden sich gegenseitig sehenswert. Auch die Beamten packten dann und wann ein belegtes Brot aus. Viele kauten still vor sich hin, wenn sie Briefe abstempelten oder den Quittungsabschnitt einer Postanweisung abschnitten. Von diesem beeindruckenden Gemeinschaftsleben ist heute nichts mehr übrig. Die großen Posthallen sind verschwunden beziehungsweise verkauft, vermietet, abgerissen. Das Postpersonal wurde stark reduziert, die Räumlichkeiten ebenso stark verkleinert. Ihren Postschalter finden die Postkunden heute in kleinen Ecken von Kaufhäusern oder in den Rezeptionen großer Hotels. Die Post ist Untermieter geworden. Man kann nicht sagen, dass die Post ihre Aufgaben vernachlässigt, es geht alles seinen Gang wie früher. Nur: Beeindruckt ist von dieser Post niemand mehr. Es ist auch niemand freiwillig hier. Man liefert rasch sein Einschreiben ab und ist froh, wenn man die kleine verdrückte Kaufhauspost wieder verlassen darf.