Karneval
Well, we all fall in love
but we disregard the danger
though we share so many secrets
there are some we never tell
BILLY JOEL
»Echte Fründe ston zesamme,
ston zesamme su wie ene Jott un Pott
Echte Fründe ston zesamme,
ess och dih Jlöck op Jöck un läuf dir fott.
Fründe, Fründe, Fründe en der Nut,
jon’er hundert, hundert op e Lut.
Echte Fründe ston zesamme,
su wie ene Jott un Pott.«
Silvia und ich sangen lauthals mit und tanzten im völlig überfüllten Partykeller von ihrer Mutter. Wir liebten die Karnevalhits der Höhner und der Black Fööss, genauso wie die aktuellen Hits aus den Charts. Es tat so gut, mal wieder zu lachen und zu tanzen und alles andere zu vergessen!
Nach der kurzen Verschnaufpause im Herbst rund um die Maueröffnung war es schnell wieder abwärts gegangen mit der Stimmung bei uns zu Hause. Komischerweise wurde es immer schwieriger, je älter ich wurde. Andere in meinem Alter zofften sich jetzt auch viel mit ihren Eltern, aber ich hatte das Gefühl, dass es bei uns besonders schlimm war. In meiner Familie fühlte ich mich mehr und mehr wie ein Alien. Aber heute war mir das alles egal.
Wir tanzten zu jedem Lied, auch wenn sich unsere Kostüme langsam, aber sicher in ihre Bestandteile auflösten. Wir waren dieses Jahr beide Piratinnen. Unsere engen schwarzen Jeans hatten wir in hohe Stiefel gequetscht, Kerstin hatte mir eine weiße Rüschenbluse geliehen und auf dem Kopf trugen Silvia und ich jeweils ein Piratenkopftuch. Die Piraten-Augenklappen hatten wir uns mit schwarzem Kajal aufgemalt, sie waren aber schon total verwischt. Ich konnte zwar nur Silvia sehen, mein Gesicht war aber bestimmt mindestens genauso verschmiert. Auf dem Ärmel meiner Bluse war ein großer hellbrauner Cola-Fleck. Aber auch das war völlig egal. Wir grinsten uns an. Hauptsache nicht nachdenken, und nicht zusammenreißen! Endlich wieder eine normale 15-Jährige sein und nicht Janine, das ewige Pflegekind und der angebliche Problemteenie.
Nach Echte Fründe spielte Silvias Bruder Marco, der heute den DJ machte, Mir sinn kölsche Mädcher – das war natürlich unser Lied! Danach waren die kölschen Lieder vorbei und wir tanzten zu Abba – was Silvia hasste und ich liebte – und Bobbie McFerrins Don’t worry, be happy, dem Megahit aus dem letzten Jahr. Ich schaute auf die Uhr: Mist, schon Viertel vor zehn. Um zehn musste ich zu Hause sein, da war Mama nach wie vor total streng. Zehn Uhr hieß bei ihr wirklich zehn Uhr, keine Minute später, sonst gab es Ärger. In knapp zwei Monaten wurde ich sechzehn, dann durfte ich bis zwölf weg. Ich konnte es kaum noch erwarten! Wenn ich mich von niemandem verabschiedete und ordentlich in die Pedale trat, konnte ich noch ein Lied lang bleiben, rechnete ich. Ich drückte fest die Daumen, dass Marco was Gutes spielte. Einen Moment später schallten die ersten Takte von Michael Jacksons Billy Jean aus der Anlage. Juhu! Das war zwar schon ein bisschen älter, aber trotzdem eins meiner Lieblingslieder. Silvia und ich tanzten weiter.
Plötzlich wurde die Musik ruhiger und langsamer. Ein romantisches Klavierintro begann. Was war denn in Marco gefahren? Wie sollte man denn dazu tanzen? Zum Glück musste ich sowieso gehen. Each day I live, I want to be a day to give the best of me … Jetzt erkannte ich, was Marco da spielte. Das war Whitney Houston und One Moment in Time! Ich liebte dieses Lied! Trotzdem, es half nichts, ich musste nach Hause. Und zu so einer Schnulze konnte man sowieso nicht tanzen. Als ich mich in Richtung Tür umdrehte, stand ich plötzlich Christian Engels gegenüber.
Ich wusste gar nicht, dass er heute auch hier war! War er gerade erst gekommen? Wahrscheinlich hatte Marco ihn eingeladen, die beiden waren gleich alt und kannten sich ja vom Fußball. Ich hatte ihn seit dem Tag des Mauerfalls ein paar Mal von Weitem gesehen. Er mich auch, aber er hatte mich noch nicht mal gegrüßt. Davon, dass er auf mich stand, konnte also nicht die Rede sein. Außerdem hatte Silvia in Erfahrung gebracht, dass er zwischenzeitlich mit zwei anderen Mädchen gegangen war.
