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James gähnte, als sie zehn Kilometer vom Campus entfernt das Tor des militärischen Flugplatzes passierten. Er war bis halb drei Uhr wach geblieben, um das neue Jahr zu begrüßen, und dann früh wieder aufgestanden, um noch etwas Wäsche zu waschen, damit er für die zweiwöchige Reise auch genügend Kleidung mitnehmen konnte.

Die hydraulische Tür des mit sechsundzwanzig Sitzplätzen ausgestatteten Busses ging zischend auf und ein Sicherheitsbeamter der Royal-Air-Force stieg ein. »Die Reisepässe bitte!«, verlangte er.

Alle hielten ihre Pässe bereit, sowohl die CHERUB-Mitarbeiter Mac, Meryl und Kazakov als auch die Agenten James, Lauren, Rat, Kevin, Jake, Bruce, Andy, Kerry und Gabrielle  – nur Bethany kramte panisch in ihrem Rucksack herum, bis sie ihren Pass schließlich in einer versteckten Seitentasche fand.

»Ich habe die Ausfuhrgenehmigung für Waffen, Sprengstoff und Drogen«, erklärte Mac und deutete auf einen Stapel Papiere.

»Wir haben Sie hier schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen«, entgegnete der Offizier, sah sich die Papiere einzeln an und stempelte sie nacheinander ab, was ein wenig umständlich war, da er sie nur auf einer federnden Schaumstoff-Kopfstütze ablegen konnte.

»Tja«, lächelte Mac. »Ich bin sozusagen in Halb-Pension gegangen.«

»Alles fertig«, sagte der Offizier, gab Mac die Papiere zurück und wandte sich dann an Trainer Pike. Pike nahm zwar nicht an der Übung teil, hatte sich aber als Bus-Chauffeur angeboten und bekam nun Anweisungen, welche Taxiways er am besten zu ihrem Flugzeug nehmen sollte.

Es kam nicht selten vor, dass größere Gruppen von CHERUB-Agenten die Flugzeuge der Royal-Air-Force nutzten  – und darin eine völlig andere Flugerfahrung als in einem kommerziellen Jet machten: In einem ausgebauten Tristar-Airliner, mit dem normalerweise Truppen in den Nahen Osten verschickt wurden, war es ungefähr genauso gemütlich wie in einem winzigen Militärtransporter ohne Druckausgleich. Der Service war miserabel, die Sitze waren steinhart, es gab Armeerationen aus der Tüte und Unterhaltungsprogramme waren nicht vorhanden.

Doch als James nun in die kalte Nachmittagssonne trat, stellte er angenehm überrascht fest, dass ihr Flieger den typisch blau-weißen Royal-Flight-Anstrich hatte, jener Air-Force-Abteilung, die darauf spezialisiert war, Angehörige des Königshauses, Staatsoberhäupter und andere wichtige Gäste zu transportieren.

Der VIP-Service begann schon beim Ausstieg aus dem Bus: Weiß behandschuhte Stewards hatten sich aufgestellt, um alle zu begrüßen. Dann verfrachtete die Crew eilig das Gepäck und Kazakovs Spezialausrüstung aus dem Bus ins Flugzeug. In der Nähe hob gerade mit lautem Getöse ein Typhoon-Eurofighter von der Startbahn ab.

»Obercool!«, stieß James hervor, als er oben an der Treppe einen ersten Blick ins Flugzeug warf.

Es war die Luxusversion eines normalen Fluglinien-Airbus′, in dem anstatt einhundertfünfzig enger Sitzreihen zwei Dutzend riesige Ledersessel standen, die man zu einem Bett umbauen konnte.

In der Mitte des Flugzeugs befand sich eine Lounge mit roten Ledersesseln und einem Union Jack als Teppich  – der je nach Geschmack als trendy oder absolutes No-Go gelten konnte. Im hinteren Teil gab es eine private Suite, die komplett mit Mini-Büro, Toilette und Dusche sowie einem luxuriösen Doppelbett eingerichtet war. Jake stürmte sofort hinein und nahm das Bett in Beschlag, bevor er vom Chefsteward ohne Umschweife wieder hinausbefördert wurde, der ihm entrüstet klarmachte, dass diese Räumlichkeiten für niemanden bestimmt seien, der nicht mit Königliche Hoheit oder Mr President angeredet würde.

