Die große Freiheit

Es gibt keine Freiheit ohne gegenseitiges Verständnis.

ALBERT CAMUS

Am Freitag vor Dienstbeginn war es endlich so weit: Ich war in meinem Zimmer und packte meine Kisten. Ich hatte seit einigen Wochen einen neuen Freund. Er hieß Thomas, studierte Geographie und war so nett und bodenständig, dass selbst Mama nichts an ihm auszusetzen hatte. Vielleicht lag das aber auch daran, dass sie ihn nur sehr selten zu Gesicht bekam und kaum kannte. Thomas wollte mir morgen helfen, meine Sachen ins Wohnheim zu fahren.

Mama und Papa hatten zwar auch angeboten, mir zu helfen. Aber ich wollte den Umzug ohne sie machen. Alleine, nur mit meinem Freund. Jetzt begann mein neues Leben und meine neue Selbstständigkeit. Da sollte mir keiner mehr reinquasseln! Ich würde alles selbst bestimmen, und das fing bei der Einrichtung meines kleinen Wohnheimzimmers an.

Im Schwesternwohnheim gab es zwei Kategorien von Zimmern: die normalen, zu denen die Gemeinschaftsbäder auf dem Flur gehörten, und kleine Appartements, die eine Küchenecke und ein eigenes Bad hatten. Ich hatte ein normales Zimmer und sehr viel gab es da eigentlich gar nicht einzurichten. Bett, Tisch und Schrank standen schon drin. Es ging also vor allem um die Frage, welche Klamotten ich mitnehmen würde, welche Poster, welche Kassetten und was noch für Kleinkram. Eine kleine Lampe, die ein gemütliches Licht machte, kam mit und natürlich der große Spiegel, den ich zu meinem sechzehnten Geburtstag bekommen hatte. Und die Jeans mit den ausgefransten Löchern.

Mama war in den letzten Tagen richtig nervös gewesen. Wir hatten kaum miteinander gesprochen. Es fiel ihr schwer zu akzeptieren, dass sie nicht mitmischen durfte. Und vielleicht auch, dass ich auszog, obwohl ich noch nicht volljährig war. Während Thomas und ich meine wenigen Kisten zu seinem Auto trugen, das vor dem Haus parkte, machte Mama irgendetwas in der Küche. Aus dem Küchenfenster hatte sie den besten Blick auf die Straße vor dem Haus. Ich wusste, dass sie uns beobachtete.

Als wir alles eingeräumt hatten, ging ich noch einmal zurück, um Tschüss zu sagen. Ich würde dieses Wochenende ausnahmsweise im Wohnheim bleiben, um mich einzurichten und mich in Ruhe mit allem vertraut zu machen, bevor am Montag der Dienst begann. Mama stand an der Spüle, als ich in die Küche kam.

»Mama, ich wollte nur kurz …«, begann ich.

Sie schaute auf und ich sah, dass ihre Augen rot und verheult waren.

»Peter, komm, es ist so weit«, rief sie durch die offene Tür ins Esszimmer. Ihre Stimme klang rau. Papa kam um die Ecke und legte den Arm um Mama. Jetzt brachen bei ihr alle Dämme. Sie konnte das Schluchzen nicht mehr unterdrücken und legte ihren Kopf auf Papas Schulter.

Ich hatte einen Kloß im Hals. »Mama …«

»Ist schon gut, Janine. Es ist nur. Ich hatte gehofft, wir … wir kriegen es besser hin.« Mehr brachte sie nicht heraus, so sehr musste sie weinen. Es war schrecklich, sie so verzweifelt zu sehen.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, und brauchte meine ganze Kraft, um mich zusammenzureißen. Das war wohl die Kehrseite meiner neuen Freiheit: Wir waren alle irgendwie gescheitert. Ich war keine junge Erwachsene, die fröhlich auszog, sondern ein Problemteenager, der floh. Das war einfach nur traurig.

»Ich ruf an, bis bald!«, verabschiedete ich mich leise. Ich wollte so schnell wie möglich weg, damit ich nicht vor meinen Eltern in Tränen ausbrach.

»Melde dich, wenn wir dir doch helfen sollen«, sagte Papa noch, dann schloss ich die Haustür hinter mir.

Sobald ich im Auto saß, begann ich zu weinen und konnte nicht mehr aufhören. Thomas nahm meine Hand und drückte sie. Wir blieben noch eine Weile so stehen, ohne loszufahren. Aus dem Augenwinkel sah ich Mama am Küchenfenster stehen. Kurz gab es einen Blickkontakt zwischen uns. Ich hatte das Gefühl, das war ein Abschied für immer. Bei diesem Gedanken blieb mir fast die Luft weg. Ich fühlte mich komplett gescheitert. Es war kein schöner Abschied und nicht das Ende, das ich mir gewünscht hatte.

Ich weinte die komplette Fahrt zum Wohnheim. Doch als wir uns auf das Bett in meinem neuen Zimmer setzten, beruhigte ich mich langsam wieder. Ich nahm mir vor, ab sofort nicht mehr zurückzuschauen, sondern nach vorne. Und mir den Beginn meines neuen Lebens von nichts und niemandem vermiesen zu lassen. Ich schob die Trauer und die schlechten Gefühle und Erinnerungen weg. Ich beschloss, meine neue Freiheit in vollen Zügen zu genießen.

