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James warf einen Blick zurück und sah, wie hinter ihnen die Löschpulverwolke aus dem Hangartor quoll. Hundert Meter vor ihnen liefen die Soldaten im Hauptquartier aufgeregt durcheinander, während der Sarge über sein Funkgerät mit Kazakov sprach.

»Was hat Kazakov gesagt?«, fragte James, während sie sich dem Armeelager rasch näherten.

»Er glaubt, es sei sein Geburtstag«, grinste Sarge. »Wir beide sollen weitermachen wie geplant.«

»Hätten wir nicht drin sein sollen, bevor da die Hölle los ist?«

Sarge grinste. »Ihr habt doch gelernt, zu improvisieren, oder?«

James antwortete nicht mehr, weil sie das Haupttor fast erreicht hatten. Vor dem offenen Gittertor hielten ein männlicher und ein weiblicher Soldat Wache. Jeder musste hier seinen Ausweis zeigen, und da bereits ein Dutzend Soldaten in Sichtweite waren, hatten sie auch nicht die Möglichkeit, sich den Weg freizukämpfen.

»Nachricht für den General«, sagte der Sarge mit amerikanischem Akzent und zeigte den Ausweis vor, den er in der Jackentasche des Technikers gefunden hatte.

Doch den sah sich der dunkelhäutige Soldat nicht mal an. Stattdessen fragte er neugierig: »Was zum Teufel ist da drüben los?«

»Eine Drohne hat Feuer gefangen«, antwortete der Sarge achselzuckend. »Ich glaube, irgendein dämlicher Techniker hat einen Benzintank in Brand gesteckt.«

»Ist jemand verletzt?«

»Glaub nicht.«

»Das wird dem General aber überhaupt nicht gefallen ! « , lachte der Soldat. »Ich bin froh, dass ich nicht in Ihren Schuhen stecke.«

James schwenkte den Ausweis von Juan-Carlo Lopez eine halbe Sekunde lang in Richtung der Soldatin und lief dann dem Sarge nach. Sie rief ihm zwar noch ein »Hey!« hinterher, aber James reagierte einfach nicht darauf und sie unternahm auch nichts weiter.

Obwohl das Hauptquartier eine dauerhafte Einrichtung war, sollte es wie alles andere in Fort Reagan ein Kriegsgebiet darstellen. Deshalb bestanden die Behausungen aus Fertigbauten mit aneinandergeschraubten Aluminiumteilen sowie großen Zelten mit Vinylboden, elektrischer Beleuchtung und Klimaanlage.

Nach etwa fünfzig Metern schlugen James und der Sarge einen Bretterweg zwischen zwei großen Zelten ein, in denen die Soldaten schliefen. Der Sarge ging in die Hocke und beleuchtete mit einer kleinen Taschenlampe eine Papierkarte. Im Lichtkegel flatterten Wüstenmotten herum.

»Was suchen wir denn?«, fragte James.

»Hundertfünfzig Meter in diese Richtung«, erklärte der Sarge und deutete nach Norden. »Das einzige feste Gebäude auf diesem Gelände. Es versorgt das ganze Armeelager mit Trinkwasser und Strom.«

Die Neuigkeiten über das Geschehen am Hangar verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Als der Sarge weiterlief, erklangen drei Sirenentöne, und über Lautsprecher wurden Befehle erteilt.

»Meldung feindlicher Handlungen. Alle Patrouilleneinheiten, die keinen Dienst haben, versammeln sich sofort vor dem Fuhrpark!«

Daraufhin hörte James aus den etwa sechzig Meter langen Unterkunftszelten rechts und links von ihm jede Menge Flüche und Kommentare wie: Was für einen Mist haben die jetzt schon wieder mit uns vor? Er hörte, wie Ausrüstungsgegenstände herumgeworfen wurden und folgte dem Sarge voller Schadenfreude über den Bretterweg.

Hinter den Zelten befand sich ein geteerter Parkplatz voller US-Army-Hummer und gepanzerter Wagen. Zur Sicherheit der Zivilbevölkerung waren die Wagen vorne und hinten neongelb gestrichen und an den Fahrertüren klebten Hinweise, dass die Höchstgeschwindigkeit mechanisch auf 25 km/h beschränkt war.

Die Soldaten rannten zum Fuhrpark, sprangen in die offenen Hummer und reihten sich dann in die Fahrzeugschlange ein, die zu dem großen Gittertor unterwegs war.

