55.
Fabian wollte gerade in seinen wohlverdienten Feierabend verschwinden, als das Telefon klingelte. Keller, der rangegangen war, hielt ihn mit einer Geste zurück. Nachdenklich legte sein Chef nach einer Weile den Hörer auf. »Das Krankenhaus. Die Frau, die gestern vom Rettungsdienst nach einem Selbstmordversuch gefunden wurde, ist Laura Cortese«, sagte er.
»Was?«
Sie hatten die Meldung zwar angenommen, den Zusammenhang aber nicht hergestellt, denn der Rettungsdienst hatte keinen Namen angegeben. Fluchend warf er seine Jacke auf den Stuhl zurück. »Ist sie schon vernehmungsfähig?«, fragte er. Keller legte seine Finger aneinander. »Bei Bewusstsein ist sie. Du kannst es ja mal versuchen.«
»Kümmerst du dich um den Durchsuchungsbefehl bei diesem italienischen Schlitzohr? Für die Firma und das Haus?«
»Spätestens morgen liegt er auf dem Tisch.«
Er schnappte sich die Autoschlüssel und ging.
Als Fabian das Krankenzimmer betrat, lag Laura Cortese mit dem Kopf zur Wand im Bett. Sie hatte sich eingerollt wie eine Schnecke in ihr Haus.
»Frau Cortese?«
Sie trug noch immer das schwarzweißgemusterte Krankenhausnachthemd und drehte sich so langsam um, als würde ihr Körper Tonnen wiegen. Tränenspuren zogen sich ihre Wangen hinab. Auf ihrer Stirn klebte ein Pflaster.
»Ja?«
Zögernd trat er näher und zog sich einen Stuhl heran. Lauras Bettnachbarin hatte Kopfhörer im Ohr, die fest mit ihrem Laptop verstöpselt waren, und nahm keinerlei Notiz von ihnen.
»Wie geht es Ihnen?«
Laura schwieg einen Moment. »Es kommt immer anders, als man denkt«, sagte sie dann so leise, dass er sich vorbeugen musste, um sie zu verstehen. »Ich hatte mir einen großartigen Abgang ausgedacht, filmreif, erst Tabletten und dann die Pulsadern. Doch dann haben die Mistdinger schneller gewirkt, als ich dachte, und ich bin mit dem Kopf auf den Rand der Badewanne gefallen.«
»Aber es ist doch gut, dass es nicht geklappt hat. Dass Sie noch leben, meine ich.« Fabian verhaspelte sich. Was für einen miserablen Psychologen er doch abgab!
»Das meinen Sie also?« Ihre Augenhöhlen lagen dunkel in ihrem blassen Gesicht. Er hörte den Spott in ihrer Stimme. »Warum?«
Weil sich das Leben lohnt, hätte er beinahe gesagt, aber dann fand er diesen Trost zu billig. »Das müssen Sie selbst herausfinden.«
Ihre schmale Hand griff nach seiner. »Und wenn es keinen Ausweg gibt?«
»Aber Sie sind frei«, wandte er ein und dachte an ihren prügelnden Ehemann, der das Zeitliche gesegnet hatte. In diesem Moment war Fabian komplett egal, ob sie den alten Cortese beseitigt hatte. Doch sie schüttelte vehement den Kopf.
»Sie wissen nichts von meiner – Familie.«
»Ich glaube doch, Frau Cortese. Ich war eben dort.«
Ihre Augen weiteten sich. »Sie waren was?« Verwundert bemerkte er, dass sie Angst hatte.
»Ja … bei Alberto Cortese und diesem Corrado in Aichwald. Alessio war bei ihnen. Aber jetzt haben sie ihn nach Kalabrien geschickt.«
Sie nickte, als würde sie das nicht weiter überraschen.
»Warum haben Sie mir nicht die Wahrheit gesagt?«, fragte er.
Sie legte sich auf das Kopfkissen zurück. »Manchmal muss man lügen. Glauben Sie mir, es war besser so. Bei uns in Italien hat die Familie das Recht, sich einzumischen.«
Einen Moment lang stutzte Fabian und hatte plötzlich Leonies Stimme im Ohr. Konnte Alessio ein Mafiamitglied sein, das sich lösen wollte, aber von seinem Onkel in der Organisation festgehalten wurde? Eine Mafiazelle im ländlichen Lobenrot an der Peripherie des behäbigen Esslingen? So unwahrscheinlich das war, Fabian schwor sich, dass er schon morgen in Corteses Büro und seinem Wohnhaus das unterste nach oben kehren würde. Er stand auf und ging zur Tür. Doch was Laura Cortese als Nächstes sagte, ließ sein Herz einen Schlag lang aussetzen.
»Ihre Freundin hat mir das Leben gerettet. Aber ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.«
»Meine Freundin?« Zum ersten Mal seit Wochen dachte er an Sandra, aber dann … Abrupt wandte er sich um. »Meinen Sie Leonie?«
»Die hübsche Brünette, die mit Ihnen am Samstag im Rathauscafé war. Sie hat mich bewusstlos im Badezimmer gefunden und wiederbelebt.«
Sehr leise zog er die Tür des Krankenzimmers hinter sich zu. Sein Kopf war vollkommen leer.
