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Nach der gewalttätigen Demonstration in Birmingham im vergangenen Jahr hatte es die Polizei Chris Bradford fast unmöglich gemacht, mit seiner SAG erneut in Aktion zu treten: Hundert Demonstranten sahen sich zweihundert Polizisten gegenüber; größere SAG-Veranstaltungen wurden von den lokalen Behörden verboten; alle, die sich nicht an das Verbot hielten, fanden sich vor verschlossenen Bahnhöfen, abgesperrten Straßen und Polizisten wieder, die sofort jeden verhafteten, der aus der Reihe tanzte.
Schon seit Mitte der 80er-Jahre und ihrem ersten Einsatz gegen die Grubenarbeiterstreiks war es der Polizei mithilfe dieser rigorosen Taktik gelungen, Dutzende von regierungsfeindlichen Aufständen zu zerschlagen. Um dieser »staatlichen Unterdrückung« zu entgehen, hatte Chris Bradford im Laufe der Zeit den Eindruck erweckt, die SAG würde in sich zusammenfallen: Er veranstaltete immer kleinere Aktionen, zu denen immer weniger Menschen und noch weniger Polizisten kamen – und erreichte damit schließlich sein Ziel.
Denn sobald die Polizei nicht mehr so wachsam war, machte sich Bradford an die Planung seiner größten SAG-Aktion. Und dafür war Weihnachten der ideale Zeitpunkt: Die Schul- und Universitätsferien lieferten ihm genau die richtige Menge an gelangweilten jungen Menschen, um auf den Straßen Chaos anzuzetteln; die Cops waren vollauf mit Betrunkenen in Feierlaune beschäftigt und viele Beamte nahmen in dieser Zeit sowieso Urlaub. Doch das Wichtigste war ein medialer Spitzenplatz für seine Aktion, der ihm in der Vorweihnachtszeit – in der ansonsten aus Sicht der Zeitungs- und Fernsehjournalisten ziemlich wenig Spektakuläres passierte – garantiert war.
James Adams hatte die SAG erfolgreich unterwandert und kannte Bradfords Plan. Er hatte seinem Einsatzleiter John Jones darüber berichtet, ohne dass dieser die Information an die Polizei weitergegeben hätte. Denn James untersuchte die wesentlich größere Gefahr, dass die SAG sich in eine Terrororganisation verwandelte. Wäre Bradford also aus der U-Bahn in Covent Garden gestiegen und hätte sich Hunderten von Polizisten gegenüber gesehen, hätte er gleich einen Maulwurf in seiner Organisation vermutet.
Ein Problem, das jegliche Art von Geheimdienstarbeit mit sich brachte: Die undercover ermittelten Informationen konnten oft nicht eingesetzt werden, ohne die Sicherheit der Agenten zu gefährden. Doch als James nun sah, wie Hunderte von Demonstranten Richtung Trafalgar Square strömten, fragte er sich, ob sie wirklich die richtige Entscheidung getroffen hatten.
Es herrschte ohrenbetäubender Lärm. James war ein wenig nervös und zugleich elektrisiert von dem Gefühl, Teil einer so mächtigen Gruppe zu sein. Geschosse flogen über ihn hinweg, und auf beiden Seiten der Straße hörte man Glas splittern. In einem japanischen Restaurant kreischten die feiernden Gäste entsetzt auf, als ein Pflasterstein durch die Fensterscheibe krachte. Gleich darauf wurden das Bleiglasfenster eines georgianischen Theaters eingetreten, der Kartenschalter demoliert und die Plakate aus den Halterungen gerissen und in die Luft geworfen.
Passanten drückten sich in die Hauseingänge, während das Ladenpersonal schnell die Türen vor dem pulsierenden »SAG! SAG! SAG!«-Schlachtruf verschloss.
Die SAG-Sympathisanten stammten größtenteils aus den schlimmsten Stadtvierteln Londons und James staunte, wie Chris Bradford es geschafft hatte, eine so riesige Menge von Aktivisten und Unruhestiftern zusammenzutrommeln, ohne dass die Polizei davon Wind bekommen hatte. Bradford hatte behauptet, dass er sich über hundertfünfzig Demonstranten freuen würde. Doch jetzt waren es dreimal so viele. Sie verteilten sich über beide Straßenseiten und mischten sich in den zähen Verkehr auf den verstopften Fahrbahnen.
