18
James war bereits seit über vier Jahren bei CHERUB, aber es war erst das zweite Mal, dass er sich in den fünften Stock des Hauptgebäudes wagte – zu den Quartieren der Angestellten. Der Flur brauchte dringend einen neuen Anstrich und der Teppich war abgetreten, aber immerhin hatten sich die jungen Mitarbeiter – zum größten Teil Singles –, einen Wettstreit um die schönste Weihnachtsdekoration geliefert. Vor jeder Tür erstrahlten festliche Sterne, glitzerndes Lametta, blinkende Lichter, grüne Girlanden und billige Plastikschneemänner.
Mit Ausnahme von der Tür zu Zimmer Achtzehn am Ende des Ganges. Dort war alles kahl und aus dem Raum erschallte lautstark Schwanensee.
»Mr Kazakov?«, rief James und hämmerte an die Tür. »Sind Sie da?«
James war klar, dass er da sein musste, es sei denn, er ließ seine CD bei voller Lautstärke laufen, wenn er wegging. Vorsichtig öffnete er die Tür und blickte in ein geräumiges Zimmer mit weißen Wänden, einer Balkontür und einem edlen Holzfußboden.
»Mr Kazakov?«, schrie James noch einmal, als er in den Zimmerflur trat. »Sir?«
Die Quartiere der Mitarbeiter waren größer als die der Kinder in den darüberliegenden Stockwerken und hatten ein separates Schlafzimmer und ein Wohnzimmer mit einer kleinen Küchennische.
Kazakov lag im Wohnzimmer auf einem bequemen Sessel. Aus einem teuren Lautsprechersystem, das auf dem Boden stand, dröhnte Tschaikowskys berühmteste Ballettmusik und Kazakov dirigierte das unsichtbare Orchester mit einem Textmarker.
»Hallo!«, rief James, ging vorsichtig auf Kazakov zu und tippte ihm sanft auf die Schulter.
Kazakov sah sich erschrocken um. Dann zog er die Beine an, hechtete mit einem überraschenden Purzelbaum auf die Füße und packte James am Kragen. Bevor er reagieren konnte, hatte ihm Kazakov die Füße weggezogen, drückte ihn auf den Boden und setzte ihm die Spitze eines russischen Armeedolches zwischen die Augen. Der Griff des Dolches war knorrig und seine Klinge durch das konstante, zwei Jahrzehnte lange Nachschärfen abgenutzt.
»Verdammt noch mal!«, beschwerte sich James. »Runter von mir!«
»Mit diesem Messer habe ich drei Afghanen und einen großen serbischen Killer umgebracht«, knurrte Kazakov, als die Schwanensee-Musik ihren Höhepunkt erreichte. »Ich mag es nicht, wenn sich Leute an mich heranschleichen.«
»Ich wollte sie nicht erschrecken«, rief James nervös. »Ich habe geklopft und gerufen, aber die Musik ist einfach zu laut!«
Kazakov rollte von James herunter, steckte das Messer wieder in die Lederscheide an seinem Gürtel und stand auf. Der kräftige Ukrainer zog sich die Combat-Hosen und das Hemd zurecht und regulierte dann mit der Fernbedienung die Lautstärke der Musik.
»Frohe Weihnachten, Mr Adams«, lachte er. »Du solltest an deiner Geschwindigkeit arbeiten. Du hast Reflexe wie ein altes Weib!«
Ächzend zog sich James an der Küchenzeile hoch. Kazakov war schon mindestens der zehnte CHERUB-Trainer, der ihn wegen seiner langsamen Reflexe ermahnte, doch selbst ein spezielles Geschwindigkeitstraining bei Miss Tanaka hatte daran nicht viel geändert.
»Mein Bruder war langsam«, sagte Kazakov und deutete auf eine Reihe von Fotografien. »Das hat ihn umgebracht.«
James sah einen Kazakov in Schwarz-Weiß. Er trug die Uniform der russischen Armee und stand neben einem gleich gekleideten Soldaten, der ihm ähnlich sah. Sie waren beide kaum älter als zwanzig.
