16.
Er steckte den Schlüssel in die Tür des Neubaus am Hölderlinweg, schloss auf und trat ein. Der marmorweiß geflieste Vorraum lag im Licht des Spätnachmittags. Auf der Kommode aus Kirschbaum stand eine blaue chinesische Vase voller weißer Rosen.
»Fabian, wie schön!« Conny Grundmann trat aus der Küche und küsste ihren Sohn auf die Wange. Dazu musste sie sich kaum auf die Zehenspitzen stellen. Sie war selbst groß, schlank, braungebrannt und trug eine weite Bluse über einer weißen Jeans.
Unwillig entzog er sich, indem er einen Schritt zurücktrat.
»Ich muss leider gleich weg. Die Charitys warten schon.«
Immer sonntags kümmerte sich Conny um ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen, zu denen auch der Damenclub gehörte, der bei reichlich Prosecco Pläne für das nächste Benefizkonzert schmiedete.
»Hast du was von Sandra gehört?«
»Nein.« Seit seine Freundin ein Auslandssemester in England verbrachte, hatte sich ihre Beziehung abgekühlt.
»Könntest du dich bitte um meinen Rechner kümmern? Er lässt sich einfach nicht mehr hochfahren. Und vergiss nicht, den Garten zu gießen!« Das Frühjahr war viel zu trocken gewesen. Der staubige Erdboden saugte das Wasser auf wie ein Schwamm. Fabian nickte resigniert. »In Ordnung. Und wo ist der Alte?«
Missbilligend schüttelte sie den Kopf. »Vater ist Golfspielen«, sagte sie leise. Einen Moment später fiel die Tür ins Schloss. Kurz darauf setzte sie den schwarzen Mercedes zurück, der in der Einfahrt gestanden hatte, und fuhr in Richtung Mülberger Straße davon. Okay, okay.
Fabian ging in die Küche und schaute nach, was es zu essen gab. Nicht schlecht. Er packte sich den Teller voll Kartoffelgratin, häufte Salat darauf und griff sich gleich zwei der leckeren mit Schafskäse und Lammfleisch gefüllten Teigtaschen. Dann setzte er sich auf das weiße Ledersofa im Wohnzimmer und legte die Beine auf den passenden Hocker. Es war so still, dass er den Staub in den Sonnenflecken tanzen sah. Der Raum war mit 40 Quadratmetern angemessen groß. Er lag im Erdgeschoss des repräsentativen Terrassenbaus mit acht Zimmern, den sich seine Eltern vor sieben Jahren in bester Halbhöhenlage gebaut hatten. Der Perserteppich, ein riesiger Flachbildfernseher, die dunklen Regale aus Kirschbaumholz, in denen sich die Bücher bis zur Decke stapelten. Das Zimmer spiegelte den gediegenen Wohlstand, den sich der Alte über die Jahre hinweg erarbeitet hatte. Grundmanns fühlten sich an ihrem gesellschaftlichen Platz in der Esslinger Oberschicht wohl und füllten ihn stilvoll aus. Nur Fabian hatte die Familientradition gebrochen, war kein Banker auf Erfolgsschiene geworden, sondern Polizist. Einer, der im Schlamm herumstochert und nicht mal gut dabei verdient, hatte sein Vater gesagt. Fabian selbst hatte keinen Namen für den unverbesserlichen Idealismus, mit dem er die Risse in der Welt zu kitten versuchte.
Er drückte auf die Fernbedienung und begann, auf dem Sofa zu essen. Auf Arte kam eine Reportage über Brunnenbau in Afrika, langweilig, aber er brauchte die Glotze sowieso nur, um in Ruhe nachdenken zu können.
Der gestrige Tag steckte ihm in den Knochen. Wenn er die Augen schloss, wirbelten die Bilder durcheinander, der muffige Geruch des Schotters, der Junge mit dem Gesicht auf den Gleisen, dessen kaum merklichen Puls er in den Fingerspitzen gespürt hatte. Die Lichter der Stadtbahn, Leonies angstvoll aufgerissene Augen. Er fühlte sich, als sei er in Einzelteile zerfallen. Und er wusste nicht, was dabei herauskommen würde, wenn er sie wieder zusammensetzte. Denn dazwischen lag die Begegnung mit Leonie. Nach der schlaflosen Nacht im Krankenhaus hatte er als Erstes ihre Nähe gesucht und wie ein begossener Pudel in Hausmanns Garten herumgestanden. Die Sache mit der Falschaussage war dabei nebensächlich gewesen.
Sie gefiel ihm, obwohl ihm klar war, dass er damit auf Glatteis balancierte. Eine Frau, die das Modell eines Barockkünstlers mit einem jugendlichen Straftäter verwechselte, war hochgefährlich. Aber vielleicht war genau diese traumtänzerische Art das, was ihn interessierte. Weil sie nicht nachdachte, bevor sie zu leben begann.
