Wer in einem Flugzeug sitzt und sich langsam der Stadt Frankfurt am Main nähert, wird Opfer einer harmlosen Blendung. Etwa fünfzehn Minuten dauert der Sinkflug, und er spielt sich über schier endlosen Häusermeeren ab. In der Mitte des Panoramas erhebt sich machtvoll eine Wand von Hochhäusern, die zusammengewachsen scheinen. Wer die Geographie nicht kennt, hält den riesigen Teppich von bebautem Gelände für Teile von Frankfurt, das seit langer Zeit damit leben muss, dass sie für die amerikanischste Stadt Deutschlands gehalten wird. Aber die Stewardess hat unzweideutig erklärt: Wir nähern uns Frankfurt am Main. Nur der Ortskundige weiß, dass der Stadtrand im Osten nicht Frankfurt ist, sondern Offenbach und Hanau, und er weiß (je nachdem, aus welcher Richtung wir anfliegen), dass der Rand im Westen ebenfalls nicht Frankfurt ist, sondern Wiesbaden. Ähnlich täuschend sind die Verhältnisse im Süden und Norden; im Süden sehen wir die Ausläufer von Viernheim, Lampertheim und Darmstadt, im Norden die Ränder von Bad Homburg. Die Lösung ist einfach: Von oben erkennen wir die Stadtgrenzen nicht. Tatsächlich sieht der Ballungsraum Rhein-Main von oben aus wie eine einzige Monsterstadt. Wer nach der Landung das Gefühl einer Enttäuschung nicht los wird, muss sich, je mehr sich der Stadtkern nähert, auf weitere Desillusionierungen einstellen.

Das Stadtzentrum von Frankfurt kann man in zwanzig Minuten durchqueren. Dabei weiß man nicht recht, ob man das Bankenviertel zum Zentrum zählen soll oder nicht. Das Problem ist: Das Bankenviertel beeindruckt nur von oben. Zwischen den Türmen selber ist nichts los. Sie stehen blank nebeneinander, vor den Eingängen befinden sich sauber gefegte Kleinplätze, wir sehen Pförtner und anderes Bewachungspersonal. Von der Europäischen Zentralbank zur Commerzbank braucht der Fußgänger zwei Minuten. Von der Commerzbank zur Deka-Bank sind es sechs Minuten. Von der Deka-Bank zur Deutschen Bank reichen drei Minuten. Touristen sieht man hier nicht, worüber sich niemand wundert. Der Grund ist banal: Es gibt hier nichts zu sehen, wovon man später erzählen könnte. Es sei denn, der Tourist kommt ein bisschen vom Weg ab und lässt sich – jenseits der Weserstraße in Richtung Hauptbahnhof – in das nur ein paar Meter daneben liegende Rotlicht-Viertel hineintreiben.

Aber das Rotlicht-Viertel ist nicht mehr, was es früher war. Im Grunde ist das Wort Rotlicht-Viertel eine Übertreibung aus alten Zeiten. Man findet das Wort nur noch in ahnungslosen Stadtführern, verfasst von ahnungslosen Leuten, die nie hier waren. In den siebziger Jahren, als noch niemand das Wort Bankenviertel kannte, war das noch anders. Damals gab es hier zahllose heruntergekommene Altbauten. Die Erdgeschosse waren leergeräumt für Stehbordelle, weil die sogenannte Straßenprostitution eigentlich verboten war. Freilich hielt sich niemand an dieses Verbot. Huren standen in großer Zahl an den Straßenecken oder fuhren in silbrigen Coupés im Viertel umher, um die sowieso schon schnelle Geschlechtlichkeit noch schneller im Auto zu erledigen und der Scham fast spurlos zu entkommen.

