24
Ich sinke auf den Schreibtischstuhl. Das letzte hat mich getroffen wie ein Tritt in die Eier. Ich komme mir vor, als sei ich im falschen Film gelandet.
Argent beobachtet mich abschätzend und fragt sich wahrscheinlich, wie lange die Lone Star-Ratte braucht, um wieder auf die Beine zu kommen. Ich verschränke die Hände vor dem Gesicht und presse die Handflächen zusammen, um das Zittern zu unterdrücken. Unmodifizierte Augen würden es nicht sehen, aber meine geistige Verfassung ist für die modifizierten Augen des Runners wahrscheinlich ein offenes Buch. Ich hole tief Luft und atme dann geräuschvoll aus, um mir die Spannung aus der Brust und den Nebel aus dem Hirn zu blasen. »Vielleicht bin ich nur nicht auf dem laufenden«, sage ich so ruhig wie möglich, »aber ich wußte gar nicht, daß der Star eine Unterabteilung für Militärverbindung hat.«
Argent kichert daraufhin und entspannt sich ein wenig. »Ich habe das Gefühl, irgendeinen Test bestanden zu haben, vielleicht deshalb, weil ich nicht ›wir‹ gesagt habe, als ich vom Star redete. »Sie ist neu, zumindest in Seattle«, sagt er. »Ich wußte es übrigens auch nicht. Offenbar ist Schräge der erste Geschäftsführer, und seine Aufgabe besteht darin, die Abteilung auszubauen.«
»Zu was auszubauen?«
»Ich nehme an, er soll sie auf den Stand der anderen Abteilungen für Militärverbindung in Nordamerika bringen«, sagt er. »Und ja«, fügt er hinzu und beantwortet damit die Frage, die ich gerade stellen will, »es gibt noch andere. Nicht in Milwaukee - das wird wohl der Grund sein, warum du von dieser Abteilung noch nichts gehört hast -, aber in Washington und Atlanta.«
»Und wofür, zum Henker, soll die Abteilung gut sein?« will ich wissen.
Das Lächeln des Shadowrunners verblaßt ein wenig. »Das ist die große Frage, nicht wahr? Offiziell« - und er betont das Wort sehr stark - »soll sie genau das leisten, was der Name impliziert: die Verbindung zwischen Lone Stars Polizeidienstpflicht und dem örtlichen Militär herstellen. Ihre Aufgabe besteht unter anderem in der Koordination der Krisenplanung - Naturkatastrophen, Zivilschutz und so weiter. Sollte je das Kriegsrecht ausgerufen werden, soll die Abteilung dafür sorgen, daß die Lone Star-Beamten mit der Nationalgarde oder der Armee zusammenarbeiten, um Überschneidungen zu vermeiden.«
»Das ist die offizielle Darstellung«, sage ich.
»Was die offizielle Darstellung nicht erklärt«, fährt Argent fort, »ist die Tatsache, warum die Abteilung für Militärverbindung so verdammt groß und gut finanziert ist. Wenn man die offizielle Darstellung zur Grundlage nimmt, könnte die Abteilung in Atlanta mit ein paar Managern, einer Handvoll kleinerer Datenbeschaffer und ein paar erstklassigen Computersystemen auskommen. Doch was sie dort tatsächlich haben, sind Kommunikationsspezialisten, Logistikfachleute, Waffen und Einsatzteams und nur knapp unter hundert Beamte... die alle von Anti-Ter-ror-Einheiten und Taktischen Einsatzkommandos überstellt worden sind.«
»Klingt ganz nach einer verdammten Privatarmee...« Der Anflug von Zorn in meiner Stimme entlockt Argent ein amüsiertes Grinsen. Da wird mir klar, daß die Tatsache, daß Lone Star irgendeine Art von Privatarmee unterhält, gar keine so große Überraschung für mich sein dürfte. Jeder Megakonzern hat seine ›zusätzlichen Sicherheitskräfte‹ - oder wie der gängige Euphemismus im Augenblick gerade lautet -, ob sie sie offen in Wüstenkriegen einsetzen oder nicht.
Warum sollte Lone Star Security Services Corporation anders sein? Der Laden ist auch nur ein Megakonzern.
Was mich nervt, ist meine Überzeugung, daß der Star anders sein sollte. Ich kann verstehen, warum MCT und Ares und Shiawase und der Rest Privatarmeen einsetzen, um ihre Geschäftsinteressen auf der ganzen Welt zu schützen und zu fördern - entweder indem sie andere Privatarmeen fertigmachen oder indem sie nationale Regierungen stürzen, die die Dreistigkeit besitzen, ihnen in die Quere zu kommen. So ist nun mal die Welt, in der wir heute leben, Priyatel. Warum also nicht auch Lone Star?
