Streik

Die Kirchen sollten etwas dazu sagen, schreiben mir so manche in den Tagen des Streiks. Aber ich bin hin und her gerissen. Einerseits finde ich es gut, ja beeindruckend, wenn Menschen engagiert sind, sich für etwas einsetzen, Arbeitsplätze erhalten wollen. Und das ist doch wirklich für uns alle ein zentrales Thema, wenn es fast fünf Millionen Menschen ohne Arbeitsplatz gibt! Das kann nicht einfach Normalität sein. Damit können wir uns nicht abfinden. Außerdem ist das Streikrecht, wie das Recht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit, ein hohes Gut. Gerade in Zeiten des Streiks ist uns das noch einmal ganz neu bewusst. In vielen so genannten islamischen Ländern gibt es solche Rechte nicht.

Und dann kommen die Fragen: Der Müll stinkt fast zum Himmel – ein Glück, wenn es eisig kalt ist. Wenn der Elbtunnel dicht ist und das Fußballspiel mangels Fans nicht anfangen kann, ist das schlicht mies. Und wenn gestresste berufstätige Mütter nicht wissen, wohin mit ihren Kindern, weil die Kindertagesstätte bestreikt wird, kann ich ihre Verzweiflung nachempfinden. Wegen 18 Minuten Mehrarbeit ein halbes Land lahm legen? Wer selbstständig ist oder Landwirt oder Ärztin, hat niemals eine 38,5-Stunden Woche! Da geht es zudem doch auch nicht um Unternehmen, die Profit machen und Leute entlassen, sondern um unsere Steuergelder. Es geht um Kommunen und Länder, die eigentlich gar kein Geld mehr haben. Ja, ich weiß, ich bekomme Ärger mit den Gewerkschaften, wenn ich so etwas sage. Und ich bekomme Ärger mit den Unternehmern, wenn ich sie auf ihre soziale Verantwortung verweise, auf die Ungerechtigkeit von 30-prozentigen Gehaltserhöhungen in den Chefetagen und Kürzungen auf den niedrigsten Lohnebenen.

Ach, wie gut, dass ich keine Politikerin bin und auch keine Gewerkschafterin, beide Seiten beneide ich derzeit wirklich nicht. Als Kirchenfrau werde ich „den Teufel tun“ und mich da einmischen.

Manchmal habe ich allerdings den Eindruck – und das werde ich sagen, auch wenn ich mit beiden Seiten Ärger bekomme –, der Streik wird zum Selbstzweck. Da lassen einige die Muskeln spielen und lieben es, ihre Rituale zu zelebrieren. Bis spät in der Nacht wurde verhandelt – wir sollen beeindruckt sein! Müde Männer treten bedeutungsschwer frühmorgens vor die Kameras. So viel Mitgefühl habe ich da nicht. Könnt ihr euch denn nicht ein bisschen früher einigen? Dann könntet ihr eure Kinder abends noch ins Bett bringen und am nächsten Morgen würden sie in ihre vertraute Gruppe in der Kita gehen können. Die Mütter wären deutlich entlastet. Und eure Verhandlungen würden wir trotzdem ernst nehmen.

„So werden die Letzten die Ersten
und die Ersten die Letzten sein.“ (Matthäus 20,16)

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg ist aus der Sicht von Arbeitgebern wie Arbeitnehmern eine Provokation. Alle, die in diesem Weinberg gearbeitet haben, erhalten den gleichen Lohn: die, die schon frühmorgens angefangen haben, genauso wie die, die erst kurz vor Ende des Tagwerks noch angeheuert wurden! Die Arbeiter können sich nicht gerecht behandelt fühlen, weil alle einen Einheitslohn erhalten, obwohl sie ganz unterschiedliche Stunden an Arbeit geleistet haben. Die Arbeitgeber können nicht als angemessen empfinden, dass einen vollen Tageslohn erhält, wer nur eine Stunde arbeitet. Das Gerechtigkeitsempfinden wird durch das Gleichnis gestört.

Der zentrale Punkt aber ist: Es geht um Gottes Güte. Gott will, dass jeder Mensch hat, was er zum Leben braucht. Damals war der eine Denar, den jeder Arbeiter bekam, sozusagen das Mindesteinkommen für einen Tag. Das erhält jeder Arbeiter von Gott. Als ein Arbeiter sich beschwert, fragt der Weinbergbesitzer: „Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?“ Ja, es geht in der Bibel um Gerechtigkeit. Die besteht aber zuallererst darin, dass alle genug zum Leben haben.

Mehr als fromme Wuensche
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