Ich schaffte es noch vor Menkhoff, mich aus der Umklammerung der Überraschung zu befreien, und zog die Kiste zu mir heran. Ließen diese Deckelteile sich tatsächlich noch um einiges schwerer öffnen als die der anderen Kisten, oder lag es nur daran, dass meine Finger ein nervöses Eigenleben entwickelt hatten, während ich versuchte, dieses Pappding zu öffnen?
»Nun mach schon«, kommentierte Menkhoff meine Bemühungen, was der Sache nicht gerade dienlich war. Endlich hatte ich es geschafft und zog die oberen Hälften auseinander. Was darunter jedoch zum Vorschein kam, waren nicht etwa die erwarteten Register aus orangefarbener Pappe, sondern ein großes, schmuddelig aussehendes Kopfkissen ohne Bezug. Wir starrten eine Weile darauf, dann sahen wir uns an.
»Scheiße«, sagte Menkhoff. Mit einem hastigen Griff packte er das Kissen und wollte es aus dem Karton ziehen, aber es war so fest hineingequetscht worden, dass er die ganze Kiste mit hochhob. Ich half ihm und zog den Karton an den Deckelteilen nach unten. Das funktionierte, und als das Kissen endlich heraus war, fiel die Kiste mit einem hohlen Knall auf den Boden. Sie war leer bis auf eine kleine Papierecke, die aus dem schmalen Spalt zwischen den Bodenteilen herauslugte. Ich packte sie mit spitzen Fingern und zog daran, doch sie bewegte sich kein Stück. »Lass mich mal«, sagte Menkhoff und versuchte sein Glück, allerdings mit dem gleichen Ergebnis. Daraufhin drehte er die Kiste mit Schwung um und zog die Bodenteile so unsanft auseinander, dass eines der Teile ein Stück einriss. Als er dieses Teil nach oben bog, segelte ein Blatt Papier zu Boden. Menkhoff hob es auf und hielt es so, dass ich auch lesen konnte, was daraufstand:
festgestellt, dass eine psychische Belastung der Patientin zu massiven Reaktionen führen kann. Die Folgen der frühkindlichen Traumatisierung reichen aber bei N. K. weit über die beobachteten Veränderungen der Hirnentwicklung und die Beeinträchtigungen kognitiver und affektiver Reifungsprozesse hinaus. (Siehe P-Doku 112/1993)
Nachdem ich den Text zum zweiten Mal fast durchgelesen hatte, sagte Menkhoff: »Verdammt, was … was soll der Mist? Was schreibt der da? Das ist doch nicht Nicole. Ich kenne sie besser als der, besser als jeder andere.«
Ich starrte noch immer auf das Blatt.
»Bernd, ich weiß, dass du sie sehr gut kennst, aber wenn sie tatsächlich ein psychisches Problem hatte … Wenn Dr. Lichner ihr helfen konnte, kann es gut sein, dass du nichts mehr davon bemerkt hast. Er ist Psychiater, trotz allem, und er kann durchaus gut in seinem Beruf –«
»Blödsinn«, unterbrach er mich barsch. »Das glaubst du doch selbst nicht, Alex. Hast du gelesen, was da steht? Ich meine, hast du es richtig gelesen? Hier …«, er fuhr mit dem Zeigefinger den Text nach, »guck dir das an: Die Folgen der frühkindlichen Traumatisierung … Mann, Alex, wenn es irgend so ein Trauma aus ihrer Kindheit gegeben hätte, das hätte sie mir doch erzählt, und wenn nicht, hätte ich es merken müssen.«
Ich sah ihn an und sagte nichts. Ich war überzeugt, dass mein Partner die Augen vor dem Offensichtlichen verschloss, weil plötzlich wieder seine Gefühle für diese Frau ins Spiel kamen.
»Bernd, verdammt nochmal«, setzte ich an und bemühte mich erst gar nicht, meine Wut zu verbergen, auch wenn es die Wut über mich selbst, über meine damalige Feigheit war, als ich meine Bedenken für mich behalten hatte. »Echt, Bernd, du müsstest dich selbst mal hören. Das hätte ich doch merken müssen. Darf ich dich daran erinnern, was du mir damals erzählt hast? Wie sehr es dich belastet hat, dass sie oft aus heiterem Himmel tagelang depressiv war? Ohne ersichtlichen Grund? Und dass du oft das Gefühl hattest, sie verheimlicht dir was? Und jetzt, jetzt plötzlich tust du so, als wäre genau das unmöglich. Hör endlich damit auf, sie auf einen Sockel zu heben, wo nichts und niemand sie erreichen kann.« Ich hatte mich in Rage geredet, und ich war wütend. »Niemals dürfen Sie bei einem Mordfall Gefühle an sich heranlassen. Das hast du damals zu mir gesagt, als wir vom Fundort der Leiche weggefahren sind, erinnerst du dich? Ist lange her, aber ich hab’s mir gemerkt, Bernd, im Gegensatz zu dir. Du hast deinen eigenen Rat ein paar Tage später vergessen, und du hast ihn sogar verkauft für diese Frau, und –«
»Hey, ich –«
»Und jetzt, Bernd, jetzt fängst du schon wieder damit an, die Augen vor allem zu verschließen, was auch nur annähernd –«
»Das reicht!«, brüllte er, und ich konnte gar nicht anders, als tatsächlich sofort zu verstummen. Mein Atem hörte sich in der schlagartig eintretenden Stille für mich an wie der schleifende Gang einer monströsen Gestalt. Wir sahen uns an.