»Das Flugzeug sieht nagelneu aus«, bemerkte James und ließ sich in einen der knirschenden Ledersessel fallen. Sofort wurden ihm ein Teller mit frischem, aufgeschnittenem Obst, ein heißes Union-Jack-Handtuch und eine Zeitung gereicht, die aussah, als sei sie gebügelt worden.

»Es ist auch neu«, antwortete die Stewardess. »Das Flugzeug wird offiziell erst in Betrieb genommen, wenn der Prince of Wales in diesem Monat damit nach Australien fliegt. Aber vorher unternehmen wir noch ein paar Probeflüge, um zu sehen, ob alles richtig funktioniert.«

»Wir bekommen also den königlichen Rundum-Service?« , lächelte James und drückte auf einen Knopf, der seinen Sitz nach hinten kippen ließ.

»Bitte aufrecht lassen bis nach dem Start«, mahnte die Stewardess. »Du kannst dir ja schon mal die Speisekarte ansehen. Wir werden ein leichtes Mittagessen servieren, wenn wir unsere Flughöhe erreicht haben.«

Jake zupfte den Chefsteward am Ärmel.

»Ich will Belugakaviar und den besten Wein, den Sie haben!«, rief er, klatschte in die Hände und fügte hinzu: »Zack, zack!«

James lachte, während das Bordpersonal alles andere als begeistert wirkte. Als er zu Meryl Spencer auf die andere Seite des Ganges hinübersah, stellte er erstaunt fest, dass sie bereits zur Startbahn rollten.

»Besser als drei Stunden in der Abflughalle von Heathrow«, kommentierte Meryl trocken.

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Der Flug nach Las Vegas würde neuneinhalb Stunden dauern. Nach drei Stunden hatten sich James und die anderen Agenten in der Lounge des Fliegers versammelt, wo Meryl ihnen Blackjack beibrachte.

»Woher kannst du so gut Karten spielen?«, wollte Lauren wissen, während Meryl geschickt die Spielkarten mischte.

»Ich war Promi-Casino-Host in Las Vegas von 1998 bis … äh … 1998 drei Monate später.«

»Was soll das denn sein?«, wollte Rat wissen.

»Alle großen Casinos konkurrieren darum, reiche Spieler anzulocken«, erklärte Meryl. »Als ich mich aus dem aktiven Sport zurückgezogen habe, hat mir eines der großen Casinos in Vegas eine halbe Million Dollar angeboten, wenn ich sechs Monate lang für sie arbeite. Als Casino-Host gewinnt man ein bisschen hier und da, diniert mit den großen Spielern, teilt gelegentlich mal Karten an einem der Tische aus, moderiert Casino-Events und gibt Mr und Mrs Nobody aus Arkansas Gelegenheit, sich mit dir zusammen fotografieren zu lassen. Aber vor allem wird von dir erwartet, dass du stundenlang in einem fischernetzartigen blöden kleinen Kleidchen herumspazierst, das nie und nimmer für eine 90 Kilo schwere, 1,90 große jamaikanische Sprinterin gemacht wurde.«

»Eine halbe Million für sechs Monate.« James pfiff durch die Zähne. »Dafür würde ich auch Fischernetze tragen.«

»Ich dachte, das machst du sowieso schon umsonst«, grinste Rat.

»Saublöder Job«, fuhr Meryl fort. »Die dümmste Entscheidung, die ich je getroffen habe. Zum Glück stellte ich mich so hoffnungslos dämlich an, dass sie mich ausbezahlt haben, noch bevor ich kündigen konnte.«

Alle lachten. Meryl teilte neu aus und gab jedem Spieler zwei Karten.

»Karte«, verlangte Jake weiterhin.