Er ging ins Schlafzimmer an den Schreibtisch seiner Mutter. Der Alte leistete sich ungefähr einmal im Jahr einen neuen Rechner. Für Conny, die mit dem Computer allenfalls ihre Termine plante oder im Internet recherchierte, blieben die ausrangierten Modelle übrig. Er drückte auf Start, einmal, zweimal, dreimal, dann gelang es ihm, die Seite seiner Mutter hochzufahren, auf der ein rosagrünes Streifenmuster für unerwartete Akzente sorgte. »Graphikkarte kaputt«, murmelte er und fuhr den Rechner wieder runter. Da musste zumindest ein Ersatzteil, wenn nicht diesmal doch ein neues Modell her.
Fabian trat auf die Terrasse hinaus. Die Sonne war schon verschwunden, aber die Hitze des Tages lag noch in der Luft. Er wickelte den Gartenschlauch ab und zog ihn mit sich den Hang hinunter. Vom Garten aus bot sich ein grandioser Blick über das Neckartal. Halbherzig begann er, den Steingarten zu wässern und schwenkte den Wasserstrahl schließlich auf die Rosen um. Von weitem hörte er den ICE Stuttgart–München vorbeirauschen, der die Geräusche der B 10 mühelos übertönte. Der Lärmpegel war ein Nachteil der Halbhöhenlage, den die Wohlhabenden in Kauf zu nehmen wussten.
Fabian hielt den Gartenschlauch gerade auf den Lavendel, als er hinter dem Jägerzaun eine Bewegung wahrnahm. Nebenan, im Garten des Baulöwen Peter Ölnhausen, stand jemand am Pool. Der Unternehmer hatte sein nobles Stadthaus rund zwei Jahre später als seine Eltern bauen lassen und dabei weder an Kosten noch an Ideen gespart. Fabian wusste, dass seine Mutter hin und wieder neidisch hinüberlinste und sich heimlich von den Designideen seines Gartenbauarchitekten inspirieren ließ. Ein Stück unterhalb der holzgedeckten, von Bambussträuchern umrahmten Terrasse befand sich ein Pool, an dessen Rand eine ziemlich gutaussehende Frau stand. Sie streifte ihren Bademantel ab, warf ihre Haare nach hinten und schlappte in Flipflops bis zur Kante. Dort ging sie in die Knie, stieß sich ab und sprang elegant wie ein Delphin ins Wasser. Ihr knapper Bikini leuchtete weiß wie ein Blitz. Seine Mutter lästerte immer darüber, wie schnell Ölnhausens Flammen wechselten. Etwas Halbseidenes hätten sie alle an sich, wie frisch aus einer Bar gekapert, meinte sie. Die Zuckerpuppe mit der blonden Mähne jedenfalls würde so schnell keiner von der Bettkante stoßen. Doch er sah vor seinen Augen nur Leonie, und ihr Name hieß Begehren.
Milena Donakova schaffte es, zwei Bahnen zu schwimmen und erst danach zu atmen. Wenn sie tauchte, träumte sie auf Russisch und war zu Hause. Sobald sie ihren Kopf über die Wasseroberfläche hob und nach Luft schnappte, hatte die Gegenwart sie wieder, der Pool, die Terrasse, das Haus, in dem sie sich als Hausherrin fühlen durfte oder aber als Inventar. Wie man es nahm. Sie legte sich im Wasser auf den Rücken und schaute in den Himmel, der so durchsichtig war, dass ihre Gedanken wie durch einen Tunnel nach Hause gleiten konnten. In St. Petersburg war ebenfalls Sommer, und Aljoscha ging mit ihrer Mutter auf den Spielplatz und in den Park. Ein kleiner Junge im gestreiften T-Shirt, der in der Schaukel saß und so hoch flog, dass seine Füße fast die Äste der Bäume berührten. Und der sie langsam aber sicher vergaß. Sie ließ zu, dass ein paar Tränen aus ihren offenen Augen ins Wasser tropften, ein bisschen Salz, das weniger Spuren hinterließ als die Kondensstreifen am Himmel. Reiß dich zusammen!, dachte sie. Dir fehlt nichts. Noch nie hatte sie so sorglos gelebt. Doch, doch, doch, dachte ein eigensinniger Teil ihres Gehirns. Doch, mir fehlt etwas. Sie schwamm zum Rand und zog sich hoch. Als sie sich abtrocknete, ließ eine Windböe sie frösteln, und sie hüllte sich in ihren Luxusbademantel. Ein Luxusweibchen mit einem Brillanten am Finger, wie gemacht für das teure Designerhaus. Sogar die Flipflops waren mit Strass besetzt.