Trotz des tränenreichen Abschieds gewann bei mir in den nächsten Wochen das Gefühl Oberhand, endlich wieder atmen zu können. Ich konnte mich wieder frei bewegen. Keiner sagte mir den ganzen Tag: Tu dies nicht, mach das nicht. Ein ganz neues Freiheitsgefühl. Auch wenn es in meinem Leben plötzlich ganz andere Zwänge gab: Dienstpläne, Arbeitskleidung, Krankenpflegeschule. Aber die Arbeit machte mir Spaß und die Freizeit gehörte mir allein. Die wenigen Telefongespräche mit Mama dauerten nicht sehr lang. Die Stimmung zwischen uns blieb kühl. Sie erinnerte mich jedes Mal daran, dass ich noch keine achtzehn war. Sie vertraute mir immer noch nicht und rechnete immer noch jeden Tag mit einer wie auch immer gearteten Katastrophe. Das nervte natürlich und gab Anlass zu Streit. Knapp sieben Monate würde es noch dauern, dann war ich endlich achtzehn, damit offiziell erwachsen und es war auch diese Hürde genommen. Ich konnte es kaum erwarten.

An den Wochenenden fuhr ich wie verabredet nach Hause, wenn ich keinen Dienst hatte. Trotz meines Schichtdienstes kannte Mama kein Pardon, wenn es um das Thema Sonntagsmesse ging. Nach wie vor gingen wir alle zusammen früh am Sonntagmorgen in die Kirche.

Eines Sonntagsmorgens in der Adventszeit war es noch stockdunkel, als Mama mich weckte. Ich war so kaputt und hätte alles dafür gegeben, diesen einen Sonntagmorgen endlich mal wieder auszuschlafen. Die Ausbildung war anstrengend. Und manchmal auch die neu gewonnene Freiheit. Schlaftrunken sagte ich zu ihr:

»Mama, jeden zweiten Sonntag habe ich Dienst, da muss ich um halb sechs aufstehen. Musst du mich wirklich aus dem Bett schmeißen, wenn ich mal einen Sonntag frei habe? So kann ich ja nie wieder ausschlafen!«

Da meinte sie bloß: »Weißt du, für mich wäre es auch einfacher, dich schlafen zu lassen. Oder gleich selbst liegen zu bleiben. Aber oft ist der bequeme Weg nicht der, der uns weiterbringt im Leben, und nicht der, der uns glücklich macht. Nur, wenn man bereit ist, auf etwas zu verzichten, und etwas gibt, kann man auch Glück empfangen. Na los, jetzt steh auf! Das wird dich nicht umbringen. Es wird noch genug Sonntage in deinem Leben geben, an denen du ausschlafen kannst.«

Als ich später müde in der Kirchenbank saß und mit den anderen sang, musste ich an Mamas Worte zurückdenken. Ich wusste, dass sie recht hatte. Durchhalten, als Familie zusammenstehen, vor Problemen nicht wegrennen – darauf war es ihr und Papa schon immer angekommen. In diesem Geist hatten sie mich erzogen. Sie hatten selbst immer so gelebt und es sich nie leicht gemacht, sie hatten oft den unbequemen Weg genommen und viel gekämpft. Auch für mich. Und selbst in den Monaten vor meinem Auszug, im ganzen vergangenen Jahr, das für uns alle ein absolutes Horrorjahr gewesen war, hatten sie nie gesagt, ich wäre nicht ihre Tochter. Auch meine Geschwister nicht, mit denen ich zeitweise kaum mehr ein normales Wort gewechselt hatte und mich nach wie vor nicht gut verstand. Ich schluckte. Gut, dass ich aufgestanden war und mitgekommen war in die Kirche. Es hatte mir klargemacht, dass es doch noch etwas gab, das uns verband. Auch wenn es im Augenblick nur ein sehr dünner Faden war.

Zu Weihnachten schenkten mir meine Eltern den Zuschuss zu einem Appartement und ich konnte innerhalb des Wohnheims umziehen. Es war wie eine eigene kleine Wohnung und ich freute mich riesig darüber! Jetzt hatte ich ein eigenes Bad und endlich ein bisschen mehr Platz und Möglichkeiten, mich einzurichten. Ich war ihnen dankbar und wertete den Zuschuss auch als Geste meiner Eltern, als einen Schritt auf mich zu. Seltsamerweise rückte es uns aber trotzdem nicht wieder näher zusammen. Vielleicht hatten wir einfach zu viel gestritten in den letzten Jahren.

Der erste Arbeitstag nach den Weihnachtsferien war kalt und grau. Als ich auf die Station kam, war die Stimmung passend zum Wetter gedrückt. Eine alte Frau, die schon lange bei uns gelegen hatte, war in der Nacht gestorben. Sie hatte Krebs im fortgeschrittenen Stadium gehabt; mehrere innere Organe waren befallen gewesen. Sie hatte schon lange gelitten. Der Tod war eine Erlösung für sie und absehbar gewesen, das wusste ich. In den Tagen vor Weihnachten hatte ich ihren langsamen Verfall mitangesehen.

