Okay, wahrscheinlich geht es mir nicht so schlecht wie Paco. Der Schattendoc behandelt den armen Kerl im Operationsraum oder in der Klinik oder was, seitdem ich ihn vor drei Stunden hergebracht habe. Die Tatsache, daß der Doc noch nicht herausgekommen ist, bedeutet wahrscheinlich, daß Paco noch nicht abgekratzt ist, aber das ist auch schon alles, was sich daraus schließen läßt. Keinen Schimmer, wie ernst die Lage ist und wie Diagnose und Prognose aussehen. Der Doc hat mir gesagt - eher befohlen -, die OP-Tür nicht mal anzurühren, und das ist ein Befehl, den zu mißachten ich keine rechte Lust habe.

Als ich mich in der heruntergekommenen Schattenklinik umsehe, habe ich so etwas wie ein schlechtes Gewissen, weil ich Paco hergebracht habe. Klar, der Bursche gehört zu den Cutters, und laut Lone Star Kanon macht ihn das zu Abschaum. Aber auf einer persönlichen Ebene habe ich ihn schon immer irgend wie gemocht. Er war immer fair und offen zu mir Drek, er hat mich gewarnt, als meine Tarnung geplatzt ist. Er hat die persönliche Loyalität mir gegenüber - einem Chummer, einem Kameraden - über die Loyalität zur Gang gestellt. Das muß einiges aufwiegen. Es überrascht mich, aber Paco kommt mir wie ein Freund vor und davon habe ich nicht allzu viele. Genauer gesagt, keinen einzigen mehr, wenn er ins Gras beißt, und das ist ein verdammt trauriger Gedanke.

Alles in allem wäre mir wohler gewesen, wenn ich ihn ins Harborview Hospital gebracht hätte. Was natürlich vollkommen ausgeschlossen war. Paco hat es zwar nie erwähnt, aber ich nehme an, er ist SINlos. Harborview würde niemanden ohne Systemidentifikationsnummer aufnehmen. Hinzu kommt, daß der Star in der Gegend um Pill Hill immer stark vertreten ist. Paco in die Eingangshalle des Krankenhauses zu schleifen hätte wahrscheinlich nur dazu geführt, daß er ins Gras gebissen hätte und ich geschnappt oder gegeekt wor den wäre. Damit blieb natürlich nur noch ein Straßen-doc, ein Schattenschnibbler, als einzige Möglichkeit übrig.

Diejenige, die ich ausgesucht habe - eine Dr. Mary Dacia, auf der Straße als Doc Dicer bekannt -, hat einen guten Ruf bei den Cutters und ist nach meiner Versetzung von Milwaukee nach Seattle bei Lone Star als ›letzte Zuflucht‹ erwähnt worden. Doc Dicer hat offenbar einen richtigen Doktor in Medizin, sich auf Traumafälle spezialisiert und sogar ein paar akademische Artikel veröffentlicht. (Warum, zum Teufel, arbeitet sie dann als Schattenschnibbler und nicht als richtiger Doc? Keinen Schimmer.) Ihre ›Klinik‹ befindet sich in einem ehemaligen Restaurant in der Blanchard Street in Sichtweite der Space Needle. Sie ist eine kleine, gut gebaute Frau mit kurzen roten Haaren, zäh und kompetent und hat eine echt frostige Art. Und doch spüre ich ein mitfühlendes menschliches Wesen unter dieser Straßenfassade. Das Beste, was ich für Paco tun konnte, und vielleicht gut genug.

Die Tür zur Gasse - Dicers ›Vordertür‹ - schwingt auf, und ich ziehe meine H&K. Ich stecke sie wieder weg, als ich sehe, daß es Argent ist. »Das hat aber lange gedauert«, knurre ich.

Der Runner zuckt die Achseln. »Jean hat dir gesagt, daß ich beschäftigt bin, als du angerufen hast«, sagt er ganz vernünftig. »Ich habe die Nachricht erst vor« - er wirft einen Blick auf seine Uhr - »zwanzig Minuten erhalten.« Er geht zur Couch und läßt sich müde darauf-sinken. Der Kontakt mit den Sprungfedern läßt ihn nicht gleich wieder aufspringen. Entweder ist er zu müde, um noch auf viele kleine Stichwunden zu reagieren, oder sein Arsch ist gepanzert. »Du hast gesagt, es ist wichtig«, bemerkt er.

»Vielleicht.« Und ich erzähle ihm von meinem Besuch im Unterschlupf der Cutters.

