Erst viel später kam mir der Gedanke, dass unsere nächtlichen Herumtreibereien ein Versuch waren, in einer Art Boheme zu leben. Im Fremdwörterbuch steht unter dem Wort Boheme: »Unbürgerliche, unkonventionell lebende Künstlergesellschaft«. Genau darum handelt es sich – und auch wieder nicht. Die Redakteure wussten zum damaligen Zeitpunkt nicht, dass aus ihnen Künstler werden sollten. Nur von den Zeichnern und Malern, die in der Redaktion erschienen, ging ein starker Sog in Richtung Boheme aus. Sie wirkten wie Bojen; auch wer noch nicht Künstler war, merkte rasch, wohin die Lebensreise ging. Korrekterweise müsste es Halbboheme heißen, sofern es soetwas gibt. Halbboheme meint, dass wir nicht völlig ungebunden und ohne Rückhalt von der Hand in den Mund lebten. Tagsüber waren wir Angestellte mit festen Bürozeiten und ebenso festen, wenn auch zu niedrigen Gehältern. Der Chefredakteur erwartete von seinen Redakteuren, dass sie täglich Überstunden machten, und zwar ohne Murren und ohne finanzielle Kompensation. Die Halbboheme nach der Redaktionsarbeit war ein Versuch des Ausgleichs der oft unangenehm empfundenen Abhängigkeit. Es geschah öfter, dass die eine oder andere Ehefrau besorgt in der Redaktion erschien und nachschaute. Der unangemeldete Besuch der Ehefrau am Arbeitsplatz des Mannes ist ein delikates Kapitel. Der Besuch beschämte den Ehemann und warf ein Licht auf ängstliche Verhältnisse; manche Ehefrau mochte kaum glauben, dass ihr Mann tatsächlich nur Überstunden machte. Ich selbst war in gewisser Weise im Vorteil, weil meine Frau zweihundertfünfzig Kilometer entfernt wohnte und nicht die Absicht hatte, nach Frankfurt überzusiedeln. Die meisten Redakteure waren zuvor in anderen Städten zu Hause gewesen und bewohnten vorerst möblierte Zimmer oder kleine Appartments. In der Wohnung des einen und anderen befand sich ein Sofa, das für eine plötzlich notwendige Übernachtung bereit war. Die erste Zuflucht nach Feierabend war eine unansehnliche Bierstube in der Eckenheimer Landstraße. Sie hatte ein kleines Hinterzimmer, in dem sich außer uns niemand aufhielt. Es gab hier einen Flipper und einen Kicker und eine Musikbox. Der Wirt war ein kleiner, ängstlicher Ausländer, der seinen Gästen nicht traute. Abend für Abend kehrten bei ihm fünf bis sieben Leute ein, Männer und Frauen, spielten an den Geräten, tranken einige Biere und arbeiteten die Zumutungen des Redaktionsalltags auf. Noch vor einer Stunde waren wir schweigsam gekränkte Wiedergänger, aber jetzt hatten wir (im Spiel) unsere Innenwelten ausgewechselt beziehungsweise erneuert beziehungsweise überwunden. Für die nächsten drei bis fünf Stunden, manchmal fast die ganze Nacht, blieben wir zusammen, zogen weiter in andere Kneipen, redeten fast ununterbrochen über Journalismus und Literatur, Theater und Oper, Kleinbürgertum und neue linke Kultur. Wir redeten nicht darüber, dass wir vielleicht Teil einer neuen Boheme waren, die sich zwischen den Klassen in den Großstädten herausbildete. Einmal waren wir nahe dran, ein Chaostheater zu gründen. Zum Glück ist nichts draus geworden. Im Grunde waren wir vom Durcheinander unseres Alltags schon genug überfordert. Die Theoretiker der Alternativkultur sind sich einig darin, dass die Boheme keine selbständige soziale Schicht (oder Klasse) ist. Die Boheme gründet sich auf Leute aus dem Klein- oder Großbürgertum, die