»Lass uns gehen, Alex, bevor der Kerl hier auftaucht.« Es hörte sich seltsamerweise nicht so an, als wäre er wütend auf mich.
»Ja, lass uns gehen.« Ich fühlte mich erleichtert. Weil ich Menkhoff endlich zumindest ein kleines Stück von dem gesagt hatte, was mich so lange beschäftigte. Und weil er mir das offenbar nicht übelnahm.
Ich hob das Kissen auf, stopfte es wieder in die Kiste, und wir verließen die Zweitwohnung von Dr. Joachim Lichner.
Von W. Merten sahen wir nichts, als wir am Fuße der Treppe angekommen waren. Nur als ich mich im Vorgarten noch einmal umdrehte, entdeckte ich, dass sich die Gardine hinter dem rechten der beiden Fenster der Erdgeschosswohnung bewegte.
Als ich den Motor des Audi startete, sah ich durch das Seitenfenster noch einmal zu dem Haus herüber. Ich hatte dabei das deutliche Gefühl, dass wir etwas übersehen hatten.
Menkhoff führte unterwegs ein kurzes Telefonat mit unserer Chefin. »Er ist so gut wie raus«, sagte er, als das Gespräch beendet war. »Sie halten ihn mit Papierkram auf, aber das wird höchstens noch zwanzig Minuten funktionieren.«
»Und jetzt?«, fragte ich. »Fahren wir noch zu diesem Pfleger?«
»Und ob.«
»Was denkst du über diesen Diesch?«
»Noch nicht viel, aber das wird sich bald ändern.«
»Hoffentlich ist er zu Hause«, sagte ich und konzentrierte mich auf die Straße.
»Ich werde sie fragen«, sagte Menkhoff, als ich gerade in die Straße in Richterich einbog, die Schwester Gabi auf den Zettel geschrieben hatte.
Überrascht sah ich zu ihm herüber. »Was?«
»Nicole. Ich werde sie fragen, ob sie bei Lichner in Behandlung war.«
»Wie – fragen? Ich dachte, du hast sie seit neun Jahren nicht mehr gesehen und keinen Schimmer, ob sie überhaupt noch in der Gegend wohnt? Und selbst wenn – warum sollte sie dir nach so langer Zeit etwas verraten, das sie dir während der ganzen Jahre verschwiegen hat, die ihr zusammen wart?«
»Vielleicht genau deshalb«, sagte er. »Weil wir uns seit neun Jahren nicht mehr gesehen haben.«
Markus Diesch war zu Hause. Seine Souterrain-Wohnung hatte auf der linken Seite des Hauses eine eigene Eingangstür, die wir erst entdeckten, nachdem wir festgestellt hatten, dass es an der Vordertür keine Klingel mit seinem Namen gab.
Ich erkannte ihn gleich, als er öffnete. Schwester Gabi hatte recht gehabt: Er war zwar um einiges schlanker als auf dem Foto, aber er war es definitiv. Wir zeigten ihm unsere Ausweise, Menkhoff stellte uns vor und fragte, ob wir uns kurz mit ihm unterhalten könnten. Sein Gesichtsausdruck wurde skeptisch. »Worum geht es? Ich hab mir nichts zu Schulden kommen lassen. Seit ich raus bin, arbeite ich im Klinikum.«
»Wissen wir«, sagte Menkhoff. »Und vorher haben Sie in einem Krankenhaus in Koblenz gearbeitet, wie wir gehört haben.«
»Ach, das.« Er atmete tief aus und hob beide Hände. »Hören Sie, die Klinikleitung weiß selbstverständlich, dass ich im Gefängnis war. Ich musste bei meiner Bewerbung ein polizeiliches Führungszeugnis abgeben. Aber wir haben abgemacht, dass meine Kolleginnen und Kollegen davon nichts erfahren, solange ich meinen Job gewissenhaft erledige. Ich bin heilfroh, denn wenn die gewusst hätten, dass ich direkt aus dem Knast komme, dann hätten –«
»Darum geht es nicht, Herr Diesch«, unterbrach ich ihn. »Wir möchten uns mit Ihnen über Dr. Joachim Lichner unterhalten. Den kennen Sie doch, oder?«
Er kannte ihn, das sagte mir sein Gesicht schon, bevor er antwortete. »Ich hab die letzten zwei Jahre mit ihm in einer Zelle gesessen. War ziemlich nervig.«
»Dürfen wir vielleicht reinkommen?«, fragte Menkhoff. Nach kurzem Zögern nickte Diesch und gab die Tür frei.
