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Bethany ging zusammen mit den erschossenen Soldaten auf das Verwaltungsgebäude zu, um sich tot zu melden. Die Soldaten erkundigten sich neugierig, wieso sie von einem Haufen Kindern mit britischem Akzent und ausgezeichneten Schießkünsten überwältigt worden waren.
Bethany hielt sich an die vorgegebene Geschichte. »Unsere Eltern sind Angehörige der britischen Armee und wir wohnen in einem britischen Kältetrainingslager in einer entlegenen Gegend in Kanada. Da gibt es sonst nicht viel zu tun, und deshalb haben unsere Eltern eine Kadettengruppe gebildet, in der wir alles über Selbstverteidigung lernen und am Wochenende Paintball spielen.«
»Im Ernst«, lächelte der Major, »dein kleiner Bruder hat mich ganz schön hereingelegt. Fast hätte er mich da getroffen, wo kein Mann jemals getroffen werden will …«
Seine Kameraden lachten und auch Bethany lächelte – und war wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem Leben stolz auf Jake.
»Dieser Kazakov«, fragte der Major. »Hast du den schon mal gesehen? Keiner von uns weiß, wie er aussieht.«
Bethany lächelte kokett. »Da müssen Sie sich schon mehr anstrengen, wenn Sie Informationen aus mir herausquetschen wollen.«
Einer der Soldaten blieb zurück und der Major sah sich zu ihm um. »Alles in Ordnung, Martin?«
»Mein Bauch«, gab der Soldat grimmig zurück. »Ich habe das Gefühl, als hätte ich einen Basketball verschluckt.«
»Das Gefühl kenne ich«, nickte einer seiner Kameraden. »Geht mir genauso. Ich muss wohl gestern etwas Falsches gegessen haben.«

Jake, Lauren, Rat und James ließen ihre Gewehre in den Wohnungen zurück und gingen dann los, um sich Burger zu holen. Den frühen Nachmittag verschlief James, und als er erwachte, war die Wohnung voll: Gabrielle und Bruce waren von ihrer Sabotageaktion zurück, und auch Mac war mit den vier SAS-Männern gekommen, die stets an seiner Seite waren und ihn seit Beginn der Übung bewachten.
James ging in die Küche, wo die anderen um die Theke herumstanden und einem Funkgerät lauschten.
»Was ist los?«, fragte er, machte den Kühlschrank auf und nahm ein paar Schlucke aus einem Zwei-Liter-Pack Orangensaft.
»Wir hören die Wanze in der Kommandozentrale ab«, erklärte Mac. »Sieht aus, als würde euer kleines Experiment mit der Wasserversorgung Wirkung zeigen.«
James war bei der ganzen Sache nicht ganz wohl, und der Gedanke daran, für Kazakovs extreme Taktik geradezustehen, war ihm entschieden unangenehm.
»Ich habe nur Befehle befolgt«, verteidigte er sich. »Der Sarge hat mir nicht einmal gesagt, worum es ging, bevor wir im Hauptquartier waren. – Und was ist im Moment los?«
»Wir bewaffnen die Sympathisanten und bemühen uns, die Patrouillen in den Hinterhalt zu locken. Über achtzig amerikanische Soldaten haben sich schon krankgemeldet und von überall her kehren die Männer mit Bauchschmerzen ins Lager zurück.«
»Der Sarge hat etwas von zwanzig Stunden gesagt«, erzählte James und sah auf die Uhr. »Das ist also wahrscheinlich erst der Anfang.«
»Kazakov ist hellauf begeistert«, nickte Mac. »Er rechnet damit, dass bis heute um achtzehn Uhr neunzig Prozent der Amerikaner mit Durchfall einsatzunfähig sind und sich übergeben müssen. Er lässt von den Sympathisanten Flyer aufhängen, die die ganze Bevölkerung zu Freibier in der Barackensiedlung einladen.«
»Das ist doch gleich neben dem Armeelager«, sagte James, dem langsam klar wurde, worauf Kazakovs Plan abzielte. »Es sind etwa tausend amerikanische Soldaten da. Aber von denen wurden bereits über hundertfünfzig erschossen, und wenn von den übrigen neunzig Prozent krank sind, haben sie keine hundert Männer mehr, die kämpfen können.«
»Wir sprechen hier von einer regelrechten Revolution!« , grinste Jake.