Weil es eben Lone Star ist, antwortet mein Gefühl. Vielleicht ist es nur eine Illusion, die ich mir bewahren will, eine schwachsinnige Überzeugung, daß ich nicht für einen gierigen, grabschigen Megakonzern arbeite -ich arbeite für Lone Star, Chummer, für das Wohl meiner Mitmenschen. Doch unterscheidet sich Lone Star tatsächlich von den anderen Megakonzernen? Ist das Gesetzeshüten bei genauerer Betrachtung nicht auch nur eine von vielen Dienstleistungen? Der Star sorgt nicht deshalb für die Einhaltung der Gesetze, weil das an und für sich eine gute Sache ist. Er tut es, weil ihm eine Reihe von Regierungen gute Nuyen dafür zahlen, daß er für die Einhaltung der Gesetze sorgt. Der Star ist einer von vielen Konzernen, die Profit damit machen, daß sie eine Nachfrage auf dem Markt erfüllen.
Warum sollte sich also der Megakonzern namens Lone Star nicht nach anderen Mitteln und Wegen des Geldverdienens und der Förderung seiner Geschäfte umsehen? Und wenn diese anderen Mittel und Wege eine Privatarmee erfordern, würde der Konzern davor zurückscheuen, weil das Aufstellen einer Privatarmee gegen irgendein ethisches oder moralisches Gebot verstößt? Nicht sehr wahrscheinlich.
Ein rascher Blick auf Argent verrät mir, daß er mich immer noch eingehend, doch mit der Andeutung von etwas Neuem in der Miene beobachtet. Etwas, bei dem es sich um Verständnis oder Mitgefühl handeln könnte. Vielleicht sogar um Mitleid. Und wenn es eines gibt, worauf ich in dieser ganzen verdammten Welt verzichten kann, dann ist es Mitleid - oder von mir aus auch Mitgefühl - von Schattenabschaum wie diesem verdammten Argent. Also vergrabe ich meine Empfindungen, so tief ich kann, und vergewissere mich innerlich, daß meine Miene kühl und beherrscht ist. »Ja«, murmle ich, doch laut genug für Argent. »Ja, das kann hinkommen. Ich war immer der Ansicht, die Straßen und Schatten vom Drek zu säubern, könne nicht genug einbringen, um einen großen Konzern über Wasser zu halten.«
»So, wie ich das sehe«, sagt Argent, der weder so noch so auf meinen Versuch reagiert, mich lässig zu geben, »ist diese Abteilung ein Instrument, das Lone Star an nationale Regierungen, Konzerne und andere Organisationen - Drek, vielleicht sogar an Policlubs -vermietet, und zwar als Truppe unbekannter Herkunft mit der Aufgabe, rivalisierende Länder, Konzerne, Gesellschaften oder was weiß ich zu destabilisieren.«
»So ähnlich wie Shadowrunner, was, Priyatel?«
Wiederum ist mir nicht klar, ob der Schlag gesessen hat oder nicht. Der Mann zuckt nur die Achseln und gestikuliert vage mit seinen Metallhänden. Vielleicht soll die Geste gar nicht bedrohlich wirken, aber sie erinnert mich trotzdem mit Nachdruck daran, was passieren könnte, wenn ich zu weit gehe. »Vielleicht ähneln sich die Konzepte«, sagt er gelassen. »Einsatztruppen, deren Herkunft sich nicht zurückverfolgen läßt und die mit Talenten und Fähigkeiten ausgestattet sind, die offiziell niemand gern in seinem Stab hat. Doch nach allem, was Peg ausgegraben hat, unterscheidet sich diese Truppe doch ganz erheblich von dem bestausgebildeten, bestausgerüsteten Shadowrunner-team.«
»Worin?« Ich will ihn weiter reizen, aber in diesem Fall ist meine Neugier doch zu stark.