Ich erinnere mich gut an diese Jahre, als besorgte Stimmen die Banken davor warnten, in diesem Milieu zu bauen. Die Leute stellten sich tatsächlich vor, dass der Ruf der Banken durch das Hintertreppenmilieu Schaden nehmen könnte. Das Gegenteil trat ein. Über Jahre hin hatten sich die Stadtväter den Kopf zerbrochen, wie man den Sumpf des Bahnhofsviertels trockenlegen könne – ohne Erfolg. Es musste buchstäblich die alles beiseiteräumende Expansion der Banken eintreten, um das Beischlafgewerbe mehr und mehr in die Schranken zu weisen. Da und dort gibt es zwar immer noch kleine Bordelle. Manchmal huscht eine Prostituierte über die Straße, um sich im Obstladen gegenüber ein paar Orangen zu kaufen – aber sonst ist das Viertel nahezu aseptisch geworden. Auf den Plätzen vor den Banken warten keine Prostituierten. Sextouristen verirren sich nicht mehr in diese Gegend. Die Portiers vor den Drehtüren der Banken werden nicht als Sehenswürdigkeiten empfunden. Insofern muss man sagen: Die Gegend wird zwar von Jahr zu Jahr sauberer, aber attraktiv ist sie nicht mehr. In den siebziger und achtziger Jahren fluteten Nachmittag für Nachmittag tausende von unruhigen Männern durch die Straßen. Sie schauten in hunderte von Zimmern, ehe sie sich endlich für eine Dame entschieden. Dieser stundenlange innere Aufschub war das eigentliche »Erlebnis«. Vorbei! Die Zeiten, als das Bahnhofsviertel mit Hamburger oder Amsterdamer Verhältnissen verglichen wurde, sind nicht mehr.

Man muss anerkennen, dass Frankfurt in den vergangenen zwanzig Jahren eine Art Bedeutungsverlust hat verkraften müssen. Der Beginn der Verschiebung lässt sich datieren: Es war (ist) der Herbst 1989, das Datum der deutschen Wiedervereinigung. Von diesem Zeitpunkt an haben sich die Gewichte verlagert. Bis zur Wiedervereinigung war Frankfurt ein auffälliger Glanzpunkt im kleinen Westdeutschland. Sein Standort war zentraleuropäisch und wurde auch so wahrgenommen. Als die Bundesbahn, zusammen mit den französischen Eisenbahnen, eine neue Schnellbahnverbindung Frankfurt-Paris einrichtete, erschien Frankfurt plötzlich gleichrangig mit Paris. Nicht wenige Beobachter rieben sich die Augen. Trotzdem war die Aufwertung in Ordnung. Natürlich konnte Frankfurt nicht mit den Pariser Reizen konkurrieren, aber diese Konkurrenz war auch nicht gemeint. Sondern diese: Frankfurt beeindruckte den Rest der Republik mit seiner furchteinflößenden wirtschaftlichen Potenz. Man konnte jetzt in den Zeitungen lesen, dass der Frankfurter Kulturetat höher war als der Pariser Etat. Die Wiedervereinigung hat diesen Taumel beendet. Die Blicke richten sich heute nach Berlin. Nach Berlin kommt lange nichts. Jetzt läuft Frankfurt in seinem zu groß geratenen Anzug herum und will nicht recht wahrhaben, dass es heimlich herabgestuft wurde und dass es diese Rückstufung nicht mehr aufholen kann, auch wenn das Label »Bankenstadt« immer noch glitzert und prunkt. Aber die Bankenstadt hat keinen Appeal. Es kommt niemand in das Viertel, um Herrn Kopper beim Aussteigen aus seinem Mercedes anzustaunen.

