Minirock

Gewonnen hat immer der, der lieben, dulden
und verzeihen kann.

HERMANN HESSE

Am nächsten Nachmittag hatte ich mich mit Silvia in der Innenstadt verabredet. Obwohl ich Ende März Geburtstag hatte und es jetzt schon Ende Mai war, hatte ich noch ungefähr die Hälfte von meinem Geburtstagsgeld übrig, fast 35 Mark. Heute wollte ich mir einen Jeansminirock kaufen. Und vielleicht noch ein paar Ohrringe, falls noch Geld übrig war. Silvia und ich hatten uns um halb zwei am Eingang der Fußgängerzone verabredet. Es war der einzige Tag in der Woche, an dem wir beide kein Training hatten.

Normalerweise ging ich meine Klamotten immer noch mit Mama einkaufen, aber das gab meistens ziemlichen Stress oder zumindest schlechte Stimmung. Mama hatte einfach einen ganz anderen Geschmack als ich. Und sie interessierte sich gar nicht dafür, was gerade in war. Sie wollte mir immer nur langweiligen und praktischen Kram kaufen und wenn ich das dann nicht wollte, stritten wir uns. Oder sie kaufte es einfach und wir schwiegen verbissen, bis wir wieder zu Hause waren. Mit mir einkaufen zu gehen dauerte zehn Mal so lange, wie mit Stefan einzukaufen, sagte Mama immer.

Wenn ich etwas gespart hatte, durfte ich jetzt auch mal mit Silvia alleine in die Stadt, vorausgesetzt, ich war um sechs wieder zu Hause. Mama wollte nicht, dass wir zu lange in der Innenstadt »rumhingen«.

Es war super, nach der Schule mal nicht direkt nach Hause zu gehen. Es gab immer öfter Streit zu Hause, auch mit Stefan, und ich war froh, dem Generve mal zu entkommen. Besonders beim Mittagessen zofften wir uns in letzter Zeit dauernd.

Silvia war pünktlich und wir freuten uns, uns zu sehen. Obwohl wir nicht mehr zusammen zur Schule gingen, war sie immer noch meine beste Freundin. Durch das gemeinsame Tanztraining sahen wir uns mindestens einmal in der Woche automatisch. Meistens verabredeten wir uns zusätzlich noch zwei- oder dreimal oder telefonierten so lange, bis irgendein anderes Familienmitglied bei ihr oder bei mir Terror machte, weil die Leitung so lange belegt war.

Wir holten uns bei Nordsee schnell zwei Brötchen und schlenderten damit dann langsam die Schildergasse runter. Silvias Budget waren 15 Mark, sie wollte sich eine Kette mit einem großen Kreuz kaufen, so eine wie Madonna in dem Video von Like a Prayer trug. Unser erstes Ziel war der Jeanspalast, ein total cooler Laden auf der Schildergasse mit verspiegelten Wänden und Spiegeln auf dem Boden. Die laute Musik aus dem Jeanspalast hörten wir schon hundert Meter, bevor wir überhaupt da waren. Die Verkäuferinnen sahen total lässig aus, einige trugen sogar Ray-Ban-Sonnenbrillen! Silvia und ich schauten langsam die Kleiderständer durch. Es gab so viel, was ich gerne anprobiert hätte! Vor allem Levi’s 501. Die kosteten 140 Mark, darauf würde ich noch ewig sparen müssen, Mama würde mir so eine teure Jeans niemals kaufen. Ich überlegte noch einmal kurz, ob ich das Geld, was ich für den Minirock vorgesehen hatte, doch besser sparen sollte, bis ich genügend für eine 501 zusammenhatte. Aber einen Minirock wollte ich jetzt unbedingt haben. Die 501 würde noch ein bisschen länger warten müssen. Es gab drei Jeansröcke, die mir gefielen. Am coolsten fand ich einen superkurzen, engen, moonwashed Jeansrock. Er war ziemlich hell, an manchen Stellen fast weiß. Zum Glück gab es ihn in meiner Größe, er passte mir wie angegossen. Und kostete 29,90 Mark, so konnte ich mir auch noch die knallblauen Dreiecksohrringe vom Accessoire-Ständer dazu leisten.