Er grinst, und wieder glaube ich, daß meine Gedanken für den Runner ein offenes Buch sind. »Es liegt an der Militär-Connection, Wolf«, erklärt er. »Hundertprozentig militärischer Hintergrund, und das ist der große Unterschied. Nimm ein gutes Schattenteam - wie meine alte Truppe, die Wrecking Crew. Wir waren wie eine Spezialeinheit. Bestens geeignet für Infiltration, Sabotage und Guerillataktiken. Aber im direkten Kampf gegen eine einzige Gruppe regulärer Infanterie hätten wir auf verlorenem Posten gestanden, mehr gibt es dazu nicht zu sagen.«
»Worin besteht der Unterschied?« wiederhole ich meine Frage. »Mangel an militärischer Disziplin?«
Argent betrachtet mich wiederum sehr nachdenklich, und diesmal verstehe ich die Botschaft in den modifizierten Augen ganz genau. Gibst du dir nur besondere Mühe, mich zu nerven, oder bist du immer so ein Arschloch? fragen diese Augen. »In der Wrecking Crew - und in jedem anderen guten Shadowrunner-team - gibt es an der Disziplin nichts auszusetzen«, sagt er ruhig. »Glaub nicht, was du im Trideo an Gegenteiligem siehst, besonders dann nicht, wenn die Sendungen von Konzernen gesponsert werden, die jegliche Sympathie in der Öffentlichkeit für Shadowrun-ner unterbinden wollen, bevor sie überhaupt erst entsteht.« Ich nicke zögernd - das ist ein Aspekt der Darstellung von Shadowrunnern in der Glotze, den ich noch nicht bedacht habe, aber er klingt logisch.
»Nein«, fährt Argent fort, »es liegt an den Hilfsmitteln und an der Logistik. Die Wrecking Crew bestand aus vier Personen... darunter auch Peg, also drei Kämpfer, einer davon ein Schamane. Eine Gruppe leichter Infanterie der UCAS besteht aus zehn Soldaten und einem Sergeant - elf Kanonen, und einer von ihnen ist ein Magier. Im Einsatz waren wir normaler-weise auf so viel Munition beschränkt, wie wir auf dem Rücken tragen konnten. Die Gruppe hat wahr scheinlich logistische Unterstützung - ein Haufen Burschen in einem gepanzerten Truppentransporter oder Spähpanzer, deren Aufgabe einzig und allein darin besteht, Ersatzmagazine an Leute zu verteilen, deren Munition knapp wird.
Was die Waffen betrifft, mußten wir uns bei den meisten Runs auf das beschränken, was sich verbergen läßt.« Er grinst trocken. »Deine Mitmenschen neigen dazu, dir mit Mißtrauen zu begegnen, wenn du mit einem GPHMG durch die Straßen des Plex ziehst, das kannst du mir glauben.« Sein Humor verfliegt wieder. »Das bedeutet also in erster Linie MPs, vielleicht Sturmgewehre, wenn die Umstände es zulassen, und einmal alle Jubeljahre ein leichtes Maschinengewehr.
Die Gruppe? Alle haben Sturmgewehre, wahrscheinlich mit allem drum und dran... einschließlich Granatwerfern. Je nach Auftrag sind ein oder zwei mit Sturmkanonen bewaffnet, und es gibt immer einen Burschen, der sich mit einem schweren MG oder vielleicht sogar einer verdammten Minikanone abschleppt, wenn sie echt militant drauf sind.« Der Runner schüttelt den Kopf. »Wie ich schon sagte, es ist ein großer Unterschied, Wolf. Und das gilt nur für die Wrecking Crew im Vergleich mit einer einzigen Gruppe. Nach allem, was Peg ausgegraben hat, kann die Washingtoner Abteilung einen ganzen Zug ins Feld schicken - das sind vier Gruppen mit einem Kampfmagier zur astralen Unterstützung.«
Argent zuckt wieder die Achseln. »Machen wir uns nichts vor«, sagt er ruhig, »es gibt ein paar Aufträge, die nur ein Shadowrunnerteam ausführen kann. Aber was massive Destabilisierung oder die Inszenierung eines Coups anbelangt, braucht man das entsprechende Waffenarsenal und die militärischen Kommunikationskanäle und Truppenkoordinierung.«
Wiederum ist das, was der Runner mir erzählt, absolut logisch. Und wiederum macht es mir schwer zu schaffen. »Willst du damit sagen, dieser...« - ich suche nach dem Namen - »... dieser Schräge... Willst du mir wirklich erzählen, daß er einen Zug Soldaten hat, den er an jeden Interessenten vermietet?«
