14.

So schnell er konnte, lief Alessio aus der Unterführung hinaus ans Licht. Er rannte die Allee hinunter in den weniger belebten Teil des Schlossgartens, der schon fast in Bad Cannstatt lag. Irgendwo vor ihm mussten der Neckar und die Mineralbäder sein. Auf den Wiesen standen einzelne Bäume wie Riesen. Er traf nur noch wenige Spaziergänger, ältere Damen mit Hund oder engumschlungene Pärchen, die ihm verblüfft nachschauten, weil er es so eilig hatte. Hin und wieder überholte er einen trägen Jogger mit Headset oder sprang zur Seite, wenn ihn ein Radfahrer mit seiner Klingel rüde zurechtwies. Laufen konnte er lange, darin war er so gut, dass Herr Wessler aus der Schule ihn am liebsten im Leichtathletikverein angemeldet hätte. Aber er wollte seine Mutter Laura nicht mit dem Alten alleinlassen, der immer, wenn er gesoffen hatte, zum unberechenbaren Schläger wurde. Alessio rannte und rannte, leerte seinen Kopf von überflüssigen Gedanken. Doch schließlich machte sich die Erschöpfung bemerkbar, die seit dem Handtaschenraub immer häufiger nach ihm griff, und dass er seit Tagen nichts Richtiges gegessen hatte. Ihm wurde schwarz vor Augen, seine Umgebung drehte sich, als säße er auf einem Kettenkarussell. Er fiel ins Schritttempo und legte die Hände auf seine Knie. Langsam, indem er tief atmete, kam die Welt zum Stehen.

Nick war tot. Er hatte das dunkelrote Blut gesehen, das auf die Gleise gelaufen war.

Als dieser Gedanke in sein Bewusstsein gedrungen war, wurde ihm der Hauptweg zu heiß. Wie schnell würden die Bullen seine Spur aufnehmen? Er bog nach links auf die Wiese ab und rannte auf eine Baumgruppe zu, egal was, Hauptsache grün und so dicht, dass er sich verstecken konnte. Als er sich an einem glatten Stamm zu Boden gleiten ließ, wäre seine Hand beinahe in einer gebrauchten Spritze gelandet, die ein Junkie dort verloren hatte. Mit spitzen Fingern griff er nach dem Ding und schleuderte es weit von sich. Er hasste alle Drogen. Dass der Alte gesoffen hatte wie ein Loch, reichte völlig aus. Da musste er sich nicht an einer benutzten Spritze irgendeine Seuche einfangen.

Um ihn herum war es still. Langsam kam er wieder zu Atem. Und dann waren da die Tränen, die ihm durchs Gesicht liefen, in den Mund und am Kinn herunter. Er hatte jahrelang nicht geweint, auch nicht bei der Beerdigung, warum auch? Aber jetzt heulte er Rotz und Wasser. Er hatte Nick umgebracht. Und Leandros Mutter hatte zugesehen, die so etwas wie sein Lichtblick gewesen war. Jetzt war sein Leben so oder so vorüber. Stundenlang saß er da und spürte die Leere. Doch irgendwann musste er dringend pinkeln.

Nachdem er sich erleichtert hatte, wagte er sich aus dem Gebüsch heraus auf die Weite der Wiese. Er schaute sich um. Der Himmel war grünlich blau, im Westen golden. Ein friedlicher Samstagabend, an dem die meisten Leute sich mit Freunden trafen oder in Clubs abhingen. Weit und breit keine Bullen, keine Pferde und keine Hunde, die bellend Witterung aufnahmen. Noch durchkämmten sie den Schlossgarten nicht mit Hundertschaften nach ihm. Er erreichte einen kleinen Seitenweg, den er vorwärts lief in Richtung Rosensteinpark.

Als er die Feuer sah, war der Tag in einen blauen Abend übergegangen. Es roch dermaßen gut. Grillten da welche? Neugierig trat er heran und sah orangerot lodernde Glut. Sie hatten tatsächlich ein Feuer angezündet, Würstchen auf Stöcke gespießt und hielten sie in die Flammen. Ihre Haare waren bunt. Gestreifte Hahnenkämme in allen Farben, Glatzen, buntkarierte Hosen, dicke Ketten, Springerstiefel, schwarzer Lippenstift. Er hatte um die Kids, die tagsüber auf der Königsstraße schnorrten, seit Tagen einen großen Bogen gemacht, aber sein Hunger war so groß, dass ihm bei dem Geruch das Wasser im Mund zusammenlief.

Ein Mädchen stand auf. Ihr Köter, irgendwas Gemischtes mit Schäferhund, knurrte warnend, und sie legte ihm die Hand auf den Nacken.

»Still, Ronja. Hey, du kannst ruhig näherkommen. Wir beißen nicht.« Ihre Haare waren so blau wie das Meer, und ihre zerrissene schwarze Strumpfhose zeichnete ein Spinnennetz auf ihre Beine.

»Setz dich doch!«, sagte sie, als wäre das ein Wohnzimmer und sie würde ihm einen Platz neben sich auf dem Sofa anbieten.

