22.

»Ej, Alter, was willst du hier?« Der dicke Junge ballte seine Fäuste und versteckte sie in den Taschen seiner Windjacke. Fast hätte Fabian geantwortet. »Ej, Kleiner, das geht dich gar nichts an«, konnte sich aber gerade noch beherrschen.

»Ich habe einen Termin mit Thomas Hertneck«, sagte er freundlich und wandte sich dem Eingang zu. Die Gewitterwolken verzogen sich langsam nach Osten und machten tropischer Schwüle Platz. Sein Empfangskomitee musterte ihn aus dunklen Augen.

»Okay.«

Wow, er hatte freien Eintritt und das ganz ohne Schutzgeld! Auch im Dunkeln wurde Fabian mit Bengeln wie diesem fertig, konnte sich aber vorstellen, dass manche Leute das anders sahen, vor allem, wenn ihnen mehrere von der Sorte gegenübertraten. Er hatte den hellblauen Saab an der Esslinger Burg geparkt und war den Hügel zu dem altehrwürdigen Gebäude hinaufgestiegen, das bis fast zur Mitte des 20. Jahrhunderts Esslingens jüdisches Waisenhaus gewesen war. Heute waren mehrere Einrichtungen der Jugendhilfe hier untergebracht, darunter das Heim, in dem Alessio die letzten Wochen vor seinem Verschwinden verbracht hatte. Links lag ein Sportfeld, auf dem mehrere halbwüchsige Jungs Basketball spielten. Als einer mit erstaunlicher Eleganz einen Korb warf, klatschten und johlten sie begeistert. Fabian öffnete die Tür, durchquerte einen langen Flur, in dem es nach verschwitzten Turnschuhen roch, und stand schließlich vor der Tür des Sozialpädagogen Thomas Hertneck.

»Herein«, rief es auf sein Klopfen.

Er trat ein und grüßte den bärtigen Mann auf der anderen Seite des Schreibtischs. Er sah mehr wie ein Boxer als ein Heimerzieher aus, aber möglicherweise kam ihm genau das im Umgang mit den Jungs zugute. Wenn sie nicht spuren, knockt er sie aus, dachte Fabian, und verdient sich so ihre Achtung. Rundum standen Aktenschränke und Regale voller Bücher, und an der Wand hing das Schwarzweißporträt eines weiteren Mannes mit Bart, Theodor Rothschild, dem ehemaligen Leiter des Waisenhauses, der im KZ umgekommen war. Durchs Fenster kam jetzt, nach dem Gewitter, eine frische Brise herein. Das Heim lag im gutbürgerlichen Viertel nahe der Esslinger Burg, beinahe in der Nachbarschaft von Fabians Eltern.

»Setzen Sie sich doch!« Der Sozialpädagoge bot ihm den Platz gegenüber an und lehnte sich zurück.

»Gerne, danke.«

»Wollen Sie Kaffee oder ein Glas Wasser?«

Er verneinte. »Sie wissen, weshalb ich da bin?«

»Alessio … Das wurde aber auch Zeit. Wir haben ihn schon vor einer Woche als vermisst gemeldet.«

Fabian nickte. »Alles deutet darauf hin, dass er in den letzten Tagen mehrere Straftaten begangen hat. Einen Handtaschenraub, der vielleicht der Auslöser für sein Verschwinden ist, und vorgestern eine schwere Körperverletzung. Sein Opfer liegt im Koma.«

Hertneck griff nach dem Päckchen Zigaretten auf dem Schreibtisch und klopfte eine heraus. »Scheiße«, sagte er unverblümt und zündete sie an. »Beim nächsten Mal kommen Sie doch bitte, bevor etwas passiert!« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich weiß, wie überflüssig solche Bemerkungen sind. Aber gerade Alessio. Als er kam, dachte ich, dass er eine reelle Chance hätte.«

»Warum?«

»Klar ist er schon mehrmals auffällig geworden, aber trotzdem … Alessio ist zu uns gekommen, als seine Mutter in die Klinik musste. Depressionen. Er ist nicht dumm und in der Lage, sein Verhalten zu reflektieren und daraus zu lernen.

Die Zigarette glühte auf, als Hertneck daran zog. Fabian setzte sich ein Stück näher ans offene Fenster.«

»Hat er eigentlich keine weiteren Verwandten in Esslingen?«

»Doch. Es gibt einen Onkel, aber zu dem wollte er nicht. Er hat sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt und wollte auch keine Besuche von ihm. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke – es könnte sein, dass er Angst gehabt hat.«

»Warum fürchtet er sich vor seinem einzigen Verwandten wie der Teufel vor dem Weihwasser?«

»Keine Ahnung.«

Fabian nahm sich vor, den Transportunternehmer Alberto Cortese zu überprüfen, sobald er wieder zurück in seinem Büro war.

Der Sozialpädagoge sprach weiter. »Alessio war nicht nur vom Tod seines Vaters und der Krankheit seiner Mutter schwer traumatisiert. Er hat in seiner Kindheit Gewalterfahrungen gemacht, die seine Persönlichkeitsentwicklung schwer beeinträchtigt haben. Zweimal hat er sich deswegen von uns in Obhut nehmen lassen. Freiwillig.«

Fabian nickte. Ein prügelnder Vater, der die Mutter misshandelte, wäre das nicht Grund genug gewesen, dass Alessio bei seinem Tod nachgeholfen hatte? Das konnte er ihm nicht einmal übelnehmen. Der Sozialpädagoge zog an seiner Zigarette und pustete Fabian den weißen Rauch ins Gesicht. Er unterdrückte ein Husten.

