Die Prinzessin, die nicht lachen konnte
Nicht Fleisch und Blut, das Herz macht uns zu Vätern.
FRIEDRICH SCHILLER
»Oh, da kommt der König zurück, mit Prinzessin Titi!«
Endlich! Das war Franks und mein Stichwort. Ich hatte es kaum noch ausgehalten vor Lampenfieber. Schnell wickelte ich die Finger aus dem glänzenden hellblauen Band, das Mama um die Taille meines Kommunionskleides genäht hatte. Vor lauter Aufregung hatte ich es ganz verknittert. Mit dem Gürtel und zwei Bändern in der gleichen Farbe für die Ärmel war aus dem Kommunionskleid ein Prinzessinnenkostüm geworden. Mama hatte das Kleid auch noch etwas länger machen müssen, denn die Kommunion war schon über ein Jahr her und seit letztem Jahr war ich ganz schön gewachsen. Aber ich war nur nach oben gewachsen. Deshalb musste Mama einfach nur unten etwas blauen Stoff drannähen. Ich war jetzt schon fast so groß wie die Kinder auf dem Gymnasium, auf das ich nach den Sommerferien gehen würde. Zum Glück war Frank ein Jahr älter als ich und größer. Das hätte sonst ja blöd ausgesehen, schließlich spielte er meinen Vater.
Ich setzte ein trauriges Gesicht auf, ließ die Arme baumeln und betrat gleich hinter Frank von rechts die Bühne. Das Bühnenbild bestand aus zwei Sesseln, die wir mit Tüchern und goldenen Kordeln zu königlichen Thronsesseln umdekoriert hatten. Vor den Sesseln stand Grimmbart, der böse Erste Minister meines Vaters, des Königs. Zwischen den Thronsesseln gab es noch einen kleinen Tisch, auf dem Grimmbart einen Trinkpokal abgestellt hatte.
»Einen wunderschönen guten Morgen, teuerste Prinzessin!«, grüßte Grimmbart scheinheilig.
»Es ist kein guter Morgen«, erwiderte ich, Prinzessin Titi, traurig.
»Aber liebes Kind, der Erste Minister meint es doch nur gut mit dir«, sagte der König zu mir und Franks große braune Augen sahen mich besorgt an.
»Ich mag keine Minister«, gab ich einsilbig zurück.
»Aber teuerste Prinzessin, hört doch nur, wie lieblich die Vögel singen!«, schleimte Grimmbart weiter. Grimmbart wurde von Oliver gespielt, dem größten Kasper in unserer Theater- und Musicalgruppe. Er war ein bisschen zu dick und machte ständig irgendeinen Quatsch. In Wahrheit war er lustig und nett, aber die Rolle des Ekelpakets war trotzdem perfekt für ihn.
»Ich mag keine Vögel«, sagte ich und starrte ohne die Spur eines Lächelns geradeaus in die Scheinwerfer. Ich versuchte, trotz des hellen Lichts meine Eltern zu erkennen. Saßen sie in der ersten Reihe? Ja, da waren sie! Papa sah mich an und lächelte. Aber ich durfte auf gar keinen Fall zurücklächeln. Denn in diesem Stück musste ich vor allem eins tun: Nicht lächeln. Und auf gar keinen Fall lachen. Denn Prinzessin Titi war mithilfe eines Zaubertranks von Grimmbart verzaubert worden, sodass sie nicht mehr lachen konnte und immer traurig war. Erst zum Schluss des Stückes würde der Hofnarr dem Minister auf die Schliche kommen und ich durfte wieder lachen und fröhlich sein. Bei den Proben hatte es zum Glück immer funktioniert. Wenn ich merkte, dass sich ein freundlicher Ausdruck auf mein Gesicht schleichen wollte, konzentrierte ich mich einfach ganz schnell auf etwas Blödes oder Trauriges. Das war im Moment nicht so schwer, weil eigentlich dauernd blöde oder traurige Sachen passierten. Gestern hatte meine Mutter angerufen. Sie und Mama hatten lange telefoniert.