Und plötzlich ist auch spürbar, dass die Einbetonierung der Stadt deren Lebensqualität mindert. Es gibt – zum Beispiel – im inneren Stadtgebiet nur einen einzigen größeren Park, den Grüneburgpark. Die anderen, kleineren Parks sind tagsüber bis auf den letzten Platz von Müttern mit Kleinkindern in Beschlag genommen, so dass sich auch hier die Enge abbildet – und, auch in den »Grünanlagen«, das Problem des Lärms. Im Sommer strömen nicht nur die Mütter herbei, sondern noch viel mehr junge Leute, die Fußball, Handball und Federball spielen wollen, natürlich mit dauernder Musikbeschallung. Dazwischen breiten sich große ausländische Familien aus, die auf Wolldecken lagern und ihr Sonntagspicknick genießen wollen. Oft rollt der Ball der Fußballspieler zu dicht am Gurkensalat vorbei oder trifft den mit keiner Attacke rechnenden Rücken einer griechischen Mutter. Das ist der Verdruss der Enge, der am Ende bei den Leuten ankommt und sich dort nicht weiter auflöst. Selbst ich, der ich nur lesen will und mit dem Randplatz auf einer Bank zufrieden bin, nehme Anstoß an zu vielen freilaufenden Hunden, an zu vielen vorbeikeuchenden Joggern, an zu vielen rücksichtslosen Radfahrern, an zu vielen schreienden Kindern mit ihren lärmenden Spielzeugen. An eigentlich stillen Sonntagen sieht der Güntersburgpark aus wie eine einzige große Bedürfnisanstalt. Und es ist keine Lösung in Sicht. Die Stadt kann den Platzmangel nicht wegzaubern, man muss sich arrangieren – oder sich in die S-Bahn setzen und in den Taunus verschwinden. Leider tritt die Enge auch an anderen, markanteren Stellen hervor und führt zu wenig charmanten Ergebnissen. So löblich es war, neben dem Museum für moderne Kunst eine weitere Kunsthalle zu bauen, so unbefriedigend ist die städtebauliche Einlösung. Ich spreche von der Schirn Kunsthalle auf dem Römerberg. Der Platzmangel wurde von den Stadtvätern vermeintlich kühn geleugnet. Es gab (es gibt) für ein so mächtiges neues Projekt wie eine Kunsthalle dort effektiv keinen Platz. Von drei Seiten wird der Raum eingegrenzt: Vom Römerberg und seiner historischen Bausubstanz, von einem Geviert mit Überresten römischer Badeanlagen von cirka 75 – 110 n. Chr. und vom Dom und dem Domplatz. Genau in diesen schmalen, langgezogenen Kegel hat der Architekt den ebenso langen Bau der Schirn hineingezwängt. Der Hauptraum der Schirn ist nicht einmal so breit wie ein Gleis auf dem Frankfurter Hauptbahnhof. An Sonntagen stehen die Besucher hier so dicht nebeneinander wie Kauflustige beim Beginn des Sommer-Schluss-Verkaufs. Von der einstigen Idee der Kunsthalle, dass sie den Besuchern genügend Raum anbieten muss, ist hier so gut wie nichts übriggeblieben.

Frankfurt hätte sich an anderen, ebenso eng gebauten Städten ein Beispiel nehmen sollen, zum Beispiel an Bern. Dort hatte man den Mut, das neue Paul-Klee-Zentrum nicht auch noch in die enge Stadt hineinzustopfen, sondern nach außerhalb zu verlagern. Dort sieht es nicht unbedingt verlockend aus, es ist für Fremde auch nicht leicht zu erreichen, aber ringsum ist Platz. Diesen Mut hatten die Frankfurter nicht, jedenfalls noch nicht. Es ist nicht so, dass man die Mutlosigkeit nicht verstehen könnte. Denn in welchen Stadtteil hätte man eine Kunsthalle bauen können? Etwa nach Heddernheim, Bonames oder Sossenheim? Sagen wir es rundheraus: Es gibt keinen halbwegs ansehnlichen Vorort, den die Stadtväter mit einer Kunsthalle hätten beglücken können. Gibt es für Menschen ein paar Orte, die weder überfüllt noch durch zuviel Gestank, Lärm oder Hässlichkeit unmöglich geworden sind? In den neunziger Jahren sprach der Schriftsteller Bodo Kirchhoff in seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen diesen Satz aus: »Übermenschliche Kräfte scheinen nötig, um sich in einer Stadt wie Frankfurt seine Heimat zu schaffen.« Ich gebe zu, dass ich in früheren Jahren solche Töne ebenfalls angeschlagen habe. Inzwischen bin ich zurückhaltender. Es ist möglich, in der Stadt ein paar persönliche Winkel zu finden und diesen im individuellen Bewusstsein die Gestalt von individuellen Orten zu geben. Ich war zum Beispiel beglückt, als ich die Karmelitergasse fand. Sie ist deswegen außerordentlich, weil sie wohl die einzige Gasse ist, die direkt aus dem Stadtgebiet an die Stadtseite des Mainufers führt. Die Gasse scheint ein Geheimtip zu sein. Ich habe, so oft ich die Gasse entlangging, keinen Menschen getroffen, der ebenfalls hier unterwegs war.