Zwei Minuten, nachdem sie den Strand erreicht hatten, war der Gehweg vor ihnen wie leer gefegt. Die Fußgänger hatten sich entweder in die Läden oder in eine der vielen Nebenstraßen geflüchtet.
Die Wenigen, die nicht rechtzeitig davongekommen waren, wurden zumeist einfach ignoriert, mit Ausnahme von ein paar Obdachlosen, die in der Gegend campierten und von den Aktivisten mit Münzen und Segenswünschen überschüttet wurden. Eine weitere Ausnahme bildeten Büroangestellte in Nadelstreifenanzügen und Kostümen und mit teuer wirkenden Uhren. Der Großteil der Menge begnügte sich zwar mit Grölen und Sachbeschädigung, aber eine besonders bösartige Gruppe schnappte sich alle, die auch nur entfernt nach Geld aussahen, und befahl ihnen, es herauszurücken.
»SAG! SAG! SAG!«, schrie James und schwang seine Faust in die Luft, während er mit der Masse weitergeschoben wurde.
Mit einem schnellen Tritt riss er den Außenspiegel einer Chauffeurlimousine ab, die zwischen zwei Bussen im Verkehr feststeckte – schließlich musste er seinem grünen Irokesen und seiner Rolle als Anarchist gerecht werden. Er hob den Außenspiegel auf und sah sich um, fand aber nichts, auf das er hätte werfen können.
Gleich darauf prallte er gegen seinen Vordermann. Auch hinter ihm staute sich die Menge auf und blieb stehen. Alle schienen überrascht und das Grölen erstarb. James beugte sich vor, um zu sehen, was geschehen war.
Keine fünfzig Meter vor ihnen befand sich die Charing-Cross-Station und ein Stück weiter ragte die Admiral-Nelson-Säule hoch in die Luft. Doch der Weg dorthin wurde ihnen von einer Reihe von Polizeiautos mit blitzenden Blaulichtern versperrt.
»Nazis!«, zischte ein Jugendlicher direkt in James Genick. »Wie sind die denn so verdammt schnell hierher gekommen?«
James sagte nichts, doch er kannte den Fehler in Bradfords Plan. Gleich in der Nähe ihrer angepeilten Marschroute lag eine der größten Polizeiwachen von London. Als der Superintendent der Polizeistation am Charing Cross gehört hatte, dass die Demo außer Kontrolle geriet, hatte er natürlich sofort befohlen, mit mehreren Polizeiwagen den gesamten Strand zu blockieren.
Jeder einzelne Polizist dieser Wache – einschließlich derer, die ihren Schreibtisch seit Jahren nicht mehr verlassen hatten – war angewiesen worden, volle Schutzkleidung zu tragen. Und so standen jetzt über fünfzig Cops hinter der Barrikade.
»Bitte lösen Sie den Zug augenblicklich auf«, tönte es aus einem Polizeilautsprecher. »In Kürze wird Verstärkung eintreffen. Sie werden verhaftet und könnten verklagt werden.«
Nach dieser Ankündigung versuchten die Polizisten, die Menge einzuschüchtern, indem sie mit den Schlagstöcken auf ihre Plastikschilde schlugen. Und es schien tatsächlich zu wirken.
Der Mob war verstummt und dabei, sich neu zu orientieren. James beobachtete, wie Hunderte von Atemwölkchen in den dunkler werdenden Himmel aufstiegen. Das Blaulicht der Polizei wetteiferte mit der Weihnachtsbeleuchtung. Es war wie in einer Pause zwischen zwei Liedern bei einem weihnachtlichen Open-Air-Konzert. Und doch lag eine gefährliche Stimmung in der Luft. James sah, wie sich ein paar Demonstranten am Rand der Menge in die Seitenstraßen verdrückten.