Er ging ins Parkhaus, stieg ein und legte seine Hände aufs Lenkrad. Gestern hatte sie ihm nicht nur verraten, dass sie ihn mochte, sondern ihn auch um Rat gefragt. Viel zu schnell hatte er ihre Recherchen als haltlose Verdächtigungen abgetan. Ein Mafiaclan in Esslingen, der Perle der schwäbischen Provinz, das konnte es nicht geben. Diese Dinge passierten in Reggio Calabria, Palermo und Neapel, vielleicht noch in Duisburg oder Stuttgart. Aber nicht in der Nachbarschaft. Und wenn doch?
Er lenkte den Saab aus dem Parkhaus in die Hirschlandstraße, bog rechts ab und stand plötzlich direkt vor Leonies Haus. Er holte tief Luft, stieg aus und klingelte. Der Mops bellte erfreut. Fabian hörte, wie er über den Boden schlitterte, bevor er vor der Haustür zum Stehen kam. Es dauerte einen Moment, bis ihm jemand folgte.
»Herr Grundmann. Sie schickt der Himmel«, sagte Leonies Vater und zog ihn am Ärmel ins Innere des Hauses.
In der Küche hatte sich fast die ganze Familie um den Tisch versammelt. Herr Hausmann setzte sich und fuhr sich nervös durch sein spärliches Haar. Leonies blonde Schwester stellte gerade einen Korb mit Butterbrezeln auf den Tisch. Der Bruder lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und wippte zum Klang seines Handys gelangweilt mit den Füßen. Leander saß auf dem Schoß eines Mannes, der aussah wie eine ältere Ausgabe seiner selbst, und strampelte mit den Beinen. Nur Leonie fehlte.
»Polizei«, sagte der Fremde mit einem schwachen italienischen Akzent. »Wie gut, dass Sie gekommen sind. Mein Name ist Damiano di Luca.« Das musste dieser Kunstgeschichtsprofessor aus Rom sein, den Leonie letztens erwähnt hatte. Leanders leiblicher Vater. Fabian spürte einen Stich schwärzester Eifersucht. Der Typ hatte sich ja ruckzuck in die Familie integriert.
»Hätten Sie gern einen Kaffee?«, fragte Leonies Schwester höflich. Als er bejahte, goss sie ihm eine Tasse ein und schob Milch und Zucker über den Tisch.
»Wo ist Leonie?«
»Wir wissen es nicht«, sagte der Fremde und verhinderte, dass der Kleine mit der Hand nach der Zuckerdose griff. »No, no!«
»Wir dachten, Sie wüssten vielleicht, wo sie stecken könnte«, sagte die Schwester.
»Keine Ahnung.« Eiskalte Angst griff nach Fabian. Mühsam kämpfte er um seine Selbstbeherrschung.
»Wir dachten, dass sie vielleicht bei Ihnen ist.« Leonies Vater setzte sich müde an den Tisch und stützte seinen Kopf in die Hände. Nachdenklich trank Fabian einen weiteren Schluck Kaffee. Wenn Leonie etwas passiert war, dann trug er die Schuld daran, denn er hatte ihr nicht geglaubt.
»Seit wann hat sie sich nicht mehr gemeldet?«
»Wir haben heute Mittag das letzte Mal von ihr gehört«, sagte die Schwester. »Sie hat Leander mit unserer Haushälterin einkaufen gehen lassen. Als Emine zurückkam, war Leonie verschwunden.«
»Haben Sie versucht, sie anzurufen?«
»Natürlich. Aber ihr Handy ist ausgeschaltet.«
»Das sieht ihr überhaupt nicht ähnlich«, sagte ihr Vater. »Seit Leander auf der Welt ist, ist Leonie ein Muster an Zuverlässigkeit.«
»Und niemals«, fügte seine ältere Tochter verbissen hinzu. »Niemals würde sie Leanders Essens- oder Schlafenszeiten verpassen.«
Sie stellte ein Obstbreigläschen auf den Tisch und öffnete mit einem leisen Plopp den Deckel. Dann drückte sie es mitsamt Löffel Leanders Vater in die Hand, der den Kleinen zu füttern begann.
»Ich verstehe nicht, dass ihr euch solche Sorgen macht«, sagte Sebastian lässig und legte seine Füße dem Mops auf den Rücken, der aufstand und sich schüttelte. »Leonie muss doch ihre Freiheit haben. Als Mutter ist man doch keine Sklavin.« Die Runde ignorierte seinen Einwurf.
»Vielleicht ist sie bei diesem Gianluca«, sagte Sybille vage.
»Bei wem?«, fragte ihr Vater entgeistert. Fabian sah erstaunt, wie die distinguierte Sybille rot anlief. »Wir waren doch letzte Woche essen. In diesem italienischen In-Restaurant am Jägerhaus.« Sie suchte nach Worten. »Leonie hatte eine Einladung – von dem Chefkoch und Besitzer.«
»Ich gehe sie suchen.« Fabian stand auf und schob seine halbleere Kaffeetasse zurück.
»Und wenn Sie Leonie nicht finden?«, fragte Herr Hausmann müde.
»Dann gebe ich noch heute eine Vermisstenmeldung auf. Aber ich werde sie finden.« Damiano di Luca folgte ihm mit dem Kind auf dem Arm in den Hausflur und zog sorgfältig die Tür zur Küche hinter sich zu.
»Wissen Sie, dass Leonie über die Mafia recherchiert hat?«, fragte er.
»Ich denke an nichts anderes mehr«, sagte Fabian und verließ das Haus.