»Nicht an jeden«, korrigiert mich Argent. »Er wird sehr wählerisch sein, wessen Kreds er nimmt. Wahrscheinlich nicht aus ethischen oder moralischen Gründen, aber ich bin sicher, daß die Zahlungsfähigkeit des Kunden ein ganz entscheidendes Kriterium ist. Und auch die Frage, ob er es tun kann, ohne in Erscheinung zu treten.«
»Ja, ja, k'dr«, knurre ich ungeduldig, »wie auch immer. Hat er jetzt den Zug oder nicht?«
»Nicht, daß Peg wüßte«, erwidert der Runner. »Der Seattier Abteilung für Militärverbindung sind offiziell etwa sechzig Namen zugeordnet, aber ich glaube nicht, daß sie den gleichen Ausbildungshintergrund haben wie die Burschen in Washington. Ich würde sagen, die meisten von ihnen sind Manager...« Er hält inne, da ihm offenbar ein anderer Gedanke kommt. »Vielleicht kannst du das bestätigen, Wolf.«
»Wie?«
»Vielleicht, indem du zumindest einige der Namen einordnen kannst. Ich sage Peg, sie soll eine Liste beschaffen.« Und genauso abrupt schaltet er wieder um. »Also lautet die Antwort, nein, er scheint diese Art von Truppe noch nicht beisammen zu haben.« Er zuckt die Achseln. »Vielleicht dauert es über ein Jahr, um eine Privatarmee aufzustellen.«
»Nein«, sage ich leise. Argent sieht mich fragend an. »Nein«, wiederhole ich ein wenig lauter, aber immer noch mehr zu mir selbst als an ihn gewandt. »Ich glaube nicht, daß es das ist.«
»Was dann?«
»Vielleicht geht er einen anderen Weg«, denke ich laut, da die Ideen für mich ebenso neu sind wie für Wolf. Es ist, als hörte ich einem anderen Teil meiner selbst zu, ganz tief in meinem Unterbewußtsein, der sich den ganzen Drek bereits überlegt hat, und jetzt wiederhole ich für den Shadowrunner nur das, was dieser Teil sagt. Es ist ein verdrehtes, schizophrenes Gefühl, und ich hoffe, mein Unterbewußtsein läßt das nicht zur Gewohnheit werden.
»Was meinst du damit, Wolf?« hakt der Runner nach.
»Ich weiß nicht genau«, gebe ich zu. »Aber wenn ich irgendeine verdammte Armee aufstellen und das vor der Öffentlichkeit geheimhalten wollte, würde ich das auf keinen Fall in Seattle tun. Viel zu klein, Priyatel, das kannst du mir glauben.« Hört sich witzig an, den Sprawl als klein zu bezeichnen, aber für Drek wie diesen ist er das.
Argent schüttelt den Kopf. »Das sehe ich nicht«, verkündet er. »Andere Konzerne haben Privatarmeen in und um den Plex herum, und kein Mensch regt sich darüber auf.«
»Das ist was anderes, Argent. Hier geht es um Lone Star.«
»Einen Konzern, der sich, wie wir alle wissen, ach so sehr von allen anderen Megakonzernen unterscheidet«, höhnt er fast.
»Nein, er unterscheidet sich nicht«, gebe ich schweren Herzens zu. »Aber, um Himmels willen, glaubt Lieschen Müller auf den Straßen Bellevues, daß sich der Star von MCT oder Fuchi unterscheidet? Du kannst deinen Arsch darauf verwetten, sie tut es, Chummer. Der Star sind die Cops. MCT ist ein Megakonzern. Es gibt einen verdammt großen Unterschied in der Art und Weise, wie sie angesehen werden, wie sie von den Nachrichtenmedien behandelt werden... in allem.« Ich funkle ihn an, und er versteht, was ich nicht in Worte kleiden werde: So habe ich es immer gesehen, Priyatel, und ich hatte viel eher die Möglichkeit, die Wahrheit zu durchschauen, als der Durchschnittsbürger. Aber habe ich die Wahrheit durchschaut? Fehlanzeige.
Ein paar Sekunden lang rührt er sich nicht. Überhaupt nicht. Er blinzelt nicht einmal. Dann nickt er widerwillig. Er begreift die Logik dessen, was ich ihm sage, scheint aber nicht bereit zu sein, sie zu akzeptieren. Ihm gefällt das, was ich bin und wofür ich stehe, nicht mehr, als er mir gefällt. Ich würde lieber mit Giftmüll gurgeln, als irgendwas, das er sagt, widerstandslos akzeptieren, warum sollte es bei ihm anders sein? »Lone Star tut es in Washington und Atlanta«, stellt er fest, aber nicht sehr nachdrücklich.
