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24. Juli 2009, 13.41 h

Auf dem Flur im dritten Stock des Präsidiums trafen wir auf Wolfert, der entgegen meinen Befürchtungen nicht sofort drauflosredete, sondern uns nur mit besorgter Miene mitteilte, dass es noch nichts Neues gab. Menkhoff nickte und ging weiter. Als er schon zwei Schritte an Wolfert vorbei war, blieb er stehen, drehte sich noch einmal um und hielt ihm die Pappschachtel mit den Fotos hin, die er in der Hand hatte.

»Wir müssen wissen, wer die Mädchen auf diesen Fotos sind.« Wolferts Gesicht hellte sich ein wenig auf. Er nickte eifrig. »Klar, Herr Hauptkommissar. Ich mach mich sofort an die Arbeit. Ich gehe davon aus, es geht dabei um die …« Er verstummte, denn Menkhoff war in unserem Büro verschwunden.

Ich folgte ihm. Als ich den Raum betrat, saß er schon auf seinem Platz und hatte den Telefonhörer am Ohr. »Menkhoff hier«, sagte er knapp. »Können wir rüberkommen? … Danke.« Er stand auf. »Komm mit, zur Biermann.«

Unsere Chefin empfing uns mit sorgenvollem Gesicht. »Die Ringfahndung hat bisher leider noch nichts ergeben, aber zwei kleine Jungs haben angeblich gesehen, dass Luisa den Kindergarten mit einer Frau verlassen hat.« Menkhoffs Körper straffte sich. »Eine Frau? Können sie sie beschreiben?«

Sie wiegte den Kopf hin und her. »Die Kleinen sind vier und fünf Jahre alt, da ist das mit der Beschreibung noch so eine Sache. Zu Größe und Statur der Frau konnten sie nicht wirklich etwas Verwertbares sagen, aber schwarze Haare hatte sie, da sind die beiden sich sicher.«

Ich sah zu Menkhoff hinüber und konnte mir vorstellen, was in seinem Kopf vor sich ging.

»Wir haben in der Wohnung von Nicole Klement eine Schachtel mit weiteren Fotos der kleinen Mädchen gefunden. Außerdem …« Er stockte, räusperte sich. »Außerdem die Reste eines anderen Fotos. Offenbar hat Nicole Luisa fotografiert, als sie mit unserer Haushälterin unterwegs war. Der Teil, auf dem Frau Christ war, ist abgeschnitten.«

»Aber was möchte sie mit einem Foto von Ihrer Tochter?« Als Menkhoff nicht antwortete, sagte ich: »Wir müssen damit rechnen, dass sie Luisa beschützen möchte. Wie die anderen Mädchen.«

»Was heißt beschützen? Vor was oder vor wem?« Ich sah zu Menkhoff hinüber, doch der hatte den Blick gesenkt und machte keine Anstalten, etwas dazu zu sagen.

»Es ist möglich, dass Nicole Klement denkt, sie müsse Luisa vor ihrem Vater schützen. Sie hat in unserem Gespräch so was gesagt, als es um die Fotos der anderen Mädchen ging. Als Kind hat sie ihrer Tante wohl auch schon mit solchen Sachen ein mulmiges Gefühl verursacht.«

»Puh … Konnten Sie schon etwas über diese anderen Mädchen herausfinden?«

»Nein«, antwortete nun wieder Menkhoff. »Bisher noch nicht. Ich habe die Fotos dem Kollegen Wolfert gegeben. Ich hoffe, er findet schnell was raus.«

»Also gut, das war’s erst mal«, sagte Ute Biermann. »Ach so, was ist jetzt mit Lichner?«

»Der war eben nicht zu Hause. Wir werden aber gleich nochmal versuchen, ihn zu erreichen«, erklärte ich, dann verließen wir den Raum.

»Geh schon mal vor«, sagte Menkhoff und bog ab in das Büro, in dem auch Wolfert saß.

