14
»Dann ist also alles vorbei?«, erkundigte sich Dana.
Es war Samstagmorgen. James saß in seinem Zimmer auf dem Schreibtischdrehstuhl mit einem Handtuch darunter, das die Haare auffangen sollte.
»Ja«, nickte James. »Mein Ziel war Bradford, aber er wurde verhaftet und ich kann nicht weiter undercover arbeiten, weil ich offiziell flüchtig bin.«
»Die Sache mit der Demo hört sich allerdings ziemlich spannend an«, meinte Dana und setzte einen Plastikkamm auf die Haarschneidemaschine. »Bist du sicher, dass du alles minikurz haben willst? Denn wenn ich erst mal angefangen habe, gibt es kein Zurück mehr.«
James nickte. »Ich hab erst vor zwei Wochen nachgefärbt. Wenn du es länger lässt, sieht man überall noch grüne Spitzen. Außerdem – als ich das letzte Mal die Haare so kurz hatte, hast du gesagt, du findest das sexy.«
»Wenn du meinst«, erwiderte Dana halbherzig und schaltete das batteriebetriebene Gerät ein.
Sie begann am längsten Teil des Irokesen, und schon bald segelten James′ grüne Haare büschelweise über seinen Rücken und auf das Handtuch.
»Alles okay mit dir?«, fragte James.
»Wie bitte?«, fragte Dana. Sie hielt inne und der Summton des Geräts verstummte.
James legte den Kopf schief, um Dana hinter ihm ansehen zu können. »Du hast dich so komisch verhalten, als ich weg war. Ich meine, ich hab dir SMS geschickt und du hast mir die meiste Zeit nicht mal geantwortet oder zurückgerufen.«
Dana schaltete die Haarschneidemaschine wieder ein. »Halt den Kopf still, sonst brauchen wir hier noch den ganzen Tag.«
»Genau das habe ich gemeint«, beschwerte sich James enttäuscht.
»Worüber redest du?«
»Darüber, dass du das Thema wechselst.«
Dana neigte sich vor und küsste ihn auf die Wange.
»Ich war beschäftigt«, erklärte sie. »Ich hatte eine böse Erkältung und die Arbeit für mein Kunstexamen bringt mich noch um.«
»Aber sonst ist wirklich alles in Ordnung?«, fragte James nach. »Ich hab mir deine Bilder angesehen. Selbst die, die du für Mist hältst, sind tausendmal besser als alles, was ich je zustande bringen würde.«
Dana kippte James′ Kopf nach vorne und begann, sein Nackenhaar zu scheren. James griff nach hinten und steckte die Hand in Danas ausgeleierte Shorts.
»Hör auf damit, du gieriger Kerl!«, fuhr sie ihn an. »Wenn du nicht stillhältst, siehst du gleich völlig idiotisch aus!«
Aber James ignorierte sie und zog ihr die Shorts auf die Knie herunter.
»Lass das!«, befahl Dana, schaltete die Haarschneidemaschine erneut aus und verpasste James damit einen Schlag auf den Hinterkopf.
James schüttelte sich ab.
»Vor dieser Mission haben wir ständig aneinandergeklebt«, erinnerte er sie.
»Ich bin einfach nicht in Stimmung«, erklärte Dana. »Und jetzt halt den Kopf still!«
»Komm schon!!!«, bettelte James, sprang auf und griff Dana an den Hintern. »Ich hab dich sechs Wochen lang nicht gehabt. Meine Eier sind so dick wie Mangos!«
»Hör endlich auf, mich zu nerven!«, schrie Dana, stieß James von sich und warf die Haarschneidemaschine auf sein Bett. »Du kannst dir die Haare selber schneiden!«
»Was?«, stieß James entgeistert hervor und jagte ihr auf den Flur nach. »Tut mir leid, das war doch nur Spaß!«
»Ein bisschen mehr Respekt könnte nicht schaden, du Vollidiot!«, rief Dana und lief die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer. »Wenn ich sage, ich bin nicht in Stimmung, dann meine ich das auch so!«
Als James enttäuscht in sein Zimmer zurücktrottete, entdeckte er gegenüber auf dem Gang den schläfrigen Kevin in seinem grauen CHERUB-T-Shirt und der Unterhose, in der er geschlafen hatte.
