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Kevin, Lauren, Rat sowie einige SAS-Offiziere und andere Aufständische saßen im Empfangsbereich vor General Shirleys Kommandozentrale herum, scharrten mit den Füßen, gähnten und hüteten sich, Wasser zu trinken, für den Fall, dass es noch Spuren von Phenolphtalein in den Leitungen gab.
Draußen roch es stark nach Desinfektionsmitteln. Die Soldaten standen Schlange, um Rehydrierungs- und Durchfallmedikamente zu bekommen, die per Hubschrauber von einem Krankenhaus in Las Vegas eingeflogen worden waren. Diejenigen, die es nur leicht getroffen hatte, konnten bereits wieder ein paar einfache Pflichten übernehmen und begannen damit, das Lager aufzuräumen. Eine Technikercrew, die für die Wartung der Einrichtung von Fort Reagan verantwortlich war, arbeitete daran, die Verstopfungen in der Kanalisation zu beseitigen.
Außerhalb des Armeelagers kam es zu wütenden Ausschreitungen, als sich das von Kazakov verbreitete Gerücht, die Zivilisten würden nach ihrem Sieg bei voller Bezahlung nach Hause geschickt, als falsch erwies.
In der Kommandozentrale traf sich Mac mit Kazakov, Kommandant O′Halloran, General Shirley sowie einigen anderen Offizieren. Boten kamen und gingen und versuchten vom medizinischen und technischen Personal in Erfahrung zu bringen, wann die Soldaten ebenso wie das Hauptquartier wieder soweit hergestellt sein würden, dass man die Übung fortsetzen konnte.
Erst gegen Mitternacht waren sich alle darüber einig, dass ein neues Szenarium ausgearbeitet werden musste und in achtundvierzig Stunden eine neue Übung begann. Alle, bis auf Kazakov und General Shirley, die sich gegenseitig an die Kehle gingen.
Kazakov nannte Shirley einen schlechten Verlierer. Shirley behauptete, Kazakov hätte mit faulen Tricks gekämpft und die Gesundheit seiner Männer aufs Spiel gesetzt. Shirley und O′Halloran waren beide Ein-Stern-Generäle, aber als Kommandant des Hauptquartiers hatte O′Halloran das letzte Wort.
O′Halloran war weder von Shirleys Fähigkeiten als Befehlshaber begeistert noch von Kazakovs unorthodoxen Methoden – die sowohl die Drohnen, den teuren Hangar als auch die Kanalisation ruiniert hatten.
Seine diplomatische Lösung bestand darin, die Übung ohne Kazakov und mit Shirley als neutralem Beobachter von vorne zu beginnen, während zwei von Shirleys Vertretern die beiden gegnerischen Seiten anführen würden.
»Scheißkerle«, schrie Kazakov und schreckte Lauren und die anderen aus dem Halbschlaf, als er die Tür zum Vorzimmer mit einem wütenden Tritt aufstieß. Im letzten Moment jedoch drehte er sich um und riss den Videotransmitter von der Seitenwand eines Computerbildschirms. Triumphierend hielt er ihn Shirley unter die Nase.
»Sehen Sie das?«, grinste er. »Ein weiterer Ihrer kleinen Fehler. Ich habe jedes Kommando gehört. Ich kannte Ihre Befehle noch vor Ihren Soldaten!«
Shirley war niedergeschmettert. Er wusste, dass es eine Untersuchung zum Ablauf der Übung und dem entstandenen Sachschaden geben würde. Und selbst wenn man dabei zu dem Schluss käme, dass Kazakovs Taktik gegen die Regeln von Fort Reagan verstoßen hatte, würde der General immer noch schlecht aussehen, nachdem sein Bataillon von einer wesentlich kleineren und schwächer ausgerüsteten Truppe geschlagen worden war.
»Warum gehen Sie nicht zurück nach Russland, wo Sie hingehören?«, zischte er wütend und schlug ungeschickt zu.
Mit seinen neunundvierzig Jahren war Kazakov nur ein Jahr jünger als der General, doch im Gegensatz zu dem untersetzten Amerikaner hatte er sich fit gehalten und war besser in Form als die meisten halb so alten Männer. Er tauchte unter dem Schlag weg und versetzte Shirley einen Stoß, der diesen aus dem Gleichgewicht brachte und ihn vorwärts auf einen Schreibtisch stürzen ließ, wobei er einen Monitor aus der Halterung riss und einen Stapel Papiere hinunterfegte.
Kazakov schnappte sich ein Plastikklemmbrett, schlug dem General damit auf den kahlen Kopf und leerte dann einen Becher voller Stifte und Kugelschreiber über ihm aus.
»Füllen Sie Ihre Formulare aus, General«, riet er ihm. »Halten Sie sich an Ihre Stifte, aber versuchen Sie nicht, so zu tun, als seien Sie ein Soldat. Echte Soldaten sterben aufgrund von Entscheidungen, die solche Idioten wie Sie treffen!«
Mac und der Kommandant folgten Kazakov in das Vorzimmer.
O′Halloran sah Kazakov finster an.
