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23. Juli 2009

»Hallo, Kollegen. Wie ist der Stand der Dinge? Womit fangen wir an? Ich bin bereit. Frisch ans Werk, sozusagen.«

Jens Wolfert stand in der Mitte unseres Büros, schlug klatschend die Hände zusammen und rieb die Handflächen dann gegeneinander, als wolle er etwas dazwischen zermahlen. »Setzen Sie sich erst mal hin«, sagte ich und musste über Menkhoffs Gesichtsausdruck grinsen. Der betrachtete unseren jungen Kollegen, als wäre er ein Insekt von einem anderen Stern. Wolfert zog sich einen der Besucherstühle heran und sah uns erwartungsvoll an.

»Also gut«, setzte Menkhoff an, »da Ihr Partner im Moment krank ist, werden Sie heute wohl –«

»Den Rest der Woche, hat die Chefin gesagt, als ich heute Morgen bei ihr im Büro war. Oder, um es präziser auszudrücken, so lange, bis mein Partner wieder im Dienst ist. Das kann schon am kommenden Montag sein, aber es ist auch durchaus möglich, dass er noch für die nächste Woche krank geschrieben wird. Das würde bedeuten, ich würde auch dann noch mit Ihnen zusammenarbeiten, Herr Kriminalhauptkommissar.«

Ich senkte den Kopf und sah auf den Fußboden, damit Wolfert nicht sehen konnte, dass ich mir nur mit Mühe das Lachen verkniff. Ich wusste, was nun kam, und Menkhoff enttäuschte mich nicht. »Wenn Sie mich noch einmal unterbrechen, Herr Kollege, ist unsere Zusammenarbeit beendet, bevor sie angefangen hat, und das ist dann noch Ihr geringstes Problem. Wo wir schon dabei sind – das Gleiche gilt auch, wenn Sie in meiner Gegenwart ein einziges Mal mit Ihrer Das-werde-ich-meinem-Vater-sagen-Tour anfangen. Ist das klar?«

»Aber ich habe doch nur –«

»Ob das klar ist, möchte ich von Ihnen hören, Herr Kollege

»Ja, also … ja. Klar.«

»Gut. Nachdem das geklärt ist, können wir uns an die Arbeit machen. Wir haben nicht viel Zeit.«

Ich hielt Wolfert meinen Bericht vom Vortag entgegen. »Hier, schauen Sie sich das mal an, damit Sie wissen, worum es geht.«

Er winkte ab. »Den hab ich schon, ich weiß Bescheid. Dr. Joachim Lichner, Psychiater, 13 Jahre im Gefängnis, weil er ein kleines Mädchen umgebracht und ihre Leiche in einem Müllsack im Aachener Wald entsorgt hat, seit etwas mehr als zwei Jahren wieder auf freiem Fuß, soll seine eigene Tochter entführt haben, Motiv unklar, es gibt einige Hinweise, aber noch ist alles recht wackelig. Wenn wir nicht schnell was Verwertbares finden, heißt es in ein paar Stunden wohl Abschied nehmen von Dr. Joachim Lichner.«

Ich wechselte mit Menkhoff einen schnellen Blick und ließ den Bericht wieder auf meinen Schreibtisch fallen. »Sehr gut. Die Chefin hat Ihnen also schon alles gesagt, was Sie wissen müssen.«

»Nein, nein, ich denke, für solche Dinge hat Kriminaloberrätin Biermann wirklich keine Zeit. Wenn man sich überlegt, was diese Frau alles um die Ohren hat … beachtlich. Sie hat mir nur den Bericht gegeben, aber ich kann ja lesen.«

Wolfert war sicher der merkwürdigste Vogel des KK11, und er konnte einem auch wirklich binnen kürzester Zeit gewaltig auf die Nerven gehen, aber … auf eine vielleicht genauso merkwürdige Art fand ich ihn ganz in Ordnung.

Menkhoff räusperte sich. »Die Frau, die als Mutter des Mädchens eingetragen ist, die mit diesem osteuropäisch klingenden Namen – ich möchte, dass Sie schnellstmöglich herausfinden, wer sie ist und wo sie lebt, wann sie ihre Tochter zuletzt gesehen hat und so weiter.«

»Möchten Sie, dass ich das jetzt sofort erledige, Herr Kriminalhauptkommissar, also nicht erst bis zum Ende der Besprechung warte?«

»Ich sagte: schnellstmöglich. Es ist verdammt wichtig. Wir müssen wissen, ob das Mädchen bei seiner Mutter ist oder nicht.«

Wolfert stand auf. »Werde ich rausfinden.«

Menkhoff wartete, bis er das Büro verlassen hatte, und sagte dann: »Vielleicht kann man ihn ja doch brauchen. Wenn er mir nur nicht immer mit seinem Geschwätz so kolossal auf die Nerven gehen würde.«

Ich winkte ab. »Ich denke, wenn er merkt, dass er als Kollege akzeptiert wird, legt sich das Gerede von seinem Vater von selbst.«

»Hoffentlich. Und jetzt hören wir mal nach, was die Laborheinis in der Zeppelinstraße gefunden haben.« Er griff zum Hörer und wählte eine Nummer. In der Zwischenzeit machte ich mich auf, uns einen Kaffee zu besorgen. Zwei Monate zuvor hatte ein Kollege im ganzen KK11 Geld für eine neue Kaffeemaschine gesammelt. Es war so viel zusammengekommen, dass wir davon einen professionellen Vollautomaten kaufen konnten. Die Maschine wurde mit ganzen Bohnen gefüttert und mahlte jeweils eine Handvoll davon frisch für jede Tasse. Seitdem war der ohnehin schon beträchtliche Kaffeekonsum in unserer Etage nicht nur bei den Nachtschichten noch um einiges gestiegen.

