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23. Juli 2009

Die Kollegen, die Dr. Lichner zu dem Haus in der Zeppelinstraße gebracht hatten, waren offenbar nur Sekunden vor uns dort angekommen. Lichner stand neben dem Passat und schlug gerade die Tür zu, als ich hinter dem Fahrzeug anhielt. Er sah uns durch die Windschutzscheibe an, und wie meistens konnte ich in seinem Gesicht keine Regung erkennen.

»Und jetzt?«, fragte ich, wobei ich die Lippen fast überhaupt nicht bewegte. Ich kam mir ziemlich dämlich dabei vor, schob dieses Gefühl aber zur Seite.

»Ich versuch’s trotzdem, lass mich mal machen«, sagte Menkhoff und öffnete die Beifahrertür. Ich war gespannt, was er vorhatte, und folgte ihm nach draußen. Aus den Augenwinkeln registrierte ich, dass die beiden Vordertüren des Passats sich öffneten, auf der Fahrerseite stieg Oberkommissar Egberts aus, ihm gegenüber unser Kollege mit dem wichtigen Vater, Kommissar Jens Wolfert. Glücklicherweise blieben sie beide stehen, wo sie waren, und beobachteten die Szene nur.

»Nein, so ein Zufall«, sagte Lichner und schlug dabei klatschend die Hände zusammen, womit er meine Aufmerksamkeit wieder auf sich zog. »Die Herren Hauptkommissare haben offenbar auch gerade in der Gegend zu tun, und da dachten sie doch bestimmt: Statten wir dem lieben Joachim Lichner einen Besuch ab und schauen mal, ob wir ihm nicht ein anderes Verbrechen anhängen können, das noch nicht aufgeklärt ist.«

»Dr. Lichner, es sieht danach aus, als hätten wir Sie zu Unrecht verdächtigt«, sagte Menkhoff, »und … das tut uns leid. Ich entschuldige mich bei Ihnen für die Unannehmlichkeiten, die Ihnen dadurch entstanden sind.« Mein Kopf drehte sich wie von selbst zur Seite, und ich starrte Menkhoff an. Hatte er sich tatsächlich gerade bei Joachim Lichner entschuldigt? Selbst der konnte seine Überraschung nicht verbergen, wie ich feststellte, als ich meinen Blick endlich von meinem Partner abwenden konnte. »Meinen Sie das in Bezug auf die 13 Jahre, die ich im Knast gesessen habe, Herr Hauptkommissar?«, fragte er.

Mein Blick wanderte wieder zu meinem Partner herüber, ich kam mir fast vor wie ein Zuschauer bei einem Tennisspiel in Superzeitlupe. Menkhoffs Gesicht glich einer starren Maske. »Nein, das tue ich nicht, Dr. Lichner, denn Sie sind damals rechtskräftig verurteilt worden. Ich meine das in Bezug auf die letzten beiden Tage. Jemand hat sich wohl einen üblen Scherz mit Ihnen erlaubt und sich dabei nicht nur große Mühe gegeben, sondern auch einige Straftaten begangen. Ich würde gerne herausfinden, wer das getan hat, und ich kann mir vorstellen, das ist auch in Ihrem Interesse. Könnten wir uns noch eine halbe Stunde unterhalten? Dabei wären Sie Zeuge, nicht Beschuldigter.«

Lichner sagte nichts. Er sah Menkhoff in die Augen, und in diesem Blick lag eine offensichtliche Geringschätzung. Was musste in Menkhoff vor sich gehen? Sekunden vergingen, in denen nichts geschah, sogar ich wagte es nicht, mich zu rühren, und in diesen Augenblicken wurde mir eines klar: Für diesen unglaublichen Sprung, den Menkhoff über seinen eigenen Schatten machte, würde Lichner irgendwann und auf irgendeine Art zahlen müssen, oder ich kannte Bernd Menkhoff nicht.

»Gut«, sagte Lichner in diesem Moment und lieferte damit die zweite Überraschung für mich. »Sie haben recht, es interessiert mich brennend, wer dafür verantwortlich ist. Darf ich Sie in mein Penthouse bitten?« Mit einer einladenden Handbewegung deutete er auf das verkommene Haus.

»Wie wär’s, wenn wir uns in ein Café setzen?«, schlug Menkhoff vor, »auf neutralem Boden sozusagen.« Lichner dachte kurz nach und nickte. »Ich bin einverstanden, wenn Sie mich anschließend wieder hier absetzen. Mein Chauffeur hat ausgerechnet heute frei, wissen Sie.«

Menkhoff deutete auf Wolfert und sagte: »Sie fahren mit Hauptkommissar Seifert.« Dann sah er zu Egberts herüber, der noch immer neben der geöffneten Fahrertür des Passats stand. »Marco, fährst du Dr. Lichner und mich bitte in die Innenstadt?«

Der Gedanke, Wolferts Redeschwall in einem fahrenden Auto ausgeliefert zu sein, begeisterte mich nicht sonderlich, aber ich nickte ihm zu und sagte: »Also los, kommen Sie.« Dann ging ich um das Heck des Audis herum und stieg auf der Beifahrerseite ein. Warum sollte ich mich nicht auch mal chauffieren lassen? Als Wolfert den Motor gestartet hatte, wählte ich die Adresse von Lichners Wohnung in Kohlscheid im Navigationsgerät aus.