Seiner Miene kann ich entnehmen, daß er von meiner Entscheidung, nach Ravenna zu fahren, nicht begeistert ist, aber er hört zu und nickt dann, als ich ihm den Grund erkläre. »Riskant«, sagt er. »Aber ich hätte wahrscheinlich dasselbe getan. Erzähl weiter.«

Das tue ich, und ich schildere ihm, wie ich den Westwind vor den Hintereingang gefahren und den in Vorhänge eingewickelten Paco aus dem Haus geschleift habe und dann in die Innenstadt zu Doc Dicers Laden gerast bin, woraufhin ich ihn angerufen habe. Als ich fertig bin, nickt er zögernd. »Interessant«, sinniert der Runner leise. »Ich habe von dieser Super-Seuche gehört. Du kannst dir die wüsten Gerüchte auf der Straße sicher vorstellen. Aber es war immer nur vom »Freund eines Freundes von einem Bekannten‹ die Rede. Niemand, den ich kenne, hat sich angesteckt oder kennt persönlich jemanden, der die Seuche hat. Ich hielt das alles für die diesjährige Ausgabe einer Grippeepidemie und eine Menge Hysterie.« Er wirft einen Blick auf die Tür. »Vielleicht ist es an der Zeit, diese Einschätzung zu revidieren.«

»Was du nicht sagst«, knurre ich. Jetzt, wo Argent hier ist, weiß ich nicht mehr, warum ich ihn überhaupt angerufen habe. Es schien mir eine gute Idee zu sein, aber jetzt? Will ich hier mit dem Shadowrunner eingesperrt sein, wenn er mir lediglich beim Warten helfen kann?

Wie als himmlische Antwort auf meine Zweifel öffnet sich die Tür zum OP oder was auch immer, und Doc Dicer tritt heraus. Sie ist völlig erledigt - das sehe ich ihrem Gesicht und ihrer Körperhaltung an -, aber sie ist auch besorgt. Kein gutes Zeichen.

»Wie geht es ihm?« frage ich.

Sie antwortet nicht sofort, sondern wendet sich an Argent, der bereits aufgestanden ist. Ein breites Lächeln überzieht ihr Gesicht, und plötzlich sieht sie zehn Jahre jünger aus. Sie umarmen sich, wobei die zierliche Frau in der Umarmung des stämmigen Runners geradezu zwergenhaft wirkt. Seine mattschwarzen Cyberarme halten sie sanft, beinahe zärtlich. Nach einem Augenblick trennen sie sich wieder.

»Ist lange her«, sagt Doc Dicer.

Argent schüttelt langsam den Kopf, während er sich umsieht. »Eine ziemliche Veränderung.«

Sie zuckt die Achseln. »Hier kann ich etwas bewegen«, sagt sie, »und diese Veränderung lohnt sich.« Sie hebt eine Augenbraue, als sie anzüglich auf seine Arme blickt. »Du hast dich auch verändert.«

»Könnten wir die Wiedersehensfeier vielleicht noch etwas verschieben?« werfe ich trocken ein. Beide starren mich plötzlich kalt an, aber ich halte ihrem Blick stand. »Wie geht es Ihrem Patienten, Doc?«

»Er stirbt vielleicht«, antwortet sie. »Jedesmal, wenn ich denke, ich hätte ihn stabilisiert, macht dieses Retrovirus eine grelle Antigen-Verwandlung durch, und dann geht es wieder abwärts mit ihm.« Sie hält inne, und ihre harte Miene wird ein wenig weicher. »Ein Freund?«

»Ja«, sage ich, und das ist die Wahrheit. »Ja, ein Freund.« Mir kommt ein anderer Gedanke. »Wäre er in einem richtigen Krankenhaus besser aufgehoben?«

»Vielleicht, aber das ist keineswegs sicher«, erwidert sie. »Es könnte auch nur ein besser eingerichteter Platz zum Sterben für ihn sein.«

Ich nicke. »Kann ich mit ihm reden?«

Sie will nein sagen, das kann ich in ihren Augen erkennen. Doch nach ein oder zwei Sekunden nickt sie. »Zwei Minuten«, sagt sie schneidend, indem sie Argent einen Blick zuwirft, als wolle sie den Runner auffordern, dafür zu sorgen, daß ich nicht aus der Reihe tanze.

»Zwei Minuten«, sage ich, und Doc Dicer öffnet die Tür.