Die meisten Personen, die mich kennen, wundern sich, dass ich in Frankfurt lebe. Ich gehe nicht mehr auf dieses Erstaunen ein, weil es auf zu komplizierten und gleichzeitig banalen Voraussetzungen beruht. Eine der häufigsten dieser (falschen) Voraussetzungen besteht in dem Urteil, Frankfurt sei hässlich, abstoßend, ordinär, spießig, kurz: ungenießbar. Das Vorbild solcher Verurteilungen sind lupenrein »schöne« Städte wie etwa Zürich, Salzburg oder Straßburg. In diesen tadellosen Städten herrscht der Schein einer architektonischen Monokultur, in deren Massenkompatibilität ich nicht leben möchte. Wer Frankfurt für ungenießbar hält, hat nicht verstanden (oder: nicht hinnehmen können), dass die Dynamik des Kapitals eine Macht ausstrahlt, die selber längst ästhetische Formen angenommen hat. Diesen Schritt mögen nicht viele nachvollziehen, was ich für einen Glücksfall halte. Dieser Schritt lässt sich so beschreiben: Interessant ist, wenn man beobachten kann, wie sich unter dem Einfluss der Kapitalanhäufung die Gestalt des Urbanen fortlaufend verändert und gleichzeitig seinen inneren Kern immer mehr festigt. Dafür ein Beispiel. Die Commerzbank hat beschlossen, dass sie in Zukunft ein »moderneres« Erscheinungsbild haben möchte. Also lässt sie ihren »alten« Hauptsitz, ein neunstöckiges Haus in der Taunusanlage, demnächst abreißen, um auf demselben Grund ihr neues Domizil aufzubauen. Das heißt: Eine Bank ist über die Jahre derart kapitalstark geworden, dass ihr äußeres Bild zu diesem Reichtum plötzlich nicht mehr passt und verändert werden muss. Diese Anpassung ähnelt dem Verhalten jeden Spießers, der vom Volkswagen zu Mercedes wechselt, wenn ihm seine Brieftasche diesen Schritt erlaubt oder nahelegt. Der Neubau der Bank wird die Stadt nicht »verständlicher« machen. Die Selbstgefälligkeit des kapitalistischen Wachstums steht im Konflikt zur Erwartung der Menschen, dass etwas durch seinen Erfolg immer angenehmer und »schöner« wird. Man muss die kühle Sachlichkeit eines Max Weber oder eines Georg Simmel in Anspruch nehmen, um die Karriere des Reichtums nicht mit unangemessenen Erwartungen zu diskriminieren. Einfacher ausgedrückt: Die Dynamik des Kapitals ist nicht darauf fixiert, dass sie gefällt.

Der Dauerkonflikt zwischen Entwicklung und Anschauung ist echt, das heißt: er kann nicht beendet werden. Zum einen gefällt sich die Stadt in ihrer hausbackenen Eppelwoi-Seligkeit, zum anderen will sie als Mainhattan gelten. Man muss annehmen, dass Menschen, die derlei Verschmelzungen angemessen finden, noch nie in New York gewesen sind. Egal! Es ist immer schön, mit etwas Bedeutsamerem gleichgesetzt zu werden. Am schönsten wäre, überhaupt nicht mehr verglichen zu werden. Würde man in seiner Skurilität anerkannt sein, dann könnten auch die lebhaftesten Widersprüche angestaunt werden, und niemand wäre darüber verstimmt, wenn an Frankfurt die Welthaltigkeit und das Handwerker-Image gleichzeitig betont werden.