»Wir fahren nach Kohlscheid?«, fragte Wolfert, als das Ziel auf dem farbigen Monitor aufleuchtete. »In Kohlscheid kenne ich mich gut aus, eine entfernte Verwandte von mir wohnt da. Na ja, eigentlich ist sie ja keine direkte … –«

»Könnten Sie bitte losfahren?«, unterbrach ich ihn, und er tat mir den Gefallen. Bevor er zu einem weiteren Monolog ansetzen konnte, erklärte ich ihm in kurzen Sätzen, was in den letzten Stunden geschehen war und warum wir noch einmal zurück in Lichners Wohnung mussten. Von Nicole Klement erzählte ich ihm nur, dass sie mit Dr. Lichner zusammengelebt hatte, als er damals verhaftet worden war. Alles andere war die Privatsache meines Partners. Das hoffte ich jedenfalls inständig.

 

Auf mein Klingeln öffnete wieder der kleine dicke Mann die Tür, W. Merten. Als er mich erkannte, verschränkte er wie zuvor die kurzen Arme vor der Brust. »Sie schon wieder?«

»Ich nehme an, meinen Kollegen kennen Sie ja schon«, sagte Wolfert, streckte W. Merten das Ledermäppchen mit seinem Dienstausweis entgegen und lächelte ihn dabei an. »Und mein Name ist Jens Wolfert, ich bin Kriminalkommissar und Mitglied der Aachener Mordkommission. Mein Name wird Ihnen wahrscheinlich bekannt vorkommen, mein Vater ist Staatsratssekretär Peter Wolfert, der ständige Vertreter des nordrhein-westfälischen Justizministers. Er ist ja oft genug im Fernsehen zu sehen. Aber ich bin jetzt natürlich zusammen mit dem Kollegen Seifert in meiner Funktion als Polizeibeamter hier und nicht im Auftrag meines Vaters. Ich erwähnte ihn auch nur, weil ich es immer wieder erlebe, dass die Leute verzweifelt überlegen, woher sie meinen Namen kennen.«

W. Mertens schlaffe Wangenhaut straffte sich ein wenig, als sein Kinn nach unten klappte und er mich mit ungläubigem Blick ansah. Dann machte er uns ohne weiteren Kommentar den Eingang frei.

»Ich kenne das schon, so reagieren die Leute oft, wenn sie hören, wer mein Vater ist«, erklärte mir Wolfert, während er hinter mir die Stufen zu Lichners Wohnung hochstieg. Ich tat so, als hätte ich ihn nicht gehört, und zog den Schlüssel aus der Hosentasche.

Wir brauchten zwei Minuten, um die Kiste mit dem Aufdruck K-L unter einem Stapel anderer Kartons zu finden, eine weitere Minute benötigte ich, bis ich das orangefarbene Hängeregister in der Hand hielt, auf dessen Vorderseite der Name Nicole Klement stand. Als ich die Akte aufschlug, zitterte meine Hand. Wolfert stand dicht genug neben mir, um die beschriebenen Seiten sehen zu können, die zwischen den Pappteilen aufbewahrt waren. Bei dem obersten Dokument handelte es sich um die

Notiz zur Sitzung vom 12. Februar 1993 – Nicole Klement

Hypnotherapie – erste Sitzung. Mittels Hypnose wurden bei der Patientin Bewusstseinszustände erzeugt, die in der veränderten Selbst- und Außenwahrnehmung den dissoziativen Zuständen des posttraumatischen Erlebens ähnlich sind.

Die Patientin zeigte die dem Krankheitsbild in typischer Weise entsprechende erhöhte Suggestibilität und Hypnotisierbarkeit.

Durch Konfrontation mit dem traumatischen Material mittels kontrollierter Dissoziation hat die Patientin ein Gefühl der Kontrolle über Intrusionen und Entfremdungszustände erlangt.

»Oh Mann«, sagte ich, »das hört sich ja schlimm an, auch wenn ich kaum was davon verstehe.«

Die Seite war bis zum unteren Rand vollgeschrieben mit Lichners Notizen über Nicole Klements Hypnosesitzung. Immer wieder tauchte der Hinweis auf posttraumatische Erlebnisse auf, aber an keiner Stelle wurde beschrieben, was genau das für Erlebnisse waren. Ich gab die Seite an Wolfert weiter und sah mir das nächste Blatt an. Wieder eine Sitzung, allerdings im Mai, und es war von der zweiten Phase einer so genannten traumabearbeitenden Psychotherapiemethode die Rede, die im nächsten Abschnitt als EMDR-Methode bezeichnet wurde. Das nächste Blatt – eine weitere Sitzung, nun wieder im Februar. Die Seiten waren also nicht chronologisch geordnet.

Nach zwei weiteren Blättern mit für mich größtenteils unverständlichen Notizen über Therapiesitzungen fand ich endlich auf dem letzten Blatt, was ich suchte: die Beschreibung dessen, was Nicole Klements Behandlung nötig gemacht hatte. Und während ich las, was dort hinter Begriffen wie Syndrom und Pathogenese geschrieben stand, als ich erahnen konnte, was diese Frau als Kind erlebt hatte, hatte ich Mühe, gegen das Entsetzen anzukämpfen, das mich überkam.