Schweigend hockte er sich auf die Wiese.

»Du siehst völlig verhungert aus! Willst du eins?«

Gierig griff er nach dem Stock, den sie ihm hinhielt. Die Wurst an seiner Spitze war nur ein bisschen angekokelt und so geschnitten, dass sie sich wie eine Blume aufgefaltet hatte. »Danke!« Bei seiner letzten Begegnung mit Feuer wurde ein Bild des Heiligen Antonius von Padua verbrannt, auf das man vorher sein Blut geträufelt hatte.

»Geht klar.« Ihr Blick traf ihn aus schwarzumrahmten Augen. Alessio nickte, biss in das Würstchen und brach auch dem Hund ein Stück ab. Nie hatte er etwas Besseres gegessen.

»Ich bin übrigens Blue«, sagte sie. »Und wie heißt du?«

»Alessio.«


Sie kamen, als der Mond schon hoch am Himmel stand und den Park in sein weißes Licht tauchte. Alessio erkannte zuerst den Autoscheinwerfer auf dem Hauptweg, der dann verlöschte, etwas später den Schein der Taschenlampe, mit der sie sich ihren Weg über die Wiese bahnten. Er sprang so schnell auf, dass er über seine Füße stolperte.

»Bleib sitzen!«, schnauzte ihn der Junge an, der neben ihm saß, und seine Beine sackten unter ihm weg, als hätte er Wachs in den Knien.

»Suchen die dich?«, wisperte Blue.

Er nickte.

»Zieh dich aus!«, herrschte der Junge ihn an, und der knallbunte Hahnenkamm auf seinem Kopf wippte bedenklich auf und ab. Auch die anderen schauten hoch, aufgeschreckt, aber nicht so, als würden sie ihn gleich verpfeifen. Eilig streifte er sein Kapuzenshirt über den Kopf und setzte sich darauf. Der mit dem Hahnenkamm sah ihn zweifelnd an und goss ihm dann den Rest Bier aus seiner Flasche über den Kopf.

»Haare nach hinten!«, sagte er. »Und jetzt rühr dich nicht vom Fleck!«

Er strich sich die Haare glatt an den Kopf, das Bier klebte fast wie Gel. Und dann warteten sie. Blue griff nach seiner Hand, der Hund legte die Schnauze resigniert auf die Vorderpfoten und begann zu winseln. Und dann waren sie auch schon da, zu dritt, gekleidet in blaue, gut sitzende Uniformen. Der Erste rümpfte die Nase. Alessio zog die Schultern hoch und hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst. Von seinen Haaren tropfte es ihm kalt den Rücken herunter.

»Schnapsleichen«, sagte der eine Polizist.

»Hey, Meister. Können wir was für Sie tun?« Der Junge, der ihm das Bier über den Kopf gekippt hatte, stand auf.

»Ja …« Der Polizist blickte sich um. In seinem Blick stand Verachtung, und einen Moment lang sah Alessio die Gruppe mit seinen Augen. Bunte Haare, Löcher in den Strumpfhosen, magere Hunde. Nackte Oberkörper. Drogen, wenn sie welche hatten. Lauter abgewrackte Straßenkids ohne Zukunft.

»Habt ihr einen Jungen gesehen? Ungefähr fünfzehn. Blaues Kapuzenshirt. Dunkle Haare, Locken.«

Der Anführer spuckte ins Gebüsch. »Und warum sucht ihr den?«

»Übler Schläger. Hat einen anderen schwer verletzt. Liegt im Koma.«

Alessio hob den Kopf und war plötzlich sehr erleichtert. Koma war immerhin nicht tot. Der Polizist sah sich in der Runde um, schaute demonstrativ von einem zum andern. Alessio meinte, dass seine Augen an ihm kleben blieben wie Kaugummi, aber dann lenkte er sie doch weiter. »Ist so einer bei euch aufgetaucht?«

»Ne, Mann, das sind alles unsere Leute. Das sehen Sie ja. Aber wenn wir was hören, melden wir uns.«

»Wir haben euch im Auge«, sagte der Polizist noch einmal warnend. »Und das mit dem Feuer habe ich nicht gesehen. Beim nächsten Mal wird das anders sein.«

»Geht klar, Mann.«

Sie drehten ab und machten die Biege. Der Junge hockte sich mit einer fließenden Bewegung neben Alessio ins Gras und öffnete eine Bierflasche.

»Da geht dir der Arsch auf Grundeis, Kleiner, was?«, sagte er. »Blue hat sich bei so was mal in die Hose geschifft, als sie als Kurierin …«

Das Mädchen verpasste ihm einen Stoß in die Rippen. Er gab die Flasche an Alessio weiter, der einen großen Schluck nahm.

»Warum habt ihr mich gedeckt?«, fragte er dann.

»Weil wer deren Feind ist, nur unser Freund sein kann«, sagte der andere Junge und reichte ihm die Hand. »Hans-Georg. Du kannst mich Henne nennen.«

Blutiger Regen: Leonie Hausmann ermittelt im Schwäbischen
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