Immer mehr Leute verschwanden in den Nebenstraßen und die angespannte Atmosphäre lockerte sich etwas; alles sah danach aus, als würde sich der Marsch auflösen. Doch dann war plötzlich alles anders, als aus dem Fenster im dritten Stock eines Hauses eine orangerote Flamme flog und zwischen zwei Polizeiautos in einem grellen Feuerball explodierte.
Ohne dass James es mitbekommen hatte, waren mehrere Aktivisten durch eine Glastür eingebrochen, hatten ein Büro ein paar Stockwerke über den Läden gestürmt, ein Fenster geöffnet und eine Brandbombe hinuntergeworfen.
Die Menschenmasse johlte und pfiff, während weitere Bomben heruntersegelten, Benzin über die Straße spuckten und die Polizeiwagen in Brand setzten. Die Beamten flohen panisch von ihren Barrikaden.
Da begann die große Trommel wieder zu schlagen und die ganze Menge schrie mit neu erwachtem Aktionismus und in voller Lautstärke: »SAG! SAG! SAG!«
James hatte geglaubt, alle Einzelheiten von Bradfords Plan zu kennen, aber von den Molotow-Cocktails hatte er nichts gewusst. Und doch ließ der gezielte Wurf auf die Reihen der Polizei nur einen Schluss zu: dass es sich dabei um keine spontane Aktion handelte, sondern um eine geplante Operation.
»SAG! SAG! SAG!«
Wer nicht mitbrüllte, pfiff so laut, dass James die Ohren wehtaten. Die Polizisten hatten sich zwar zurückgezogen, doch es gab keinen Weg durch die brennenden Wagen hindurch.
Der Mann mit dem gestohlenen Megafon rettete die Situation auf seine Weise, indem er der Menge befahl: »Zerstört das Savoy! Zerstört das Savoy!«
»Super Idee!«, schrie jemand. Der Mob machte auf dem Absatz kehrt und lief in die Richtung zurück, aus der er gekommen war, direkt auf eines der besten und elegantesten Hotels Londons zu. James befand sich jetzt eher am Ende der Meute und es dauerte eine Weile, bis er wieder loslief.
»Wir haben die Bullen verbrannt! Wir haben die Bullen verbrannt! Lah la la lah la!«
Mitten im Chaos und dem Klirren von berstendem Glas spürte James, wie das Handy in seiner Tasche vibrierte. Eine SMS von Dana.
HAST DU MEINE GRÜNE TRAININGSJACKE GESEHEN?
James freute sich, von seiner Freundin zu hören. Aber gleichzeitig war er enttäuscht, dass sie nicht auf sein Geständnis reagiert hatte.
GLAUB, SIE IST UNTER MEINEM BETT, war deshalb das Einzige, was er antwortete.
Als er das Handy wieder einsteckte, prallte er gegen seinen Vordermann und sah auf. Wieder war die Menge leiser geworden und er hörte das charakteristische Hämmern von Schlagstöcken auf Plastikschilden.
Vor ihnen war die Straße erneut verstellt, hinter ihnen eine brennende Barrikade, weshalb sich die Menschenmasse auf der Suche nach einem Ausweg den Nebenstraßen zuwandte. Doch diesmal waren auch alle Nebenstraßen von weißen Wagen mit blitzenden Blaulichtern versperrt.
Rat, Andy, Jake, Kevin und Ronan rannten die Treppe von Laurens Zimmer im achten Stock zum Waffenlager im Erdgeschoss hinunter.
»Für was zum Teufel hält sich Lauren Adams eigentlich?«, giftete Jake, als er sich um das Treppengeländer schwang. »Diese eingebildete kleine Kuh…«
»Du redest von meiner Freundin!«, warnte ihn Rat.
Andy versuchte zu vermitteln, schließlich war ihm klar, dass Teamarbeit der einzige Weg zum Erfolg war. »Lauren ist vielleicht ein bisschen eingebildet, aber sie hat auch echt was drauf, Jake. Sie hat hier einige der besten Einsätze gemacht und dabei ist sie erst dreizehn…«
Ronan kicherte. »Wenn sie so Riesentitten hätte wie Bethany, wär sie perfekt!«
Andy und Rat mussten lachen. »Ich schwör dir, jedes Mal wenn ich sie sehe, sind sie noch größer!«
»He, ihr redet von meiner Schwester«, beschwerte sich Jake.