Milena hatte Russland verlassen, um in Deutschland als Hausmädchen zu arbeiten. Doch dann hatten diese Männer sie auf den Geschmack gebracht. Es waren Russen gewesen und Italiener, kurzgeschorene Köpfe und Westernstiefel an den Füßen, die sie auf den Tisch gelegt hatten, als würde sie ihnen gehören. Milenka, hatten sie gesagt, so wie du aussiehst … Es gibt leichtere Arten sein Geld zu verdienen als hinter den Deutschen herzuwischen. Sie hatte immer gewusst, dass sie schön war, groß, mit exotisch geschnittenen Augen, aber erst diese Geschäftsmänner hatten sie auf die Idee gebracht, Kapital aus ihrem Körper zu schlagen. Und auch da hatte sie noch geglaubt, es handle sich um einen Modeljob. Ha! Tief in ihrem Innern hatte sie gewusst, dass es keiner war, dass sie die Beine breit machen würde für die Herren im Anzug, die auf Firmenkosten kamen, ihre teuren weißen Hemden durchgeschwitzt und mit der weißen Spur am Ringfinger, die entstand, wenn man den Ehering kurzfristig ablegte. Die Zeit im Bordell war hart gewesen, aber verdient hatte sie tatsächlich nicht schlecht. Es war kein Straßenstrich, und der Deutsche, der ihn im Auftrag der Organisation führte, hatte auf die Mädchen aufgepasst. Sie hatte alles, was übrig blieb, zusammengekratzt und in die Heimat geschickt, wo es ihrem Jungen an nichts fehlen sollte. Kleidung, Spielzeug, die besten Schulen, die Viertelgeige, die halbe Geige. Aljoscha war begabt, und sein Unterricht kostete Geld. Und irgendwann war da Peter Ölnhausen gewesen, der immer nur sie wollte, wieder und wieder. Peter mit seinem Bauch und seiner Glatze, seinen etwas anderen Vorlieben und der Armbanduhr, die er auch beim Sex nicht ablegte, weil er, wie er sagte, ein Vermögen für sie bezahlt hatte. Irgendwann hatte er dem Deutschen Geld gegeben und sie mit nach Hause genommen wie eine streunende Katze.
Milena setzte sich an den Rand des Pools, breitete den Bademantel hinter sich aus und schüttelte ihre nassen Haare. Die Wassertropfen kühlten ihr heißes Gesicht. Sie blieb sitzen, bis die Sonne hinter den Hügeln im Westen verschwand. Dann ging sie ins Haus, duschte und zog sich ein weißes Sommerkleid an. Das Parkett im Flur war mahagonifarben, die Wände mit Holz verkleidet. Barfuß tappte sie in die Küche, Hochglanz weiß, und öffnete den Kühlschrank. Die Putzfrau füllte ihn am Samstag mit Fertiggerichten. Milena entschied sich für Boeuff Stroganoff und stellte es für die Mikrowelle bereit. Sorgfältig schnitt sie ein Baguette in immer gleich dicke Scheiben und richtete es in einem Korb an, den sie vorher mit einer Stoffserviette ausgelegt hatte.
Ein Salat, den sie wusch und mit Fertigsoße anmachte, Tomaten, die sie schnitt, die Flasche Rotwein, die dekantiert und temperiert werden musste. Langsam und geduldig hatte Pjotr ihr erklärt, wie eine deutsche Hausfrau zu funktionieren hatte, und Milena wollte seinen Vorstellungen entsprechen. Nur, dass sie über ihren Versuchen, deutsch zu lernen, ihre eigene Sprache vergaß und manchmal träumte, sie sei stumm wie ein Fisch, der unter Wasser lautlos sein Maul aufriss.
Als das Abendessen gerichtet war, ging sie über den Flur ins Schlafzimmer, um sich ihre Flipflops zu holen. Ihre Füße wurden auf den glatten Böden langsam kalt. Am Bett hingen noch immer die Handschellen. Ja, sie zahlte ihren Preis für ihren Platz im goldenen Käfig, und es machte ihr mehr und mehr Angst, dass sie es zu genießen begann. Sie legte ihren Schmuck an, die helle Perlenkette, die so gut zu dem weißen Leinenkleid passte, die Perlenohrringe. Ihre schweren Haare waren schon wieder fast trocken. Peter liebte die hellen Goldtöne, aus denen sie zu bestehen schien. In der Luft hing der Geruch nach Sex, und in ihrem Brustkorb war plötzlich nicht mehr genug Platz für die Luft, die sie atmen wollte. Milena riss das Fenster auf. Plötzlich, sie wusste es nicht, war da dieser Impuls. Ein, zwei Mal hatte sie ihm schon nachgegeben. Sie umkreiste das Bett und ging auf Peters Seite, wo sein Nachttisch stand. In der mittleren Schublade, unter seinen Socken, die immer sorgfältig zusammengerollt waren, lag die Pistole. Milena schob die Socken an die Seite und hob sie heraus. Sie war überraschend schwer, das Metall glatt und kalt. Einen Moment lang sah sie, wie sie die Waffe an ihre Schläfe hielt und abdrückte. Ein Ausweg, und sie hätte endlich eine Spur in diesem Haus hinterlassen. Da hörte sie, wie Pjotr den Porsche in die Garage fuhr und das Tor zuschlug. Gleich würde er ins Haus kommen und sie fragen, wie es ihr ging. Gut, würde sie in gebrochenem Deutsch antworten, und das Lächeln würde sich nicht mehr von ihrem Gesicht wischen lassen. Wie eingefroren würde es dort stehenbleiben bis in die Nacht hinein. Erst dann würde ihr wieder einfallen, dass sie eine russische Hure war.