»Ja, aber eben in Washington und Atlanta«, kontere ich sofort. »Beides sind Hauptstädte mit allem, was das impliziert. Mehr Konzernpräsenz als in Seattle und damit auch mehr Privatarmeen. Wer wird da schon groß auf eine Privatarmee mehr achten?«
Dann kommt mir ein ganz neuer Gedanke. »Außerdem soll die Abteilung doch mit dem nationalen Militär in Verbindung stehen. Wenn es bereits eine größere Militärpräsenz gibt und die Abteilung arbeitet eng mit ihr zusammen, ist der Unterschied schwer zu erkennen, neh? Wer wird in einer Armeebasis schon einen zusätzlichen Zug bemerken? Nur die ganz hohen Tiere wissen, daß der Zebra-Zug - oder wie er heißt - tatsächlich vom Star finanziert wird. Aber welche Tarnung haben sie hier in Seattle? Die verdammte Metroplexgarde. Ja, klar.«
Argent nickt zögernd. Wenn ich ihn mit genügend Argumenten eindecke, muß er es einsehen. Dann kommt mir noch eine Idee. »Und vielleicht brauchen Schräge und seine kleinen Chummer gar keinen voll ausgerüsteten Zug«, stelle ich fest. »Klienten, die den ganz harten Hammer wollen, können ihn in Washington mieten. Vielleicht ist Schräge hinter Klienten her, die etwas weniger Auffälliges wollen. Militärisch zwar, aber keine reguläre Bewaffnung.«
Argent ist hellwach. »Biowaffen?«
»Das wäre eine Möglichkeit«, sage ich, obwohl ich davon überzeugt bin, daß mehr dahintersteckt. »Nehmen wir mal an, Schräge will sein Repertoire um dieses Retrovirus erweitern. Vielleicht haben ein paar Klienten danach gefragt, oder vielleicht will er es in der nächstjährigen Werbekampagne auch als Verkaufsargument benutzen - das spielt keine Rolle. Er tritt an Nova Vita Cybernetics heran, wo man zufällig den Sahneknüller zum Verkauf anbieten kann. In Tir kämpft Timothy Te-lestrian mittlerweile mit seinem alten Herrn um Einfluß bei TIC, und der Abschluß eines größeren Geschäfts mit dem Star würde ihm reichlich Kohle und reichlich Gesicht einbringen.« Ich zucke die Achseln. »Wer weiß, vielleicht spielt er sogar mit dem Gedanken, später Druck auf den Star auszuüben, damit dieser ihm gegen seinen Daddy hilft...
Das Problem ist«, fahre ich fort, »das Virus ist noch nicht ausreichend getestet worden... oder vielleicht glaubt Schräge NVC auch nicht unbesehen, was das Virus leisten soll. Also stellen ein paar Leute von NVC und Schräge persönlich - die ganze Sache muß viel zu groß sein, um sie Handlangern zu überlassen -, unter irgendeinem Vorwand Kontakt mit den Cutters her, und da haben sie ihren Feldtest.« Ich sehe Argent an. »Wie paßt das zusammen?«
»Viel zu gut, Omae, viel zu gut«, sagt er leise.
»Hat Peg zufällig herausgefunden, ob die MV-Abteilung im Augenblick größere Klienten hat?« frage ich, und der Ausdruck in seinen modifizierten Augen beantwortet diese Frage eindeutig positiv. »Tsimshian.« Er spricht das Wort kategorisch aus, kalt. »Peg sagt, AMV-Seattle hätte einen Deal mit irgendeiner Organisation in Kitimat, der Hauptstadt von Tsimshian, abgeschlossen.«
»Wann?«
»Vor zwei Monaten.« Argent lächelt grimmig. »Der Zeitrahmen stimmt ungefähr. Zwei Wochen Marktforschung, um einen guten Lieferanten für Biowaffen zu finden, zwei Wochen Verhandlungen, dann ungefähr einen Monat für den Feldtest.«
»Wie sieht der Deal aus?«
Der Runner schnaubt. »Peg ist gut, aber so gut nun auch wieder nicht. Glaub mir, Omae, die schmierigen Einzelheiten sind so tief vergraben, daß kein Decker an sie rankommt.« Er zuckt die Achseln. »Wenn ich Schrage wäre, würde ich den ganzen Drek auf ein isoliertes Gerät packen, das nicht an die Matrix angeschlossen ist. Du weißt schon, mit Tempest-Schild, so daß man weder durch Induktion oder Scanner oder sonstwie rankommt.«
»Irgendwelche Vermutungen? Wahrscheinlich weißt du mehr über den Hintergrund als ich. Du bist schon länger in Seattle.«
Er kichert. »Mein Leben lang, Chummer. Der Sprawl ist mein Zuhause. Ich bin hier geboren, und wenn es Zeit zum Sterben ist, ist es hier auch nicht schlechter als anderswo.« Er schweigt für einen Augenblick, und ich kann ihm ansehen, daß er seine Gedanken ordnet. »Tsimshian bedeutet grundsätzlich Ärger«, sagt er schließlich. »Die Nation wird von stammesinternen Querelen zerrissen, wobei sich die Haida- und Kwa-kiutl-Unterschicht gegen den Machtblock der Tsimshian und Tlingit wendet. Vielleicht ist es die nationale Regierung, die das ›Haida-Problem‹ ein für allemal erledigen will. Oder vielleicht ist es die Nationale Front der Haida, die die Regierung geeken will. Oder vielleicht hat es auch gar nichts mit den Stammesproblemen zu tun.
