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Mitternacht im Sprawl. Wissen Sie, wo Ihre Kinder sind?

Eine ganze Reihe von ihnen scheinen im Denny Park und seiner direkten Umgebung herumzuhängen, Mr. und Mrs. Seattle, direkt im Schatten der Space Needle. In dem Versuch, dem zu entkommen, was wir lächerlicherweise Realität nennen, grillen sie sich das Hirn mit Chemie oder Elektronik und sind auf die eine oder andere Weise bedröhnt. Jemand hat mir mal erzählt, der Denny Park sei vor ein paar Jahren mit dem Ziel aufpoliert worden, eine Art freundlicher Familienpark zu werden, ein Ort, den man nachmittags mit den Kindern und abends mit seiner Braut aufsuchen kann. Sieht nicht so aus, als wäre dieses Ziel auch nur in Ansätzen erreicht worden.

Jedenfalls ist mir das im Moment völlig egal. Zum erstenmal seit langem fühle ich mich gut.

Warum? Ich komme ins Licht, darum. Layton und ihre kleinen Freunde haben alles für mich geregelt. Wurde auch Zeit. Ich kam mir langsam wie der verdammte Fliegende Holländer oder der ewig Wandernde Jude vor, der hoffnungslos die Welt durchstreift und nach einem sicheren Hafen oder Zufluchtsort oder irgendwas Ausschau hält.

Wie vereinbart, rief ich um 1730 an und durfte mir einen Haufen leeres Gewäsch anhören. Wir arbeiten noch daran, können's nicht ändern, halten Sie noch aus, bla bla bla... ach ja, und rufen Sie später wieder an. Also rufe ich später wieder an - aus der, wie es aussieht, einzigen funktionstüchtigen öffentlichen Telefonzelle auf dem Denny Way - und rechne mit dem gleichen Theater.

Überraschung, Überraschimg, Überraschung. »Wir können Sie jetzt reinholen«, sagte Layton zu mir, kaum daß sie in der Leitung war. »Warten Sie noch, gleich kommen die Einzelheiten.«

Ich wartete, und die Einzelheiten kamen. Nicht, daß sie einen Sinn ergaben, zumindest nicht von meinem Standpunkt aus. Ich hatte damit gerechnet, eine Adresse zu bekommen, wo ich mich eine Weile verstecken konnte - ein Unterschlupf, der nicht in Lone Stars Datenbanken verzeichnet war -, bis andere Arrangements getroffen werden konnten. Die Tatsache, daß Layton und Konsorten etwas Komplizierteres ausgetüftelt haben, läßt darauf schließen, daß hinter dieser Unterwanderung noch mehr steckt, als ich bisher angenommen habe. Was für einen Schlamassel hat der Star bloß am Hals? Na, was soll's, nicht mein Bier. Ich komme ins Licht, und nur das zählt im Moment.

Nicht sofort, aber das ist nicht weiter überraschend. Wie bei so vielem, was mit Lone Star zu tun hat, heißt es auch hier ›abwarten und Tee trinken‹. Ich muß jedoch nicht allzu lange warten, und nur das zählt: drei Stunden oder so. Wenn die Sonne wieder aufgeht, dürfte ich wieder im Licht sein und vielleicht sogar etwas Schlaf bekommen. (Was für eine Vorstellung!)

In der Zwischenzeit hat Cat gesagt, ich solle sie gegen Mitternacht anrufen, und es ist kurz davor. Also tippe ich ihre Nummer in die Tastatur desselben Telefons, von dem aus ich Layton angerufen habe, und warte darauf, daß die Verbindung zustande kommt. Es ist nicht besonders schlau, zwei Anrufe aus derselben Zelle zu tätigen, aber egal. Wiederum meldet sich Cats Anrufbeantworter, aber diesmal schaltet sie sich nicht live ein. Null Problemo. Ich fordere Zugang zur Datei Besondere Gefälligkeiten. Als das System ein Paßwort verlangt, tippe ich ›Mayflower‹ ein, und ich bin drin.

Wahrscheinlich hätte ich mir die Mühe sparen können. Sieht nach 'nem Haufen Drek darin aus. Nur eine Namensliste ohne Anmerkungen. Crystalite, Griffin, Telestrian, Marguax und Starbright. Keiner der Namen sagt mir irgendwas. Worum, zum Teufel, handelt es sich? Konzerne? Einzelpersonen? Leute, über die Cat bereits Drek ausgegraben hat, oder Hinweise, denen sie noch nachgehen will? Keine Ahnung, und ich kann es auch nicht ändern. Ich nehme an, auf lange Sicht spielt es sowieso keine große Rolle.


Zum hundertstenmal frage ich mich, warum Layton und Konsorten sich entschlossen haben, mich auf diesem Weg ins Licht zu holen. Ich weiß, sie müssen einen guten Grund haben, und wenn ich dahinterkomme, was das für ein Grund ist, könnte mir das mehr darüber verraten, in welcher Art Drek der Star zu sitzen scheint. Zumindest stelle ich mir das vor. Ich weiß, Drummond würde mir sagen, für mich bestünde in diesem Punkt keine ›Wissensnotwendigkeit‹, aber manchmal reicht ›Wissenwollen‹ als Triebkraft. Ich gehe alles noch mal durch und versuche mir einen Reim darauf zu machen.

Ungewöhnlich an dieser Aktion ist die Anzahl der beteiligten Personen. Layton zufolge soll ich das Südende der Montlake-Brücke - den Brückenbogen, der den Lake Washington-Kanal zwischen U-Dub und Montlake-Bezirk überquert - im Auge behalten, und zwar zwischen 0255 und 0305. Ein Wagen mit einem Fahrer wird kommen, der unter Benutzung »allgemein akzeptierter Polizeiarbeitsprinzipien‹ (eine hochgestochene Art, »derselbe Drek wie immer‹ zu sagen) Kontakt aufnehmen wird. Ich steige ein, und wir schwirren ab.

Layton sagte außerdem, unterwegs würde es mindestens einen Fahrzeugwechsel geben. Das hat mich aus mehreren Gründen überrascht: Erstens, weil sie es überhaupt für notwendig erachtet hat, es zu erwähnen, und zweitens, daß sie mir sogar gesagt hat, es stünde uns nicht zu, nach den Gründen zu fragen drekcetera.