Die Wohnung war deutlich kleiner als die, aus der wir gerade gekommen waren, doch auch sie war hell und freundlich eingerichtet. Ich sah mich kurz in dem kleinen Wohnzimmer um, in das er uns führte, und erinnerte mich an etwas, was Melanie bei ihrem ersten Besuch in meiner Junggesellenbude behauptet hatte: Man erkenne sofort, wenn man in eine Männerwohnung komme. Woran sie das angeblich erkannt haben wollte, hat sie mir nie verraten. In diesem Moment jedoch glaubte ich zu verstehen, was sie damals gemeint hatte.
Nicht, dass es bei Markus Diesch übertrieben unordentlich gewesen wäre. Es lagen auch keine schmutzigen Unterhosen auf dem Fußboden herum. Es waren Kleinigkeiten, wie das Spinnennetz an der Stehlampe neben der Couch, der dunkle Abdruck eines Glases auf der Holzplatte des Couchtisches oder die helle Staubschicht, mit der die Glasböden der beleuchteten Vitrine in der Ecke überzogen waren, auf denen sauber ausgerichtet kleine rote Modellautos standen. Eine Männerwohnung. Ich spulte den Film meiner Erinnerungen eine halbe Stunde zurück. In Lichners Wohnung hatte ich diese Gedanken nicht gehabt. Warum nicht? Weil es keine Männerwohnung war? Gab es eine Frau, die dort aufräumte und saubermachte? Oder hatte mein Partner recht mit seiner Vermutung, dass die Wohnung komplett möbliert vermietet worden war?
Menkhoff hatte sich neben mich auf die sandfarbene Couch gesetzt, Markus Diesch ließ sich uns gegenüber auf einen Hocker nieder.
»Stehen Sie noch mit Joachim Lichner in Kontakt?«, fragte Menkhoff, als Diesch uns erwartungsvoll ansah.
»Nein.«
»Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?«
»Als ich mich von ihm im Knast verabschiedet habe.«
»Warum waren Sie im Gefängnis, Herr Diesch?«, fragte ich, woraufhin er überrascht die Brauen hob.
»Das wissen Sie nicht?« Als wir ihn beide nur ansahen, zuckte er mit den Schultern und machte ein betretenes Gesicht. »Ich hab Mist gebaut«, und nach einer weiteren Pause: »Hab ein paar Sachen nachgemacht.«
»Also Fälschung«, stellte Menkhoff sachlich fest. »Was haben Sie gefälscht?«
»Ach, paar Ausweise und so.« Ich tauschte mit Menkhoff einen Blick. Wir hatten mit Sicherheit den gleichen Gedanken.
»Sie sagten, Joachim Lichner war ziemlich nervig. Was genau meinen Sie damit?« Ich wunderte mich, dass Menkhoff nicht gleich nachhakte und nach der Geburtsbescheinigung fragte, mischte mich aber nicht ein.
»Zwei Jahre, einen Monat und einen Tag habe ich mit dem Doc in einer Zelle gesessen, und in dieser ganzen Zeit gab es keinen einzigen Tag, an dem er mir nicht erzählt hat, dass er unschuldig sitzt und dass er genau weiß, wer das Mädchen getötet hat.«
»Was?«, entfuhr es mir, wofür ich mir einen Blick meines Partners einhandelte, bevor er sich wieder Diesch zuwandte. »Ja, unschuldig sind sie alle. Wenn er gewusst hat, wer es angeblich war, warum hat er es dann nicht spätestens bei der Gerichtsverhandlung gesagt?«
Wieder hob Diesch die Schultern. »Das hab ich ihn auch oft gefragt, und er hat mir immer wieder die gleiche, kitschige, dämliche Antwort darauf gegeben.«
»Welche Antwort?«
»Weil er es versprochen hat.«
»Versprochen? Wem? Dem angeblichen Mörder oder was?«
Diesch nickte. »Ja, er hat gesagt, es war jemand, den er gut kennt.«