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Auf den ersten Blick erschien es wie ein Selbstmordkommando, einen Trupp von zweihundert Aufständischen zu den gut bewachten Toren des Hauptquartiers zu schicken. Doch Kazakov hatte bereits zwei zweiköpfige SAS-Teams vorausgeschickt, um die Lage etwas zu entspannen.
Als sich Kazakovs Hummer näherte, kappte das erste Team gerade die Leitungen des Hauptgenerators und das gesamte US-Lager versank in Dunkelheit. Gleichzeitig setzte das zweite Team mit einer improvisierten Farbgranaten-Sequenz die drei nicht vom Durchfall betroffenen Wachen am Tor außer Gefecht.
Kazakovs Hummer brach einfach hindurch und walzte das Tor nieder, dann fuhr er auf die Türen der Kontroll- und Kommandozentrale zu. Hinter ihm strömte der Mob ins Lager und skandierte: »USA! USA! USA!«
Die Hälfte davon bestand aus jenen unausgebildeten Aufständischen, die erst vor wenigen Stunden ihre Waffen bekommen hatten. Die anderen waren besser ausgebildete Teams, die von SAS-Offizieren angeführt wurden und die Aufgabe hatten, je eine strategisch wichtige Position im Lager zu besetzen, zum Beispiel die Kommunikationszentrale oder die Krankenstation.
Bruce, Jake, Rat und Gabrielle gehörten zur Truppe des walisischen SAS-Offiziers, mit dem sie am Nachmittag in der Wohnung gesprochen hatten. Ihr Ziel war das Hauptwaffendepot – dasjenige Objekt, das wahrscheinlich im ganzen Lager am schwersten zu erobern war. Doch als die Gruppe im Dunkeln über den Bretterweg zwischen den Unterkunftszelten rannte, bot sich ihr ein völlig anderes Bild.
In der Luft hing ein beißender, säuerlicher Geruch. Aus den Zelten drang verzweifeltes Stöhnen. Einige Soldaten krümmten sich leichenblass und verschwitzt vor den Zelteingängen. Keinen von ihnen interessierte es, dass das Lager angegriffen wurde.
Sechshundert Fälle von Diarrhö hatten die Kanalisation des Lagers völlig überfordert. Die Toiletten waren übergeflossen, sodass die Soldaten hastig in den Sand gegrabene Löcher nutzen mussten oder alles, was im Zelt in greifbarer Nähe lag, von Eimern bis zu ihren eigenen Helmen. Die benutzten Behälter wurden einfach nach draußen geworfen.
»Ich muss gleich kotzen«, stöhnte Gabrielle, zog sich den Reißverschluss ihrer Jacke bis zum Hals zu und vergrub die Nase unter dem Stoff.
»Das ist ja obereklig«, fand Rat und kämpfte gegen den Brechreiz an.
Das Schlusslicht ihrer Gruppe bildete eine Studentin, die bis zum vorangegangenen Tag noch nie eine Waffe abgefeuert hatte und sich jetzt an einem Zeltpfosten festhielt und sich übergab.
»Geht weiter!«, befahl der Waliser entschlossen. »Das spielt sich nur in eurem Kopf ab, ihr müsst es ausblenden!«
Hinter den Unterkunftszelten war das Lager verlassen und die Luft zum Glück etwas besser. Normalerweise war das Waffenlager der am besten bewachte Ort, doch jetzt sahen sie nur einen einzigen Soldaten vor der Tür sitzen. Und der sah so erbärmlich aus, dass sie es nicht übers Herz brachten, ihn zu erschießen.

Die Granate würde James zwar nicht umbringen, aber die chemische Reaktion und die Wucht der Explosion würde ihm den Rücken verbrennen.
James hüpfte auf und ab, packte sein T-Shirt und renkte sich fast die Schultern aus in dem Versuch, die Granate loszuwerden. Knapp fünf Sekunden vor der Explosion löste sie sich schließlich vom Ausschnitt seines T-Shirts, in dem sie sich verfangen hatte, und fiel hinunter. Aber anstatt auf dem Betonboden zu landen, plumpste sie weich in die Hose um James′ Knöchel.