Paco sieht klein in dem Bett aus, das von HiTech-Mo-nitoren und anderem Drek umgeben ist. An Kopf und Handgelenken sind Drähte und Sensoren und ein Haufen anderer Müll befestigt, der auch unter der Decke verschwindet, wo er offenbar mit seiner Brust verbunden ist. Er sieht wie ein kleiner Junge aus. Die Ringe unter seinen Augen sind dunkler und noch betonter, und seine Lippen sehen immer noch schlimm aus, aber zumindest rinnt ihm nichts mehr von diesem gelben Drek aus der Nase, und sein Atem klingt fast frei. Die Augen sind jedoch tief eingesunken und die Wangen eingefallen, und es kommt mir so vor, als sei er in den letzten drei Stunden dünner geworden. Mir ist plötzlich kalt.

»Ist er ansteckend?« frage ich.

Doc Dicer lächelt humorlos. »Wird auch Zeit, daß Sie diese Frage stellen«, sagt sie. »Er ist von einer Laminar-Luftstrom-Isolation umgeben, die alle Erreger dort hält, wo sie gerade sind. Ohne das?« Sie zuckt die Achseln. »Ich weiß es nicht, aber in« - sie sieht auf die Uhr -»genau zwei Minuten bin ich schlauer.«

Ich trete näher ans Bett - nicht zu nahe, ich weiß nicht, wie weit sich dieser Laminar-Drek nach außen erstreckt. »Paco.« Dann noch einmal lauter. »Paco.«

Seine Augenlider flattern, dann öffnen sie sich. Die Augen richten sich diesmal sofort auf mein Gesicht, und ich hätte gesagt, das deute auf eine Verbesserung seines Zustands hin, wären da nicht der glasige, unnatürliche Glanz im weißen Licht des OPs und die Tatsache, daß die eine Pupille doppelt so weit geöffnet ist wie die andere. »Larson«, sagt er mit einer Stimme, die so klingt, als hätte er Kies im Hals stecken. »Du bist nicht abgehauen, 'mano.«

»Nur so lange, um dich zu einem Doc zu schaffen, Chummer«, würge ich an dem Klumpen in meinem Hals vorbei.

»Ja...« Seine Stimme verliert sich.

»Paco«, sage ich scharf, »bleib bei mir, Chummer. Laß dich nicht hängen, okay?« Er nickt, und ich werfe einen Blick auf Doc Dicer. Sie wirft ostentativ einen Blick auf ihre Uhr.

Keine Zeit für eine freundliche, subtile Annäherung. Klein ist sie, aber ich habe das Gefühl, Doc Dicer könnte sogar Argent aus ihrer Klinik jagen, wenn er die Regeln bräche. »Was, zum Teufel, ist passiert, Chum-mer?« frage ich ihn. »Das Haus war leer. Warum?«

»Krank«, murmelt er. Seine Augen flackern, dann schließen sie sich. Ich verliere ihn.

»Ja«, sage ich eiligst. »Ich weiß, daß du krank geworden bist. Aber was ist mit dem Rest der Gang? Was ist passiert?«

Er schüttelt den Kopf. »Nicht. Nicht ich.« Er holt tief Luft, und das Blubbern ist wieder da. »Ja, ich meine, ja, ich bin krank geworden. Aber nicht nur ich. Auch andere.«

Was? »Wie viele andere, Paco?«

»Sieben, acht. Vielleicht zehn. Dachten zuerst, es wär' 'ne Lebensmittelvergiftung. Das haben sie zuerst gedacht, daß wir irgendso'n schlechten Drek gegessen hätten. Aber das war's nicht. Die Leute, die krank wurden, hatten nicht dasselbe gegessen. Krank. Die Leute kriegten Angst. Es wurde echt schlimm.«

»Ja, das kann ich mir vorstellen.« Drek, es gibt so viel, das ich wissen muß. Viel mehr, als ich in zwei Minuten erfahren kann, aber Doc Dicer hat mit Sicherheit nicht vor, mir eine Verlängerung zu bewilligen. Ich muß mich auf das Wesentliche konzentrieren und die Einzelheiten später ergänzen oder ganz außen vorlassen. »Wann ist das passiert, Paco? Wann hat es angefangen?«

Er antwortet nicht sofort. Seine Augen sind geschlossen, sein Atem klingt wieder nach Haferschleim im Schnorchel, und ich glaube schon, daß er weg ist. Doch dann zuckt er und sagt: »Paar Tage. Paar Tage her. Tag nach dem Treffen.«

»Welchem Treffen?« Dicers Augen verraten mir, daß meine Zeit abläuft. »Nach welchem Treffen, Chum-mer?«

Wieder gibt es eine längere Verzögerung, und ich will Doc Dicer unter allen Umständen sagen, daß sie mir die tote Zeit nicht berechnen darf. Dann sagte er: »Die Elfen, 'mano. Die Elfen beim letztenmal.«

»Die Elfen aus Tir?«

»Ja. Danach.« Seine Stimme ist so leise, daß ich mich vorbeuge, um ihn besser zu verstehen. Aus dem Augenwinkel sehe ich Docs warnenden Blick, und ich erstarre. Ach ja, der Laminar-Drek.