»Als wir abhoben, wurde der Hubschrauber von den Taliban getroffen«, erzählte Kazakov. »Ich bin gesprungen, aber mein Bruder war eine halbe Sekunde langsamer und ist verbrannt, als das Benzin explodiert ist.«
»Das tut mir leid«, sagte James verlegen und sein Blick wanderte zum nächsten Bild. Es war in grellen Farben coloriert worden, wie in der alten Sowjetunion üblich, und zeigte den etwas älteren Kazakov in Ausgehuniform mit einer Reihe von Orden, eine spindeldürre Frau in Tutu und Ballettschuhen und einen drei oder vier Jahre alten Jungen in einem etwas seltsamen Matrosenanzug.
»War das Ihre Frau?«, wollte James wissen. »Sie ist absolut umwerfend!«
Kazakov runzelte die Stirn und drehte dann das Bild um, sodass James es nicht mehr ansehen konnte.
»Die Ehe ist eine schwierige Angelegenheit für einen Soldaten«, sagte er traurig. »Sie hat wieder geheiratet, meine Eltern sind tot und mein Bruder ist auch tot. Mein Sohn ist vierundzwanzig und lebt wohl noch, soweit ich weiß. Aber ich habe keine Ahnung, wo er ist oder wie er aussieht.«
Kazakov grollte leise vor sich hin und James suchte nach passenden Worten.
»Du bist ein guter Mann, James«, stellte Kazakov unvermittelt fest. »Wenn du willst, kannst du mitkommen nach Amerika.«
James grinste. »Wie kommen Sie darauf, dass ich Sie danach fragen wollte?«
»Ein junger Mann ist fast wie eine Katze«, klärte ihn Kazakov mit leichtem Bedauern auf, »er will Essen, Sex und Spaß. Das Essen unten in der Kantine ist besser als das, was ich hier mache, und ich hoffe doch sehr, dass du nicht wegen Sex zu mir gekommen bist. Und der einzige Spaß, den ich dir bieten kann, ist ein Platz in meinem roten Team. Habe ich recht?«
»Natürlich haben Sie recht«, lachte James.
»Mit deinen blonden Haaren und den blauen Augen erinnerst du mich tatsächlich ein wenig an meinen Bruder«, sagte Kazakov milde. »Willst du mal sehen, wohin es geht?«
Eigentlich wollte James so schnell wie möglich zu seinen Freunden zurück, doch es konnte ja nichts schaden, sich bei dem Trainer beliebt zu machen.
»Das hier ist das Gelände«, erklärte Kazakov und führte James zu einem Küchentisch voller Notizen, Haftzetteln, Papieren und einer riesigen Collage aus Satellitenbildern, die auf einem Farbtintenstrahl-Drucker ausgedruckt und mit Tesafilm zusammengeklebt worden waren.
James staunte nicht schlecht. Schon das SAS-Trainingsgelände, das ein paar Kilometer vom Campus entfernt lag, hatte ihn beeindruckt. Aber im Vergleich zu Kazakovs meterlanger Karte von Fort Reagan hätte eine Abbildung davon wie ein Postkärtchen gewirkt.
»Über tausend Quadratkilometer Nevadawüste«, präsentierte Kazakov ihm.
James betrachtete die Umrisse von Dutzenden von Wohnblöcken und von über tausend anderen Wohnhäusern, Einkaufsstraßen und Plätzen, umringt von goldener Wüste. Einiges davon war in breiten Alleen angelegt wie in amerikanischen Vororten, während andere Bereiche aus engen Fußgängergassen und nahöstlich anmutenden Gebäuden bestanden, die um Innenhöfe herumgebaut waren, oder aus aneinandergereihten Hütten wie in den Armenvierteln einer Dritte-Welt-Stadt.
In der hintersten Ecke von Fort Reagan lag eine Militärbaracke mit Dutzenden von Zelten und einigen Gebäuden, einem Flugplatz und einem großen Parkplatz, auf dem man die grünen Fahrzeugumrisse von Hummer bis zu Abrams Kampfpanzer ausmachen konnte.
Außerdem entdeckte James noch Baufahrzeuge und eine Menge frisch gepflanzter Bäume.
»Scheint ganz neu zu sein«, bemerkte er.
Kazakov nickte.