»Ich glaube nicht, dass die Amis gewusst haben, auf was sie sich einlassen, als sie Kazakov zum Red Teaming eingeladen haben«, meldete sich die raue Stimme eines walisischen SAS-Mannes bewundernd zu Wort. »Ein Jahrzehnt lang war er unser taktischer Leiter und ich kann mich nicht erinnern, dass er je besiegt worden wäre, weder in einer Übung noch bei einer richtigen Operation.«
Der jüngste von Macs Bewachern nickte. »Der Mann hat schon in Kriegen gekämpft, als ich geboren wurde. Es ist geradezu kriminell, dass sie ihn nicht zu unserem Regimentskommandeur gemacht haben.«
»Warum haben sie das denn nicht?«, wollte James wissen.
»Protokoll«, erwiderte der Waliser. »Kazakov war immer nur Berater. Wenn sie einen Außenseiter ernannt hätten, hätten sich einige Leute beschwert. Aber der Mann ist ein taktisches Genie.«
Wie aufs Stichwort kam Kazakov mit ihren Funkgeräten herein.
»Ich brauche ein paar Leute!«, verkündete er. »Dreißig Fässer Bier und zweihundert Flaschen Wodka bewegen sich nicht von allein!«

Nachdem General Shirley zu Beginn versucht hatte, sich und seiner Armee Freunde unter der Bevölkerung zu machen, griff er nach dem Angriff auf den Flugplatz hart durch. Doch ohne die Luftüberwachung durch die Drohnen waren die Straßensperren ein leichtes Ziel für Heckenschützen und Farbgranaten, sodass er nun jene Durchsuchungs-Patrouillen ausschickte, von denen eine auch Kazakovs Haus aufgesucht hatte.
Bei dieser Taktik waren die Verluste geringer, Aufständische wurden verhaftet und Waffen beschlagnahmt. Doch ohne dauerhafte militärische Präsenz in den Straßen konnten sich Kazakovs Aufständische frei bewegen, Hinterhalte legen, Straßen blockieren und Sympathisanten rekrutieren.
In der realen Welt herrschte in einem solchen Krisengebiet hohe Arbeitslosigkeit und die Straßen wären voller gelangweilter Jugendlicher. Doch bei nur einem Fernsehsender und schwindenden Alkoholvorräten waren die jungen Männer und Frauen in Fort Reagan in ähnlicher Stimmung.
Die meisten von denen, die zwanzig Dollar pro Tag extra bekamen, um den Aufstand zu unterstützen, waren froh darüber, endlich ein Gewehr in die Hand nehmen zu können und von den SAS-Teams eine grundlegende militärische Einweisung zu bekommen, um wenigstens irgendeine Beschäftigung zu haben. Und so gelang es den Aufständischen innerhalb von nur eineinhalb Tagen, hundertfünfzig Männer und Frauen zu bewaffnen und ihnen die einfachsten Funktionen der taktischen Feuerwaffen zu zeigen.
Die Spione in der Barackensiedlung meldeten nicht nur die Truppenkonvois, die das nahe gelegene Hauptquartier verließen, sondern verübten bald auch Anschläge: Im Laufe des Tages brachten ihnen die SAS-Offiziere fortgeschrittenere Taktiken bei, wie Farbgranaten an den Straßen zu vergraben und sie mit Draht so zu verkabeln, dass sie hochgingen, wenn ein Fahrzeug darüber fuhr. Die Regeln von Fort Reagan besagten, dass ein Fahrzeug, das einen Farbfleck von mehr als zehn Zentimetern im Durchmesser aufwies, als unbrauchbar anzusehen war und die Besatzung zu Fuß weitergehen musste.
Um sechs Uhr abends ging die Sonne hinter den fernen Sandhügeln unter und überall auf den Straßen standen lahmgelegte Hummer herum. Weitere achtzig Soldaten waren erschossen worden, bei nur halb so viel Verlusten unter den Aufständischen.
Kazakov verbarg sich in einer Betonhütte in der Barackensiedlung und lauschte über seinem Empfänger dem Geschehen in General Shirleys Kommandozentrale. Der Amerikaner litt unter Bauchkrämpfen und wurde immer zorniger, je mehr Angehörige seiner Truppen an Durchfall erkrankten. Er hatte sogar Commander O′Halloran angerufen und darum gebeten, die Übung wegen eines möglichen Gesundheitsrisikos abzubrechen, wurde jedoch kurz abgefertigt: Einen wirklichen Krieg könne man ja auch nicht einfach wegen einer Lebensmittelvergiftung abbrechen, warum also ein Manöver?
Auf dem Marktplatz der Barackensiedlung hatten sich mehr als tausend junge Männer und Frauen um ein riesiges Lagerfeuer versammelt und feierten. Die dreißig Bierfässer hatten nicht lange gereicht, aber Kazakov hatte für reichlich Nachschub an Wein und anderen alkoholischen Getränken gesorgt. Laute Rockmusik erschallte, es gab gegrillte Steaks in frischen Brötchen und er hatte sogar ein paar Feuerwerkskörper organisiert.