»Es ist wirklich schrecklich, Durchlaucht. Ich werde den Hofnarren rufen, damit er die Prinzessin aufheitert. Hofnarr! Hofnarr! Komm sofort herein!«
Nach Grimmbarts Rufen stolperte der Hofnarr auf die Bühne.
»Guten Morgen, Prinzessin, ich hoffe, Ihr habt etwas Hübsches geträumt heute Nacht?«, fragte der Hofnarr.
»Ich mag keine Träume«, sagte ich, ohne eine Miene zu verziehen.
Ich versuchte, mich ein bisschen auf der Bühne umzusehen, ohne dabei den Kopf zu bewegen. Der Schnürsenkel von Olivers rechtem Schuh war anscheinend aufgegangen. Dummerweise stand er auch noch mit dem linken Fuß auf dem offenen Schnürsenkel. Er schien das allerdings noch nicht gemerkt zu haben. Als nächstes sollte Grimmbart dem Hofnarren einen Tritt in den Hintern geben, damit er mich endlich aufheiterte. Oje, hoffentlich ging das gut!
»Na los, mach schon! Mach ein paar Faxen und heitere die …«, rief Grimmbart. Beim Versuch, für den Tritt auszuholen, riss ihn seine Bewegung aus dem Gleichgewicht und er stolperte über seine eigenen Füße. Er konnte sich gerade noch mit der rechten Hand auf dem kleinen Tischchen zwischen den beiden Thronen abstützen. Ich sah es schon wie in Zeitlupe, bevor es überhaupt passierte, und dann passierte es tatsächlich genau so: Der Trinkpokal geriet ins Wanken und der Zaubertrank – in echt war es natürlich bloß Wasser – spritzte direkt auf Olis Hose! Oli war kurz durcheinander, dann brüllte er den Hofnarren an. Mit einem erfundenen Text.
»Hofnarr! Wenn du nicht augenblicklich einen Witz erzählst, wirst du entlassen!«
Frank und ich sahen zu Oli/Grimmbart hinüber. Der Zaubertrank aus dem Pokal hatte die ganze Vorderseite seiner Hose nass gemacht. Er sah aus, als hätte er sich in die Hose gepinkelt! Das war fast wie bei »Dick und Doof«! Ich blickte zu Frank und sah, dass er gleich platzen würde. Ich wusste: Nur noch ein paar Sekunden und er würde vor Lachen losprusten. Ich fand Frank total süß, aber zusammenreißen konnte er sich nicht, das wusste ich aus all den Kindergottesdiensten, während denen er nicht hatte aufhören können, mit mir zu tuscheln.
Ich sah schnell weg und dachte nur: Zusammenreißen, zusammenreißen, zusammenreißen! Welche Textstelle würde uns aus dem Schlamassel retten? »Ein echter Schauspieler spielt immer weiter, egal was passiert«, hatte uns Günter, der Leiter unserer Theatergruppe, gesagt.
Frank prustete los. Auch im Publikum hatten schon ein paar Leute angefangen zu lachen.
»Ich mag keine Witze!«, sagte ich todernst.
»Dann vielleicht eine Grimasse?«, nahm der Hofnarr den Faden dankbar wieder auf.
»Ich mag keine Grimassen.« Puh! Das war geschafft. Wir waren wieder im Spiel und in dem normalen Text des Theaterstücks. Jetzt konnten wir einfach mit den Sätzen, die wir auswendig gelernt hatten, weitermachen. Franks Lachen wurde leiser und Oli sah auch wieder ganz normal aus. Er ignorierte seine nasse Hose einfach so gut es ging.