Lauren stöhnte auf. »Jake, der Croupier hat sechs, du hast siebzehn. Wenn du über einundzwanzig hast, hast du verloren.«

»Karte«, beharrte Jake.

Meryl gab Jake eine vier, und seine einundzwanzig machten es dem Croupier unmöglich, ihn zu schlagen.

»Blackjack«, grinste Jake und streckte Lauren die Zunge heraus. »Hab ich doch gleich gesagt!«

»Es war trotzdem die falsche Entscheidung«, mischte sich Rat ein. »Die Wahrscheinlichkeit, dass du eine höhere Karte als vier bekommst, war viel größer, und dann hättest du verloren.«

»Das sagst du doch nur, weil Lauren deine Freundin ist«, höhnte Jake.

»Das sage ich, weil die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch ist«, entgegnete Rat gelassen. »Gelegentlich hast du vielleicht Glück, aber auf lange Sicht wird dich der Croupier bis aufs Hemd ausziehen und du verlierst dein ganzes Geld.«

»Und warum hab ich dann hier mehr Pennies als du, Schlaukopf?«, fuhr Jake ihn an.

Andy musste lachen. »Weil du ein glücklicher kleiner Scheißer bist!«

Mac hatte versucht, in einem der Sessel in der Nähe der Mittellounge ein wenig Schlaf zu finden und richtete sich jetzt ruckartig auf.

»He!«, rief er. »Andy, pass auf, was du sagst. Und der Rest könnte mir den Gefallen tun und ein wenig leiser sein!«

»Tut mir leid, Mac«, entschuldigte sich Meryl.

Sie teilte erneut die Karten aus, bis sich die Spieler übernommen hatten oder keine mehr annehmen wollten, zeigte dann ihre zweite Karte und zog noch eine weitere.

»Der Croupier hat neunzehn«, lächelte sie und sammelte von allen außer Jake und Bethany die Pennies ein.

»Das Interessante am Blackjack ist die relativ geringe Gewinnspanne des Casinos«, erklärte Meryl, während sie die Karten mischte. »Wenn man sich die Grundstrategie einprägt, hat man weitaus bessere Gewinnchancen als bei jedem anderen Spiel im Casino. Profispieler nutzen sogar eine Technik, die man Kartenzählen nennt, um ihre Chancen zu erhöhen.«

»Dann bring uns die doch bei«, verlangte Andy aufgeregt.

Jetzt gab Mac den Versuch, zu schlafen, endgültig auf und setzte sich gerade hin. »Ihr könnt so viel üben, wie ihr wollt, aber in Vegas werdet ihr sowieso erst spielen, wenn ihr über einundzwanzig seid«, bemerkte er.

»Und selbst wenn ihr es schon wärt, könntet ihr nicht einfach ins nächste Casino gehen und anfangen, die Karten zu zählen«, ergänzte Meryl lächelnd. »Das Prinzip ist zwar ganz einfach, aber man muss schon etwas mathematische Begabung haben, um es zu beherrschen. Jede Karte zwischen zwei und fünf zählt eins, die von zehn bis As minus eins. Und je größer die Zahl wird, desto besser stehen die Chancen des Spielers gegenüber dem Croupier.«

»Hört sich nicht allzu schwer an«, meinte Andy. »He, James, du bist doch unser kleines Mathegenie.«

James hatte fasziniert zugehört. »Ich muss also nur versuchen, die Karten zu zählen, die der Croupier austeilt? Und es sind nur zweiundfünfzig Karten in einem Spiel?«

Meryl nickte. »Wäre ja schön, wenn das tatsächlich so einfach wäre, James, aber um das Zählen zu erschweren, benutzen die Casinos bis zu acht Spiele pro Tisch, und ein professioneller Blackjack-Croupier teilt die Karten wesentlich schneller aus als ich. Wenn jemand plötzlich größere Summen gewinnt, mischen sie die Karten oder tauschen das Spiel aus und du musst von vorne anfangen.