Ich vergesse nicht, wie es war, als ich Anfang der siebziger Jahre nach Frankfurt kam – natürlich aus beruflichen Gründen wie fast alle, die sich in Frankfurt ansiedeln. Und auf Menschen traf, die, genau wie ich selbst, allesamt Provinzler waren, die ihre Heimat verlassen hatten, um Anschluss »nach oben« zu finden. Erst später habe ich verstanden, dass sich in diesem merkwürdigen Zusammentreffen vieler, ein wenig scheuer Neubürger etwas sehr Frankfurt-Typisches ausdrückte: Die Stadt war und ist bis zur Grenze ihrer Belastbarkeit offen für Fremde und Flüchtlinge aller Art, was ihr oft angekreidet wird; freilich nicht von den Zugewanderten selbst, die die Herbergs-Atmosphäre der Stadt zu schätzen wissen. Vielsprachigkeit und Übernationalität verhindern, dass die dickflüssige lokale Eppelwoi-Welt dominant wird. Stattdessen kann man beobachten, dass auf den Holzbänken der Sachsenhäuser Kneipen inzwischen Deutsch sprechende Amerikaner, Japaner und Koreaner Platz genommen haben und austesten, ob der Eppelwoi vielleicht auch ihr Hausgetränk werden könnte. Das erfreut die Lokalpatrioten; auf den Gedanken, dass sie, die Einheimischen, inzwischen selbst die Exoten geworden sind, können sie (oder dürfen sie) nicht kommen.

Das wiederum fällt anderen, nicht zufällig ausländischen Beobachtern auf, zum Beispiel der türkischen Soziologin und Islamkritikerin Necla Kelek. Sie hat sich mit dem Integrationskonzept der Stadt beschäftigt, das am 30. September 2010 in der Stadtverordnetenversammlung verabschiedet wurde. Frau Kelek zählt Frankfurt zu den Gemeinden, die »einen besonders hohen Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund« haben. Und: »In einigen Stadtteilen Frankfurts ist absehbar, dass die autochthone deutsche Bevölkerung zukünftig in der Minderheit sein wird.« Das war neu: Inzwischen machen sich Ausländer darüber Sorgen, dass es zu viele Ausländer in der Stadt gibt. Frau Kelek hat ausgerechnet, dass »von den mehr als 670 000 Einwohnern mehr als ein Drittel, etwa 200 000, einen Migrationshintergrund haben. Bei den Vierzehn- bis Achtzehnjährigen bereits jeder Zweite«. Sie verbindet ihre Beobachtungen mit dem Vorwurf an die deutschen Verwaltungen, diese sähen das Immigrationsdefizit ausschließlich als »Bringschuld« der deutschen Behörden – und versäumten, die Ausländer selbst zu fordern. Die Deutschen, so Frau Kelek (in der FAZ), »formulieren Erwartungen an die deutsche Gesellschaft; Erwartungen an die Migranten, ein Teil Deutschlands zu werden, gibt es nicht«. Und: »Migranten sind keine Mündel, wir müssen sie fordern. Sie sind auch keine Kinder, die vor Überforderung geschützt werden müssen.«

Die Integrationsdezernentin der Stadt, Frau Nargess Eskandari-Grünberg, fühlte sich herausgefordert und schlug (ebenfalls in der FAZ) zurück. Betrüblich sei die Tatsache, dass »es Kelek entweder an Wissen oder an gutem Willen fehle, das Gelesene auch nur einigermaßen korrekt wiederzugeben«. Die Dezernentin wies Punkt für Punkt nach, dass Kelek den Text entweder nur oberflächlich zur Kenntnis genommen oder ihn mit Absicht polemisch entstellt habe. Der mitherausgeforderte Neubürger wurde nicht schlau aus diesem Schlagabtausch. Die allermeisten Fremden sind allerdings nicht darauf angewiesen, dass ihnen jemand ihre Lage erklärt; sie strengen sich an, so schnell wie möglich den ortsansässigen Hessen zu ähneln. Übrigbleibende Verstehensdefizite werden nicht übelgenommen. Schließlich haben ein Berliner, ein Schweizer oder ein Bayer ebenfalls Probleme mit dem Abgleich der Mentalitäten, erst recht dann, wenn der hessische Dialekt die reale Amtssprache ist. Vermutlich verhalten sich die meisten Neuankömmlinge so ähnlich wie ich damals: Still und aufmerksam beobachten sie die Sitten der Einheimischen und ahmen sie unmerklich nach. Nach einiger Zeit gleichen sie tatsächlich ihren Vorbildern und werden selbst zu solchen. Darf man dieses Laissezfaire hochtrabend Ausländerpolitik nennen? Wahrscheinlich nicht. Notfalls kann man immer argumentieren: Die Probleme arbeiten selbst an ihrer Abschaffung. Die Stadt ist zuvorkommend und offen und bietet Hilfe an, zum Beispiel Sprachkurse. Aber wird ein Mann aus Ostanatolien, der schon zu Hause keine Schule besucht hat, ausgerechnet in der Fremde einen Sprachkurs belegen? Er verweigert sich und leistet stattdessen ein Integrationsprogramm Marke Eigenbau: sprachlich, handwerklich, arbeitsökonomisch, familiär, transnational. Das Programm ist in kleine Lerneinheiten zerstückelt, dauert deswegen sehr lang, führt aber dennoch zum Ziel. Am Ende darf sich der Mann für integriert halten, obwohl er dieses Wort nie gehört hat.