Nach der Aufführung des Stücks kam der Applaus. Ich fand es immer toll, auf der Bühne zu stehen. Alle sahen mir zu. Und alle hörten mir zu! Und dann klatschten auch noch alle. Ich strahlte. Zusammen mit Frank und Oli kam ich durch einen der seitlich angebrachten schwarzen Vorhänge hinter der Bühne hervor. Ich sah mich um. Mama und Papa standen mit Freunden vor dem Gemeindesaal. Ich lief zu ihnen und Papa nahm mich in den Arm. Er sagte:
»Janine, wie hast du es denn bloß die ganze Zeit geschafft, nicht zu lachen? Ohne mit der Wimper zu zucken! Wie eine echte Schauspielerin. Das war großartig! Ich bin so stolz auf dich!«
Papa fand es immer toll, wenn ich bei den Theater- oder Musicalaufführungen der Gemeinde mitspielte. Ich mochte auch den Chor und die Flötengruppe, aber am liebsten waren mir die Theater- und Musicalstücke.
Ich hüpfte auf und ab: »Das hat so Spaß gemacht! Und es war gar nicht schwierig.«
Mama gab mir einen Kuss, lächelte und sagte:
»Sammle deine Geschwister ein und dann lass uns nach Hause gehen. Nach der ganzen Aufregung habt ihr sicher alle Hunger.«
Das hatte ich tatsächlich. Heute war Sonntag und die Aufführung hatte direkt nach der Sonntagsmesse stattgefunden.
Es gab wie fast immer sonntags Braten mit selbstgemachten Knödeln und Rahmgemüse. Es schmeckte super und alle außer Mama, die mal wieder auf ihr Gewicht achtete, schlugen sich die Bäuche voll.
Trotzdem waren wir heute ein bisschen stiller als sonst. Nach dem Essen wollten wir Familienrat halten. Das machten wir immer, wenn es etwas Wichtiges zu besprechen gab. Sonst waren das oft die Besuche vom Jugendamt, vor denen Mama immer ziemlich nervös war, aber heute war es etwas anderes. Ich wusste, dass es mit dem Telefonat zwischen meiner leiblichen Mutter und Mama gestern zu tun hatte.
Als wir zusammen die Küche aufgeräumt hatten, setzten wir uns alle wieder an den Esstisch. Kerstin hatte Tee gekocht und verteilte die Tassen.
Mama sagte: »Deine Mutter hat gestern angerufen und hat Neuigkeiten berichtet«. Sie sprach sehr ruhig, aber ich merkte, dass es ihr schwerfiel. »Sie zieht um. In eine größere Wohnung, zusammen mit ihrem neuen Lebensgefährten. Du hast ihn ja schon kurz kennengelernt, als du letzten Monat das Wochenende bei ihr warst. Er heißt Helmut.«
Ich zuckte mit den Schultern und sagte: »Aha.« Sie hatte ja immer mal wieder einen neuen Partner und an Helmut konnte ich mich natürlich erinnern. Er sah älter aus als meine Mutter und hatte einen riesigen Amischlitten mit roten Ledersitzen. Damit waren wir durch die Stadt gefahren. Das Auto war cool, aber Helmut fand ich nicht besonders nett. Sie hatte immer alleine gewohnt. Ich hätte es besser gefunden, wenn sie weiterhin alleine gewohnt hätte, weil ich Helmut irgendwie blöd fand. Aber so oft besuchte ich sie ja gar nicht. Und vielleicht war er ja auch nicht immer da.
»Es ist so … Deine Mutter glaubt, dass der Mann, also dieser Helmut, dein Vater ist.«
»Wieso mein Vater, das ist doch Papa!«, sagte ich völlig perplex und sah zu Papa hinüber. Er sah sehr traurig aus. Kerstin rutschte auf ihrem Stuhl herum und rührte in ihrer Teetasse. Stefan zeichnete mit einem Finger unsichtbare Bilder auf den Tisch.
Mama nahm meine Hand. Leise sagte sie: »Natürlich ist Papa dein Vater, aber nicht dein leiblicher, das weißt du doch. Wir wussten bisher nicht, wer dein leiblicher Vater ist, aber nun hat deine Mutter es erzählt und mich gebeten, es dir zu sagen. Es ist dieser Helmut.«
»Nein!«, schrie ich plötzlich. Ich konnte einfach nicht anders. »Das kann nicht sein, ich habe nur einen Vater und das ist Papa!« Ich war aufgesprungen und ballte die Fäuste.