»Okay, Paco. Ich hab's begriffen - die Elfen. Was dann?«

Eine lange Pause, und ich glaube, er ist weggedämmert. Aber dann bewegen sich seine rissigen Lippen wieder. »Panik«, flüstert er, »alle wollen weg... die Leute hauen ab... lassen mich allein. Ich bin krank, 'mano...« Dann stößt er einen tiefen Seufzer aus und ist tatsächlich weg. Zwischen Ausatmen und Einatmen ist wieder dieses Klicken, und ich fühle mich plötzlich elend.

Dicer packt meinen Arm mit festem Griff. »Schön«, schnappt sie. »Raus.«

Wie zuvor will ich mich ihrer Anordnung nicht widersetzen.


Argent und ich reden nicht miteinander, während wir im Wartezimmer herumhängen. Mir geht zuviel durch, den Kopf, um mich zu unterhalten, und die Augen des Runners verraten mir, daß es ihm ähnlich geht.

Elfen. Elfen aus Tir. Dann diese Krankheit - Drek, zehn Leute in zwei Tagen gestorben, es klingt tatsächlich nach VITAS. Gibt es eine Verbindung zu den Elfen - einen echten Kausalzusammenhang? Oder ist das nur ein Zufall? Aus der schwärzesten Tiefe der Vergangenheit fällt mir etwas aus einem Philosophiekurs ein. Einer der häufigsten logischen Fehler - post hoc, ergo propter hoc: danach und daher auch deswegen - ist die Annahme, weil Ereignis B zeitlich auf Ereignis A folgt, muß Ereignis A Ereignis B irgendwie verursacht haben.

Drek, ich weiß, daß ich emotional ausgebrannt bin, wenn ich anfange, mich an das verdammte Latein zu erinnern...

Die OP-Tür öffnet sich, und Doc Dicer kommt heraus. »Nein, er ist noch nicht tot«, beantwortet sie meine Frage, bevor ich sie stellen kann. »Er schläft - wahrscheinlich für ihn im Moment das beste -, und ich glaube, sein Zustand ist einigermaßen stabil... aber das habe ich gerade auch schon geglaubt.« Sie lehnt sich an die Wand und reibt sich die Augen. Was empfindet sie im Moment? Vielleicht Angst? Mir ist nicht klar, wie dieser Laminar-Drek sie schützen soll, während sie tatsächlich an Paco arbeitet. Es gibt auf Magie beruhende Isolationsvorrichtungen, die angeblich jeden dem Menschen bekannten (und unbekannten) Erreger fernhalten, aber ich habe keinen der Fetische und Talismane an ihr gesehen, die dafür unerläßlich sind. Irgendwo im Hinterkopf muß Doc Dicer befürchten, VITAS 4, oder was Paco sich geholt haben mag, ausgesetzt zu sein, aber sie hat sich bereit erklärt, ihn zu behandeln, und sie arbeitet immer noch an ihm. Für mich war es etwas anderes, das Risiko einzugehen, ihn aus dem Unterschlupf zu tragen und durch die Stadt zu kutschieren. Er ist mein Chummer. Ich weiß nicht, ob ich mein Leben für einen Fremden aufs Spiel setzen würde.

»Irgendwas Erfreuliches?« fragt Argent.

Dicer nickt zögernd. »Sogar etwas sehr Erfreuliches. Was Ihr Freund auch hat«, sagt sie an mich gewandt, »es ist nicht ansteckend.«

»Häh?« sage ich oder etwas ähnlich Zwingendes.

Sie zuckt die Achseln. »Ich verstehe es selbst nicht«, räumt sie ein, »aber es ist nicht ansteckend, nicht im Moment. Es könnte irgendwann ansteckend gewesen sein, zum Beispiel zu dem Zeitpunkt, als Ihr Freund es sich zugezogen hat, aber ich bin nicht völlig davon überzeugt.« Sie seufzt. »Es hat diesen Trick einer wirklich profunden Antigen-Verwandlung drauf. Besser kann ich es nicht beschreiben, obwohl es nicht ganz stimmt.«

»Im Klartext«, schlage ich vor.