Er war auch als Pirat verkleidet, aber um einiges profimäßiger als ich. Er hatte sich seine Augenklappe auf die Stirn geschoben und sah ziemlich cool aus. Plötzlich waren mir mein schwarz verschmiertes Gesicht und mein improvisiertes, fleckiges Kostüm total peinlich. Sich eine Augenklappe ins Gesicht zu malen, war ja wohl echt kindermäßig!
»Hallo Janine!«, sagte er, lächelte und legte seine Hände um meine Taille.
Eigentlich wollte ich cool und ein bisschen abweisend sein, aber dann sagte ich einfach: »Hallo!« Mehr fiel mir nicht ein.
Aber mehr war anscheinend auch nicht nötig. Christian nahm meine Hände und legte sie um seinen Hals. Dann fasste er wieder locker um meine Taille. Wie in Zeitlupe bewegten wir uns im Takt der Musik über die Tanzfläche. Über seine Schulter hinweg sah ich in den Raum. Alle anderen tanzten genauso: Eng umschlungene Paare traten von einem Fuß auf den anderen. Manche der älteren Mädchen hatten ihren Kopf auf die Schulter ihres Tanzpartners gelegt. Mein Herz schlug mir bis zum Hals und ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Ich tanzte Blues mit Christian Engels! Wie cool war das denn?
And in that one moment in time I will be, I will be, I will be free, I will be free … Beim Finale von Whitney Houstons Lied lief mir ein Schauer über den Rücken. Ich verstand zwar nur Bruchstücke des englischen Textes, aber diese Sätze sprachen mir direkt aus der Seele. Was für ein unglaubliches Gefühl wäre es, endlich frei zu sein, endlich über mein Leben selbst entscheiden zu können! In weniger als zwei Monaten wurde ich sechzehn. Und dann dauerte es noch mal zwei Jahre. Eine Ewigkeit. Aber ich konnte es schon jetzt kaum erwarten.
Nach Whitney Houston spielte Marco noch Stop! von Sam Brown und zwei weitere langsame Lieder, die ich noch nie gehört hatte. Christian und ich blieben die ganze Zeit auf der Tanzfläche. Wenn Christian seine Hände auf meinem Rücken leicht bewegte, kribbelte das komisch. Ob er doch in mich verknallt war?
Als die Musik wieder schneller wurde, war es, als würde ich aus einem Traum aufwachen. Ich sah Silvia, die mit ihrem Zeigefinger auf ihr Handgelenk tippte und mich fragend anschaute.
Was sollte das denn? Schlagartig wurde mir klar: Ach du Scheiße, ich hatte völlig die Zeit vergessen! Es musste längst nach zehn sein! Ich schaute auf die Uhr – Oh Gott! Halb elf. Mama würde mich killen. Ich wollte Christian noch tschüss sagen, aber er war schon wieder zu seinen Freunden gegangen, die in der Nähe der Bar am DJ-Pult standen. Er tat so, als hätte es die letzten zwanzig Minuten gar nicht gegeben.
Aber ich hatte jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich winkte Silvia kurz zu und rannte zur Tür. Wenige Sekunden später saß ich auf meinem Fahrrad. So schnell es irgendwie ging, fuhr ich nach Hause.
Ich stellte das Fahrrad vor dem Haus ab und schickte ein Stoßgebet gen Himmel: Bitte mach, dass Mama schon im Bett ist und es gar nicht merkt, dass ich zu spät bin! Doch schon, als ich die Tür aufschloss, wusste ich, dass ich umsonst gehofft hatte. Mama saß auf der Treppe. Ich sah sofort, dass sie geweint hatte.
»Dann weiß ich ja jetzt, dass alles in Ordnung ist«, sagte sie, stand auf und ging nach oben.
Ich lief ihr hinterher: »Mama, es tut mir leid, ich hab total die Zeit vergessen. Es war so eine super Party!«
»Gute Nacht, Janine«, sagte sie nur und ging ins Schlafzimmer.
Mist. Mama war stocksauer. Mir blieb nichts anderes übrig, als schnell ins Bett zu gehen. Vielleicht war morgen ja ausnahmsweise mal wieder alles gut?