Ich war so stolz auf meinen neuen Minirock, dass ich ihn den ganzen Abend mit verschiedenen Oberteilen und Schuhen anprobierte. Ich kombinierte ihn mit einem langärmligen T-Shirt, mit einem kurzärmligen und mit einer Bluse. Ich kombinierte ihn mit Sandalen, mit Ballerinas und mit den Mokassinstiefeln, die ich zu meinem fünfzehnten Geburtstag bekommen hatte. Am besten fand ich die Kombination weiße Bluse und Mokassinstiefel. Das sah ziemlich cool aus. Fast als wäre ich schon sechzehn.

Genau das trug ich, als ich am nächsten Morgen zum Frühstück runterkam. Außerdem natürlich die neuen blauen Ohrringe. Ich wollte mich gerade an den Küchentisch setzen und mir einen Tee nehmen, als Mama mich von oben bis unten musterte.

»Das meinst du nicht ernst, Janine!«, sagte sie.

Ich merkte sofort, dass sie sauer war. Papa ließ die Zeitung sinken und musterte mich. Stefan war schon weg. Das Gymnasium war weiter weg als meine Schule und er musste immer früher aufstehen als ich.

»Was meinst du?«, fragte ich, um Zeit zu gewinnen. Es war mir klar, dass sie die Klamotten meinte. Nicht schon wieder, dachte ich.

»Du weißt genau, dass ich deine Kleidung meine.«

»Was ist denn damit?«

»Das sieht einfach furchtbar aufreizend aus, was du da anhast. Der Rock ist viel zu kurz, die Bluse zu weit aufgeknöpft, und dann auch noch diese Stiefel und diese billigen, viel zu großen Plastikohrringe! So gehst du keinen Schritt aus dieser Haustür, geschweige denn in die Schule!« Mama war laut geworden, sie klang jetzt ziemlich wütend.

»Das ist nicht aufreizend, das ist einfach modern!«, schrie ich zurück. Warum kapierte sie das einfach nicht? Es war immer das Gleiche: Kaum zog ich etwas an, das ein bisschen modisch war, warf sie mir vor, ich wäre »aufreizend« gekleidet. Dabei liefen in der Schule alle so rum!

»Es mag sein, dass das modern ist, Janine. Trotzdem wirst du so nicht aus dem Haus gehen. Geh nach oben und zieh dich um.« Ihre Stimme wurde schneidend.

»Das werde ich nicht tun!«, brüllte ich und stampfte mit dem Fuß auf. Jetzt hatte ich endlich mal coole Klamotten und dann durfte ich sie nicht anziehen, weil sie Mama nicht gefielen. Das sah ich überhaupt nicht ein! Ich rührte mich nicht vom Fleck. Sie konnte nicht alles in meinem Leben kontrollieren. Nur weil sie wegen jedem Quatsch Angst hatte, würde ich mich nicht hässlich anziehen.

»Tu, was Mama dir sagt!«, schaltete sich jetzt Papa in die Diskussion ein.

Warum waren die beiden denn so panisch? Plötzlich musste ich an das Gespräch zwischen Ulrike und Frau Schäfer im Gemeindesaal denken. Hatte das Gerede Mamas Ängste noch schlimmer gemacht? Hatte sie sich etwa von der blöden Kuh beeinflussen lassen? Jetzt wurde ich auch richtig wütend.

»Warum machst du das mit mir? Das ist modern, alle laufen so rum!«, schrie ich. »Nur weil ein paar Ziegen in der Gemeinde über mich lästern, kannst du mir doch nicht verbieten, mit der Mode zu gehen!«

Mama sah mich erschrocken an.

»Ich hab genau gehört, dass die Schäfer gesagt hat, du sollst aufpassen und mir nicht zu viel erlauben, sonst werde ich noch genauso wie meine Mutter!«

Plötzlich war es ganz still. Meine Mutter war nicht mehr oft erwähnt worden in den letzten Wochen. Es war wie eine stumme Übereinkunft, dass wir alle kaum noch von ihr sprachen.

