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Wenn ich bedenke, wie schwer mir die Frage im Magen gelegen hat, was ich hinsichtlich Ranger unternehmen soll. Elementar, mein lieber Watson, und der ganze Drek. Ich brauchte keinen Finger zu rühren.

Nachdem Big Bad Barts Hirn in alle Richtungen verspritzt war, ließ ich die Teams A und B die restlichen Eighty-Eights geeken und sich mit ihren Granaten austoben, während sich Paco und ich zu einer raschen Beratung nach draußen verzogen. Ich mußte mich verdammt zusammenreißen, um meine Reaktion auf Barts Tod zu unterdrücken - das Zittern, die Übelkeit, das Gefühl absoluten, verdammten Unrechts -, die jedesmal auftritt, wenn ich jemanden umbringen muß. (Jedesmal? Tja, um die Wahrheit zu sagen, Priyatel, war das nur zweimal der Fall - einschließlich Bart.) Jedenfalls war ich davon überzeugt, daß ich vor Paco mein Gesicht verlieren würde, falls ich mir etwas anmerken ließe, und das wäre zu diesem Zeitpunkt äußerst kontraproduktiv gewesen. Also verdrängte ich alles und schob es in den alten emotionalen Jutesack, wo meine Alpträume nach Rohmaterial Ausschau halten.

Wie vorauszusehen, war Paco nicht gerade begeistert, als er erfuhr, daß Ranger sowohl ihn als auch mich zum Abschuß freigegeben hatte, und ich brauchte nicht mal anzudeuten, daß die Zeit des Kriegsbosses vorbei war. Doch Paco war auch so clever zu erkennen, daß zu Ranger zu gehen und ihm eine Kugel durch den Kopf zu jagen, zwar möglicherweise die befriedigendste Art war, die Angelegenheit aus der Welt zu schaffen, aber nicht unbedingt die beste. Ich brauchte nur darauf hinzuweisen, daß Ranger grundsätzlich mit seiner BMW Blitzen überallhin fuhr und er leider sehr nachlässig zu sein schien, was die Wartung seines Motorrads betraf. Ein satanisches Grinsen breitete sich auf Pacos Miene aus, und er sagte: »Das Schwein ist so gut wie tot. Verlaß dich drauf.«

Die Sache regelte sich blitzsauber am nächsten Tag. Die kleine Bombe, die Paco mit der Zündung der Blitzen kurzschloß, war groß genug, um das unmittelbare Problem zu lösen, doch gleichzeitig auch so klein, daß sich der die Explosion begleitende Schaden in Grenzen hielt. Die Explosion erschütterte den Unterschlupf in Ravenna und ließ ein paar Fensterscheiben zu Bruch gehen, und sowohl Paco als auch ich selbst waren dort und rannten mit den anderen schockierten Gangmitgliedern nach draußen, um den für diesen heimtückischen Anschlag Verantwortlichen Rache zu schwören, wer dies auch sein mochte.

Und damit war plötzlich ein Platz in der Hierarchie der Cutters frei. Schließlich braucht eine Gang einen Kriegsboss. In Seattle auf jeden Fall und ganz besonders im Jahre 2054. Blake mußte einen Ersatz für Ranger finden, und zwar rasch. Nein, nicht rasch, sondern sofort. In einer idealen Welt hätte ich den Zuschlag bekommen und wäre aus den Reihen der Soldaten in den Rat der Mächtigen berufen worden. Ja, ja. Mir fallen viele Worte ein, mit denen sich die Welt beschreiben läßt, und ›ideal‹ gehört nicht dazu.

Statt dessen holte sich Blake einen Lieutenant vom Boss der Atlantaer ›Zweigstelle‹ der Cutters, und vierundzwanzig Stunden nach Rangers letztem Ausritt saß ein neuer Arsch auf Rangers Sessel. Sein Spitzname war Bubba - echt, ohne Scheiß. Tatsächlich, Bubba - ein Redneck aus Georgia, der zufällig auch noch ein Ork war. (Wenn man bedenkt, welche Einstellung viele Jungs aus dem Süden zu den Metaras-sen haben, ist es fast ein Wunder, daß Bubba sich noch nicht selbst gelyncht hat. Oder ist das zu zynisch?) Zu meiner Verblüffung stellte ich fest, daß ich den Neuankömmling nach den ersten Gesprächen nicht nur mochte sondern auch respektierte. Wenngleich er durch seinen Akzent so klang, als bewege sich sein IQ im Bereich der Zimmertemperatur - und wir reden hier über Celsiusgrade -, erwies er sich als cleverer Bursche, aggressiv, aber durchaus gewillt, Leuten zuzuhören, die besser als er wußten, was in Seattle ablief. Kurzum, er gefiel mir.

Obwohl ich also nicht Nachfolger des Kriegsbosses geworden bin, müssen doch größere Umstrukturierungen in der Hierarchie der Cutters vorgenommen werden, als ich angenommen habe. Jedenfalls ziehe ich diese Schlußfolgerung, als ich ein paar Tage nach der Explosion zu einer Besprechung mit Bigboss Blake gerufen werde.