»Ach komm, Jake, ihr beide hasst euch doch!«, gab Andy zurück.
»Andy ist in Bethany verliebt«, behauptete Rat, während Ronan einen halben Treppenabsatz übersprang und mit lautem Poltern im sechsten Stock landete. »Aber er hat viel zu viel Schiss davor, sie um ein Date zu bitten.«
»Red keinen Schwachsinn, Rat!«, stieß Andy erschrocken hervor. »Ich hab nur ein einziges Mal gesagt, dass ich sie mag, und seitdem gibst du keine Ruhe mehr!«
»Angsthase!«, frotzelte Rat.
Mittlerweile waren sie alle im sechsten Stock angekommen, und Kevin bog in den Gang ein.
»He, wo willst du hin?«, rief Rat ihm nach. »Wir sollen doch nach unten, um mit der Steinschleuder zu üben!«
»Ich will die hier aber nicht dreckig machen!«, erklärte Kevin und deutete auf seine strahlend weißen Turnschuhe. »Ich geh schnell ins Zimmer und zieh mich um!«
Ronan schüttelte den Kopf. »Die Turnschuhe wechseln! Bist du ein Mädchen oder was?«
»Jedenfalls stinke ich nicht nach Pisse!«, gab Kevin zurück.
Ronan war schon auf halbem Weg zum fünften Stock, doch bei diesen Worten drehte er sich blitzartig um und ging drohend auf Kevin zu. »Sag das noch mal und ich schlag dir den Schädel ein!«
»Lasst den Quatsch«, seufzte Rat. Er war einer der stärksten Dreizehnjährigen auf dem Campus und hatte keine Schwierigkeiten, zwei Elfjährige in Schach zu halten. Er stieß Kevin in Richtung seines Zimmers und packte dann Ronan am Kragen. »Wir werden alle zusammen zwei Stunden lang in einem Mini-Van zum ATCC fahren. Wenn du da noch nach irgendetwas anderem als Seife oder Deo riechst, kannst du deinen Platz auf dem Dachgepäckträger suchen!«
»Eben«, höhnte Kevin, der sich jetzt rückwärts seinem Zimmer näherte. »Nimm endlich mal ein Bad, du Loser!«
»Wir sehen uns im Waffenlager, Kev«, sagte Rat und lief mit Andy und Jake weiter.
Kevins Zimmer sah wie alle anderen im Hauptgebäude aus: ein kleines Sofa an der Tür, ein Doppelbett, ein Schreibtisch mit Laptop am Fenster, an einer Seite ein Wandschrank und nebenan ein Badezimmer. Überrascht registrierte Kevin einen Werkzeugkoffer in der Tür zum Bad.
Karen, die Klempnerin auf dem Campus, streckte den Kopf aus der Tür. Sie trug eine zerschlissene Latzhose über einem weißen CHERUB-T-Shirt und hatte einen Toilettensitz in der behandschuhten Hand.
»Hi«, begrüßte sie ihn. »Ich baue nur das neue Klo ein.«
Auf dem Campus wurden gerade alle Toiletten gegen neue, wassersparende Modelle ausgetauscht. Das war am Montag bei der Morgenversammlung verkündet worden, aber Kevin hatte es völlig vergessen.
»Bin in zehn Minuten fertig, aber wenn du aufs Klo musst, kannst du ja das einweihen, das ich gerade gegenüber eingebaut habe.«
»Null Problemo«, nickte Kevin, setzte sich aufs Bett und fischte ein paar alte Turnschuhe darunter hervor.
Nachdem er sie angezogen hatte, wünschte er der Klempnerin frohe Weihnachten und lief wieder hinaus. Allerdings hielt er es tatsächlich für eine gute Idee, sich noch einmal zu erleichtern, bevor er draußen in der Kälte mit der Steinschleuder übte. Also riss er die Tür gegenüber auf und betrat James Adams′ Zimmer.