Obwohl der Tod zu meinem Alltag gehörte, seit ich im Krankenhaus arbeitete, schockierte er mich immer wieder, riss mich aus meiner Routine und ging mir nah. Wenn ein Patient starb, erinnerte es mich daran, wie vergänglich und begrenzt alles war.

Die Frau, die gestorben war, war nett gewesen, aber nicht sehr präsent. Sie hatte wenige Wünsche gehabt, war aber auch nicht besonders herzlich zu uns Schwestern gewesen.

Als der Körper der Verstorbenen aus dem Krankenzimmer gebracht worden war, half ich der Stationsschwester und einer älteren Kollegin beim Bettenbeziehen. Die ältere Schwester war heute wie ich den ersten Tag nach dem Urlaub wieder auf Station. Sie fragte: »Hat schon jemand die Angehörigen verständigt?«

Die Stationsschwester faltete ein Bettlaken auseinander und schüttelte den Kopf. »Keine Angehörigen«, sagte sie routiniert, aber auch ein wenig traurig.

Plötzlich hatte ich Tränen in den Augen. Keine Angehörigen. Ich hatte selbst nie mitbekommen, dass die alte Frau Besuch bekam, aber dass sie gar keine Familie mehr hatte, hatte ich nicht gewusst. Doch so war das eben manchmal bei alten Leuten. Daran würde ich mich gewöhnen müssen als Krankenschwester. Was war nur mit mir los? Ich konnte ja nicht bei jedem traurigen Fall gleich heulen. Ich stopfte energisch die schmutzige Wäsche in einen Sack. Dann hatte ich mich wieder gefangen.

Abends saß ich in meinem neuen Appartement auf dem Bett und las einen Brief von der Krankenpflegeschule mit dem Dienstplan für das nächste Vierteljahr. Ab nächster Woche würde ich auf die Geburtsstation wechseln. Ich freute mich darauf, hatte aber auch Respekt vor all der Dramatik, die dort auf mich wartete. Die Mädchen aus dem zweiten Lehrjahr hatten schon jede Menge Geschichten erzählt.

Mein Blick fiel auf die Adresszeile. Janine Schuster, Appartement 304, stand da. Ich schaute mich um. Ich hatte noch ein paar Sachen von zu Hause mitgebracht, die Möbel umgestellt und außer den Postern aus meinem alten Wohnheim-Zimmer noch ein paar neue aufgehängt. Mein Zimmer sah wirklich fast wie eine Wohnung aus und nicht wie eine Wohnheim-Unterkunft. Jetzt hatte ich mein eigenes Zuhause und mein eigenes Leben. Noch drei Monate und ich war auch auf dem Papier endlich erwachsen und unabhängig.

Unabhängig – im Sommer hatte dieses Wort noch Begeisterungsstürme in mir ausgelöst. Ich merkte überrascht, dass sich etwas verändert hatte. Unabhängig. Jetzt fühlte es sich … seltsam an. Irgendetwas stimmte nicht. Irgendetwas fehlte. Aber ich kam nicht darauf, was.

Ich musste an die alte Frau von heute Morgen denken. Ich hatte keine Ahnung, ob ich jemals so alt werden würde wie sie. Und wenn ja, hatte ich bis dahin bestimmt einen Mann und viele Kinder, die mich besuchen kommen würden. Ob dieser Mann Thomas sein würde?

Mama und Papa würden dann schon lange nicht mehr leben. Das war eine komische Vorstellung und ich schüttelte sie sofort wieder ab.

Keine Angehörigen. Es war völlig verrückt, denn ich hatte nichts mit dieser Frau gemeinsam. Trotzdem hatten sich die beiden Worte in meinem Kopf festgesetzt. Um mich abzulenken, nahm ich den Brief von der Krankenpflegeschule wieder in die Hand. Mal nachsehen, an wie vielen Wochenenden ich Dienst hatte im nächsten Monat. Ich blieb wieder an der Adresszeile hängen. Und las erneut meinen Namen, Janine Schuster.

Plötzlich wurde mir klar, warum ich mich so komisch fühlte. Warum ich das Gefühl nicht loswurde, dass etwas fehlte. Ich war gar nicht Janine Schuster! Der Name meiner Familie war Kunze. Deshalb sollte ich eigentlich Janine Kunze heißen. Ich gehörte zu ihnen, das waren meine Angehörigen, die Menschen, die da sein sollten, wenn es mir mal schlecht ging, und für die ich da sein wollte, wenn es ihnen schlecht ging.

Auf dem Papier hatte ich immer noch nicht die richtige Familie. Ich hatte eine Entscheidung, die ich schon lange getroffen hatte, immer noch nicht durchsetzen können.

Das musste ich jetzt endlich ändern. Man hatte mir diese Entscheidung vor Jahren verweigert. Aber in drei Monaten konnte mir niemand mehr etwas verweigern. Ich würde ein Zeichen setzen.

Ein warmes Gefühl durchfloss mich und ich musste lächeln.