Papa stand auf, legte mir die Hand auf die Schulter und sagte: »Ganz ruhig, Janine. Reg dich nicht auf.«
Ich setzte mich wieder hin. Was sollte denn das jetzt bedeuten? Warum denn plötzlich noch ein zweiter Vater?
»Du hast doch auch zwei Mütter, eine Pflegemutter und eine leibliche Mutter, da ist es doch logisch, dass du neben deinem Pflegevater auch einen leiblichen Vater hast«, sagte Kerstin. Bei Kerstin war immer alles logisch.
Zwei Mütter, zwei Omas, das kannte ich, aber noch einen Vater? Das ging doch nicht. Mein Vater war doch Papa!
»Mein Vater ist Papa! Nur Papa! Die erzählt doch wieder nur Quatsch! Was soll das alles? Ich will das nicht!«, schrie ich, sprang auf, rannte aus dem Wohnzimmer, knallte die Tür hinter mir zu und stürmte die Treppe hoch in mein Zimmer, wo ich mich auf mein Bett warf und das Gesicht im Kissen vergrub. Konnte sie mich nicht einfach mal in Ruhe lassen mit ihrem Kram? Es machte mich so wütend!
Nach einer Weile klopfte es an der Tür. Ich sagte nichts, aber ich hörte, dass jemand die Türklinke herunterdrückte und hereinkam. Ich spürte eine Hand, die langsam über meinen Rücken streichelte.
»Hast du dich wieder ein bisschen beruhigt? Wollen wir noch einmal in Ruhe darüber reden?«, fragte Mama dicht an meinem Ohr.
»Mhm«, brummte ich und drehte mich langsam um.
Wir setzten uns nebeneinander auf die Bettkante.
»Es ist ziemlich außergewöhnlich, dass deine leibliche Mutter und dein leiblicher Vater jetzt wieder ein Paar sind, weißt du? Es kommt gar nicht so oft vor, dass sich zwei Menschen nach so langer Zeit wieder finden«, begann Mama.
»Wer sagt eigentlich, dass das stimmt, dass der mein Vater ist?«, fragte ich.
»Deine Mutter sagt, dass es stimmt.«
»Ich glaube ihr nicht! Sie hat doch schon so oft Quatsch erzählt.«
Mama seufzte: »Wir wissen es einfach alle noch nicht sicher. Und deshalb fordert dieser Mann jetzt, dass du einen Vaterschaftstest machst«, ihre Augen wurden ganz nass. Plötzlich nahm sie mich in den Arm und sagte schluchzend: »Nina, mein Mäuschen, es tut mir so schrecklich leid. Dass die dir das antun! Du bist noch viel zu klein für diese ganzen Dinge. Aber ich muss es dir doch erklären!«
»Was ist ein Vaterschaftstest?«, fragte ich.
Sie wischte sich über die Augen und sagte: »Dir werden ein oder zwei Tropfen Blut abgenommen. Das tut fast gar nicht weh. Dann wird dein Blut mit dem Blut von diesem Helmut verglichen. Wenn es ähnlich ist, heißt das, dass er dein leiblicher Vater ist.«
»Wie wird das gemacht mit dem Blut? Schneiden die mich auf?«
»Sie pieksen dich nur ganz leicht in den Finger. Das tut fast gar nicht weh. Ich komme mit und halte dich ganz fest an der Hand.«
Mama lächelte mich an. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich zusammenreißen musste wie ich vorhin in unserem Theaterstück. Nur umgekehrt: Sie musste sich zusammenreißen, um zu lächeln.
»Warum will sie, dass ich das tue?«
»Nina, gib deiner Mutter nicht die Schuld dafür. Deine Mutter liebt dich, sie will dir bestimmt nichts Böses. Glaub mir. Morgen mache ich einen Termin.«
»Das ist nicht mein Vater, ich will mit dem nichts zu tun haben«, sagte ich entschlossen.
»Das kann ich verstehen, mein Schatz. Aber wir können im Moment nichts daran ändern. Es ist das Beste für uns alle, wenn wir deine Mutter nicht verärgern. Ist ja nur ein kleiner Piekser.«