Zerrissene Jugend
Die Jugend von heute ist mal wieder ganz anders, als wir denken. Sie will nicht aussteigen, wie die Jungen damals in den 70ern, nein, sie will aufsteigen. Es scheint, dass ein neuer Bildungsehrgeiz bei der Jugend angelangt ist. Längst haben sie begriffen: Nur wer gut ausgebildet ist, hat eine Chance.
Aber dabei werden auch viele abgehängt. Die neue Shell-Studie zeigt, dass zwischen den vielen tollen Reden zur Förderung von Jugendlichen, dem Willen der jungen Leute und der Realität noch Welten liegen. Chancenlos bleiben offenbar alle, die aus so genannten bildungsfernen Schichen kommen. Und die jungen Frauen hängen die jungen Männer ab. In den Haupt- und Sonderschulen sammeln sich die Perspektivlosen. 800 000 Mädchen und Jungen haben im Jahr 2006 keinen Schulabschluss erreicht. Das ist wahrhaftig dramatisch. Denn ohne Schulabschluss ist die Chance auf einen Arbeitsplatz minimal, die Lage wahrhaft trostlos.
Die Shell-Studie zeigt immer wieder ein Doppeltes: Zum einen ist großartig, wie die Heranwachsenden offenbar besonders engagiert sind und Bildung bewusst zu ihrem Thema wird. Andererseits ist es Angst vor Arbeitslosigkeit, die diese Haltung prägt. Auf der einen Seite ist großartig, dass 72 Prozent der Jugendlichen sich positiv zur Familie äußern. Aber sie tun das, weil sie den Eindruck haben, der Zusammenhalt in der Gesellschaft zerfällt. Und schließlich: Die Kluft zwischen den Jugendlichen wird immer größer. Während Kinder aus sozial schwachen Familien ihre Freizeit meist vor dem Fernseher verbringen, werden Kinder aus anderen Familien gezielt gefördert. Selbst in der Ernährung zeigt sich der Unterschied: 46 Prozent der Jugendlichen aus der neu entdeckten „Unterschicht“ haben einen gesundheitsgefährdenden Konsum an Limonaden und Zigaretten und zu wenig körperliche Bewegung. Nur bei 15 Prozent der Jugendlichen aus der so genannten Oberschicht ist das der Fall.
Wir können die jungen Leute nur so früh wie möglich fördern, damit ihr Leistungswille gestärkt wird und Chancengleichheit entsteht. Da sind der Staat und die Gesellschaft insgesamt gefragt, wenn Eltern versagen. „Dieses Kind braucht Deutschland“ ist ja ein Satz, der zeigt: Wir brauchen die jungen Leute – und sie brauchen uns. Mir ist es außerdem besonders wichtig, ihnen die Zukunftsangst zu nehmen. Dabei spielt für mich der christliche Glaube eine besondere Rolle, der sagt: Nicht, was du verdienst und leistest, ist entscheidend, sondern dass du von Gott gewollt und geliebt bist. Und: Die Zukunft liegt in Gottes Hand, wir können sie nur mitgestalten. Zum Mitgestalten gehört auf jeden Fall, die nachwachsende Generation zu fördern, von Anfang an.
Ich will „meinem Geist ausgießen über alles Fleisch, und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, eure Alten sollen Träume haben und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen.“ (Joel 3,1) Diese Verheißung, die nach Jesu Tod als erfüllt angesehen wird (Apostelgeschichte 2,17) verspricht, dass Gottes Geist die jungen Leute befähigt, weise zu sein. Ja, sie sollen gefördert werden, lernen, sich entwickeln. Die Jugend wird im alten Israel als der Schatz der Zukunft angesehen. Es wird Zeit, dass wir auch hierzulande diesen Schatz neu entdecken.