2.
Es war ein dunstiger Tag Anfang Mai. Die Vorstadtstraße in Stuttgart-Zuffenhausen lag wie ausgestorben. Massimo Girolamo hatte die Pizzeria wie immer nachmittags um halb drei geöffnet. Jetzt würden zwar noch keine Kunden kommen, aber es brauchte Zeit, den Teig und die Beläge vorzubereiten und die Öfen auf die richtige Temperatur zu bringen. Andrea, sein Sohn, der neben seiner Arbeit im Porschewerk für ihn als Fahrer jobbte, war noch nicht da. Schon fast zwanzig Jahre lang betrieb Massimo die Pizzeria »Il Forno« in der Arbeitervorstadt Zuffenhausen. Er war grau geworden darüber, und seine Knochen waren müde. Dazu kam, dass die Geschäfte besser laufen könnten. Kurzarbeit, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit. Die Leute kochten lieber selbst, aber seine Frau Maria und er kamen über die Runden. Andrea war bei Porsche gut versorgt, und ihre Tochter Bianca hatte in der Toskana einen Gastwirt geheiratet und machte den großen Reibach mit ihrer Osteria in Montepulciano. Er konnte also zufrieden sein. Wenn er auf der Hut war.
In aller Ruhe öffnete Massimo eine große Dose Artischockenherzen, goss sie ab und füllte eine Porzellanschüssel damit. Vor der Verkaufstheke standen drei Kisten Tomaten, deren Qualität er überprüfte. Bene, genau so mussten sie sein! Länglich und aromatisch. Andrea hatte sie in der Nacht auf dem Großmarkt gekauft und dabei seinen Kennerblick bewiesen. Er schaute auf das Schild an der Kiste. Das waren keine holländischen Treibhausdinger, die die Sonne nur dem Namen nach kannten, sie stammten aus Sizilien, so wie Massimo und Maria. Nicht mehr lange und sie hatten genug zusammengespart für ihren Lebensabend an der Küste. In Stuttgart war sogar der Sommer neblig, verhangen und staubig von den Abgasen. Wie er sich nach dem Meer und der Sonne sehnte!
Kaffeeduft breitete sich aus. Er hatte die Espressomaschine schon angeworfen und freute sich auf die Tasse Cappuccino, die sie sich nachmittags immer gönnten.
»Maria, Caffè«, rief er in die Küche.
Niemand konnte den Pizzateig so glatt und dünn auswellen wie sie. Manchmal warf sie ihn in die Luft, und wenn er dann wieder auf dem Teller landete, war er durchsichtig und weich wie ein Seidentuch. Irgendwann, scherzte er mit ihr, würde mal einer davonfliegen wie ein Heißluftballon.
Die Ladenglocke ging, und zwei junge Kerle betraten die Pizzeria. Früh eigentlich, aber immerhin Kunden und mit dem Hunger der Jugend gesegnet. Der Ältere war knapp über zwanzig und trug eine Baseballmütze auf dem kurzgeschorenen Haar. Seine Muskeln waren vom Training im Fitnessstudio gestählt.
»Ciao«, sagte er.
»Ihr müsst etwas warten. Maria ist noch nicht ganz fertig mit dem Teig.«
»Fa niente«, sagte der Ältere in geläufigem Italienisch. »Due pizze. Da portare via. Per me, diavolo.« Er setzte sich auf einen der Barhocker, die an der Theke standen. »Was möchtest du?«, wandte er sich an seinen jüngeren Begleiter.
»Con carciofi«, sagte der Jüngere, der noch beinahe ein Kind war, leise.
Als er die Angst in seinen dunklen Augen sah, begannen Massimos Hände unwillkürlich zu zittern. Das Milchkännchen, in das er die geschäumte Milch für den Caffè gefüllt hatte, fiel ihm aus der Hand, zerbarst in tausend Stücke und verspritzte seinen Inhalt kreuz und quer im Gastraum. »Perdono«, sagte er.
