61.
Fabian saß noch immer hinter den Erdbeerkisten und dachte fieberhaft nach. Obwohl seine Dienstwaffe im Halfter steckte, wollte er sich nicht auf eine bewaffnete Konfrontation mit Battista einlassen. Nicht, solange Leonie in der Schusslinie stand. Es half nichts. Er musste darauf vertrauen, dass Battista sie so lange am Leben ließ, bis er sie von außen über den Kellerschacht befreien konnte. Aber dafür musste er den Schacht erst einmal finden. Geduckt lief er zur Treppe, nahm immer zwei Stufen auf einmal und stand viel zu schnell in der Küche, aus der ihm ein würziger Geruch entgegenschlug. Fast wäre er die Kellertreppe rückwärts wieder heruntergestürzt. Der kleine Raum war voller Menschen und dunstig grau von Zigarettenrauch, der sich mit dem Duft der Pizza mischte, die im Ofen blechweise gebacken wurde.
Sein Herz blieb beinahe stehen, als er unter den Kerlen, die am Tisch saßen, Kain erkannte. Das Gesicht zur Wand, drückte er sich zentimeternah an ihm vorbei durch die Menge. Der Junge konzentrierte sich weiter auf die Pizza und die auf Italienisch geführten Gespräche und nahm keine Notiz von ihm. Fabian schob sich durch die Tür. Der Gang war menschenleer. Er stürzte ins Freie und atmete gierig die frische Nachtluft ein. Die Helfershelfer hatten ihre emsige Tätigkeit beendet, saßen auf der Ladefläche des Umzugswagens und ließen in heiterer Runde eine Flasche Rotwein herumgehen.
Der Bärtige winkte ihm zu, und er winkte zögernd zurück, bevor er in den Schatten des Hauses eintauchte und sich daran machte, es zu umrunden. Wo ungefähr mochte das Versteck liegen? Vergeblich versuchte er, den Grundriss des Hauses zu rekonstruieren, und untersuchte stattdessen einen Kellerschacht nach dem anderen. Schächte zwischen englischen Rasenflächen. Schächte in geharkten Beeten und unter beschnittenen Büschen. Schächte, peinlich sauber im Dämmerlicht der Sommernacht, darunter Fenster, die gerade groß genug waren, dass er sich hindurchzwängen konnte. Wieder lief ihm die Zeit davon. War die halbe Stunde schon vergangen? Wie lange dauerte es, bis das SEK das Haus erreicht und umstellt hatte? Er wartete auf Männer in Schutzanzügen, die über den Rasen huschten, auf laute Warnrufe aus dem Megaphon, und den darauf folgenden Schusswechsel, doch es blieb alles still. Auf der Rückseite des Hauses lag die Garage mit der Zufahrt, in der ein schwarzer Porsche Cayenne parkte. Fabian umrundete ihn und wandte sich der anderen Seite des Hauses zu. Da! Aus einem Kellerschacht drang Neonlicht heraus. Er sank auf die Knie und versuchte, den Rost darüber anzuheben. Verzweiflung packte ihn, als er bemerkte, dass dieser mit einem Vorhängeschloss und einer Kette gesichert war. In diesem Moment hörte er hinter sich ein leises Klicken.
»Ich kann dir einen Bolzenschneider holen«, sagte Kain freundlich und hielt ihm die Pistole an den Kopf. »Aber glaub mir, es ist einfacher, wenn ich dich durch die Kellertür zu der Kleinen bringe, Bulle.«
Er rappelte sich auf, taumelte und stieß gegen den Alten mit dem Rauchergebiss, der ihm den Arm auf den Rücken drehte. Kain tastete mit seiner freien Hand unter Fabians Jacke herum und holte die Dienstwaffe aus dem Halfter.
»Bingo«, sagte er und steckte sie in die rückwärtige Tasche seiner Jeans. »Andiamo!« Der Alte hielt ihn in seinem eisernen Griff und schob ihn durch die Garage in den Kellerflur. Kurz darauf stand er vor Leonie, die ihn mit großen Augen anstarrte. »Fabian!«, flüsterte sie.
Er sah die Tränenspuren in ihrem Gesicht. Sie war nicht freiwillig hier, sondern gleichfalls eine Gefangene Battistas, dessen Gesicht in dem Moment versteinert war, als er Fabian erkannt hatte. Endlich hatte er die Bestätigung für all die Dinge, die er sich bisher nur zusammengereimt hatte. Einen Moment lang war die Erleichterung darüber so groß, dass er die tödliche Gefahr vergaß, in der sie beide schwebten. Alessio stand mit hängenden Armen an der Tür und schwieg.
