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James duckte sich erschrocken, als ein Reifen an einem der brennenden Wagen mit lautem Knall platzte. Die Hitze war zu groß geworden. In den Straßen rundherum heulten Sirenen. Die Leute in der Menge rempelten und schubsten sich an. James war groß genug, um Luft zu bekommen, aber einige der Kleineren wurden eingeklemmt und verfielen in Panik.
»Bitte bleiben Sie ruhig«, mahnte ein Polizeilautsprecher. »Die Versammlung wird diszipliniert aufgelöst.«
Bevor die Brandbomben die erste Polizeibarrikade getroffen hatten, waren um die achtzig Demonstranten in die Seitenstraßen verschwunden. Somit stand die Polizei nun noch etwa dreihundert Aktivisten gegenüber.
Am östlichen Ende des Strands hatten fünfzig Polizisten die Menschen eingekesselt, ein Dutzend weitere blockierten die Nebenstraßen. Doch obwohl sie den Beamten fünf zu eins überlegen waren, wollte sich keiner der Demonstranten mit Schilden, Helmen und Teleskopschlagstöcken anlegen.
Ein Veteran der Protestbewegung stand in James′ Nähe und erklärte seiner Freundin die Taktik der Polizei.
»Die Mistkerle werden uns hier stundenlang festhalten und nur immer zu zweit oder zu dritt rauslassen. Und bevor sie uns gehen lassen, fotografieren sie uns und schreiben sich unsere Namen auf.«
»SAG! SAG! SAG!«, schrie jemand, doch die Menge antwortete nur halbherzig, nachdem sie jetzt auch noch vom Scheinwerfer eines Polizeihubschraubers geblendet wurde. James vermutete, dass sie nach Bradford und anderen hochrangigen SAG-Mitgliedern suchten. Aber diejenigen, die sich nach Birmingham noch in Freiheit befanden, waren längst verschwunden, bevor der Protestmarsch seinen Höhepunkt erreicht hatte.
Plötzlich donnerte hinter James eine noch größere Explosion als vorhin: Der Benzintank eines Polizeiwagens war in die Luft geflogen. An der dem Feuer gegenüberliegenden Straßenseite hatten die Polizisten ein paar nur leicht beschädigte Wagen aus der Barrikade gerollt und marschierten jetzt durch die Lücke, um die Menge von hinten einzuschließen. Das Trommeln der Schlagstöcke veranlasste die Leute, sich vor Angst noch dichter zusammenzudrängen, und vor James schrie eine Frau, dass sie keine Luft mehr bekäme.
Doch es war nicht der Platzmangel, der das Gedränge verursachte, sondern die Tatsache, dass keiner der Demonstranten am äußeren Rand der Menschenmenge stehen wollte, nachdem die Polizei sie komplett umzingelt hatte. Die Leute versuchten, sich vor den Schlagstöcken zu schützen wie Kaiserpinguine vor der Kälte.
»Ich muss hier raus!«, kreischte die Frau. »Lasst mich hier raus!«
James kam das ganze Gedrängel sinnlos vor. Da er über genügend Muskelkraft verfügte, um sich durchzuboxen, packte er auf seinem Weg durch die Menge die panische Frau und legte ihr den Arm um die Schultern.
»Beruhigen Sie sich«, befahl er energisch, als sie schließlich dreißig Meter weiter einen freien Platz im Niemandsland zwischen den Demonstranten und der Polizei erreicht hatten. Die junge Frau, die Anfang zwanzig sein musste, wühlte in ihrer Tasche nach einem Inhalator. James nahm eine Wasserflasche aus seinem Rucksack und bot ihr etwas zu trinken an.
»Danke«, sagte sie mit starkem französischem Akzent und griff erleichtert nach der Flasche. »Ich hab da drin solche Angst bekommen!«
»Keine Panik«, grinste James.
Auf der anderen Straßenseite wurden die Autos langsam durchgewinkt, die auf dem Weg nach Osten zwischen den beiden Polizeilinien aufgehalten worden waren. Nachdem sich der Verkehrsstau aufgelöst hatte, breitete sich die Masse auf dem zusätzlichen freien Raum aus. Als den Leuten klar wurde, dass die Einsatztruppe der Polizei nicht mit den Schlagstöcken auf sie losgehen würde, lockerte sich die Anspannung ein wenig.
James und seine neue Freundin zogen sich zu einer Säule zwischen den heruntergelassenen Fenstergittern eines Juweliers und eines Elektroladens zurück.