Sie wirft mir einen boshaften Blick zu, dann scheint sie ihn zu bereuen und nickt entschuldigend. »Antigen-Verwandlung«, sagt sie. »Das ist wie...« Sie schließt die Augen auf der Suche nach einer Analogie, die für Idioten wie mich geeignet ist. »Die Reaktion des Immunsystems auf einen Krankheitserreger besteht zum Teil darin, Antikörper zu erzeugen. Cops, wenn Sie so wollen, okay?« Ich nehme Argents schwaches Grinsen zur Kenntnis, ignoriere ihn aber.

»Die Cops bekommen also den Auftrag, einen roten Jackrabbit mit Kennzeichen soundso zu stoppen«, fährt Doc Dicer fort, »und der Wagen ist das Virus. Okay?« Ich nicke. Bis hierher ein Kinderspiel. »Bei einer Antigen-Verwandlung ist es so, als ändere der Jackrabbit ständig Farbe und Kennzeichen«, fährt sie fort. »Die Cops bekommen immer die neusten Meldungen - jetzt ist es ein schwarzer Jackrabbit mit Kennzeichen von außerhalb, so in der Art -, aber sie hinken immer einen Schritt hinterher. Das ist eine Antigen-Verwandlung, und genau das tut dieses Virus.« Sie runzelt die Stirn. »So ungefähr.«

»Warum ›so ungefähr‹?« will Argent wissen.

Dicer schüttelt den Kopf, und ihre Augen blitzen vor Zorn. Nicht auf uns, wird mir plötzlich klar, aber vielleicht auf sich selbst. »Es ist eine Antigen-Verwand-lung, aber es ist auch mehr als das. Gehen wir noch mal zu der Analogie mit dem Wagen zurück. Es ist so, als würde sich der Jackrabbit plötzlich in einen Westwind verwandeln, anstatt nur Farbe und Kennzeichen zu ändern, wenn ihm die Cops auf den Pelz rücken. Und dann vielleicht in einen Bus. Und dann in ein Merlin V/STOL. Und dann in ein Suborbitalflugzeug. Und dann in ein verdammtes Kreuzfahrtschiff.« Sie schnaubt. »Deshalb sagte ich, das Virus könne vielleicht ansteckend gewesen sein, als sich Ihr Freund infiziert hat, aber jetzt ist es das nicht mehr. All das kann sich gründlich ändern. Etwas wie dieses Virus ist mir noch nie begegnet. Und es gibt noch viel erschreckendere Merkmale...«

Argent hebt eine mattschwarze Hand. »Langsam«, sagt er. »Du sagtest, etwas wie dieses Virus sei dir noch nie begegnet. Ist dir vielleicht schon mal etwas begegnet, das eine entfernte Ähnlichkeit mit diesem Virus hatte?«

Doc Dicers Lächeln ist ein wenig schief. »Der Gedanke ist mir gekommen, das kannst du mir glauben.« Sie hält inne, als wolle sie ihre Schlußfolgerung nicht hören. »Es ähnelt in mancherlei Hinsicht VITAS 3. In mancherlei Hinsicht«, betont sie noch einmal.

»VITAS 4?« Die Frage rutscht mir heraus, bevor ich es verhindern kann.

Sie schneidet eine Grimasse. »Eine sinnlose Bezeichnung«, schnappt sie.

»Aber treffend, oder nicht?« kontere ich.

»Für den Laien«, pariert Dicer, und die Schlacht hat begonnen...

Oder würde beginnen, wenn Argent nicht wiederum die Hand höbe. Sowohl Dicer als auch ich halten sofort die Klappe. »Wir sind beide Laien, wenn es um solche Dinge geht, Mary«, sagt er sanft. »Wie wäre es, wenn du es uns mit einfachen Worten erklärst?«

Ihre harte Miene wird weicher, und sie nickt. »Es ist ein Retrovirus«, sagt sie nach ein paar Augenblicken. Sie fixiert mich. »Wie VITAS 3, zugegeben. Aber es gibt auch noch andere Retroviren. Manche sind ziemlich übel -MMVV verursacht zum Beispiel Vampirismus -, ein anderes verursacht eine Art Meningitis, aber es gibt auch ein Retrovirus, das bei Trollen periodisch auftretende Kopfschuppen verursacht, und ein anderes, das eine ernste Allergie gegen Erdnüsse hervorzurufen scheint. Den Populärmedien zum Trotz bedeutet Retrovirus nicht notwendigerweise ›globales Pandämonium‹, okay?«

»Okay«, stimme ich zu. »Aber ist dieses spezielle Retrovirus wie das ganz spezielle Retrovirus, das VITAS 3 hervorruft?«

