In Menkhoffs Blick lag eine Mischung aus Neugier und Misstrauen, und die Anspannung war ihm deutlich anzusehen. Ich zögerte, war mit einem Mal nicht mehr sicher, ob ich … Nein, ich brachte einfach den Mut nicht auf, einen der besten Ermittler des KK11 zu fragen, ob seine Urteilskraft vielleicht getrübt war, weil er sich in eine mögliche Zeugin verknallt hatte. Und ob er deswegen vielleicht – bewusst oder unbewusst – den Lebensgefährten dieser Zeugin … Nein.
»Na, Herr Kollege, wie lautet denn nun Ihre Frage?« Es klang seltsam, lauernd. Wie hatte ich auch nur daran denken können … Ich bemühte mich, Überraschung auf meinem Gesicht zu zeigen. »Vergessen.« Das Verlegenheitslächeln kam mir selbst ziemlich dümmlich vor. »Ich hab vergessen, was ich Sie fragen wollte.« Ganz kurz verengten sich seine Augen, dann entspannte sich sein Körper. »Also gut, dann wollen wir mal los. Vielleicht fällt’s Ihnen ja unterwegs wieder ein.« Nun war es an mir, ihn fragend anzusehen. »Wir fahren zu Lichner. Ich möchte dem Herrn Doktor noch ein paar Fragen stellen.«
Unterwegs erzählte er mir ausführlich von seiner Unterhaltung mit Nicole Klement, die er in einem Café am Münsterplatz in der Nähe des Doms getroffen hatte. Nichts davon war geeignet, Lichner in einem etwas positiveren Licht erscheinen zu lassen. Als ich zurück ins Büro gekommen war, hatte Menkhoff gerade versucht, in der Datenbank etwas über den Psychiater zu finden, damit aber keinen Erfolg gehabt.
Kurz nach halb drei parkte ich den Wagen neben Dr. Lichners Praxis.
Als Corinna M. uns erkannte, legte sie sofort ein dienstbeflissenes Lächeln auf. »Guten Tag, möchten Sie wieder zu Frau Klement? Bedaure, die ist leider im Moment –«
»Wir müssen mit Dr. Lichner sprechen«, unterbrach Menkhoff sie barsch. »Der ist doch wohl da, oder?«
»Ähm … ja, der ist da, aber er hat Patienten, und ich denke, er wird im Moment keine Zeit haben, sich mit Ihnen zu unterhalten. Aber wenn Sie warten möchten …« Sie zeigte auf die Stühle vor der Wand. Menkhoff stützte sich mit beiden Händen auf dem Tresen ab und beugte sich ein wenig nach vorne. »Es ist mir ziemlich gleich, was Sie denken. Rufen Sie ihn an und sagen Sie ihm, dass wir da sind und ihn sprechen möchten.«
Einen Moment lang schien sie abzuschätzen, was ihr mehr Ärger einbringen konnte, entschied sich dann aber dazu, der Aufforderung meines Partners nachzukommen. Dr. Lichner ließ uns knappe zehn Minuten warten, dann kam er aus dem Bereich Wartezimmer und Behandlung auf uns zu. Das typische Lächeln trug er wie einen Schild vor sich her, und dieses Mal fiel mir sofort auf, dass es sich ausschließlich auf seine Mundpartie beschränkte. Wir erhoben uns von den Stühlen. »Guten Tag. Ich gestehe, ich bin etwas irritiert, Sie schon wieder zu sehen, aber bitte … Meine Patienten werden sicher Verständnis dafür haben, wenn sie warten müssen, weil ich der Staatsmacht bei der Aufklärung eines Kapitalverbrechens behilflich bin. Was also kann ich erneut für Sie tun?«
Mich wunderte, dass Menkhoff sich den Monolog geduldig bis zum Ende angehört hatte. Er wartete sogar noch zwei, drei Sekunden lang, als wolle er sichergehen, dass Lichner fertig war. »Möchten Sie, dass wir das hier besprechen?« Mit dem Kopf deutete er zu Corinna M. herüber. Lichner sah seine Angestellte kurz an und nickte. »Also gut, kommen Sie.« Er drehte sich um und ging voraus in einen Behandlungsraum, dessen Einrichtung im Wesentlichen aus einem edel aussehenden Holzschreibtisch, zwei Schränken aus dem gleichen Holz, und tatsächlich – ich hatte bis dahin gedacht, es wäre ein Klischee – einer schwarzen Ledercouch bestand. Er zeigte auf die Couch und setzte sich selbst hinter den Schreibtisch.
»Sie wissen, dass Ihre Lebensgefährtin heute Morgen bei uns auf dem Präsidium war?«, begann Menkhoff, als wir nebeneinander auf der Couch saßen, wobei ich mir zugegebenermaßen ein wenig seltsam vorkam. Das Lichner-Lächeln wurde breiter. »Aber selbstverständlich, ich habe sie schließlich zu Ihnen geschickt.«
»Ach, Sie geben also zu, dass sie nicht freiwillig gekommen ist?«
»Nein, das tue ich nicht, denn sie ist freiwillig zu Ihnen gekommen. Ich habe sie lediglich gebeten, diese Sache mit dem Freitagabend klarzustellen. Sie war bei dem Gespräch mit Ihnen einfach nur überdurchschnittlich nervös.«
Ich sah meinen Partner an, konnte in seinem Gesicht aber keine Regung erkennen. »Frau Klement hat Blutergüsse am Hals. Wissen Sie, wie es dazu gekommen ist?«
Nun war ich gespannt. Lichner sah Menkhoff gelassen an. »Ja, ich weiß, sie hat sich gestoßen. Wir haben noch darüber gewitzelt, dass es so aussieht, als hätte ich sie gewürgt.«
»Gewitzelt. Dass man sie gewürgt hat.« Menkhoffs Stimme klang plötzlich gepresst. »Sie finden es witzig, wenn eine Frau gewürgt wird?«
Lichners Lächeln verschwand. »Jetzt machen Sie aber mal einen Punkt, Herr Oberkommissar. Versuchen Sie doch bitte nicht, mir mit Wortklaubereien zu kommen. Ich habe mit keinem Wort gesagt, dass ich das witzig finde.«
»Mögen Sie Kinder?« Menkhoff feuerte die Frage ab wie Munition. Lichner war überrascht, er zögerte recht lange, bis er antwortete. »Kinder? Ja, natürlich mag ich Kinder. Warum fragen Sie?«
»Möchten Sie selbst Kinder haben?« Menkhoff ließ keine Sekunde verstreichen, er wollte offensichtlich den Moment ausnützen, aber der Psychiater hatte sich schon wieder gefangen, wie sein Grinsen bewies.
»Wenn ich die passende Frau dazu gefunden habe, Herr Oberkommissar, werde ich darüber nachdenken. Und – um Ihre nächste Frage auch gleich zu beantworten – ja, es könnte sein, dass Nicole diese Frau ist, das wird sich zeigen. Gibt es sonst noch etwas aus meinem Privatleben, das Sie interessiert und über das wir plaudern können, während da draußen meine Patienten warten, Herr Oberkommissar?« Sie standen sich gegenüber und sahen sich an wie Boxer unmittelbar vor dem Gong.
»Nein, im Moment nicht«, knurrte Menkhoff. Als wir schon an der Tür waren, stockte er, sah sich noch einmal um und sagte: »Fast hätte ich es vergessen: Bleiben Sie bitte in der Stadt.«