»Macht, dass ihr eure Ärsche hochkriegt!«, brüllte ein wütender Offizier. »Fahrt in eure Sektoren und befragt jeden Idioten, den ihr zu fassen bekommt! Ich will diese beschissenen Aufständischen hier zum Verhör sehen! Wir haben genügend Leute dafür und ich will, dass diese Organisation bis Sonnenaufgang vernichtet ist!«

»Ich glaube, wir haben ihm den Abend vermiest«, sagte James lächelnd, während sie zur anderen Seite des Parkplatzes gingen.

Das Gebäude für die Strom- und Wasserversorgung war ein Betonschuppen mit Blechdach. Auf der einen Seite stand ein halb eingegrabener Öltank für den Generator. Auf der anderen führten eine Menge Wasserleitungen und Starkstromkabel über einen felsigen Abhang zum Rest des Lagers.

Da der Asphaltweg, der direkt zu dem Gebäude führte, hell erleuchtet und von der Ausfahrt leicht einsehbar war, wählte der Sarge einen steilen, in die Felsen eingehauenen Fußpfad. Die einzige Beleuchtung, die sie hier hatten, kam von den fernen Autoscheinwerfern, und James erschrak, als er mit der Schulter an einen Felsen stieß und eine Eidechse davonhuschte.

»Ich geb dir Deckung«, sagte der Sarge, legte das Gewehr an und stieß James in Richtung Schuppen.

Als James über die schmale Asphaltstraße vor dem Gebäude huschte, konnte er nur seinen eigenen Atem hören. Die schwere Stahltür ächzte und er betrat einen dunklen Gang.

»Hallo?«, fragte er. Falls er hier Gesellschaft hatte, wollte er möglichst unschuldig erscheinen.

Hinter einer Tür mit einer Million gelber Warnhinweise summte der Generator, und der verbrannte Geruch erinnerte James an einen Schaltkreis, den er im Physikunterricht einmal geschmolzen hatte.

Als er sicher war, alleine zu sein, ging James den Gang entlang, der zu einem doppelt so hohen Raum führte. Hier stand ein riesiger runder Wassertank mit einer sechssprossigen Inspektionsleiter an der Seite.

Er griff nach dem Funkgerät. »Die Luft ist rein, Sarge.«

Als der Sarge ankam, hatte James den Beutel mit dem Phenolphtalein bereits aus seinem Rucksack geholt und wollte ihn gerade mit seinem Taschenmesser aufschlitzen.

»Nicht!«, stieß der Sarge hervor. »Wenn du auch nur drei Staubkörner davon einatmest, gehst du in zwanzig Stunden ab wie eine Rakete!«

Er warf ihm Gummihandschuhe und eine Atemschutzmaske zu und kletterte ebenso ausgestattet die Leiter am Tank hoch. Dann öffnete er die Inspektionsklappe. James schnitt ein Loch in den Beutel und reichte ihn hinauf.

Der Sarge schüttete das Phenolphtalein in den Tank, während James aus dem Rucksack des SAS-Mannes einen zweiten Plastikbeutel holte.

»Kinderspiel«, fand der Sarge, als er die Leiter wieder herunterstieg.

Sie steckten die beiden leeren Beutel in einen großen, verschließbaren Plastiksack, warfen die Handschuhe und Masken mit hinein, machten ihn zu und entsorgten ihn in einem Mülleimer in der Nähe. Der Sarge reichte James ein Desinfektionsmittel.

»Nimm reichlich davon«, befahl er. »Wasch dir damit die Hände und dann Nase und Mund. Sobald du in die Wohnung zurückkommst, knotest du die Uniform in einen Müllbeutel und wirfst sie weg, dann duschst du heiß. Bis dahin solltest du nichts essen oder trinken, was du angefasst hast, und halt die Finger von deinem Mund fern.«

Die strengen Vorsichtsmaßnahmen verblüfften James. »Wie giftig ist das Zeug denn?«

»Militärisches Niveau, für Spezialaufgaben«, erklärte der Sarge und kniff die Augen zu, während er sich das Gesicht desinfizierte. »Die Droge steckt in mikroskopisch kleinen Plastikkapseln, die sich zwanzig Stunden nach dem ersten Kontakt mit Wasser auflösen. Schon von einem dreißigstel Gramm bekommt man starke Magenkrämpfe und Durchfall.«

»Nicht nett«, fand James, sah auf die Armbanduhr und warf sich seinen Rucksack über die Schulter, bevor sie zum Ausgang gingen. »Theoretisch wird also in zwanzigeinhalb Stunden jeder Ami in diesem Lager unter akuter Scheißerei leiden?«

»Genau das hofft Kazakov«, lachte der Sarge.