»Manchmal«, sagt sie widerwillig. »Ich habe einige Modi gesehen, in denen er so ähnlich wie VITAS 3 aussieht. Und ich habe andere Modi gesehen, in denen er absolut keine Ähnlichkeit damit hat. Es liegt an dieser verdammten Antigen-Verwandlung.«

»Ja, das habe ich begriffen.« Ich überlege einen Augenblick. »Sie sagten, daß das Virus in diesem Modus« -ich spreche die Worte überdeutlich aus, was Doc Dicer dazu veranlaßt, mir einen finsteren Blick zuzuwerfen, aber was soll's - »nicht ansteckend ist. Aber es könnte ansteckend gewesen sein und es auch wieder werden. Selbst wenn es also kein - wie haben Sie es genannt? -globales Pandämonium ist, kann es trotzdem verdammt unangenehm werden, oder nicht?«

Dicer tut es nicht gerne, nickt aber dennoch. »Theoretisch«, und das Wort spricht sie jetzt selbst ziemlich deutlich aus. »Aber theoretisch könnte sich das Virus auch in etwas völlig Harmloses verwandeln...«

»Oder in etwas, das bei Trollen periodisch auftretende Kopfschuppen verursacht... Ja, klar.«

Dicer mustert mich neugierig. »Warum wollen Sie unbedingt, daß das VITAS 4 ist?« fragt sie leise.

Das läßt mich für einen Augenblick verstummen. Sie hat recht, genauso höre ich mich an, wird mir klar, als ich mir noch einmal meine letzten Bemerkungen vor Augen halte. Dann kommt mir ein neuer Gedanke. »Hey, Augenblick mal«, sage ich plötzlich. »Das Virus muß doch irgendwann ansteckend gewesen sein, richtig? Paco hat sich angesteckt, neun oder zehn andere Leute haben sich angesteckt. Das heißt doch ansteckend, oder nicht?«

Sowohl Argent als auch Doc Dicer schütteln den Kopf, aber es ist Dicer, die mir antwortet. »Nicht notwendigerweise. Ganz im Gegenteil. ›Ansteckend‹ bedeutet, man kann eine Krankheit von jemandem bekommen, der bereits mit ihr infiziert ist. Aber es gibt viele andere Vektoren - das ist der ›Übertragungsmechanismus‹«, führt sie aus. »Ich könnte aus dem Stegreif ein Dutzend Krankheiten nennen, die hundsgemein, aber im eigentlichen Wortsinn nicht ansteckend sind.«

»Das verstehe ich nicht«, muß ich zugeben.

»2037 gab es eine häßliche Seuche, die die Bluterbevölkerung in Frankreich dezimiert hat«, erklärt Doc Dicer, wobei ihre Stimme einen trockenen, dozierenden Tonfall annimmt. »Auslöser war ein Virus mit sehr langer Latenzphase - die in manchen Fällen Jahrzehnte dauerte. Man konnte sich nicht bei einem Infizierten anstecken, jedenfalls nicht auf dem üblichen Weg. Man konnte einen Infizierten küssen, mit ihm schlafen, sein Eßbesteck benutzen, was man wollte. Aber wenn man eine Bluttransfusion von ihm bekam, bingo, dann war man auch infiziert.« Sie hält inne. »Gut, im strikten Wortsinn ist diese Krankheit immer noch ansteckend gewesen, weil man sie von jemandem bekommen konnte, der infiziert war, wenngleich nur durch ganz besondere Umstände.«

»Das Tsimshianische Zweitagesfieber«, wirft Argent ein, und Dicer nickt.

»Gutes Beispiel«, stimmt sie zu. »Das ist ein Erreger, den man in einigen Flüssen im Gebiet der Queen Char-lotte-Inseln in Tsimshian findet - oder wie sie diese Inseln jetzt nennen. Die Experten sind der Ansicht, es könnte sich um ein Retrovirus handeln, aber kein Mensch ist sich dessen sicher, weil die Tsimshian-Re-gierung aus irgendwelchen hirnverbrannten Gründen jedwede Forschung verboten hat.

Jedenfalls steckt man sich an, wenn man das Wasser trinkt. In diesem Fall kriegt man das Fieber und ist nach achtundvierzig Stunden wahrscheinlich tot. Aber auch in der Phase, in der man sich die Gedärme aus dem Leib kotzt«, fährt sie fort, »kann man keine andere Person anstecken. Eine Person kann mit allem möglichen von einem Infizierten in Berührung kommen, Atem, Rotz, Kotze, Drek, Blut, Sperma... nichts. Der einzige Vektor für diese Krankheit, der je gefunden wurde, ist das Wasser dieser speziellen Flüsse. Wenn man das Wasser nicht trinkt, kann man die Krankheit auch nicht bekommen. Begriffen?«

Ich nicke. Nach dieser Erklärung ist es wirklich leicht zu verstehen. »Und wie sieht der... der Vektor für das aus, was Paco hat?« will ich wissen.