Tsimshian hat sich vom Souveränen Stammesrat der NAN abgespalten im Jahre... wann war das? Zweitau-sendfünfunddreißig... ?«
»Zweitausendsiebenunddreißig«, korrigiere ich.
»Wie auch immer. Seit der Sezession standen Tsim-shian und Salish-Shidhe mindestens ein dutzendmal so dicht vor einem Grenzkrieg, im wesentlichen wegen eines größeren Erzvorkommens und mehrerer Industrieanlagen, die gerade so nah an der Grenze liegen, um sich auf sogenanntem ›umstrittenem Gebiet‹ zu befinden. Vielleicht denkt Kitimat, daß es höchste Zeit wird, die Dinge mit dem S-S-Council zu regeln.« Er zuckt vielsagend die Achseln. »Wie ich schon sagte, Chummer, Tsimshian bedeutet grundsätzlich Ärger. Man braucht schon eine Tageskarte, um herauszufinden, wer gerade auf ihrer Haßliste steht.«
Einfach toll.
Argent betrachtet mich mit seinem steten, ironischen Blick, als warte er darauf, daß ich irgendwas ausknoble.
Und schließlich kommt mir die Erkenntnis. »Ja«, knurre ich. »Es ist alles Spekulation, weil wir nicht mit Sicherheit wissen, daß NVC das Virus entwickelt hat. Es könnte auch sein, daß Schrage einen ganz harmlosen Deal hinsichtlich irgendwelcher Implantattech mit NVC gemacht hat. Und wir wissen nicht mit Sicherheit, daß Schrage irgendwas mit der Infektion der Cutters zu tun hat. Aber wie sollte es sonst zusammenpassen?«
»Das ist gar nicht der Punkt«, sagt Argent ruhig. »Ich könnte dir sagen, daß ich absolut, hundertprozentig überzeugt bin, na und? Was bringt das?« Er stößt ein humorloses Lachen aus. »Schließlich können wir mit unseren Vermutungen nicht zu Lone Star gehen und die Cops auf die Geschichte ansetzen.«
»Was, zum Teufel, sollen wir also tun?« frage ich.
Argents humorloses Grinsen wird von jenem kalten Pokerface abgelöst, das ich schon so oft gesehen habe, und ich glaube, ich weiß, wie seine Antwort lauten wird. »Warum sollte ich überhaupt irgendwas dagegen unternehmen wollen? Die Konzerne ziehen die Leute ständig ab. Warum sollte ich mich gerade in diesem Fall besonders ins Zeug legen?«
Drek, ich habe es verdammt noch mal gewußt! Er ist ein verdammter Shadowrunner, und es gibt für ihn nichts dabei zu holen. Die altbekannte Wut auf Sha-dowrunner hat sich in den vergangenen Tagen ziemlich zurückgehalten, aber jetzt rührt sie sich wieder in meiner Brust. Ich hole tief Atem, um etwas Giftiges loszulassen ...
Was natürlich genau das ist, worauf der vercyberte Wichser gewartet hat. Bevor ich das erste Wort herausbekomme, sagt er: »Aber ich bin neugierig, was NVC vorhat. So neugierig, daß ich zum Columbia und nach Pillar Rock düsen und mal nachsehen könnte.« Ich starre ihn an, und er grinst mich unschuldig-unver-schämt an. »Willst du mitkommen?«