Battista wandte sich an Kain. »Wo hast du den denn aufgegabelt?«
»In unserem Garten. Er hatte sich unter die Jungs gemischt und beim Umzug geholfen. Aber er kam Ernesto so komisch vor, machte nicht den Mund auf. Und als wir ihn gefunden haben, hing er über dem Kellerschacht.«
»Öfter mal was Neues. Ein Bulle als Umzugshelfer.« Battistas Augen funkelten. Mit einem Schritt war er bei Leonie und schlug ihr mit aller Kraft ins Gesicht. Ihr Kopf knallte gegen die Wand. Ich töte dich, Battista!, dachte Fabian kalt. Der Mafioso zog sie in die Senkrechte und tätschelte ihr mit falscher Freundlichkeit die Wange, bis die Benommenheit aus ihrem Blick wich. Dann goss er Mineralwasser in ein Glas und hielt es Leonie an den Mund.
»Trink!«, sagte er.
Zögernd nahm sie einen Schluck. Battista stellte das Glas ab und drehte sich wieder zu ihr.
»Wie hast du es geschafft, ihn zu benachrichtigen? Oder war das alles ein – abgekartetes Spiel?«
Leonies Hand fuhr an ihren Kopf, und er sah, wie sie versuchte, sich zu konzentrieren. »Ich habe ihn nicht … Ich konnte gar nicht. Du hast mein Handy.« Ihre Tränen begannen wieder zu fließen. Fabians Herz schlug gegen seine Rippen, als wollte es seinen Käfig sprengen. Bisher hatte er noch nicht gewusst, wie sich Hass anfühlte. Battista wandte sich ihm zu.
»Und wie kommen Sie dann hierher, Signor Grundmann?«
»Das werde ich Ihnen sicher nicht auf die Nase binden.«
»Nein?« Battista trat einen Schritt näher, und Fabian spürte, wie sich ihm die Nackenhaare aufstellten. Verzweifelt riss er an den Armen des Alten, aber Kain brachte ihn mit einem gezielten Schlag in den Magen zur Ruhe. Mühsam richtete er sich auf, sah Sterne, schnappte nach Luft.
»Kain bringt Sie schon zum Reden. Der ist noch besser trainiert als Mischa und bricht Ihnen mit Vergnügen einen Knochen nach dem anderen.«
Der Junge trat mit erhobenen Fäusten auf ihn zu wie ein Boxer und tänzelte provozierend auf und ab.
»Du hast verloren, Chefkoch«, stieß Fabian hervor. »Das SEK ist im Anmarsch. Und dann fliegt dir hier alles um die Ohren.«
»Ach, wirklich«, sagte Battista ungerührt und sprach auf Italienisch auf den Alten ein, der daraufhin lautlos den Raum verließ. »Es gilt, einige Planungen zu verändern. Aber nichts Weltbewegendes.«
»Und die da?«, fragte Kain.
»Gehen den Weg aller Verräter«, sagte Battista gleichgültig, zog Leonie auf die Beine, und schob sie in Richtung Tür.
Kain stieß Fabian hinterher. Alessio folgte ihnen wie ein Lamm, das man zur Schlachtbank führte.
Fünf Minuten später schob sich ein unbeleuchteter Geländewagen beinahe lautlos auf den Feldweg zur Landstraße. Fabian saß neben Leonie und Kain in der Mitte der Rückbank und spürte, wie sich die Waffe in seine Rippen bohrte. Beiläufig dachte er, dass er zu seiner Hinrichtung fuhr und fragte sich, warum er keine Angst hatte. Vielleicht brauchte das menschliche Gehirn ja eine Weile, bis es die Dimensionen der jeweiligen Realität ermessen konnte. Als sie auf die Landstraße abbogen, hielt er nach dem SEK Ausschau, das diesen Alptraum beenden würde, doch die Nacht blieb dunkel und still. Kein Blaulicht, keine Mannschaftswagen, kein Hubschrauber. Aus dem Augenwinkel sah er seinen Saab unwirklich und still am Straßenrand stehen. In dem Wagen, der schon bei seiner Ankunft verlassen dagestanden hatte, ging kurz die Innenbeleuchtung an und verlosch wie ein Irrlicht. Im Rückspiegel sah er, wie er sich langsam in Bewegung setzte. Leonie zitterte. Er griff nach ihrer eiskalten Hand und schloss seine Finger fest um ihre.
Gianluca fuhr von Lobenrot nach Aichschieß und bog hier auf die Straße in Richtung Plochingen ab. An der Erddeponie »Weißer Stein« kamen ihnen zwei unbeleuchtete dunkelgrüne Mannschaftswagen mit Göppinger Kennzeichen entgegen. Mit unbewegtem Gesicht wartete Gianluca ab, bis sie vorüber waren, und lenkte das Auto dann in Richtung Baltmannsweiler.