Doch leider war nichts gut am nächsten Morgen. Ganz im Gegenteil: Es war alles besonders schlimm. Mama machte mir noch nicht mal offene Vorwürfe, sondern schwieg mich einfach an. Das war noch schlimmer, als wenn wir uns anbrüllten.
Zum Glück war es Karnevalssonntag und damit der Tag der Veedelszüge, der kleinen Karnevalsumzüge in den Kölner Stadtteilen. Weil ich mit der Leichtathletikgruppe in unserem Zug in Frechen mitlief, hatte ich eine gute Ausrede, früh von zu Hause zu verschwinden. Es war ohnehin geplant gewesen, dass nur Papa und Stefan mitkamen, weil Mama in der Kirche helfen musste.
Als ich nachmittags zurückkam, war die Stimmung immer noch mies. Ich ging auf mein Zimmer, hörte Musik und versuchte, etwas zu schreiben. Aber ich konnte mich nicht konzentrieren. Mamas Schweigen machte mich ganz wahnsinnig. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und ging nach unten in die Küche. Stefan saß am Küchentisch und las Zeitung, Mama bereitete etwas für das Abendessen vor.
»Ich finde das zum Kotzen! Okay, ich war eine halbe Stunde zu spät, aber das ist doch kein Weltuntergang! Es ist doch gar nichts passiert. Warum machst du ein solches Drama daraus? Können wir nicht einfach normal darüber reden?«, platzte es aus mir raus.
Mama drehte sich zu mir um. »Janine, ich mache aus nichts ein Drama. Das Ganze ist ein Drama.« Ihre Stimme war leise und fast brüchig. »Du weißt ganz genau, wovor ich Angst habe! Wenn dir irgendetwas passiert, ist es nicht nur schrecklich, weil dir etwas passiert ist, sondern es kann für uns alle sehr ernste Konsequenzen haben: Ich werde dafür zur Verantwortung gezogen. Es ist schlimm genug für eine Mutter, wenn ihrem Kind etwas passiert, aber für uns wird es doppelt schlimm, weil das Jugendamt ganz genau beobachtet, was hier vor sich geht. Die sagen dann zu mir: ›Frau Kunze, Sie haben Ihre Aufsichtspflicht verletzt, wir müssen Ihnen Janine wegnehmen.‹« Sie hatte Tränen in den Augen. »Wir dürfen uns nichts, wirklich gar nichts vorwerfen lassen. Wir dürfen einfach keine Fehler machen. Es ist nach wie vor keine Entscheidung gefallen und deshalb wird das so bleiben.«
»Aber Mama, ich bin nur eine halbe Stunde zu spät von der Karnevalsparty bei Silvia zurückgekommen. Alle anderen waren auch noch da. Ich war echt die Erste, die nach Hause musste! Dass ich eine halbe Stunde zu spät war, war ein Fehler. Aber es war mein Fehler, nicht deiner. Und es war kein riesig großer Fehler«, fügte ich noch hinzu. Das musste doch auch mal gesagt werden. Ich verstand sie ja grundsätzlich, trotzdem nervte es total, dass meine Eltern von allen die strengsten waren.
»Fünfzehnjährige sind um zehn Uhr zu Hause. So steht es im Jugendschutzgesetz. Das heißt für dich: zehn Uhr und keine Minute später.« Mamas Tränen waren wieder verschwunden. Ihr Gesicht wurde hart.
Plötzlich stand Stefan auf, knallte die Zeitung auf den Tisch und verließ wortlos die Küche.
»Stefan …«, begann Mama, verstummte dann aber wieder.
Ich ließ mich nicht beirren. »Und warum dürfen die anderen sonst so viel länger bleiben? Gilt das Jugendschutzgesetz nur für mich?«
Mama schüttelte resigniert den Kopf. »Natürlich nicht und das weißt du auch. Kannst du dich nicht einfach mal zusammenreißen? Kannst du dich nicht einfach mir zuliebe mal an die Regeln halten? Ich hab mir das alles auch nicht ausgedacht.« Sie wirkte müde und erschöpft. »Ich versuche, euch allen gerecht zu werden, aber manchmal ist das wirklich eine Zerreißprobe. Deine Situation ist nun mal leider nicht die gleiche wie die der anderen. Daran kann ich nichts ändern. Du kannst mir glauben, ich würde mir für uns alle so sehr wünschen, dass es anders ist.«
Ich war keine normale Jugendliche und würde nie eine sein. Egal, wie lange ich mit Mama diskutierte. Ich würde immer weniger dürfen als alle anderen. Mein Sonderstatus war für Mama und die ganze Familie eine Zerreißprobe, wie sie es genannt hatte. Würde unsere Familie daran zerbrechen?