25.
»Wir könnten ein neues Auto kaufen. Die Rostlaube ist sowieso dauernd in der Werkstatt.« Paps stand in der Tür zu ihrer Dachwohnung und stieß sich den Kopf am Rahmen. Die dünnen, blonden Haarsträhnen hatten sich von seiner Glatze gelöst und standen in alle Richtungen ab. Er trug eine kurze Hose und Sandalen. Hinter ihm quälte sich der Mops die Treppe hinauf, hechelte in der Hitze und lugte mit zerknautschtem Gesicht hinter seinen Beinen hervor.
Leonie wurde das Herz schwer. Die wahre Botschaft seiner Aussage lautete: »Lass uns zusammenbleiben und wieder eine Familie sein!«
Sie saß mit Leander auf dem Schoß am Computer und suchte nach Stellenangeboten. Das Dachgeschoss hatte schräge Wände und war nicht für große Leute gemacht, aber Leonie fühlte sich hier wohl. Es gab ein Messingbett, einen gewachsten Eichentisch und ein Gitterbett, in dem schon Generationen von Hausmanns geschlafen hatten. An der einzigen deckenhohen Wand war das Regal bis zum dritten Fach ausgeräumt und mit Leanders Spielzeug gefüllt. Darüber türmten sich Leonies Fachbücher bis an die Decke. Ein fetter Bronzebuddha meditierte auf ihrer alten Kommode, die der Holzwurm langsam aber sicher von innen aushöhlte. Er war das letzte Erinnerungsstück an Jonas, und sie brachte es einfach nicht fertig, ihn auszusortieren.
»Wie war es in Stuttgart?«, fragte er. Leander streckte die Arme nach seinem Opa aus und wechselte kurzerhand die Trageperson.
Leonie biss sich auf die Lippe. Als sie nass und schmutzig heimgekommen war, hatte sie sich mit dem Kleinen in ihre Dachwohnung zurückgezogen, ziemlich lange und heiß geduscht und den Rest des Nachmittags Holztürme gebaut und Eisenbahnschienen zusammengesetzt. Sie hatte einfach nicht die Kraft gehabt, ihrem Vater zu erzählen, dass sie die Stelle nicht antreten würde. Es war zu viel passiert. Da war Fabian, der vor zwei Tagen sein Leben riskiert hatte, Damiano, den sie irgendwie in ihres einbauen musste und die Begegnung mit dem Fremden, die nach Abenteuer geschmeckt hatte.
»Es ist nicht so gut gelaufen«, sagte sie und trat einen Schritt zurück. »Ich werde die Stelle nicht annehmen.«
Er nickte und respektierte, dass sie nicht darüber reden wollte. »Es wird andere Stellen geben.«
Müde reichte er ihr ihren Sohn. Der Tag hatte ihn mitgenommen. Erst Sebastian und seine Strafe, dann Leonie, die nichts auf die Reihe bekam. Als er langsam die Treppe herunterstieg, sah er mit seinem zerzausten Kopf ganz verloren aus. Der Mops hoppelte ihm auf krummen Beinen hinterher.
Leonie seufzte und wandte sich ihrem Sohn zu. »Und du gehst jetzt schlafen?«
Als er im Bett lag und seiner Spieluhr lauschte, die unermüdlich »Weißt du wie viel Sternlein stehen« spielte, nahm sie ihre Internetrecherchen wieder auf.
Warum nur gab es in Nord- und Ostdeutschland so viele Möglichkeiten, während es hier Essig mit freien Stellen war? Stuttgart war für Kulturschaffende wie leergefegt. Sie seufzte. In Ingolstadt wurde ein Volontariat bei der Stiftung für Konkrete Kunst und Design angeboten. In Karlsruhe hatte das ZKM eine Teilzeitstelle im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zu vergeben. Wenn sie sich entschließen könnte, weiter weg zu gehen, gab es Angebote genug. In Hamburg konnte man sich für diverse Promotionsstipendien bewerben. Am kunsthistorischen Institut in Florenz wurde eine Hilfskraft gesucht, und eine Galerie in Berlin benötigte dringend eine Verkäuferin. Ingolstadt, Hamburg, Florenz, Berlin. Allein bei der Vorstellung, in einer fremden Stadt mit Leander neu anzufangen, wurde ihr schwindlig. Täglich nach Stuttgart zu fahren wäre schon umständlich genug. Und Karlsruhe? Für den Weg hin und zurück musste sie drei Stunden einplanen. Frustriert stand sie auf und schaute nach Leander, der mit seinem Teddy im Arm friedlich eingeschlafen war. Der Mond hatte sich aus dem Dachfenster davongestohlen. Aber sein silbriges Licht lag noch immer über dem Himmel, der voller Sterne stand, als hätte er das Schlaflied gehört und wollte sein Bestes geben. Auf Leanders Lippen lag ein Lächeln. »Träum süß!«, sagte Leonie und deckte ihn zu.
