3.

Leonie hatte den ganzen Morgen Kirschen entkernt und zu Marmelade verkocht, während ihr Vater Leander zum Angeln mitgenommen hatte. Jetzt waren sie endlich ausgehfertig. Leander steckte in einer neuen Windel, einer dreiviertellangen Jeans und einem gestreiften T-Shirt, und Leonie hatte sich nach dem Duschen in Schale geworfen. Ihr langes, braunes Haar fiel locker und frisch gewaschen über ihre Schultern. Sie trug geflochtene Ledersandalen, einen kurzen Leinenrock und eine weiße Bluse. Fast erinnerte sie ihre Kleidung an ihr elegantes Outfit in Rom, wo sie ihre Abende auf der Piazza Navona verbracht hatte, mit Blick auf die abendliche Flanierstunde der Römer.

Sie setzte Leander in den Buggy.

»Auf geht’s!«, sagte sie dann und schob den Wagen durchs Gartentor auf den Gehweg. Weiße Wolken standen am blauen Himmel. Die Vorgärten der Nachbarhäuser lagen im strahlenden Licht des Spätnachmittags. Eine halbe Stunde noch bis zu ihrem Termin. Das reichte, um das Grab ihrer Mutter auf dem Ebershaldenfriedhof zu besuchen.

Als sie das schmiedeeiserne Tor öffnete, umfing sie Stille. Die alten Bäume legten Schatten über die Wege. Langsam schob sie den Wagen den schnurgeraden Hauptweg entlang. Die Grabkappelle, ein Zentralbau, bei dem der Architekt in bester Neorenaissancemanier den Proportionen der Palladianischen Villen nachgeeifert hatte, ließ sie hinter sich. Davor lag der jüdische Friedhof mit dem Denkmal für die Zwangsarbeiter, die sich während des Nationalsozialismus im Lager am Flughafen totmalocht hatten, ein riesiger, liegender Davidsstern. Besucher hatten kleine Steine auf die jüdischen Gräber aus dem 19. Jahrhundert gelegt, deren Inschriften nicht mehr zu erkennen waren. Mit der Zeit würden die Kiesel auf den moosbewachsenen Grabstellen verschwinden. Die Gedenksteine würden weiter verwittern, die Namen der Verstorbenen immer weniger leserlich sein, doch der Platz wäre immer noch da, auch nach Jahrhunderten. Ein jüdischer Friedhof war nicht auflösbar.

»Da«, machte Leander und zeigte auf einen großen Vogel, der zum Himmel flog. Er zog an seiner Mütze und warf sie auf den Boden. Leonie hob sie auf, klopfte sie ab und setzte sie ihm wieder auf den Kopf.

Langsam wanderten sie den Hauptweg hinunter bis zum christlichen Teil des Friedhofs, der in tiefer Ruhe lag. Rechts des Weges befanden sich die Gräber aus der Gründerzeit. Das Grab von Irene Hausmann lag auf der linken Seite im neueren Teil des Friedhofs. Es war immer schön gepflegt. Leonies Vater hatte darauf verzichtet, an der Grabstätte seiner Frau seine botanischen Kenntnisse auszuleben, und es einfach mit ihren Lieblingsblumen bepflanzt. Jetzt prangte es in allen Farben des Hochsommers. Leonie kam oft hierher. Als sie in Rom war, hatte sie kaum an ihre Familie gedacht, doch heute machte ihr der Verlust umso mehr zu schaffen. Nie würde ihre Mutter Leander kennenlernen und niemals Sebastian erleben, der hinter seiner Aufsässigkeit leidenschaftlich für Gerechtigkeit eintrat. Nie würde sie sehen, wie erstaunlich gut Sybille mit ihrem Leben zurechtkam. Vater trauerte immer noch und würde wahrscheinlich bis zum Ende seines Lebens nicht damit aufhören. Und mir kannst du keinen Rat geben, jetzt, wo mein Leben in Scherben liegt, dachte sie traurig und sammelte ein paar trockene Blätter vom Immergrün. Der weiße Rosenstrauch hinter dem Grabstein blühte in diesem Jahr besonders üppig und duftete gegen ihre Traurigkeit an. Vielleicht war das ja ein Gruß von der anderen Seite.

»Da!«, staunte Leander und streckte seinen Zeigefinger aus.

Guck mal, er hat schon Zähne, dachte Leonie.

Blutiger Regen: Leonie Hausmann ermittelt im Schwäbischen
titlepage.xhtml
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_000.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_001.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_002.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_003.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_004.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_005.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_006.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_007.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_008.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_009.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_010.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_011.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_012.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_013.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_014.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_015.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_016.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_017.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_018.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_019.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_020.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_021.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_022.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_023.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_024.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_025.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_026.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_027.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_028.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_029.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_030.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_031.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_032.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_033.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_034.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_035.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_036.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_037.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_038.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_039.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_040.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_041.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_042.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_043.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_044.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_045.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_046.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_047.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_048.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_049.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_050.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_051.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_052.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_053.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_054.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_055.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_056.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_057.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_058.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_059.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_060.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_061.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_062.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_063.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_064.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_065.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_066.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_067.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_068.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_069.html
CR!4V8RQRD8SS2KB8GQHBTYC5W40GQ0_split_070.html