Fast die Hälfte der Anwesenden waren entweder bewaffnete Aufständische oder unbewaffnete Sympathisanten. Normalerweise hätten so viele schlecht ausgebildete Männer und Frauen, kaum einen halben Kilometer von einem Armeelager entfernt, ein inakzeptables Risiko dargestellt. Aber jetzt gab es kaum mehr Soldaten, die gesund genug waren, um etwas unternehmen zu können.
Das einzige Anzeichen von militärischer Präsenz war ein gelegentlich vorbeikommendes Fahrzeug, das der Fahrer mit der Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h durch die Barackensiedlung lenkte, während zwei Männer hinter ihm die Lage durch Nachtsichtgläser beobachteten.
James und die anderen Cherubs standen in einer großen Gruppe am Marktplatz. Sie beobachteten, wie die jungen Leute um sie herum flirteten, tanzten und sich immer wieder in die langen Schlangen einreihten, um für Nachschub des rasch dahinfließenden Alkohols zu sorgen. Viele der Männer trugen ihre Waffen offen zur Schau und ein paar der Betrunkensten zielten sogar auf das Feuerwerk.
»Ich muss mal«, verkündete James, zerknüllte seinen Plastikbecher und entfernte sich von der Gruppe, um in den Gassen zwischen den identischen Hütten zu verschwinden. Nach dem ruhigen Nachmittag fühlte sich James ausgeschlafen und fit.
Im Gegensatz zur vergangenen Nacht, als er in seiner gestohlenen Uniform durch die engen Straßen gehuscht war, herrschte dort jetzt viel Betrieb.
Er fand eine in den Fels gehauene Treppe, die zu einem höher gelegenen Teil der Barackensiedlung führte. Drei Männer pinkelten an die Felswand und hinter einer Hütte hatte sich bereits eine große Urinpfütze gebildet. Wenn die Bewohner das entdeckten, würden sie bestimmt nicht allzu erfreut darüber sein, aber da er nirgendwo anders hin konnte, stellte sich James einfach dazu und zog den Reißverschluss auf.
Als er wieder Richtung Marktplatz ging, kam ihm eine attraktive Blondine entgegen und fragte ihn, ob er wüsste, wo sie noch mehr zu trinken bekommen könnte.
»Die langen Schlangen sind ein echter Albtraum«, meinte James und ließ seinen Blick über das blauweiß gestreifte Top und ihre engen Hot Pants gleiten. Sie hatte breite Schultern, einen großen Busen und schöne Beine und sah aus wie mindestens zwanzig, sodass James sich keinerlei Chancen ausrechnete.
»Ich hab sowieso genug«, erklärte das Mädchen plötzlich, stolperte nach vorne und packte James am Arm. »Ich bin spitz.«
»Ungewöhnlicher Name«, fand James.
Sie grinste kokett und tippte sich mit dem lackierten Fingernagel ans Kinn. »Wenn du willst, kannst du mich ja so nennen, aber eigentlich heiße ich Cindi-Lou.«
»Ich bin James.«
»Du bist echt süß, kleiner James«, sagte sie und trat so dicht an ihn heran, dass er fast ihre Brustwarzen spüren konnte. »Wie wär′s, wenn wir einfach irgendwo hingehen und etwas tun, was deine Mami gar nicht gut finden würde?«
James grinste breit und das Mädchen umfasste seinen Nacken mit einer Hand und küsste ihn. Nach den katastrophalen Frauenerlebnissen der letzten Wochen war das genau die richtige Medizin für sein angeschlagenes Ego. Er hatte Lust, endlich wieder einen Frauenkörper zu spüren.
»Wie weit ist es bis zu deiner Hütte?«, fragte James aufgeregt und legte Cindi eine Hand auf den Hintern.
»Gar nicht weit«, lächelte sie.
Als Cindi seine Hand nahm und ihn wegzog, bemerkte James, dass Bruce ebenfalls zum Pinkeln ging. Bruce sagte kein Wort, aber sein Gesichtsausdruck sprach Bände … Du Glückspilz!