Auf Zehenspitzen schlich sie sich die Treppe hinunter in den ersten Stock. Nicht einmal Emine hatte Zutritt zu Mutters Atelier, und sie selbst hatte es seit dem Unfall nicht betreten. Aber jetzt musste es einfach sein. Wenn sie ihr schon keinen Rat geben konnte, brauchte Leonie zumindest das Gefühl, ihr nahe zu sein. Vorsichtig drückte sie auf die Klinke und trat ein. Das Deckenlicht funktionierte zum Glück noch. Es beleuchtete einen Raum, den ihr Vater seit zehn Jahren nicht verändert hatte. Sogar ihr letztes Bild stand noch auf der Staffelei, und der Geruch nach Farben und Lösungsmittel hing noch immer wie eine Ahnung in der Luft. Auf dem Tisch lag eine weiße Rose. Als Leonie sie anhob, verlor sie ihre Blätter. Sie schluckte und trat an die Staffelei heran. Irene Hausmann hatte Veduten gemalt, Ansichten der malerischen Fachwerkstadt mit dem Alten Rathaus und der Burg, sowie stimmungsvolle Landschaftsbilder. Bei einem Malausflug an den Neckar hatte sie als junge Kunststudentin ihren Vater kennengelernt, der gerade seinen Köder ausgeworfen und dabei eine Frau und keinen Fisch gefangen hatte. Die romantische erste Begegnung hatte Stoff für unzählige Anekdoten zu Hochzeitstagen und Festen geboten. Künstlerisch hatte sich ihre Mutter in den letzten Jahren weiterentwickelt. Ihre Bilder waren immer reduzierter, leichter und abstrakter geworden, bis man die Architekturmotive schließlich nur noch erahnen konnte. In den letzten zwei Jahren ihres Lebens hatte sie Ausstellungen im ganzen Landkreis gehabt und war dabei gewesen, sich überregional einen Namen zu machen.
Das war der Stand der Dinge, als Irene nach einem Malausflug an einem finsteren Herbstabend mit dem Fahrrad von der Neckarinsel zurückfahren wollte. Ein Unbekannter hatte sie angefahren und Fahrerflucht begangen. Als der Krankenwagen eintraf, lag sie schon im Sterben. Ich heul hier jetzt nicht, dachte Leonie und ging zum Fenster, das ihr Vater extra für seine Frau vergrößert hatte. Schon als Kind hatte sie die Leidenschaft ihrer Mutter für Stifte und Farben geteilt und erinnerte sich an die Liebe, mit der sie ihr die Hand geführt hatte. »So schraffiert man, Leonie«, hatte sie gesagt und den Pastellstift schräger aufs Blatt gelegt, als Leonie es je gewagt hätte. Im hinteren Teil des Raumes standen ein paar großformatige Bilder, die ihr Vater mit Decken sorgsam zugedeckt hatte. Bilder, die sie nicht kannte. Sie trat heran und entfernte vorsichtig eine Stoffbahn. Was darunter zum Vorschein kam, ließ sie staunen. Die Leinwand war in Acryl bemalt, wild, abstrakt, in leuchtenden Farben. Das also waren die letzten Bilder ihrer Mutter. Sie zeigten einen ganz anderen, neuen Stil, als ob sie sich gehäutet hatte.
»Cool, nicht?« Leonie sah Sebastians Silhouette in der offenen Tür. Gefolgt von Max, dem Mops, betrat er den Raum. Warum nicht, dachte sie. Ihre Mutter hatte Tiere geliebt und sicher nicht gewollt, dass man ein Mausoleum aus ihrem Atelier machte.