»Porca miseria.« Der Junge bückte sich und begann, die Scherben einzusammeln. Er war ein hübscher Kerl mit schwarzen Locken und hellbrauner Haut. Massimo hätte ihn gerne gefragt, ob seine Eltern aus Sizilien stammten. Als er die letzte Scherbe auf sein Kehrblech gelegt hatte, beruhigten sich seine Hände. Seine Angst war sicher unbegründet. Sie waren viel zu jung, um Boten des Todes zu sein. Sicher würden sie gleich ins Fitnessstudio gehen oder sich per Handy mit ihren Freundinnen verabreden.
»Maria, eine mit Artischockenherzen und eine Diavolo«, rief er in die Küche.
»Si, bene!«, hörte er ihre vertraute Stimme aus der Küche. Sie waren seit fast vierzig Jahren verheiratet.
»Wollt ihr schon was trinken?«, fragte er die frühen Gäste.
»Eine Cola«, sagte der eine. Massimo holte eine eisgekühlte Dose aus dem weißbeleuchteten Kühlregal und riss mit einem Knall den Zipper auf. Als er sich wieder umdrehte, zog der Ältere gerade eine Pistole aus seinem Rucksack und legte sie beiläufig auf die Theke. Mit dem Schalldämpfer sah sie unförmig aus, fast wie eines dieser großen Spielzeuge für Jungen, die im Schwimmbad den Angriff von Außerirdischen nachspielten.
»Kain, nicht!«, sagte sein jüngerer Begleiter leise und schluckte nervös, so dass sein Adamsapfel auf und ab hüpfte wie ein Specht an einem Baum.
»Doch«, sagte Kain.
Massimo wunderte sich, dass er überhaupt keine Angst hatte. Lauf, Maria! Wie sollte er es ihr nur sagen? Der Eingang zum Keller, der Hinterhof. Es gab Möglichkeiten, hier herauszukommen, aber wie warnte man jemanden im Angesicht seines Mörders?
»Du hast es dir nicht anders überlegt?«, fragte Kain lauernd. »Wir haben dich oft genug gewarnt.«
»Nein«, sagte Massimo unbeugsam. Er hatte sich geschworen zu reden, wenn es etwas zu sagen gab. »Ich komme aus Sizilien«, fügte er hinzu, als sei das eine Erklärung.
»Wir nicht«, sagte der Junge, und seine Stimme zitterte. Schade um das Bürschchen. Er hatte schon verloren.
»Wie auch immer.« Der Ältere zuckte die Schultern. »Dann musst du die Folgen tragen.«
»Wovon?«, fragte er leise.
»Dass du uns in die Quere gekommen bist, in die Suppe gespuckt hast. Such es dir selber aus! Du weißt, dass es Gesetze gibt, die man nicht bricht.«
Das Schweigen, das zwischen ihnen stand, wurde unerträglich. Aus der Küche verbreitete sich ein köstlicher Geruch nach frischer Pizza mit sonnengereiften Tomaten. Maria hatte die Ofentür geöffnet. Die Zeit lief ab, und Massimo konnte nichts tun. Und dann stand sie in der offenen Tür, die Haare unter ihrer weißen Haube versteckt, die geschlossenen Pizzakartons in der Hand, und lächelte die beiden jungen Männer freundlich an.
»Ihr habt sicher Hunger.« Ihre Wangen waren rot von der Hitze. Doch als sie die Pistole sah, weiteten sich ihre Augen. »Was …?«
Lauf!, dachte er hilflos. Erinnerungen wurden wach. Catania in den Sechzigern, seine Vespa, Maria, das rote Kleid mit den schwarzen Tupfen, ihre hohen Absätze. Sie hatten getanzt. »Lauf!«, schrie er jetzt. Aber es dauerte, bis sie endgültig begriffen hatte. Sie starrte ungläubig von einem zum andern, die dampfenden Kartons fielen ihr aus der Hand.
»Willst du?«, fragte Kain höflich seinen Bruder und deutete auf die Pistole.
»No«, sagte der Jüngere geschockt.
»Das wird ihn enttäuschen«, sagte Kain nachdenklich, griff nach der Pistole und schoss Massimo aus kurzer Entfernung in den Oberkörper. Geschockt schlug Maria die Hand vor den Mund. Da schoss Kain ein zweites Mal und traf sie mitten in die Brust. Blut breitete sich auf ihrer weißen Schürze aus. Eine Rose, dachte Massimo im Fallen. Und dann nichts mehr.