38.

Das Restaurant leerte sich langsam. Leonie tunkte den Löffel genüsslich in ihre zweite Portion Zuppa Inglese und trank dazu einen weiteren Cappuccino. Schließlich, als alle Gäste gegangen waren, schloss Gianluca die Küchentür hinter sich und kam auf sie zu. Er hatte seine Kochuniform mit Jeans und einem blaukarierten Hemd getauscht und trug dazu eine schwarze Lederjacke. Sorgfältig löschte er die Lichter.

»Toll, dass Sie so lang gewartet haben. Wollen wir eine Runde spazieren gehen?«

Sybille, die am nächsten Morgen unterrichten musste, hatte sich bereits verabschiedet, nicht ohne Gianluca darauf festzunageln, Leonie später daheim abzusetzen. Sie traten vor die Tür, und Gianluca schloss ab. Als sie ihm nach draußen folgte, klopfte ihr das Herz bis in den Hals. Sie wusste nicht, was die Nacht bringen würde, fühlte sich wie eine Seiltänzerin, die ohne Netz in einer Zirkuskuppel balancierte.

Gianluca führte sie am Parkplatz vorbei auf den Wanderweg, der sich zwischen Feldern und Wiesen am Rande des Tals entlangzog. Der kiesige Untergrund war nass, Wind und Regen hatten im reifenden Korn eine Schneise hinterlassen. Leonie verfluchte ihre Pumps, die auf Dauer ziemlich drückten, und suchte nach Worten. »Sie haben einen ganz schön langen Tag hinter sich«, begann sie aufs Geratewohl.

»Das Schicksal eines Kochs. Um sechs muss ich wieder auf dem Großmarkt sein. Hat es Ihnen wenigstens geschmeckt?«

»Phantastisch!«, sagte sie. »Wenn ich noch einen Löffel von Ihrer Süßspeise esse, falle ich allerdings tot um.«

»Das wollen wir nicht hoffen«, lachte er.

Unten im Neckartal glänzten die Lichter und ließen die Weite ahnen, die sich bis zum Albaufstieg zog. Gen Westen ging das hell erleuchtete Industriegelände in die Außenbezirke der Landeshauptstadt über.

»Ihnen ist kalt«, stellte er fest und legte ihr seine Jacke um die Schultern. Als er sie berührte, spürte sie wieder diesen elektrischen Schlag. Er blieb abrupt stehen und schaute sie nachdenklich an.

Er legte seine Hände auf ihre Oberarme und ließ sie dann über ihren Rücken gleiten. Stark, fest und so warm, dass sie es durch das Seidenkleid hindurch spürte. »Ich finde Sie unglaublich begehrenswert. Und dabei hatte ich mich am Montag zuerst nur darüber gewundert, dass Sie barfuß unterwegs waren.«

»Komplett unbequeme Sandalen«, sagte sie und lachte leise. »Sie gehören meiner Schwester.« Ihr Körper genoss die Wärme, die von ihm ausging. Als er sie küsste, war es eine logische Konsequenz dieses Moments. Der Kuss trug beide davon und nahm ihnen alle Hemmungen. Fast wäre sie gestolpert, als er sie gegen den Feldrain drängte und seine Hände über ihren Körper glitten. »Entschuldigung«, sagte er aufgewühlt. »Was müssen Sie nur von mir denken?«

»Es gab schon lange niemanden mehr.«

»So wie bei mir. Aber jetzt erzähl mir von dir!«

Ehrlich währt am längsten, dachte sie und holte tief Luft. »Ich heiße Leonie Hausmann, bin Kunsthistorikerin, wohne wieder zu Hause bei meinem Vater und habe einen fast einjährigen Sohn. Leander.«

»Leandro«, sagte er und schaute sie nachdenklich an. Sofort drängte sich das Bild Alessios in ihr Bewusstsein, über das sich wie ein Abziehbild eine Fotografie Damianos legte. Einen italienischen Lover hatte sie eigentlich nicht mehr gewollt.

»Und ich suche keinen Vater für ihn. Ich suche nicht einmal eine feste Beziehung. Im Gegenteil, kurz bevor ich dich getroffen habe, ist mir Leanders Vater über den Weg gelaufen, den ich seit anderthalb Jahren nicht mehr gesehen hatte. Er war der Letzte, dem ich begegnen wollte.«

»Und was passiert ist – zwischen uns?«

»Das hat mich aus heiterem Himmel getroffen.«

»Mich auch.« Er machte eine überraschend anmutige Verbeugung. »Darf ich vorstellen? Gianluca Francesco Battista. Meine Eltern haben als Pizzeriabesitzer in Ulm ganz gut Geld gemacht. Kochen war immer schon meine Leidenschaft.«

Er verschlang sie mit den Augen, und Leonie spürte, wie ein neuer Hitzeschwall über sie hinwegrollte. War ihr wirklich eben noch kalt gewesen?

»Du erblühst wie eine Rose, wenn du rot wirst«, sagte er, trat auf sie zu und küsste sie wieder. Diesmal dauerte es eine ganze Weile, bis sie wieder auftauchten.

Und plötzlich veränderte er sich. Schmerzhaft fest zogen seine Hände ihre Arme herunter, die sie um seinen Hals gelegt hatte. Sein Gesicht war aufgewühlt, die hellen Augen verfinstert, als hätten sich Wolken über die Iris gezogen. Entsetzen lag darin. Und Verzweiflung. Er trat einen Schritt zurück.

»Was tue ich da?«, fragte er mehr sich selbst als sie.

»Was ist los?«, fragte Leonie erschrocken.

Er schüttelte den Kopf. »In meinem Leben ist kein Platz für eine Frau.«

Er ging ein paar Schritte bis zum Feldrand und blickte in die Nacht. Vorsichtig trat sie neben ihn und griff nach seiner Hand, die er ihr sofort entzog. »Wie hast du das gemeint?«

Als er auf sie herunterschaute, war sein Blick wieder warm und zärtlich. »Von mir hält man sich besser fern. Ich arbeite pro Tag sechzehn Stunden und länger. Nie könnte ich eine Frau glücklich machen.«

»Das zu entscheiden solltest du mir überlassen.« Leonie trat einen Schritt zurück. »Könntest du mich nach Hause bringen?«, fragte sie dann. »Es ist sehr spät.« Als sie zum Auto gingen, wusste sie noch immer nicht, wer Gianluca Battista war.

Blutiger Regen: Leonie Hausmann ermittelt im Schwäbischen
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