»Sie sind Nichtraucher? Entschuldigung«, sagte Hertneck und drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus. »In der Wohngruppe ging es zuerst ganz gut. Alessio ist auf den ersten Blick ein netter Junge, räumt den Tisch ab, stellt die Spülmaschine an, rührt die Suppe um. Schwiegermutters Liebling würde ich so einen nennen. Damit kommt er bei den Erziehern natürlich gut an.«

»Und die anderen Jungs?«

»Die loten, wenn ein Neuer kommt, zunächst einmal seinen Rang in der Hierarchie aus.«

»Wie alle Jungs«, sagte Fabian und erinnerte sich an entsprechende Prügeleien in der Schule.

»Anders. Hier geht es weit heftiger zu. Aber selbst das kann man ihnen nicht übelnehmen. Die Jungs, die zu uns kommen, sind arm dran. Ihren Eltern sind sie egal und wenn nicht, dann bringen sie ihnen das Falsche bei. Du bist der Beste, wenn du das neuste Handy hast und wenn du es schaffst, dem anderen schneller in die Fresse zu hauen als er dir.« Hertneck stand auf, holte die Kaffeekanne und goss die dunkelbraune Brühe in seine angeschlagene Henkeltasse. »Sie wollen wirklich keinen?«

»Ich hatte heute schon genug.« Fabian setzte sich zurück und streckte seine langen Beine aus. Er fand Hertneck nicht unsympathisch. Er war einer, der sich für seine Aufgabe einsetzte. So wie er selbst. Wahrscheinlich waren sie beide perfekte Kandidaten für einen Burnout. Wenn er nicht schon vorher sein Leben unter einem Zug aushauchte.

»Und was würden die Jungs brauchen, damit es besser läuft?«

Der Erzieher sah ihn aus seinen braunen Augen an, die jetzt leidenschaftlich blitzten. Es war klar, dass er über diese Antwort lange nachgedacht hatte. »Sie brauchen männliche Bezugspersonen und Vorbilder, für die Gewalt nicht alles ist. Jugendliche Gewalttäter, das sind nicht die Kerle, die freitags in die Moschee gehen, oder die Messdiener in St. Paul. Und es sind auch nicht die, die gestern mit der A-Jugend des Fußballvereins gewonnen haben oder die Kampfsportler, die zum Kickboxen gehen. Und auch nicht die Rockmusiker mit eigener Band. Es sind die, für die sich ihr Vater nicht interessiert, und die das nirgendwo und durch nichts kompensieren können. Ihre einzigen Bezugspersonen sind ihre Cousins mit den dicken Autos, die in der Stadt die besten Miezen abschleppen, auf zweifelhafte Weise ihr Geld verdienen und immer und überall damit durchkommen.«

»Und die zuschlagen, wann es ihnen passt«, sagte Fabian. »Damit beschreiben sie ein typisch kriminelles Milieu. Aber Alessio ist doch in einer kleinen heilen Familie aufgewachsen.«

»Wissen Sie das?«, fragte Hertneck.

Fabian schüttelte den Kopf. »Das war ironisch gemeint.«

»Wegen seinem freundlichen Verhalten uns gegenüber haben die anderen Jungs Alessio in die unterste Schublade gesteckt – Marke Weichei – und gedacht, sie könnten mit ihm machen, was sie wollten. Aber er hat sie schnell eines Besseren belehrt. Wir mussten erleben, dass er gewaltbereit ist und noch dazu unberechenbar. Bei ihm öffnen sich Abgründe, von denen man völlig überrascht wird. Einmal hat er Cem aus seiner Wohngruppe auf den Boden geworfen und mit einem Klappmesser bedroht. Er hatte es ihm schon an den Hals gesetzt. Wer weiß, was passiert wäre, wenn ich nicht eingegriffen hätte.«

»Und was hatte die Attacke ausgelöst?«

Hertneck zuckte die Achseln. »Italien – Türkei. Das muss bloß eine blöde Bemerkung über Fußball gewesen sein. Wenn man ihn reizt, reagiert Alessio komplett über, auch bei Nichtigkeiten, aber Anspielungen auf seine Familie und seine italienische Herkunft kann er überhaupt nicht ab. Er ist jähzornig und spiegelt damit genau das, was er in seiner Kindheit von seinem eigenen Vater erfahren hat.«

Fabian nickte. »Vorgestern ist er komplett ausgerastet. Er hat einen Jungen ins Koma geprügelt.«

»Das kann ich mir gut vorstellen.« Hertneck stand auf und trat mit Fabian auf den gekachelten Flur hinaus, in dem ihre Schritte widerhallten. Hinter einer der Türen stritten sich zwei Jungen lautstark um irgendein Lied auf YouTube. »Das ist doch Coverscheiße, Mann!«, rief einer. »Mach das aus!«

»Du hast echt keinen Durchblick«, gab der andere zurück und drehte voll auf.

Hertneck legte die Hände auf die Ohren und grinste. »Die meisten Konflikte tragen sie ohne Prügeleien aus.«

Fabian trat auf den Hof hinaus, über dem jetzt Stille lag. Die Basketballer hatten zu spielen aufgehört. Das Feld war so hoch umzäunt, dass der Ball auf keines der Nachbargrundstücke fallen konnte, die direkt an das Heim angrenzten.

»Und was machen Sie jetzt?«, fragte Hertneck.

»Es gibt Hinweise darauf, dass sich Alessio in Stuttgart in der Straßenkinderszene aufhält. Mit den dortigen Kollegen werden wir den Kids mal einen Besuch abstatten.«

»Wenn Sie ihn haben«, sagte Hertneck leise, »dann geben Sie ihm eine Chance! Suchen Sie nach der Wahrheit!«

Blutiger Regen: Leonie Hausmann ermittelt im Schwäbischen
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