»Tut mir leid, Kumpel«, seufzte James. »Ich weiß, dass es bei dir gestern spät geworden ist. Ich hab dich doch nicht aufgeweckt, oder?«
Kevin hatte sich erst vor Kurzem als Agent qualifiziert und war das Leben in dem neuen Campus-Gebäude noch nicht gewohnt. Aber er wollte James gern zum Freund haben und hätte sich auch nicht beschwert, wenn er ihn tatsächlich geweckt hätte.
»Nein«, gähnte er. »Muss sowieso runter in den Speisesaal, bevor das Frühstück zu Ende ist.«
In seinem Zimmer betrachtete James sich im Spiegel. An einigen Stellen war er fast kahl, während an anderen noch grüne Haarbüschel abstanden.
»Wie sieht das denn aus?!«, seufzte James.
»Soll ich dir helfen?«, bot sich Kevin von der Türschwelle aus an. »Im Juniorblock haben wir uns oft gegenseitig die Haare geschnitten, um nicht Schlange stehen zu müssen, wenn der Frisör kam.«
»Hätte nichts dagegen«, antwortete James erfreut. »Wahrscheinlich würde ich es auch selbst hinkriegen, aber es ist viel einfacher, wenn es jemand anderes erledigt.«
»Ich zieh mich nur schnell an«, rief Kevin und flitzte in sein Zimmer.
Gerade als James sich wieder auf den Drehstuhl setzte, kam Kevin herein, band sich die Trainingshose noch zu und nahm die Haarschneidemaschine vom Bett.
»Frauen«, seufzte James, während der Summton erklang. »Wenn du meinen Rat willst, Kevin, dann halt sie so lange wie möglich aus deinem Leben raus.«
»Versuche ich«, grinste Kevin und begann, die restlichen grünen Büschel zu bearbeiten. »Halt den Kopf still.«
»Ich weiß gar nicht, was mit Dana los ist. Bevor ich weg bin, war alles bestens, weißt du. Und jetzt? Paff! Sie beantwortet meine Anrufe nicht, sie will nicht, dass ich sie anfasse. Ich meine, was soll denn das?«
Kevin fragte sich, ob er James erzählen sollte, wie er Zeuge von Danas Betrug geworden war. Aber Lauren hatte ihn davor gewarnt, sich einzumischen. Und außerdem hatte James den Ruf, die falschen Leute zu verprügeln, wenn er wütend wurde.
»Tut mir leid«, sagte James, als er im Spiegelschrank Kevins bedrücktes Gesicht sah. »Ich wollte dich mit den Storys aus meinem Liebesleben nicht in Verlegenheit bringen.«
»Wahrscheinlich mache ich in ein paar Jahren genau dasselbe durch«, vermutete Kevin.
»Auf jeden Fall bist du besser im Haareschneiden als Dana«, behauptete James lächelnd, während Kevin zielsicher mit der Haarschneidemaschine über seinen Kopf fuhr.
Kevin grinste.
»Dafür erwarte ich aber auch ein anständiges Trinkgeld.«
Nach Danas übler Laune tat James die Gesellschaft eines fröhlichen Elfjährigen gut, der noch dazu bewundernd zu ihm aufschaute.
»Und wie lief′s bei deiner kleinen Mission mit meiner Schwester gestern Abend?«, fragte James. »Wie ich gehört habe, gab es etwas Ärger.«
»Es lief gut«, lächelte Kevin. »Ich bin jedenfalls ganz gut weggekommen. Lauren und Rat sind verhaftet worden, aber Dennis King hat sie nach ein paar Stunden aus der Zelle rausgeholt. Jake hat es am schlimmsten erwischt. Er musste mit zwölf Stichen am Hintern genäht werden, wegen eines Hundebisses.«
James lachte laut auf. »Hört sich schlimm an. Erinnere mich daran, dass ich ihn damit aufziehe, wenn ich ihn das nächste Mal sehe.«
»Oh, den Teil, der dir am besten gefallen wird, hab ich ja ganz vergessen!«, fügte Kevin eifrig hinzu. »Bethany ist von einem Zaun gesprungen und mitten in einem riesigen Kuhfladen gelandet. Es hat entsetzlich gestunken und als wir zum Auto kamen, hatte sie noch alles in den Haaren hängen. Ich glaube, sie will Ronan und mich jetzt umbringen, weil wir uns vor Lachen fast in die Hosen gemacht hätten.«
»Genial«, fand James. »Ich wünschte, ich wäre dabei gewesen.«
»Ich glaube, das war′s.« Kevin führte die Haarschneidemaschine noch ein letztes Mal hinter James′ Ohr entlang, dann schaltete er sie aus.