»Rauchst du?«, fragte das Mädchen und bot ihm Zigaretten und ein Feuerzeug an.
James schüttelte lachend den Kopf. »Zigaretten und Asthma. Tolle Kombination!«
Doch bei einem Blick auf die Uhr verging ihm das Lachen. In knapp drei Stunden sollte er Chris Bradford bei einem Treffen am anderen Ende der Stadt den Rücken decken. Es war wichtig für die Mission, aber wenn die Polizei die Demonstranten nur nach und nach im Laufe von mehreren Stunden gehen lassen würde, hatte er keine Chance, rechtzeitig dorthin zu kommen.
»Eigentlich müsste ich ganz woanders sein«, sagte James.
Die Französin lächelte. »Wenn du einen Plan hast, ich bin ganz Ohr.«
Zum ersten Mal sah James sie richtig an. Mit ihren schwarzen Strümpfen und dem offenbar teuren gestreiften Mantel schien sie so gar nicht zu den SAG-Aktivisten oder den Stadtrowdys zu passen.
»Wie hast du denn von der Demo erfahren?«
»Ich studiere Journalismus«, erklärte das Mädchen. »Ich bin für drei Monate in der Londoner Redaktion einer Pariser Zeitung. Gestern Abend habe ich auf einer Party ein paar Jungs davon reden gehört, dass es möglicherweise Ärger gibt.«
»Auf der Jagd nach einer echten Sensation, was?«, meinte James und lächelte abwesend.
Normalerweise ließ er sich ein Gespräch mit hübschen Mädchen nicht entgehen, aber jetzt fiel sein Blick auf das Metallgitter vor dem Elektroladen. An seinen Ösen konnte es von außen mit Vorhängeschlössern befestigt werden, aber stattdessen war es jetzt nur hastig und lose heruntergezogen worden. James fragte sich, ob man es wohl auch von innen abschließen konnte.
»Wohin gehst du?«, fragte die Französin, als er zwei Schritte zur Seite machte und durch die Ritzen des Metallgitters spähte.
Im Ladenraum waren alle Lichter an. Zwischen den beiden Schaufenstern lag ein etwas zurückgesetzter Bereich mit sechs verschlossenen Glastüren.
»Da muss es doch einen Hinterausgang geben«, vermutete James.
Während er die Polizisten im Auge behielt, hockte er sich hin, hob schnell das Gitter an und schlüpfte darunter hindurch.
»Wohin gehst du?«, wiederholte das Mädchen.
»Schau jetzt nicht her«, befahl James.
Er stellte sich in den Zwischenraum mit den Türen und bemerkte erleichtert, dass sich im Laden offensichtlich nur noch der Geschäftsführer befand, der in einer hinteren Ecke mit einer X-Box spielte.
James schlich sich leise an den Türen entlang und probierte alle sechs davon aus, doch es überraschte ihn nicht, dass sie verschlossen waren. Auf dem Campus wurde das Knacken von Schlössern mit einem mechanischen Dietrich trainiert, aber da James so etwas normalerweise nicht mit sich herumtrug, musste er sich jetzt mit seinem Leatherman begnügen.
Nach einem raschen Blick auf die Türgriffe atmete er erleichtert auf. An den Türen gab es zwar Riegel, die jedoch – ebenso wie die Vorhängeschlösser am Gitter – erst abends, wenn der Laden zumachte, von außen verschlossen wurden. So waren die beiden äußeren Türpaare jetzt nur von innen verriegelt, während die Doppeltür in der Mitte elektronisch gesteuert nach innen aufschwingen sollte. Der Strom war zwar abgeschaltet worden, aber ansonsten sah alles danach aus, dass er nur irgendwie die Finger zwischen die Automatiktüren bekommen musste, um sie zu öffnen. James ging in die Hocke und wollte gerade einen Versuch starten, als die Französin ihren Zigarettenrauch durch das Gitter blies.
»Alles in Ordnung? Kommst du rein?«
»Schau um Himmels willen nicht her!«, verlangte James gereizt.
Um sie herum wimmelte es nur so von Demonstranten und Polizisten, und es war sowieso schon ein Wunder, dass er überhaupt so weit gekommen war.
Mit der Stiefelspitze drückte er nun gegen den unteren Rand der einen Türhälfte und stemmte sie einen Spaltbreit auf – doch es war zu wenig, um seine Finger hineinzustecken. Also setzte er die gezackte Klinge seines Taschenmessers in die Lücke und nutzte sie als Hebel. Tatsächlich gelang es ihm, einen Spalt zu schaffen, durch den er vier Finger einer Hand schieben konnte.