»Du erinnerst mich an einen Typen, mit dem ich auf der Highschool war«, sagte Cindi. »Hübsches Gesicht, hübscher Hintern. Mit dem hab ich Sachen angestellt, puh, da würden dir die Augen übergehen.«
James′ Grinsen wurde noch breiter. Seine Pechsträhne war vorbei. Er war immer noch James Adams. Und in seinem Geldbeutel befanden sich drei Kondome. Er konnte sein Glück kaum fassen, als er dem attraktiven Hintern über eine gepflasterte Straße folgte. Vielleicht waren ihre Schultern ein wenig zu männlich, aber man konnte ja nicht alles haben …
Sie traten durch eine niedrige Tür in eine düstere Hütte, die nur aus einem einzigen Raum bestand.
»Gemütlich«, lächelte James.
Doch Cindi lächelte nicht zurück. Eine dunkle Gestalt knallte die Tür hinter ihnen zu und Cindi packte James′ Handgelenk und drehte es ihm auf den Rücken. Er wehrte sich, doch sie hatte den Überraschungsmoment genutzt und hielt ihn jetzt mit schmerzhaftem Griff fest.
»Wenn du mich trittst, breche ich dir den Arm!«, schrie sie.
Das Licht ging an, James wurden die Beine unter dem Körper weggetreten und er knallte vornüber auf einen laminierten Esstisch. Er sah zwei Frauen in Uniform. Die ältere fesselte ihm die Hände mit Handschellen auf den Rücken.
Cindi drehte James zu sich um.
»Ich habe etwas vergessen«, sagte sie, und ihr Lächeln war weder spitz noch betrunken. »Ich bin Sergeant Cindi-Lou Jones, United States Army Intelligence Corps. Und die beiden anderen netten Damen sind Corporal Land und Lieutenant Sahlin.«
James lächelte und versuchte, cool zu bleiben. »Schätze, aus unserem Quickie wird wohl nichts.«
Sahlin war die älteste der drei Frauen und diejenige, die mit ihrem dunkel behaarten Kinn am brutalsten aussah. Sie versetzte James einen kräftigen Schlag in die Nieren.
»Dein freches Maul kann dir ganz schönen Ärger einbringen.«
»Es gibt hier Regeln!«, rief James entrüstet. »Ihr könnt mich verhaften und befragen, aber ihr dürft keine Gewalt anwenden!«
Mit einem kräftigen Ruck zog Sergeant Jones James′ Hosen und Unterhosen herunter. »Wenn du nicht spurst, mein Kleiner, dann könnte es sein, dass dir eine schöne heiße Tasse Kaffee über deine empfindlichsten Teile fließt!«
Jones streifte ihr Top ab, unter dem sie eine verschwitzte grüne Kampfweste trug. »Wir haben dich auf den Überwachungskameras im Lager erkannt«, erklärte sie. »Mit General Shirleys Karriere wird es steil bergab gehen, wenn diese Operation nicht langsam nach seinen Wünschen verläuft. Er hat uns erlaubt, die Spielregeln ein wenig zu erweitern, wenn es nötig sein sollte.«
»Also fang lieber an zu reden«, riet ihm Sahlin. »Geheimdienstoffiziere wie ich sind dazu ausgebildet, kleine Jungs wie dich auf tausend verschiedene Arten zu quälen, ohne dass man es hinterher sehen kann.«
»Wieso seid ihr nicht auf dem Klo wie die anderen?« , wollte James wissen.
»Die Geheimdienstoffiziere wohnen und essen in einem Gebäude auf der anderen Seite des Lagers«, lächelte Sahlin. »Offensichtlich hat dein Mr Kazakov ein bisschen was übersehen.«
Corporal Land war die kleinste der drei Frauen. Sie hatte eine weiche Stimme wie eine Country-Sängerin.
»Wisst ihr was, meine Damen? Wir könnten James doch zu den Soldaten bringen, ihn mitten ins Lager setzen und ihnen sagen, dass er für die ganze Scheiße verantwortlich ist.«
»Um Himmels willen!«, rief James. »Das ist eine Übung! Was ihr da macht, ist gar nicht erlaubt!«
»Yosyp Kazakov lässt eine Menge wichtiger Leute ziemlich schlecht aussehen«, lächelte Land. »Und das gefällt uns ganz und gar nicht.«
James sah, dass Lieutenant Sahlin eine ziemlich unangenehm wirkende Metallsonde aus ihrer Hemdtasche nahm.
»Mein Kleiner«, sagte Corporal Land freundlich, kam näher und tupfte James′ schweißglänzende Stirn mit einem Tuch ab. »Du fängst jetzt lieber an, uns ein paar Dinge zu erzählen, die wir gerne hören wollen. Denn wenn diese kleine Sonde unseres Lieutenants erst mal heiß ist und dahin gesteckt wird, wo die Sonne nicht scheint, dann wirst du sehr schnell merken, was los ist.«