Die Geschichte des sich verweigernden Türken erinnert mich an meine eigene Geschichte. Obwohl die Fälle nicht vergleichbar sind, haben sie doch viele Berührungspunkte. Der wichtigste ist: Auch ich war nicht integriert, obgleich ich formal natürlich kein Außenseiter war. Die einheimischen Verweigerer galten nicht als desintegriert, sondern als unangepasst – und wollten es auch bleiben. Unangepasstheit war in den 70er und 80er Jahren politisch gemeint und galt als Wertprädikat. Vor mehr als vierzig Jahren wollte der Verleger Hans A. Nikel aus der satirischen Zeitschrift pardon eine Publikumszeitschrift mit hoher Auflage machen. Er engagierte sechs bis acht neue Redakteure, die die Umwandlung schaffen sollten; ich war einer von ihnen. Vor der Umwandlung war pardon – neben der Zeitschrift konkret – das einzige linksradikale Organ in der Bundesrepublik, ein Blatt für Sektierer und Spötter, kurz: für unversöhnte Intellektuelle.pardon sollte zwar eine linke Zeitschrift bleiben, zugleich aber sollte es mit sexistischen Mitteln aufgeputzt und die Hauszeitschrift der neuen befreiten Jugend werden. Denn das war die schon damals unglaubliche Parole dieser Jahre: Vögelt euch frei. Keiner der Redakteure glaubte an die Lustparolen, im Gegenteil, die Redakteure verhöhnten ihren Verleger. Die Redakteure hatten ihren Adorno und ihren Marcuse gelesen und wussten, was man, gerade unter dem Vorzeichen der »Befreiung«, unter repressiver Toleranz zu verstehen hatte.

Es dauerte nicht lang, dann bildete auch pardon nackte Frauen ab, sogar auf dem Titel. pardon ähnelte jetzt dem Stern und der Quick. Es kam schnell zu Reibereien mit Chefredakteur und Verleger, aber es war klar, dass die Redakteure keine Macht hatten. Sie hatten nur Probeverträge, die nicht verlängert werden mussten, wenn sich herausstellte, dass der Redakteur x mit den verlegerischen Zielen nicht harmonierte. Ein eigens ins Leben gerufenes Redaktionsstatut sollte helfen, die Übermacht der Chefredaktion zurückzudrängen. Natürlich wurde keine vorhandene Macht zurückgedrängt, das Redaktionsstatut war (wie vieles, was damals entstand) Sozialfolklore. Abends, nach Feierabend, trafen sich die Redakteure in einer deprimierend schlichten Wirtschaft, deren heruntergekommenes Mobiliar ein Ausdruck ihrer Seelenlage war. In dieser wirklichkeitsgesättigten Kneipe trafen sich über viele Jahre hin zahllose neue Künstler: Zeichner, Maler, Schriftsteller, Tänzerinnen, Regisseure, Schauspieler – das »Theater am Turm« war nicht weit. Dennoch wurde aus der Absteige kein Künstlerlokal. Frankfurt hatte nie ein Künstlerviertel und deswegen auch keine Künstlertreffpunkte. Das Stammpublikum waren melancholische Kleinbürger, die einsam an der Theke standen und nur selten redeten. Manchmal stieß ein schlecht verdienender Handelsvertreter die Tür auf oder ein geplagter Volksschullehrer. Die Künstler setzten sich an die Tische der »anderen« und redeten über Kunst und Literatur. Ich denke, die Künstler waren mit der Unauffälligkeit ihrer Existenz einverstanden beziehungsweise: hielten diese Unauffälligkeit für eine Art Schutz.