James war mit dem Ergebnis ganz zufrieden, auch wenn seine Kopfhaut ziemlich blass aussah und die Maschine ein paar Pickel in seinem Nacken geköpft hatte, wo jetzt rote Flecken leuchteten.
»He Jungs!«, platzte Rat herein, mit einem Ketchupschnurrbart im Gesicht und einer Zeitung in der Hand. »Ich habe gerade unten gefrühstückt, als jemand das hier in der Zeitung gesehen hat. Das müsst ihr euch anschauen! Lauren wird durchdrehen!«
Rat warf die Zeitung auf James′ Bett. Auf der Titelseite prangten nur Bilder von Bradford und den Unruhen am Strand, doch fünf Seiten weiter entdeckten sie ein Farbfoto, das ein dreckverschmiertes Mädchen in einer Pfütze neben einem demolierten Fiat zeigte.
Laurens Gesicht war zwar verwischt, weil es illegal war, minderjährige Kriminelle eindeutig abzubilden, aber trotzdem konnte man sie noch erkennen – und außerdem war ihre Hand, die wütend nach den Fotografen schnippte, nicht unkenntlich gemacht worden.
»Exklusivbericht«, las James begeistert vor. »Kinder in Zwei-Millionen-Drogenrausch: Eine messerschwingende Kapuzengang von kaum zehn Jahren hat in einer Luftverkehrszentrale, die in knapp drei Wochen von der Königin eröffnet werden soll, einen Schaden von mehr als zwei Millionen Pfund angerichtet…«
Kevin schüttelte den Kopf. »Zwei Millionen. Die spinnen doch. Wir hatten die Anweisung, dass es echt aussehen soll, aber nicht teuer. Und woher wollen die wissen, ob wir auf Droge waren oder nicht?«
»Aber das Beste kommt noch«, rief Rat. »Lest mal die Bildunterschrift!«
»Frohe Weihnachten«, las James. »Das kleine Rowdy-Mädchen grüßt unsere Fotografen, bevor sie von der Militärpolizei abgeführt wird.«
Die drei Jungen schütteten sich aus vor Lachen, während Kevin den Rest des Artikels laut vorlas. Immer noch lachend schob James schließlich den Stuhl zum Schreibtisch zurück und hob das Handtuch voller Haare auf.
»Ich dusche jetzt mal lieber«, sagte er. »Ich hab überall Haare im Nacken.«
»Vergiss nicht, dass wir später Fußball spielen wollen«, erinnerte ihn Rat. »Also wirf dich nicht in deine besten Sachen.«
»Ich weiß noch nicht, ob ich mitspiele«, erwiderte James und hob sein T-Shirt an, um den riesigen Bluterguss auf seinem Rücken zu zeigen.
»Autsch, das tut weh«, meinte Kevin.
»Wem sagst du das«, gab James zurück. »Das Einzige, was schlimmer ist als eine wütende Frau, ist eine wütende Frau, die einen Stock hat, mit dem sie dich schlagen kann.«

Zwei Stunden später trat Lauren aus der Mädchentoilette in einen Gang voller Lametta und Schneemänner, die die Kids gebastelt hatten. Nachdem sie einmal in den Juniorblock strafversetzt worden war, hatte es ihr dort so gut gefallen, dass sie immer wieder freiwillig dort aushalf.
»Frohe Prollnachten, Lauren«, wünschte ihr ein Junge mit Zahnlücke, als sie von vier Rothemden umringt wurde.
Lauren hielt dem kleinen Jungen ihre Faust vors Gesicht. »Du stehst kurz davor, noch ein paar Zähne zu verlieren, Kurt«, drohte sie, bevor sie ihn sachte in die Nase kniff.
Das Quartett blieb ihr dicht auf den Fersen, als sie durch den Gang zu einem der Klassenzimmer humpelte. Ihr Knöchel war dick einbandagiert.