»Verdammte Scheiße!«, schrie James voller Panik.
Er hatte schon das schreckliche Bild vor Augen, wie die Farbe nach oben explodierte und die Plastiksplitter ihn in die Nüsse trafen. Er trat sich auf die Ferse eines Schuhs und schlug sich das Knie an der Tischplatte an, als er den einen Fuß frei bekam. Sofort schüttelte er hektisch den anderen Fuß, um den immer noch seine Hosen und Shorts hingen.
Dadurch flog die Granate hoch in die Luft. Zwei Meter über dem Boden der Hütte explodierte sie in einem weißen Blitz. Die Wucht der Detonation ließ Türen und Fenster erzittern und James knallte gegen die Wand, während ihn der warme, zischende Schaum – in den sich die Farbflüssigkeit der Granate beim Kontakt mit Luft verwandelte – mit mehr als fünfzig Stundenkilometer traf. Der Schaum lief ihm aus den Haaren in die Augen und über die Beine.
James war mit der Schläfe gegen die Wand geprallt, doch immerhin war er weniger schwer verletzt, als wenn die Granate direkt auf seiner Haut explodiert wäre. Er blieb einen Augenblick benommen liegen und versuchte, wieder zu Atem zu kommen, während der Schaum zischte.
Vorsichtig richtete er sich auf. Das Problem war, dass er sich trotz seiner Granatenabwehr immer noch halb nackt und gefesselt im Dunkeln befand und zuerst einmal Licht brauchte, wenn er den Schlüssel für die Handschellen finden wollte.
Er hatte nur eine vage Vorstellung von der Anordnung der Möbel und tastete sich zur Tür. Da er vorwärts in den Raum gekommen und gleich auf den Tisch geknallt worden war, hatte er den Lichtschalter nicht gesehen, doch er wusste, wo er ungefähr sein musste, nachdem Sahlin kurz vor dem Verlassen der Hütte das Licht ausgeschaltet hatte.
Er drehte sich langsam mit dem Rücken zur Wand herum, konnte jedoch mit seinen gefesselten Händen nicht sehr weit tasten. Also drehte er sich schließlich mit dem Gesicht zur Wand und spürte irgendwann den Schalter, den er mit seiner glitschigen Nasenspitze betätigte.
Der pinkfarbene Schaum, der literweise aus der Granate explodiert war, hatte sich im ganzen Raum verteilt, auch auf der nackten Glühbirne an der Decke, die jetzt rosa gedämpftes Licht ausstrahlte. James zog sich mühsam die Hosen hoch und setzte sich dann auf einen der Stühle.
Er presste die Pobacken zusammen und schob die Hände mit einiger Anstrengung unter seinen Hintern und weiter unter die Oberschenkel, bis er mit den Füßen durch seine Arme steigen konnte und die Hände endlich vor dem Körper hatte.
Jetzt musste er nur noch den Schlüssel irgendwo unter der Schaummasse finden, um die Handschellen loszuwerden.

Die US-Streitkräfte versammelten alle einsatzbereiten Männer zur Verteidigung der Kommandozentrale. General Shirley und einige seiner ranghöchsten Offiziere hatten sich mit den kargen Vorräten an Durchfallmitteln eingedeckt und ein halbes Dutzend gesunder Männer strategisch um das Gebäude herum positioniert.
Der Mob der Aufständischen versuchte heranzukommen, doch mehr als ein Dutzend von ihnen wurden von den hinter Sandsäcken lauernden Soldaten gekonnt abgeschossen. Kazakovs Hummer wurde von einer gut gezielten Farbgranate getroffen, während er selbst gerade noch rechtzeitig abspringen konnte.
Kazakov duckte sich hinter das farbverschmierte Fahrzeug und beobachtete das Gebäude der Kommandozentrale durch sein Fernglas, während sieben SAS-Männer seine Befehle erwarteten. Dabei handelte es sich um einige der fähigsten Soldaten der britischen Armee, und doch hingen sie an Kazakovs Lippen wie Pilger, die auf die Anweisungen ihres Heilsbringers warteten.