Die Tür drückte gegen seine Fingerspitzen, und er stöhnte vor Schmerz. Aber er hörte nicht auf, daran zu ziehen, bis sie sich so weit bewegt hatte, dass er auch die Finger der anderen Hand in den Spalt bekam. Doch sie gab erst nach, als er schließlich sein ganzes Körpergewicht dagegen warf.
Die Hydraulikkolben, mit denen die Tür normalerweise betrieben wurden, zischten auf und die Tür öffnete sich – aber James′ Triumphgefühl währte nur eine halbe Sekunde, bis seine Finger den Halt verloren und er mit einem lauten Scheppern rücklings auf das Bodengitter dahinter fiel.
Als James sich wieder aufrappelte, sah er, wie die Französin sich gerade unter dem Außengitter durchklemmte. Durch den Lärm waren auch andere Demonstranten auf sie aufmerksam geworden.
Der Mann im Elektroladen hatte die X-Box fallen lassen und sprang über die Theke, um den Alarmknopf zu drücken.
»Raus aus meinem Laden!«, rief er aufgebracht.
Dummerweise war gerade das Auslösen des Alarms das Schlimmste, was er tun konnte. Nachdem bereits ein paar Demonstranten der Französin durch das Gitter gefolgt waren, lenkten die Sirenen endgültig die Aufmerksamkeit aller auf das, was vor dem Laden geschah – und die Demonstranten fühlten sich wieder gestärkt.
»Oggy, oggy, oggy!«, schrie jemand durch ein Megafon.
»SAG! SAG! SAG!«, rief die Menge zurück. Dann gingen plötzlich die anderen Gitter hoch, und um die Automatiktüren entstand ein wildes Gedränge.
James packte die Französin an ihrem dünnen Arm und lief mit ihr in den hinteren Teil des Ladens zur Feuertür.
»Da ist das Lagähr!«, rief sie, und vor Angst verstärkte sich ihr französischer Akzent.
Als James den Notausgang schon fast erreicht hatte, verstellte ihm der Geschäftsführer den Weg – ein Fehler, angesichts James′ Trainingszustand. Mühelos packte er den untersetzten Mann an der Krawatte und stieß ihn seitlich in ein Regal mit Batterieladegeräten und Adaptern.
»Lass mich in Ruhe, oder du bist krankenhausreif«, warnte James ihn und folgte schnell dem Notausgangsschild über der Feuertür – gefolgt von über fünfzig Demonstranten, die inzwischen in den Laden eingedrungen waren. Die meisten wollten einfach nur so schnell wie möglich fliehen, aber für ein paar von ihnen war die Versuchung zu groß.
Dutzende von Laptops, DVD-Playern und anderen Geräten wurden aus ihren Halterungen gerissen, was weiteren Alarm auslöste. Doch das schreckte die Randalierer nicht davon ab, so viele Kameras und iPods wie möglich in die Ladeneinkaufstüten zu stopfen.
Draußen waren mittlerweile Polizisten angerannt gekommen, um den Eingang zu versperren. Doch das konnte die Menge nur zum Teil einschüchtern. Ein anderer Teil fühlte sich erst recht bestärkt, denn nachdem die Polizisten ihre zu anfangs beeindruckende Schlagstocktrommelwirbel-Formation aufgegeben hatten, war ihre Unterzahl mit einem Mal offensichtlich.
Bevor es sechs Beamten schließlich gelang, den Laden mit ihren Schilden abzuschirmen, waren schon etwa siebzig Demonstranten eingedrungen – und keiner der Polizisten legte gesteigerten Wert darauf, dem durchgedrehten Mob zu folgen. Andere Aktivisten durchbrachen jetzt die Polizeireihen in Richtung Savoy-Hotel oder überrannten die Blockaden der Seitenstraßen, die zur Themse führten.
Das Chaos griff erneut um sich und die Polizisten machten die Sache nicht gerade besser, indem sie ihre Schlagstöcke einsetzten und willkürlich jeden verhafteten, den sie erwischen konnten.
Währenddessen hatten es James und die Französin durch die Feuertür und ein paar Stufen hinunter in einen größeren Lagerraum geschafft. Von dort aus führte eine Tür direkt auf eine schmale Gasse hinaus. Doch das Problem waren die Plünderer, durch die James sich mühsam hindurchkämpfen musste.