»Ich bin manchmal hier«, sagte er leise. »Dann kann ich ihre Stimme und ihr Lachen hören. Diese Bilder …« Er trat näher heran, und der Mops folgte ihm auf leisen Sohlen.
»Sind wirklich gut«, vollendete sie.
»Wenn du das als Fachfrau sagst. Jedenfalls komplett anders als alles, was sie vorher gemalt hat.«
Leonie bückte sich und strich dem Mops über die seidigen Ohren und den speckfaltigen Hals. Er wedelte mit dem Hinterteil, entfernte sich und begann, die eingetrockneten Farbtuben zu beschnüffeln.
Sebastian ging zum Tisch und hob das Deckblatt eines Zeichenblocks. »Das hier ist übrigens von mir.«
»Du zeichnest in Mutters Atelier?«
»Ich bewahre nur meine Sachen hier auf«, sagte er. Neben dem Block lag eine Schachtel mit Blei-, Kohle- und Rötelstiften.
Leonie trat näher heran und betrachtete das obere Blatt. Es zeigte eine Ansicht des Kirschbaums von unten, durch die Froschperspektive gleichzeitig realistisch und dynamisch verzerrt. Sie blätterte weiter. Ein schlankes Mädchen, das mit einem Regenschirm in der Luft schwebte, zart und leicht wie eine Seifenblase.
»Woher kennst du die Baumelfe?«
»Flavia? Ich treffe mich manchmal mit ihr.«
Der ganze Block war voller Skizzen. Leonie hatte nicht gewusst, dass seine Begabung so herausragend war. »Weißt du, wie gut du bist?«
Er zuckte die Schultern. »Was heißt das schon?«
»Du solltest eine Mappe zusammenstellen und dich an verschiedenen Akademien bewerben. Du hast das Zeug zu einem Künstler.«
»Vielleicht mach ich das ja«, sagte er. »Wenn sie mich nicht vorher von der Schule werfen.«
»Dafür lohnt es sich, am Ball zu bleiben und das Abi zu machen. Vielleicht wird ja mal der nächste Anselm Kiefer aus dir. Komm!«
Entschlossen zog sie ihn am Ärmel. »Wir machen uns noch Spaghetti aglio e olio!«
Nach dem Essen, zu dem sich auch ihr Vater gesellt hatte, folgte ihr der Mops entschlossen unters Dach. An der Tür drehte sie sich zu ihm um. »Nur, wenn du brav bist und auf dem Boden schläfst.« Er schaute sie mit schief gelegtem Kopf treuherzig an. »Also gut. Ich hoffe, du benimmst dich.«
Sie setzte sich an den Computer und klickte eine weitere Jobseite an, diesmal eine regionale, auf der Angebote für Bürokräfte und Aushilfskellnerinnen standen. Nichts, nichts, und wieder nichts. Doch hier. Leonie überlief es heiß und kalt. Ein Volltreffer, na bitte. Es wurde eine Redakteurin für den Schwabenspiegel gesucht.
»Das In-Magazin für Stuttgart und Region«, las sie. Die Stelle sollte im Ressort Kultur sein, was wunderbar war, denn da konnte sie ihre Kenntnisse als Kunstkritikerin einbringen. Schon als Studentin hatte Leonie für verschiedene Blätter in der Region geschrieben, Schultheaterstücke und Kaninchenausstellungen besprochen und bei den Festen des Schwäbischen-Alb-Vereins die Jubilare fotografiert. Gleich morgen würde sie ihre Bewerbung und ihre Arbeitsproben an die Chefredakteurin schicken. Das Angebot war zwar nicht die Wucht, aber immerhin ein Anfang. Aber jetzt war sie zu müde, um überhaupt noch weiter auf den Beinen zu stehen. Leonie streifte die Flipflops von den Füßen, legte sich in Jeansshorts und T-Shirt auf ihr Bett und zog das Laken über sich. Irgendwann nach Mitternacht würde Leander aufwachen und zwei Stunden lang spielen wollen. Der Mops nahm Anlauf, folgte ihr mit einem entschlossenen Sprung, der das Bett in seinen Grundfesten erschütterte, und legte sich auf ihre Beine.
»Runter da«, zischte sie, und er rollte sich auf dem freien Platz neben ihr zusammen. »Meinetwegen«, murmelte sie, vergrub ihre Hand in den Speckrollen in seinem Nacken und war im Nu eingeschlafen.