»Wir nehmen eine einzige Stelle ins Visier«, entschied Kazakov, »und setzen alles ein, was wir haben. Jede Menge Rauch, jede Menge Farbgranaten. Sucht Bretter, Bettlaken und alles Mögliche, das die Farbe abhält.«
»Vielleicht sollten wir einfach abwarten?«, schlug ein SAS-Mann vor. »Kein Wasser, kein Strom. Sie können nicht viel tun.«
»Nein«, erklärte Kazakov bestimmt. »Jetzt ist der beste Zeitpunkt. Bei Ausbruch der Diarrhö ist das meiste verseuchte Wasser schon wieder abgeflossen gewesen und dann wurde häufig die Toilettenspülung benutzt. Sobald die Soldaten wieder sauberes Wasser in ihren Organismus bekommen, werden sie sich besser fühlen. Schon in einer knappen Stunde könnte das Kräftegleichgewicht wieder zu ihren Gunsten ausschlagen.«
Sie brauchten ein paar Minuten, um den Angriff vorzubereiten. Als ein paar Rauchgranaten die Luft zu vernebeln begannen, traten zwei der größten SAS-Männer auf Lauren und Kevin zu.
»Kazakov hatte gerade eine gute Idee«, erklärte einer von ihnen. »Ihr beide reitet Huckepack.«
»Wie bitte?«, fragte Lauren verblüfft.
»Es ist ein einstöckiges Gebäude. Wir laufen zur Seitenwand und wenn wir da sind, werfen wir euch beide auf das Dach. Dort gibt es bestimmt ein Oberlicht oder eine Wartungsluke, durch die ihr hindurchklettern und drinnen irgendwelchen Schaden anrichten könnt.«
Lauren war erschöpft und wäre am liebsten so früh wie möglich ins Bett gegangen, aber Kevin wollte sich unbedingt beweisen, nachdem er beim Überfall auf den Flugplatz nicht dabei gewesen war.
Die beiden Soldaten warteten noch etwas ab, bis sich der Rauch weiter ausgebreitet hatte, dann bückten sie sich und nahmen die beiden Kinder auf ihre Schultern. Was bei Kevin kein Problem war, während Lauren eine ziemlich kräftige Dreizehnjährige war, deren Gewehr und voller Rucksack sie nicht gerade leichter machten.
»Du bist ganz schön schwer«, keuchte ihr Träger, als er sie hochhob.
Währenddessen wurden die Aufständischen auf ihrem Vormarsch zur Kommandozentrale weiter von den Scharfschützen unter Beschuss genommen. Im Gegensatz zu einem Kampf mit richtigen Kugeln dienten ihnen Matratzen und Bretter als Schutzschilde gegen die Farbe, während die Scharfschützen wiederum auf den Boden oder auf Wände zielen konnten, weil es keinen Unterschied zwischen einem direkten Treffer und einem Querschläger aus Kreidestaub gab. Soldaten wie Aufständische nahmen die Schlacht gleichermaßen ernst – niemand wollte einen militärischen Tadel oder die Zivilisten-Gage riskieren.
Kevin war schon seit Jahren nicht mehr getragen worden und musste unwillkürlich lachen, als er huckepack durch das Chaos manövriert wurde. Immer wieder rissen Schüsse Löcher in den Rauch, doch der SAS-Mann erreichte die Seitenwand des Gebäudes, ohne getroffen zu werden. Kevin griff nach der Regenrinne, richtete sich dann auf den Schultern des Mannes auf und zog sich aufs Dach.
»Wo ist Lauren?«, rief er.
Der Soldat sah sich um, doch von Lauren und ihrem SAS-Mann war keine Spur zu sehen.