»Ja, das ist die Vierundsechzigtausend-Nuyen-Frage, nicht?« Ihrer Miene entnehme ich, daß Doc Dicer eine Antwort hat, aber ich habe auch den Eindruck, daß sie ihr absolut nicht gefällt.

»Weiter, Mary«, fordert Argent sie mit ruhiger Stimme auf, und ich weiß, daß er den gleichen Eindruck hat wie ich.

Die Frau nickt und zieht ein grimmiges Gesicht. »Das ist alles nur Spekulation«, beginnt sie, »ohne weitere Untersuchungen...«

»Verstanden und registriert«, unterbricht Argent sie sanft. »Wir werden dich auf nichts festnageln.«

Ihr Lächeln vereint Dankbarkeit und Verlegenheit, als sie fortfährt. »Okay, ich nehme an, daß die Krankheit nicht ansteckend ist und es auch nicht wahr, als sich der Patient...«

»Paco«, korrigiere ich.

Ihr Blick begegnet meinem, dann wendet sie ihn ab. »Tut mir leid. Sie war nicht ansteckend, als Paco sich infiziert hat. Zugegeben, sie hätte es sein können, aber die Chancen dafür sind ziemlich gering.

Das heißt also, daß ein anderer Vektor vorliegt«, fährt sie fort. »Ich würde sagen, daß das Virus entweder mit der Luft oder dem Essen aufgenommen wird.«

»Haufenweise Schleim«, stellt Argent fest.

Dicer nickt. »Sein Verdauungstrakt ist ebenfalls ein Alptraum«, sagt sie, »obwohl ich nicht weiß, was primär und was sekundär ist.«

»Paco sagte, sie hätten zuerst an eine Lebensmittelvergiftung gedacht«, werfe ich ein.

»Er hat auch gesagt, sie hätten alle etwas anderes gegessen«, erwidert sie rasch. Dann entspannt sie sich ein wenig. »Okay, es wäre möglich... Vielleicht etwas im Wasser. Aber ich würde trotzdem mein Geld auf die Luft setzen. Ich glaube, Paco hat das Virus eingeatmet, das dann über die Lungen in den Blutkreislauf gelangt ist.«

»Die Frage lautet also, woher ist das Virus gekommen? Richtig?« dränge ich. »Wie ist es in die Luft oder ins Wasser oder ins Essen oder was auch immer gekommen.« Ich werfe einen Blick auf Argent, sehe sein Stirnrunzeln. Irgendwie habe ich das Gefühl, daß er sich insgeheim dieselbe Frage stellt: Gibt es hier einen Zusammenhang mit den Elfen?

Dicer nickt, doch zögernd, als sei sie nicht völlig überzeugt. »Was ist?« frage ich.

Sie antwortet nicht sofort, und mir wird plötzlich kalt. Eigentlich will ich gar nicht mehr hören, was sie zu sagen hat. Unwissenheit hat auch ihre Vorteile. »Ja«, sagt sie schließlich, »das ist wichtig. Aber es gibt noch eine andere Frage. Wodurch ist das Virus aktiv geworden?«

»Häh?« machen Argent und ich gleichzeitig.

»Manche Viren und Bakterien sind ständig aktiv«, erklärt Doc Dicer langsam, als sei dies etwas, über das sie eigentlich nicht nachdenken wolle. »Sie gelangen in den Körper und machen einen krank. Punkt.

Aber es gibt welche, die sich anders verhalten.« Der trockene Vorlesungstonfall ist wieder da, und plötzlich habe ich das unbestimmte Gefühl, daß sie ihn benutzt, um ihre eigenen Empfindungen zu verdrängen. Und das macht alles noch viel beängstigender. »Manche Erreger - Viren und Bakterien - gelangen in den Körper«, fährt sie fort, »und bleiben dort Monate oder Jahre oder Jahrzehnte... manchmal ein Leben lang. Sie sind absolut latent - sie sind da, aber vollkommen untätig. Bis irgend etwas geschieht, das sie aktiviert. Dann fangen sie an, sich zu vermehren und den Körper krank zu machen. AIDS war so, bevor die T5-Leukozyten-Behand-lung entwickelt wurde. MMVV ist so. Harmlos, bis das Virus aktiviert wird und loslegt.