Mama seufzte, aber sie sah mich nicht an. »Janine, das hat damit jetzt wirklich nichts zu tun. Frau Schäfer hat das so doch auch gar nicht gesagt, sie meinte nur …«

Doch ich unterbrach sie: »Im Grunde denkst du doch das Gleiche!«, schrie ich.

»Das ist absolut nicht wahr, Janine, und das weißt du auch!« Mamas Ton wurde wieder schärfer.

»Es ist eben doch wahr! Warum darf ich denn sonst nicht im Minirock in die Schule?«

»Weil man sich als Fünfzehnjährige so nicht anzieht! Du siehst aus wie ein Flittchen! Und das erlaube ich nicht!«

»Du kannst mich nicht für meine Mutter verantwortlich machen! Vielleicht hatte die auch Miniröcke an, aber ich kenn die Frau kaum, ich hab mit der nichts mehr zu tun. Ich hab mich doch gegen die gestellt! Wie kannst du mir jetzt verbieten, mit der Mode zu gehen, nur weil du ein Problem mit irgendwas hast!«

Mama sah schockiert aus. Dann fing sie plötzlich an zu weinen. Sie tat mir irgendwie leid, aber gleichzeitig war ich immer noch wütend auf sie. Ich konnte doch auch nichts dafür! Ich hatte mir das alles doch auch nicht ausgesucht.

Papa stand auf und legte den Arm um Mamas Schulter. »Karin, beruhige dich. Und du auch, Janine. Hör auf, deine Mutter so zu provozieren! Jetzt setzt euch mal hin und redet vernünftig über die Sache. Es bringt doch nichts, sich hier so anzuschreien.«

Mama nickte und setzte sich auf die Eckbank. Sie schnäuzte sich und goss sich und mir eine Tasse Tee ein. Papa sagte, er müsse los, und ermahnte mich, auf Mama zu hören und keinen Terror zu veranstalten. Ich nickte, aber ich blieb stehen. Als die Haustür hinter Papa ins Schloss fiel, hatten wir immer noch nichts gesagt. Mama starrte in ihre Teetasse. Dann sagte sie:

»Nina, ich möchte dir das Leben sicher nicht absichtlich schwermachen, das musst du mir glauben. Aber ich habe einfach große Angst, dass dir etwas passiert, wenn du so rumläufst. Du bist ein sehr hübsches Mädchen. Wenn du dich dann noch so anziehst, mit so einem kurzen Rock und so aufgedonnert, kann das von manchen falsch verstanden werden.«

»Dann sag mir doch jetzt mal ganz klar: Glaubst du das wegen meiner Mutter?«

»Auch wenn es deine leibliche Mutter nicht gäbe, würde ich nicht wollen, dass du so rumläufst. Aber natürlich ziehe ich eine Verbindung zu deiner Mutter. Sie ist ein Lebemensch, hat sich immer sehr auffällig gekleidet und ihr Leben nie wirklich im Griff gehabt. Darüber erlaube ich mir kein Urteil und das ist allein ihre Sache, aber du wurdest mir anvertraut, um dich sorge ich mich. Das ist etwas anderes.«

»Was hast du denn gemacht, wenn sich Anne und Kerstin so angezogen haben?«

»Die beiden haben sich nie so angezogen! Nicht mal ansatzweise. Sie sind da einfach anders als du. Das ist es ja.«

Ich nickte.

»Es tut mir leid, aber ich kann da nicht aus meiner Haut. Es gibt ein paar Unterschiede zwischen uns. Ich kann dir nicht sagen: ›Das sieht toll aus, geh so raus!‹ Ich will das einfach nicht.«

Mama wollte das einfach nicht. Punkt. Weil Mama Angst hatte. Ich meinte, die Fesseln fast körperlich zu spüren, die diese Angst um mich schnürte. Ich sagte nichts mehr, drehte mich um und ging in mein Zimmer. Und dort würde ich heute bleiben. Sollte sie denen in der Schule doch sagen, was sie wollte.