Ich nahm zwei Kaffeebecher aus dem Schrank, positionierte sie unter dem Auslass der Maschine und drückte den Knopf, auf dem symbolisch zwei Tassen abgebildet waren. Während das Mahlwerk lautstark seine Arbeit aufnahm, dachte ich an Dr. Joachim Lichner, der darauf wartete, dass er seinen Anwalt endlich erreichen konnte, damit der ihn herausholte. Das würde zweifelsfrei passieren, wenn wir keine Beweise dafür fanden, dass er seine Tochter entführt hatte. Im Grunde genommen hatten wir bisher Glück, dass dieser Rechtsanwalt so schlecht erreichbar war.

Die Maschine spuckte mit klackenden Geräuschen die beiden Scheiben, zu denen sie den Kaffeesatz zusammengedrückt hatte, in den dafür vorgesehenen Behälter.

Menkhoff hatte sein Telefonat schon beendet, als ich zurück ins Büro kam, die beiden dampfenden Becher in Händen.

»Und?«

»Mist. Kaum Spuren, ein paar verschiedene Haare, weiblich, aber nichts, das zu Lichners DNA passt. Freundinnen von ihm vielleicht, vielleicht auch noch von der Vormieterin, weiß der Teufel. Aber sonst – so verdreckt dieser Stall auch ausgesehen hat, in dem er da haust – abgesehen von Stellen wie Regalen oder Schränken, auf denen der Staub zentimeterdick liegt, ist alles clean. Als ob jemand panisch die Böden gewienert hat. Sogar von Lichner selbst war nur ganz wenig DNA-Material zu finden, nicht mal im Bad, kaum Hautpartikel. Es ist zum Kotzen.«

Ich stellte einen der heißen Becher vor ihm ab. »Das heißt, es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder, er hält sich so gut wie nie in dieser Wohnung auf, oder er hat tagelang geputzt. Zumindest da, wo wir irgendwas hätten finden können.«

Menkhoff trank einen Schluck Kaffee. »Mensch, Alex, das liegt doch auf der Hand, du hast den Dreckstall doch gesehen! Ich hätte da nichts anfassen können, ohne die Gelbsucht zu bekommen. Da liegen verschimmelte Essensreste in einer Pappschachtel rum, die waren mindestens ein paar Wochen alt, ja, und die alte Holzplatte, auf der diese Schachtel steht? Die ist blitzblank. Gibt’s doch nicht! Keine Fingerabdrücke, kein Staubkörnchen, nichts. Alex, der hat alle Spuren seiner Tochter verschwinden lassen, da kann man doch dran fühlen, verdammte Scheiße.«

Ich wusste, dass er recht hatte, nur … »Das wird uns leider wenig helfen. Kein Richter wird Joachim Lichner in Untersuchungshaft stecken, weil der seine Wohnung geputzt hat. Solange nicht klar ist, dass das Kind nicht bei der Mutter lebt …«

Menkhoff nickte und stand auf. »Und das weiß dieser Scheißkerl ganz genau.« Er sah auf seine Armbanduhr. »Halb zehn, ich hoffe, Wolfert findet schnell was raus. Komm, wir gehen zu Lichner, kann ja sein, dass er sich’s über Nacht überlegt hat und jetzt mit uns redet.«

»Glaub ich nicht, Bernd.«

»Ich doch auch nicht, Mensch!«, fuhr er mich an, »aber irgendwas müssen wir machen. Und wenn er den Mund nicht aufmacht, schauen wir uns nachher auf jeden Fall nochmal in seiner Bruchbude um. Vielleicht finden wir doch noch was, das uns weiterhilft.«

»Du gibst nicht auf, oder? Wie damals.«

Er war schon zur Tür unterwegs, blieb nun aber stehen und drehte sich mit einem Ruck zu mir um. »Was? Was ist mit damals? Jetzt pass mal auf, Alex: Lichner ist damals rechtskräftig verurteilt worden, und das nicht zuletzt, weil ich nicht aufgegeben habe, auch wenn ein Grünschnabel vielleicht anderer Meinung war als ich.«

»War es wirklich nur das, Bernd?«

»Was zum Teufel soll das heißen?«

Ich sah in dieses Gesicht, erkannte darin den Ärger, vielleicht war es auch Wut, und war hin- und hergerissen. Sollte ich ihm jetzt einfach sagen, was ich dachte? Was ich damals gedacht hatte und wie sehr mich diese Gedanken all die Jahre belasteten? So oft hatte ich mir das Für und Wider überlegt … Ich wollte diese Sache ein für alle Mal klären. Aber das konnte ich unmöglich in diesem Moment tun. Falls Lichner wirklich sein eigenes Kind entführt hatte, blieben uns nur ein paar lächerliche Stunden, das zu beweisen.

Ich schüttelte den Kopf. »Ach, vergiss es, du hast ja recht. Ich hab einfach das Gefühl, du hasst Lichner bis aufs Blut.«

»Damit liegst du verdammt nochmal richtig, Alex.« Sein Blick fixierte mich. »Können wir jetzt gehen?«