»Ist letztes Jahr eingeweiht worden. Es hat sechs Komma drei Milliarden Dollar gekostet und ist das größte Militärübungsgelände der Welt, in dem die amerikanischen Soldaten einen Vorgeschmack auf das bekommen sollen, was sie im Straßenkampf erwarten könnte. An jeder Übung nehmen bis zu zweitausend Soldaten und zehntausend Zivilisten teil – hauptsächlich Collegestudenten und Arbeitslose, die mit Bussen dorthin gekarrt werden und acht Dollar pro Tag bekommen. So ein Manöver dauert zwischen zehn Tagen und drei Wochen und seine Inszenierung kostet mindestens hundert Millionen Dollar.«
»Und wir sollen die Bösen spielen.«
»Genau«, lächelte Kazakov. »Es gab bereits einige solcher Manöver mit Teams von amerikanischen Soldaten und Spezialeinheiten in der Rolle der Aufständischen. Aber was sie tatsächlich brauchen, ist jemand von außerhalb des amerikanischen Militärs, der ihre Standardtechniken herausfordert. Die Briten schicken zum ersten Mal ein paar Truppen hin, um in Fort Reagan mit den Amerikanern zu trainieren, und als die Frage aufkam, wer das rote Team anführen sollte, wurde mein Name in die Runde geworfen.«
»Ist das da etwa ein Golfplatz?«, stieß James hervor und tippte auf die grünste Stelle der Satellitenkarte.
»Ganz genau«, grinste Kazakov. »Davon findet man zwar in Bagdad oder Mogadischu Mitte nicht ganz so viele, aber diese Generäle kommen eben nicht ohne ihre achtzehn Löcher aus.«
James spürte Kazakovs Spott und lachte. »Sie sind kein großer Fan der Amerikaner, was?«
»Ignorante Idioten!«, zischte Kazakov verächtlich. »Sie haben die Taliban ausgebildet, die meinen Bruder umgebracht haben, und sie haben ihnen die Geschosse geliefert, von denen eines den Hubschrauber getroffen hat. Ich und der Copilot, wir sind davongekommen. Sechzehn andere, einschließlich meiner ganzen Einheit, sind gegrillt worden.«
»Ich dachte, die Taliban, das sind diese Bärtigen, gegen die die Amerikaner kämpfen?«, wunderte sich James.
»Ja, heute schon«, nickte Kazakov. »Aber in den achtziger Jahren hat die CIA die Taliban ausgebildet und sie mit Waffen im Kampf gegen die Sowjetunion versorgt. Genauso war es mit Saddam Hussein. Die Amerikaner haben ihm die Waffen geliefert, um im Iran einzufallen. Und mithilfe amerikanischer Technologie sind auch jene chemischen Waffen entwickelt worden, mit denen im Irak die Kurden vergast wurden.«
James lächelte unsicher. »Politiker sind manchmal wie Fünfjährige. Einmal sind sie die besten Freunde und gleich darauf wälzen sie sich im Dreck, treten, beißen und schlagen aufeinander ein.«
»Guter Vergleich«, fand Kazakov. »Ich habe da so eine Strategie: zehn CHERUB-Agenten, dreißig Offiziere der Spezialeinheiten und mehrere Hundert Sympathisanten unter der Zivilbevölkerung. Innerhalb von achtundvierzig Stunden werde ich diese amerikanischen Generäle auf die Knie zwingen und sie betteln lassen, sich ergeben zu dürfen.«
Die Heftigkeit in Kazakovs Worten überraschte James.
»Aber es ist doch nur eine Übung«, gab er zu bedenken. »Und die Amerikaner sind unsere Verbündeten.«
»Vergiss es.« Kazakov schlug mit der Faust auf den Küchentisch. »Ich werde es den eingebildeten Yankees mit ihren Kriegsspielen und ihren Militärakademien schon zeigen, wie es ist, in die Gosse zu steigen und eine ordentliche Straßenschlacht zu führen!«
James wunderte sich ein wenig. Das, was Kazakov erzählte, hörte sich nicht gerade nach Ferien in Las Vegas und einem anschließenden leichten Training an, wie Lauren es ihm verkauft hatte.
»Und wann geht es los?«, wollte er wissen.
»An Neujahr«, erklärte Kazakov. »Ich schicke euch im Laufe des Tages noch einen Plan.«
»Na dann.« Mit einem Blick auf die Uhr zog sich James zur Tür zurück. »Ich treffe mich im Speisesaal mit den Jungs zum Frühstück. Ich wünsche Ihnen Frohe Weihnachten und ich schätze, wir sehen uns dann zum Weihnachtsessen unten.«
»Vielleicht«, entgegnete Kazakov düster. »Aber Weihnachten ist nicht so mein Ding und ich muss noch viel vorbereiten.«