Außerdem  – sobald die Casino-Besitzer merken, dass du mitzählst, werden sie dich durchsuchen, fotografieren und dich auf die Straße setzen. Und dann verbreiten sie dein Foto in der ganzen Stadt, sodass du nicht mal mehr in die Nähe eines Spieltisches kommst, es sei denn, du verkleidest dich.«

»Also muss man alle Karten im Kopf behalten und darf sich das nicht anmerken lassen«, lächelte Lauren. »Kriegt dein Dickschädel das hin, James?«

»Das kann man nie wissen, bevor man es nicht versucht hat«, gab James zurück. »Zuerst muss ich aber mehr darüber erfahren und genau herausfinden, wie das alles geht. Mac, funktioniert das Internet an Ihrem Computer?«

»Gegen eine kleine Gebühr schon«, grinste Mac.

»Ich tausche mit Ihnen den Platz«, bot James an. »Ich sitze ganz vorne, weit weg von dem Lärm hier, und außerdem kann man von dort aus der hübschen Stewardess unter die Uniform schauen, wenn sie sich im Gang bückt.«

Mac lachte, während Kerry ihm eine Kopfnuss verpasste und James ein Chauvinistenschwein schimpfte.

»Klingt gut«, fand Mac und stand auf. »Aber versprich mir, keinen Versuch zu unternehmen, um meine gesicherten E-Mails zu lesen. Die Technikabteilung vom MI5 hat es so eingerichtet, dass sich die ganze Festplatte löscht, wenn man dreimal das falsche Passwort eingibt.«

Die Kinder mussten lachen.

»Das ist gar nicht lustig«, fuhr Mac halb scherzhaft fort. »Ich habe das blöde Ding schon zwei Mal leer gefegt. Dann muss man den ganzen Kram zum MI5 nach London schicken, damit sie dort die Software neu installieren. Und beim zweiten Mal hat so ein zwanzigjähriges Bürschchen glatt einen Bericht an den Innenminister geschickt und gemeint, dass ich aufgrund meines Alters ein Sicherheitsrisiko darstelle.«

»Na, Sie werden eben auch älter«, kommentierte Jake taktlos.

»Richtig, Jake«, lächelte Mac und drohte ihm mit dem Finger. »Aber ich habe immerhin noch eine Sicherheitsfreigabe, die es mir erlaubt, mich in den Bericht deiner nächsten Fitnessprüfung einzuhacken. Also pass auf, was du sagst, sonst findest du dich vielleicht ganz schnell in einem von Mr Kazakovs beliebten vierwöchigen Intensiv-Fitness-Programmen wieder.«

»Oh ja, bitte, Mac!«, flehte Lauren. »Lassen Sie Jake leiden, dann sind Sie für immer mein bester Freund!«

»Halt die Klappe«, verlangte Jake. »Tut mir echt leid, Mac, ich wollte nicht unhöflich sein.«

Jakes hastige Entschuldigung ließ die anderen in lautes Gelächter ausbrechen.

»Jetzt schleimt er aber«, prustete Rat.

James ließ der Blackjack-Gedanke nicht mehr los. Mit Blick auf Meryl sagte er: »Okay, Croupier. Ich lasse mir jetzt meine Pennies auszahlen, um zu lernen, wie man Vegas betrügt.«

»He, spiel doch einfach weiter«, beschwerte sich Jake. »Was soll denn das, jetzt aufzuhören? Von uns kann doch sowieso niemand in einem richtigen Casino um Geld spielen.«

»Das Spiel wird aber langweilig«, fand James. »Und ich bin neugierig, welche Mathematik hinter dieser Kartenzählerei steckt. Vielleicht steht mir ja eine steile Karriere als Casino-Hai bevor.«

»Du magst Mathe, nicht wahr, James?«, grinste Lauren und schlug sich dann mit der Hand vor den Mund. »Hüstel, pust, Riesenstreber, hüstel!«

Mac ging den Gang entlang zu James′ Platz, während James sich auf Macs warmen Ledersessel niederließ und den winzigen Laptop aufklappte.

»Okay«, sagte Meryl und teilte die Karten neu aus. »Spieler, ich bitte um eure Einsätze. Maximum sind fünf Pennies pro Spiel.«