Da er sowieso nichts von dem behalten durfte, was er auf einer Mission stahl, interessierte ihn das Zeug nicht – im Gegensatz zu dem Mädchen an seiner Seite, das plötzlich zwischen zwei Regalen verschwand und mit ein paar kleinen Schachteln wieder auftauchte.
»Toshiba Laptop!«, strahlte sie und reichte James einen. »Très cher! Ganz leicht, ideal für Journalisten!«
Endlich waren sie an der frischen Luft. Die Plünderer stoben in alle Richtungen davon, und noch bevor ein paar Polizeiautos die schmale Gasse blockieren konnten, rannte James mit der Französin am Arm los.
Nach zweihundert Metern gelangten sie an eine Y-Kreuzung mit zwei breiteren Straßen. Die blauen Lampen vor der Polizeiwache von Charing Cross ließen James zusammenzucken, obwohl keine Cops in Sicht waren.
»Da lang«, stieß er hervor.
»Ich kann nicht mehr!«, protestierte das Mädchen.
In diesem Moment hielt keine zwanzig Meter weiter ein schwarzes Taxi und lud einen Zeitungsfotografen am Straßenrand ab. James winkte dem Fahrer, sprintete los und kramte nach Geld.
»Nach Islington«, sagte er hektisch. »Caledonian Road.«
»Immer mit der Ruhe, Grünspecht«, gab der Taxifahrer lässig zurück. »Ich schreib nur noch die Quittung für diesen Herrn hier.«
James′ erschrak, als er plötzlich einen Polizisten um die Ecke auf die Wache zustolpern sah, bis er erleichtert feststellte, dass dieser nicht in der Verfassung war, jemanden zu verhaften. Er hinkte stark und ein großer Sprung in seinem Helm ließ vermuten, dass ihn ein Pflasterstein oder etwas Ähnliches getroffen hatte.
Als der Fotograf endlich seine Quittung hatte und auf die Unruhen zulief, durchfuhr James schon der nächste Schock: Drei massive Typen in Trainingsanzügen und mit blinkendem Schmuck rannten auf das Taxi zu.
»He, das ist unser Taxi, Mann!«, schrien sie.
Der Erste schleppte Einkaufstüten voller Kameras, während seine beiden Kumpel einen der Einkaufswagen des Elektroladens mit PC- und Laptop-Schachteln vollgepackt hatten.
»Ich hab gesagt, das ist unser Taxi«, wiederholte der Größte von ihnen, sah James finster an und packte ihn an der Schulter.
James war schon ziemlich erschöpft. Er griff nach der riesigen Hand und verdrehte den Daumen, bis er ausgerenkt war. In der Zwischenzeit war die Französin ins Taxi gestiegen und klopfte aufgeregt gegen die gläserne Trennscheibe.
»Fahren Sie los!«
James wirbelte herum, doch der Fahrer fuhr tatsächlich ohne ihn ab.
»Ich hab dir gerade deinen mickrigen Hintern gerettet!« , schrie er ihr nach. James war fassungslos.
Doch dafür hatte er kaum Zeit, denn als er wieder auf den Gehweg trat, schwang bereits eine Faust ungeschickt auf ihn zu. James packte den Arm in der Luft und nutzte den Schwung, um den großen Typen über seinen Rücken abrollen zu lassen. Mit knirschenden Knochen landete er auf der Straße.
Seine zwei Plünderer-Kumpel schienen zu überlegen, ob sie auf James losgehen sollten, entschieden sich dann aber doch dafür, ihre mehrere Tausend Pfund schwere Beute nicht aus den Augen zu lassen.
James war wütend, dass die Französin ihn so egoistisch im Stich gelassen hatte. Aber ihm war klar, dass er seinen Stolz herunterschlucken musste, um sich wieder ganz auf die Mission zu konzentrieren. Er versetzte der Tüte mit den iPods und Kameras einen so heftigen Tritt, dass ihr halber Inhalt auf die Straße rollte. Dann rannte er wieder los, die Toshiba-Schachtel immer noch in der Hand.
James wusste nicht genau, wo er war. Aber wenn er die Richtung beibehielt, dachte er, würde er sicher nach Nordwesten laufen und in zehn Minuten an der Oxford-Street sein. Dort konnte er sich unter die Tausenden von Weihnachtseinkäufern mischen und dann die U-Bahn nehmen und nach Hause fahren.