»Packen Sie Ihre Sachen und melden Sie sich am Empfang. Auf Parkplatz sechzehn steht eine schwarze Limousine. Der Schlüssel liegt am Empfang. Sagen Sie mir, wo Sie geparkt haben, wenn Sie zurückfliegen, dann schicken wir jemanden, der den Wagen vom Flughafen wieder abholt.«
Kazakov sah ihn überrascht an. »Kann ich nicht über Nacht bleiben? Ich habe seit zwei Tagen kaum geschlafen und bis nach Vegas sind es vier Stunden.«
»Ich will hier kein böses Blut mehr«, entgegnete O′Halloran. »Dreißig Kilometer östlich gibt es ein Motel.«
Mac sah Kazakov an, als er mit Lauren, Kevin und Rat im Schlepptau zum Ausgang ging.
»Ich glaube, Sie sollten James lieber mitnehmen«, sagte er. »Es ist bereits bekannt geworden, dass er derjenige war, der das Wasser verseucht hat. Und wenn er zur Zielscheibe wird, fürchte ich, dass die Dinge außer Kontrolle geraten könnten.«

James war um halb acht wach, doch der erschöpfte Kazakov schnarchte weiter. Das Motel war ziemlich merkwürdig. Es musste irgendwann in den Achtzigerjahren von jemandem eingerichtet worden sein, der rotes Plastik cool fand. Doch jetzt waren die Oberflächen staubig, die Batterie in der Wanduhr war leer und es sah alles danach aus, als seien sie seit Monaten die Einzigen, die hier abgestiegen waren.
James war am Verhungern und wanderte rastlos in die Morgensonne hinaus. Ihre schwarze Ford-Limousine war der einzige Wagen weit und breit. Die Wüste erstreckte sich in alle Richtungen und auf der zweispurigen Straße regte sich keinerlei Verkehr.
James′ leerer Magen führte ihn zur Rezeption, vor deren Tür ein zerrissenes Fliegengitter baumelte. Außerdem lagen ein paar Werbeflyer für Besuche im Area 51 und billigen Casinos herum.
»Kann man hier irgendwo in der Nähe etwas zu essen bekommen?«, fragte er.
Die knochige alte Frau hinter dem Tresen beäugte ihn über ihre Halbbrille hinweg. »Zwanzig Kilometer östlich ist ein Burger King.«
»Zwanzig Kilometer«, hakte James nach und ahmte unwillkürlich ihren Akzent nach. »Nichts in Laufweite?«
Die Frau sah in an, als sei er begriffsstutzig. »Siehst du hier irgendwas in Laufweite? Aber hinter Zimmer sechzehn ist ein Verkaufsautomat.«
James fand ihn und steckte Vierteldollar um Vierteldollar hinein, bis er endlich eine billige Limonade und ein paar Schokokekse zum Frühstück hatte. Dann duschte er, trocknete sich mit einem Handtuch ab, das so dünn war, dass er seine Haut hindurchsehen konnte, aß seine Kekse und machte schließlich beim Ankleiden so viel Lärm wie möglich, in der Hoffnung, dass Kazakov endlich aufwachen würde. Doch der große Ukrainer war völlig weggetreten und lag mit offenem Mund und einer kleinen Speichelpfütze auf dem Kopfkissen da.
James wollte unbedingt etwas Richtiges zu essen. Nach den Keksen und der Limonade war er zwar etwas zufriedener, doch die süßen Sachen hatten einen schlechten Geschmack hinterlassen. Jetzt überlegte er, ob er den Fernseher anschalten sollte, doch er fürchtete, dass Kazakov wütend sein würde, wenn er ihn so offensichtlich weckte. Und Kazakov war niemand, mit dem er sich anlegen wollte.
Die Vorhänge hielten nicht viel Licht ab, daher setzte er sich aufs Bett und las noch einmal ein paar Kapitel in seinem Blackjack-Handbuch. Dann nahm er die Karten und übte das Kartenzählen. Nach einer halben Stunde musste er aufs Klo, doch als er aufsah, bemerkte er, dass Kazakov ihn mit einem Auge anstarrte.
»Hi«, sagte James verlegen. »Wie lange sind Sie schon wach?«
Da Kazakov in den letzten zwei Tagen viel herumgebrüllt hatte, war seine Stimme heiserer als normal. »Vielleicht zwanzig Minuten.«
James lächelte. »Und da starren Sie einfach nur so vor sich hin?«
»Nichts ist einfach nur so«, behauptete Kazakov, warf die Decke fort und setzte sich auf. »Es ist interessant zu sehen, was Menschen tun, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Wie läuft′s?«
»Was?«
»Das Kartenzählen.«
»Schwer zu sagen«, antwortete James. »Ich hab noch nie an einem Casino-Tisch gesessen und weiß nicht, wie schnell sie die Karten geben. Und ich habe noch nicht versucht, zu zählen, wenn um mich herum Leute sind und die Spielautomaten klingeln. Im Buch heißt es, dass es etwas ganz anderes ist, als wenn man für sich allein übt.«
Kazakov stand auf. Er war nackt, furzte dreimal laut und geruchsstark und seufzte erleichtert.
»Jetzt einen Schiss und eine Dusche«, verkündete Kazakov, während James die Nase unter sein T-Shirt steckte, um den beißenden Geruch zu dämpfen. »Und dann suchen wir uns irgendwo ein Frühstück.«