»Sieht aus, als wärst du auf dich gestellt, Junge.«
Der Rauch vernebelte Kevins Sicht und unter seinem Gewicht bog sich das flache Kunststoffdach gefährlich durch. Das Gebäude war rechteckig und etwa fünfzehn mal dreißig Meter lang. An den Seitenwänden gab es keine Fenster, daher kam das einzige Licht von den Oberlichtern, die man zur Belüftung öffnen konnte. Die meisten waren halb mit Sand bedeckt und so musste Kevin erst über das Dach kriechen und den Sand mit dem Ellbogen wegwischen, bevor er nach drinnen sehen konnte. Die Hauptenergiequelle war zwar ausgeschaltet, doch es brannte eine Notbeleuchtung und ein Reservesystem versorgte die Computerbildschirme mit Strom.
Inzwischen rückten die Aufständischen immer näher und die Kampfhandlungen breiteten sich immer weiter aus, sodass gelegentlich ein Schuss übers Dach hinweg sauste. Vorsichtig kroch Kevin weiter und erreichte etwa zehn Meter hinter der Dachrinne eine Aluminiumkuppel mit mehreren schräg stehenden Oberlichtern.
Er sah in einen von Taschenlampen erleuchteten Raum hinunter. Dort gab es Schreibtische für mehrere Dutzend Männer, wenngleich sich dort im Augenblick nur drei aufhielten, die um eine riesige Karte von Fort Reagan herum saßen. Einen davon erkannte Kevin als General Shirley. Er sah gestresst aus, stützte sich mit dem Ellbogen auf den Kartentisch und hielt ein Telefon in der Hand.
Kevin konnte ihn durch den Schlachtenlärm nur schlecht hören, doch General Shirley schien mit dem Kommandanten des Hauptquartiers zu sprechen.
»Commander, Sie müssen verstehen, dass wir hier ein ernsthaftes Gesundheitsproblem haben. Kazakov hat die Grenzen des Anstands überschritten … Sie wissen ganz genau, dass ich mich nicht ergeben will. Das will ich auf keinen Fall in meinem Bericht stehen haben, aber wenn Sie dieses Manöver aus wohlbegründeten Gesundheits- und Sicherheitsaspekten abbrechen, dann wäre ich …«
Während sich der General am Telefon wand, schätzte Kevin die Breite der Belüftungsschlitze ab. Gerade breit genug für eine Farbgranate. Das Problem war nur, dass der General und sein Stab sie fallen hören würden und daraufhin acht oder neun Sekunden Zeit hatten, in Deckung zu gehen.
Kevin nahm eine Granate – seine letzte – aus dem Rucksack. Er zog den Stift heraus, zählte acht Sekunden auf seiner Uhr und warf sie durch den Schlitz. Da die Gefahr bestand, dass die Explosion die Scheiben splittern ließ, rollte er sich weg und suchte hinter der Aluminiumkuppel Schutz.
Im nächsten Moment hörte er den Explosionslärm und als Kevin wieder einen Blick hinunter in den Raum wagte, stellte er fest, dass die Granate über dem Tisch kaum einen Meter von General Shirley entfernt detoniert war. Auch die beiden anderen Offiziere waren getroffen worden.
»Verdammt!«, schrie der General. »Dieser russische Scheißkerl!«
Da der General es nicht gewohnt war, an seinem Schreibtisch in die Luft gejagt zu werden, hatte er keine Schutzbrille getragen und nun mit Farbe in den Augen zu kämpfen. Von seinem Erfolg ermutigt, legte sich Kevin auf den Rücken und trat mehrmals gegen das gehärtete Glas des Oberlichts, bis es aus dem Rahmen krachte. Dann ließ er sich durch das Loch gleiten und landete mit den Füßen voran auf dem Kartentisch.
General Shirley hatte es nicht für möglich gehalten, noch wütender werden zu können – bis ihm seine brennenden Augen verrieten, dass er gerade von einem elfjährigen Jungen getötet worden war.
»Er setzt sogar Kinder ein!«, brüllte er außer sich vor Wut, fegte einen Stapel Papiere von seinem Tisch und donnerte mehrmals den Telefonhörer dagegen. »Kennt die Verdorbenheit dieses Mannes denn gar keine Grenzen?«
»Nun raufen Sie sich mal nicht die Haare«, meinte Kevin fröhlich, als er vom Tisch sprang. »Oh Augenblick, Sie haben ja gar keine …«