18.

Sie würden der Zeitungsschlampe einen Denkzettel erteilen. Es war Abend, und die Abgase von Stuttgart City prasselten in einem Regenschauer auf die engen Häuserzeilen im Stuttgarter Westen herunter. Zu gern hätte Kain die Angst in ihren Augen gesehen und ihr gezeigt, was er noch alles drauf hatte. Doch man hatte ihm verboten, sich direkt mit ihr auseinanderzusetzen, und er hielt sich an die Befehle. Er hatte den Geländewagen am Straßenrand der Reinsburgstraße auf einem der wenigen legalen Parkplätze abgestellt und seine Hände locker auf das Lenkrad gelegt. Der Junge neben ihm rutschte unruhig hin und her und befingerte seinen Rucksack, in dem die Spraydosen aneinanderklackerten. Anders als Alessio tat er, was man ihm sagte.

»Keine Panik!«, sagte er, und der Junge lächelte schief.

Er fühlte sich gut, brannte vor Tatkraft. Der Geländewagen – er genoss es, wenn man ihm gestattete, ihn zu benutzen. Im Auto roch es nach den Ledersitzen, und die PS spürte man daran, dass der Motor schnurrte wie ein Kater, wenn er ihn mit einer leichten Handbewegung auf die linke Spur zog. Jetzt stand das Baby. Er schaute in den Seitenspiegel, erkannte die Streife, die langsam die Straße herabfuhr. Blausilbern. Als sie vorüber war, zählte er bis zehn und stieg aus. Der Junge folgte ihm. Er kaufte einen Parkschein und platzierte ihn akribisch ordentlich vor der Windschutzscheibe. Dann gingen sie an die Arbeit.

Die Redaktion der Zeitung lag im Hinterhof, rundum ragten Ziegelwände auf, Mülltonnen vollgestopft mit Altpapier, nasses Gras. Das ganze Haus stand dunkel und still unter dem grauen Himmel, aus dem es noch immer leise tropfte.

»Keiner da«, sagte der Junge.

Er nickte und ging daran, die Tür mit einem Dietrich zu öffnen. Was kein Problem war, denn es handelte sich um ein Schloss aus der Zeit vor hundert Jahren. Wenn sie wüssten, wer ihnen auf den Fersen war, würden sie sich zweimal überlegen, ihr Haus ungesichert zu lassen. Bei diesem Gedanken spürte er die Macht, die von ihm ausging. Im Nu standen sie im Flur, von dem eine Tür zu einer kleinen Druckerei abzweigte, die genauso dunkel und leer wie der Rest des Hauses dalag. Davor hatten Handwerker einen Eimer und zwei Säcke mit Sand und Zement zurückgelassen.

»Wollen wir?«, fragte der Junge aufgeregt und deutete auf das Zubehör. Es war zweifellos eine reizvolle Idee, denen einen Eimer Zement vor die Füße zu kippen, und es weckte so viele dunkle Erinnerungen. Leute waren einbetoniert worden oder waren mit einem Betonklotz am Bein im Hafenbecken von Palermo ertrunken. Mit leisem Bedauern schüttelte er den Kopf. »Wir machen ein Graffiti vor ihrer Tür«, sagte er leise.

Auf keinen Fall sollte sie hier jemand erwischen. Im Dunkeln schlichen sie die Treppe hinauf, bis sie vor der Tür zur Redaktion standen, die dem Eingang einer Mietwohnung ähnelte.

»Und warum macht ihr sie nicht gleich einen Kopf kürzer?« Der Junge lockerte den Verschluss seines Rucksacks. »Ich meine, wenn sie euch schon an den Karren gefahren ist. Sie hat schließlich all diese Lügen verbreitet.« Er holte die Spraydosen heraus und wog sie in seiner Hand.

Es wäre ein Leichtes gewesen, der Alten den Kopf wegzupusten. Nichts hätte er lieber getan, und verdient hatte sie es, auch wenn die Lügen verdammt wahr gewesen waren. Er konnte die Deutschen nicht leiden, die sich nicht kaufen ließen und bei allem den moralischen Zeigefinger hoben. Die sollten froh sein, wenn man sie in Ruhe ließ. Er fuhr dem anderen durch die dichten Haare. »Lektion eins, Kleiner. Du hältst dich immer an das, was die da oben dir sagen.« Der Junge zuckte die Schultern, öffnete den Verschluss der roten Dose und schüttelte. »Was soll ich sprühen? Fotze?«

Er schüttelte den Kopf. »Ey, was sollen die denken, Mann, dass wir Banausen sind?«

»Also was jetzt?«

»Mach was Englisches!«

Die Buchstaben entstanden im Nu, rot zuerst, dann kam noch eine blaue Umrahmung dazu. Und schließlich stand groß und unübersehbar »Stoppit« auf der weißen Wand im Treppenhaus. »Voll das Kunstwerk.« Er klopfte dem Jungen auf die Schulter.

»Und das soll alles gewesen sein?«, fragte der enttäuscht.

Und plötzlich sah er das genauso. »Komm!«, rief er. Sie waren schnell unten, lachten, spürten, wie das Adrenalin hochschoss. Er schüttete Sand und Zement in den Eimer und holte Wasser im Waschraum der Druckerei, die einfach offen stand. Hier steckten sie auch die Bohrmaschine der Handwerker ein und rührten den zähen Speis um, bis er zu einem dickflüssigen Brei geworden war. Sie schleppten den Eimer bis zur Tür, öffneten sie und gossen den Inhalt in den offenen Eingang, auf die bunten, uralten, etwas zersprungenen Fliesen.

»Wie Kotze«, sagte der Junge andächtig.

Er haute ihm auf die Schulter. Das hatten sie gut gemacht. »Und jetzt?«, fragte der andere. »Wir warten.«

Sie standen, schauten in den offenen Hof hinaus, über dem sich eine blaue Dämmerung ausbreitete. Die Regenwolken waren verschwunden und hatten einem Himmel Platz gemacht, so leer wie ein Schacht, der einen in die Tiefe ziehen wollte. Und warteten noch immer. Niemand nahm von ihnen Notiz, auch nicht die Ratte, die zwischen den Mülltonnen hin- und hersauste.

»Wie lange noch?«, fragte der Junge.

Er berührte die Zementmasse mit seiner Schuhspitze. »Jetzt!« Er zog die hölzerne Eingangstür mit ganzer Kraft über die ausgehärtete Zementschicht, spürte in den Schultern, wie Türblatt und Zarge verbogen und drückte die Tür so nahe wie möglich ans Schloss. Zumachen ließ sie sich nicht mehr. Die Leute würden morgen früh ein größeres Problem haben, wenn sie sie öffnen wollten.

»Das war’s«, sagte er. Sie verließen den Ort so unbehelligt, wie sie gekommen waren.

Blutiger Regen: Leonie Hausmann ermittelt im Schwäbischen
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