mit ihrer Herkunftsschicht unzufrieden sind, zu der sie allerdings auch oft wieder zurückkehren. Der Grund für diese Rückkehr ist, dass die soziale Zwiespältigkeit einer sich nirgendwo zugehörig fühlenden Schicht auf Dauer schwer erträglich ist. Ich erinnere mich, dass ich während meiner Jugend starkes Unbehagen vor dem Kleinbürgertum hatte; schließlich gehörte meine gesamte Verwandtschaft dieser Mischpoke an. Auch meine Frau teilte die Furcht vor den Restriktionen der kleinbürgerlichen Moral. Sie gehörte, bevor ich sie kennenlernte, einem Freiburger Studenten- und Künstlerkreis an, der Bürgerlichkeit jeder Art verachtete. Sie propagierte zum Beispiel das Recht auf Untreue, womit meine – kleinbürgerliche – Eifersucht erhebliche Probleme hatte. Für meine Frau war Eifersucht nichts weiter als ein übles Unkraut, von dem man sich gefälligst zu emanzipieren hatte. Für mich jedoch war Eifersucht der Darsteller eines Schmerzes, der ein originärer Teil des Lebens selbst war und nicht so einfach wegargumentiert werden konnte. Der Schmerz zeigte sich mir zum Beispiel in einem unaufhebbaren Widerspruch, der meiner Frau sehr gefiel: Ich war gerne mit ihr zusammen, aber ich war nicht gerne verheiratet, weder mit ihr noch mit einer anderen Frau. Vor diesem Hintergrund war klar, dass die Boheme als Lebensform die inneren Probleme des Ichs völlig unberührt ließ. Wir konnten uns halbe oder ganze Nächte um die Ohren schlagen, ohne dass dabei auch nur ein Konflikt verdampft wäre. Die Boheme gewährte höchstens einen kurzen Urlaub von den Konflikten, mehr nicht.

Viel peinigender war für mich ein anderes Problem: Ich wusste nicht, wie ich meine finanzielle Situation aufbessern sollte. Der Boheme-Forscher Gerd Stein schrieb 1982: »Noch während die Boheme ihr Künstler-Dasein aufmüpfig als eine kunterbunte, antibürgerliche Episode bestreitet, spekulieren diese Bohemiens bereits auf gediegenere Lebensformen«. Genauso kam es. Aber wo gab es »gediegenere Lebensformen«? Es existierte nicht nur die pardon-Clique, die sich nächtens herumtrieb. Es tauchten außerdem, oft in den gleichen Lokalen, noch vier weitere Gruppen auf. Ich meine die Leute aus den Literatur-Verlagen, insbesondere von Suhrkamp und S. Fischer; dann die Damen und Herren aus der Werbebranche; drittens studentische Intellektuelle, von denen viele nicht wussten, ob sie ihr Studium abschließen sollten oder nicht; und viertens junge Schauspieler und Regisseure aus den kleinen und großen Theatern. Alle diese Menschen hatten eines gemeinsam: Sie hatten zu wenig Geld – und es war ihnen verhasst, sich ausgerechnet wegen Geld krummlegen zu müssen. Ich begann in den frühen siebziger Jahren, kürzere und längere Texte zu schreiben, die ich den Literaturabteilungen der Radiosender anbot. Von diesen einzelnen, noch nicht als zusammenhängend vorgestellten Texten wusste ich damals nicht, dass sie Vorstudien für die Abschaffel-Romane waren. Eines Tages traf ich beim Saarländischen Rundfunk den Berliner Autor Nicolas Born. Er war ein scheuer, freundlicher junger Mann und Dichter, der Gefallen gefunden hatte an dem Text, den ich in Saarbrücken gelesen hatte. Er nahm den Text mit nach Berlin und veröffentlichte ihn ein paar Monate später im Rowohlt’schen Literaturmagazin, zu dessen Herausgebern er gehörte. Auf diese überraschende Weise hatte ich plötzlich Kontakt zum Rowohlt Verlag.