Ein latentes Virus kann durch alles mögliche aktiviert werden. Manche Auslöser sind körpereigener Art - die immunologische Reaktion auf eine andere Infektion kann eine latente Form der virusinduzierten Meningitis hervorrufen, ziemlich häßlich. Manche kommen von außen - wie zum Beispiel eine bestimmte Chemikalie oder Kombination von Chemikalien in der Nahrung.« Dicers Stimme verliert sich.

»Und dieses Virus hat einen Auslöser?« fragt Argent nach einigen Sekunden.

Dicer nickt. »Magie. Einen Zauber.«

»Unmöglich«, kontert Argent.

»Warum?« will ich wissen, und beide sehen mich an. »Es gibt doch auch Erwachte Tiere«, erkläre ich eiligst, »und Insekten und sogar Pflanzen, die auf Magie sensibel reagieren, gegen sie resistent sind oder sie benutzen können - oder alles zusammen. Wie werden sie noch gleich genannt?«

»Paranatürlich.« Es ist Argent, der antwortet.

»Warum dann nicht auch Viren?« beende ich meinen kleinen Vortrag.

Dicer sieht mich an, und ihre Miene scheint anzudeuten, daß sie mich jetzt wohl doch nicht mehr für einen Idioten von Geburt an hält. Sie nickt. »Warum nicht?« wiederholt sie. »Okay, zugegeben, das hier ist nicht das MIT&M oder Berkeley, und ich bin auch nicht Dr. Derek Maclean.« (Wer? will ich fragen, aber ich halte die Klappe.) »Aber es sieht jedenfalls so aus, daß mehrere Abschnitte in der RNS des Virus deutliche Analogien zu den magieempfindlichen Einschüben in der DNS Erwachter Spezies aufweisen.«

»Was bedeutet?« fragt Argent.

»Was impliziert«, erwidert sie, »daß dieses ganz spezielle Retrovirus latent - nein, mehr als das, völlig untätig - ist, bis es durch Magie aktiviert wird.«

Der Shadowrunner ballt seine Metallfäuste. Offenbar gibt ihm das viel mehr zu denken als mir, und ich verstehe nicht, warum. Drek, im Moment bin ich noch zu sehr mit der Erleichterung beschäftigt, daß ich wahrscheinlich nicht an VITAS 4 sterbe. «Wie sicher sind Sie sich dessen?» »Nicht sicher«, antwortet sie. »Absolut nicht sicher. Das kann ich nach einem untersuchten Krankheitsfall und mit den mir hier zur Verfügung stehenden beschränkten Hilfsmitteln auch gar nicht sein. Aber«, betont sie, »ich würde schon sagen, daß einiges darauf hinweist. Stark darauf hinweist.«

Argent nickt mürrisch, und ich denke daran, daß er mehr über ihre Vergangenheit weiß als ich. Ihre Ausführungen scheinen ihn ziemlich mitzunehmen.

Im Gegensatz dazu komme ich mir so vor, als hätte ich das Entscheidende übersehen. »Ich komm da nicht mit«, platzt es aus mir heraus. »Was ist daran so verdammt wichtig? Es ist ein Erwachtes Virus, und der auslösende Faktor ist magische Aktivität in der Nähe, richtig?«

»Falsch.« Doc Dicer betrachtet mich mit kaltem, stetem Blick. »Der Auslöser ist nicht einfach nur magische Aktivität im Hintergrund oder die Anwendung von Magie in der Nähe.«

Da geht mir ein Licht auf. Ich werfe Argent einen Blick zu, und er nickt wieder. Er hat es ebenfalls begriffen. »Sie meinten, der Auslöser sei magisch«, sage ich zögernd, »ein Zauber. Ein Zauber. Ein ganz bestimmter Zauber!«

»Ein Zauber, der speziell auf diesen ganz bestimmten Abschnitt der RNS dieses ganz bestimmten Retrovirus zugeschnitten ist«, bestätigt Dacia. »Solange sich das Virus außerhalb des Wirkungsbereichs dieses ganz speziellen Zaubers befindet, ist es vollkommen untätig.«

»Aber das ist unmöglich«, sage ich, und meine Worte klingen selbst in meinen Ohren lahm.

»Vom evolutionären Standpunkt aus betrachtet, gebe ich Ihnen recht«, sagt sie. »Dieses Retrovirus kann sich nicht natürlich entwickelt haben. Was bedeutet...«

»Er ist auf künstlichem Weg entstanden.« Es dauert einen Augenblick, bis mir klar wird, daß die Stimme mir gehört.