Die Männer sitzen oder stehen im überfüllten ICE. Sie sind in Würzburg, Aschaffenburg, Karlsruhe oder Heidelberg zu Hause, aber ihre Arbeitsstelle befindet sich in Frankfurt oder Köln oder noch weiter weg. Die Männer sind täglich mehrere Stunden unterwegs, aber sie dürfen nicht klagen. Denn beides, ihr Privatleben und ihr Berufsleben, gilt als geordnet, und die tägliche Drängelei im Zug ist zwar unangenehm, aber keine wirkliche Behinderung. Vielleicht ist das Leben im Zug sogar die einzige wirkliche Befreiung des Tages. Denn während sie im schaukelnden ICE, dicht bedrängt vom Nebenmann, auf den Boden oder an die Decke starren, sind sie von beidem, von ihrem Job und ihrem Eheleben, gleichweit entfernt, und insofern verbringen sie während der Zugfahrt die einzige unangefochtene Zeitphase, wenn man von der Übernähe der fremden Körper einmal absieht. Freilich sehen die Männer nicht aus wie Beschenkte oder Befreite. Sie sitzen (wenn sie einen Sitzplatz haben ergattern können) in ihren engen Sitznischen. Ihre Taschen liegen auf den Knien, einige der Männer lesen immer noch oder schon wieder Akten. Ihre Beine haben sie angezogen, sie wollen mit den Knien ihres Gegenübers nicht zusammenstoßen. Nein, das Geschick des Pendlers war in ihrem Lebensplan nicht vorgesehen. Aber dann haben sie, irgendwo zwischen schönen Weinbergen oder am Ufer eines lauschigen Flusses, ihre Frau kennengelernt. Die Frau hatte gespartes Geld und von ihren Eltern einen Bauplatz, er hatte einen guten Willen und eine gute Stelle, jetzt haben sie ein Häuschen und ein Pendlergeschick. Denn jetzt ist er für die nächste Hälfte seines Lebens verschuldet und findet es mühsam, fast täglich an seine tolle Berufsperspektive denken zu müssen. Nein, eine Anfangsverbitterung darf nicht aufkommen. Aber merkwürdig ist es schon, dass durch das tägliche Nachdenkenmüssen aus dem schönen Zufall der Liebe ein … nein, das Wort Zwang darf auch nicht aufkommen. Der Mann hat mit seiner entzückenden Frau inzwischen zwei kleine Kinder, über die sie anfangs beglückend herumgeschwärmt haben. Inzwischen sind aus den Kindern Argumente geworden: Nein, mit zwei kleinen Kindern kann ich nicht in dieses unselige Frankfurt ziehen. Außerdem ist seine Frau eine Naturliebhaberin, die kaum einen geselligen Abend vorübergehen lässt, ohne wenigstens einmal von den Weinbergen und den Flussufern zu schwärmen. Ihrem Mann kommt es so vor, als sei die Schwärmerei in Wahrheit eine gut verpackte Drohung: Komm bloß nicht auf die Idee, von mir eines Tages doch noch den Umzug in einen dieser öden Frankfurter Vororte zu verlangen. Diesen inzwischen hart gewordenen Privattatsachen kann der Mann nur entkommen, indem er täglich (außer am Wochenende) mehrere Stunden lang ein Pendler ist und dabei, wie einst die Auswanderer, fahrend von einem anderen Leben träumen darf.