»Hast du unsere Geschenke schon gesehen, Lauren?« , fragte ein anderer Junge.
»Wir wissen, dass du sie gesehen hast«, warf der dritte ein. »Verrat es uns, biiittteee!«
»Ich habe keine Ahnung, wovon ihr redet«, behauptete Lauren.
»Wir sind doch nicht doof!«, sagte Kevins kleine Schwester Megan. »Wir haben das ganze Geschenkpapier gesehen, das da reingewandert ist!«
»Gib uns wenigstens einen Hinweis!«, bettelte einer der Jungen.
»Wolltet ihr nicht alle beim Krippenspiel mitmachen?« , fragte Lauren. »Da müsst ihr bestimmt noch euren Text üben.«
Lauren hatte die Tür des Klassenzimmers erreicht und klopfte an die Glasscheibe, die vor den neugierigen Blicken der Rothemden mit Goldfolie abgedeckt worden war.
Megan schlang die Arme um Laurens Taille. »Ich muss aber wissen, was ich geschenkt bekomme. Bitte, bitte, bitte!«
Doch als sich die Tür öffnete und ein Betreuer namens Pete Bovis den Kopf herausstreckte, sprang sie zurück.
»Verschwindet, ihr Bande«, verlangte er. »Ich habe euch gesagt, dass ihr Lauren und die anderen Aushilfen in Ruhe lassen sollt. Und wenn ich noch einmal sehe, wie ihr einen von ihnen löchert, ziehe ich jedem ein Geschenk ab!«
Lauren drückte sich durch den Türspalt ins Klassenzimmer, sodass die Kinder nicht sehen konnten, was darin vor sich ging.
»Die sind echt hartnäckig«, lächelte sie, als Pete die Tür wieder verschloss.
In diesem Klassenzimmer wurden normalerweise die Kleinsten auf dem Campus unterrichtet. Es gab einen Sandkasten und einen Wasserspielbereich mit einem Becken voller Spielzeugboote und Wasserräder, eine mit Teppichboden ausgelegte Leseecke voller Bilderbücher, und außerdem lag jede Menge abgenutztes Spielzeug herum. Doch im Augenblick stapelten sich an der einen Wand Kisten mit neuen Spielsachen und anderen Geschenken, die auf den Tischen in der Mitte eingepackt und beschriftet wurden, bevor sie auf die andere Seite wanderten.
An den Tischen saßen zwei Betreuer und drei ausgebildete CHERUB-Agenten und arbeiteten eine schier endlos lange Liste ab, auf denen die Geschenke aufgezählt waren, die jedes Rothemd erhielt. Zum Teil bekamen alle Rothemden das Gleiche geschenkt, während ein paar andere Geschenke die persönlichen Wünsche der kleinen Empfänger berücksichtigten.
Die vier Mädchen, die sich freiwillig als Aushilfen gemeldet hatten, um unangenehmeren vorweihnachtlichen Aufgaben wie dem Putzen der Korridore oder der Arbeit in der Wäscherei zu entgehen, hatten schnell eingesehen, dass auch das Einpacken von Geschenken weit weniger lustig war, als gedacht – bei über tausend Geschenken für etwa siebzig Rothemden.
»Okay«, seufzte Lauren, quetschte sich auf einen winzigen Stuhl, der für einen Vierjährigen konstruiert war, und las den nächsten Namen auf der Liste. »Robert Cross, acht Jahre, Hauptgeschenke: Laptop, Manchester-United-Set, Gunslinger 4 für die X-Box. Hat jemand die Tüte mit den ganzen Fußballsachen gesehen?«
Einer der Betreuer sah sich um. »Gerade hatte ich sie noch …«
»Es ist doch unglaublich, was die Kinder heutzutage alles bekommen«, regte sich Lauren auf und bemühte sich um einen starken Cockney-Akzent, während sie nach dem silbernen Geschenkpapier griff, um das Fußball-Set einzupacken. »Als ich acht war, hab ich höchstens eine Orange, einen Apfel und vielleicht noch eine Walnuss bekommen – aber nur wenn ich viel Glück hatte!«
»Ja, da bin ich mir sicher«, grinste Pete, während die anderen lachten. »Vor allem, nachdem deine Mutter die größte Ladendieb-Gang in Nordlondon organisiert hat…«