Ich nutzte die Zeit, um mir einen Kaffee zu besorgen und meinen Computer hochzufahren. Und ich versuchte, das Gedankenchaos in meinem Kopf zu ordnen. Es blieb bei dem Versuch. Ich schaffte es einfach nicht, die Geschehnisse der letzten beiden Tage in einen schlüssigen Bezug zueinander zu bringen, ohne dabei Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, die mir Angst machten.

Nach etwa zehn Minuten kam Menkhoff zurück. »Ich hab Wolfert noch instruiert wegen der Mädchen«, erklärte er. Er blieb neben meinem Schreibtisch stehen. »Und ich hab ihn gebeten, seinen Vater anzurufen und ihn zu fragen, ob er mir einen Gefallen tun kann.«

»Staatssekretär Wolfert?«

»Ja. Ich hab gerade mit ihm gesprochen und ihn gebeten, seine Verbindungen spielen zu lassen, um herauszufinden, wo in Spanien Nicoles Tante lebt.«

Einerseits konnte ich gut verstehen, dass Menkhoff alle Hebel in Bewegung setzte, aber dass er ausgerechnet Wolferts Vater um Hilfe bitten würde, hätte ich nicht gedacht. »Und … was hat er gesagt?«

»Als er gehört hat, dass meine Tochter entführt wurde, hat er zugesagt, alles zu versuchen.«

Menkhoffs Telefon klingelte. Wortlos drehte er sich um und ging zu seinem Schreibtisch. Ich sah ihm dabei zu, wie er den Hörer abhob und sich meldete. Einen Augenblick lang hörte er zu, dann veränderte sich sein Gesicht, und er drückte mit einer hastigen Bewegung auf die Lautsprechertaste. Ich erkannte die Stimme trotz der Verzerrungen durch den Telefonlautsprecher sofort.

»… und unterbrich mich bitte nicht«, sagte Nicole mit der ähnlich monoton-traurigen Stimme, wie wir sie schon am Vortag von ihr gehört hatten. »Wenn du mich unterbrichst, muss ich auflegen.«

»Nicole …«, versuchte Menkhoff es trotzdem, verstummte aber sofort, weil sie unbeirrt weiterredete.

»Du hast ein Geheimnis mit Luisa, habe ich recht? Ein … großes Geheimnis.« Sie machte eine Pause von etwa zwei Sekunden. »So groß, dass sie es mir nicht sagen wird. Auch mir nicht. Das ist ja das Schlimme.« Zwei Sekunden Pause. »Sie kann es mir nicht sagen. Nur eines kann ein Mädchen von dem großen Geheimnis befreien.«

Menkhoff stöhnte auf und ließ sich auf den Stuhl fallen. »Bitte, Nicole, geht es ihr gut?«, versuchte er es erneut, aber wieder ging sie nicht darauf ein, und ich befürchtete schon, sie würde ihre Drohung jeden Moment wahr machen und einfach auflegen.

»Sie ist deine Tochter. Warum bist du Vater geworden? Bernd? Du hast doch gewusst, dass du … so bist.«

Pause. Menkhoff liefen die Tränen über die Wangen, und ich merkte, dass mir der Schweiß auf die Stirn trat.

»Tu ihr nichts. Lass mich mit ihr reden, nur kurz …«

»Ich weiß es. Ich muss es ja wissen. Bernd. Ich habe gemerkt, dass du so bist. Luisa ist jetzt bei mir.«

Dieses Mal waren es mindestens drei Sekunden, doch Menkhoff sagte nichts mehr. Er saß nur da, ein Bild der Verzweiflung.

»Dieses Ding damals. Es war nicht recht, es in den Schrank zu legen. Aber du wolltest, dass ich es tue. Bernd. Armer Bernd. Keine Angst mehr. Kein Geheimnis. Ich werde sie beschützen.«

Klick.