Blake befindet sich in seinem Privatquartier im obersten Stockwerk des Seattier Unterschlupfs in der 164. Straße Süd. Box der Troll steht vor der Tür Wache, den asymmetrischen Kopf eingezogen, der jedoch immer noch gegen die Decke stößt. Er fragt mich nicht, was ich hier will, und schenkt sich auch den ›Freund-oder-Feind‹-Quatsch, sondern greift lediglich hinter sich und öffnet die Tür, als er mich durch den Flur kommen sieht. Ich schlendere an ihm vorbei, wobei ich ihm einen spöttischen Gruß zuwerfe, und dann befinde ich mich in einer von Blakes Privatwohnungen.

Ich weiß nicht, was ich erwartet habe - oder ob ich überhaupt etwas Bestimmtes erwartet habe -, aber ich bin trotzdem überrascht. Die Bude sieht hell und luftig aus - sie ist in Ocker und Weiß gehalten. Ich schätze, man könnte das Dekor als ›pseudoafrikanisch‹ bezeichnen. Auf dem Boden liegt eine seltsame Art von Webteppich, an einer Wand hängt ein Hirschfell - oder vielleicht ist es sogar ein Antilopenfell - und an einer anderen eine Sammlung brutal aussehender kurzer Wurfspeere, wahrscheinlich Assegai. Es klingt seltsam, ich weiß, aber nichts davon wirkt übertrieben oder künstlich. Da nur ganz wenige Leute hierherkommen, kann die Einrichtung eigentlich nicht den Zweck haben, andere zu beeindrucken. Ich nehme an, Blake gefällt es ganz einfach so. Ich stelle fest, daß ich mir bereits Gedanken über seine Herkunft mache. Er ist noch nie die afroamerikanische Schiene gefahren. Er ist schwarz, na und wenn schon? Seit der Goblinisierung hat die Hautfarbe nicht mehr den Stellenwert wie früher. Stammt all dieser Drek aus einem einzigen afrikanischen Land, oder ist es eine Art pan-afrikanischer Mischmasch? Keinen blassen Schimmer, Chummer.

Jedenfalls ist Blake auch da. Er sitzt in einem großen ockerfarbenen Armsessel. Auf dem Boden neben ihm sitzt mit verschränkten Beinen eine unglaublich gutaussehende Frau - schwarz wie die Nacht, die Augen so groß und sanft, daß man direkt hineinfallen und darin ertrinken könnte. Ich beachte sie jedoch kaum, weil sich meine ganze Aufmerksamkeit auf Blake richtet, der sich bisher weder bewegt noch ein Wort gesagt hat. (Und jeder, der mich kennt, weiß, was das bedeutet. Ich und eine Frau nicht beachten? Erzähl mir nichts, Chummer...)

Blake trägt also dieses träge Grinsen zur Schau, und es erinnert mich an einen satten Löwen. Ein zufriedener Mann. Ich kann mir den Grund dafür denken, obwohl ich mich möglicherweise irre.

Blake hebt den Blick und sieht mich an. Er sagt nichts, rührt sich nicht, aber die Frau neben ihm versteht ihn auch so. Die Bewegung, mit der sie sich erhebt, ist fließend und geschmeidig. Sie berührt seine Wange mit einer Fingerspitze, dann schwebt sie durch die Tür hinter Blake, die wahrscheinlich ins Schlafzimmer führt. Als sie die Tür hinter sich schließt, wirkt der Raum plötzlich dunkler, als sei eine seiner Lichtquellen verschwunden.

»Larson.« Blake spricht den Namen langsam aus, leise. Ich verspüre ein Kribbeln im Nacken. »Ich habe viel Gutes über dich gehört, Larson«, fährt er einen Augenblick später fort. »Du hast Fürsprecher, Leute, die dir vertrauen. Weißt du das?«

Ich denke mir, daß ich am besten ganz cool bleibe, also zucke ich nur die Achseln. Ich bin plötzlich unheimlich nervös, weil er etwas über Ranger sagen könnte, und ich bin noch viel nervöser, daß er mein Unbehagen spüren könnte und dann wahrscheinlich den Grund dafür wissen will.

Doch wenn er einen Verdacht hat - oder mehr als einen Verdacht -, scheint er kein Interesse daran zu haben, ihn zu äußern... jedenfalls nicht jetzt. »Ich will dich in meinem Stab haben, Larson«, sagt er nach einer kleinen Pause. »Betrachte dich als persönlichen Bera-ter‹.« Er kichert, und es klingt, als schnurre eine große Katze. »Oder auch als Leibwächter, wenn dir das besser gefällt. Interessiert?«

Interessiert? Interessiert, ein Mitglied der Präto-rianergarde des Bosses der Seattle Cutters zu werden? Interessiert, an jeder verdammten Besprechung der Bosse teilzunehmen? Interessiert, immer - gut, fast immer - zu wissen, wo Blake sich gerade aufhält und was er vorhat? Jesus Christus, also da muß ich erst mal in Ruhe darüber nachdenken ...

Ich zucke wieder die Achseln, und ich glaube, es ist mir noch nie so schwergefallen, äußerlich gleichmütig zu bleiben und mir nichts anmerken zu lassen. »Ja«, sage ich so gelassen wie möglich. »Ja, ich bin interessiert.«

Er nickt, und in seinen Augen erkenne ich ein seltsames Funkeln. Er weiß etwas oder glaubt etwas zu wissen. Über mich? Was weiß er oder vermutet er? Daß ich Bart umgepustet habe und bei Rangers Ableben die Hand im Spiel hatte? Oder etwas anderes? Je mehr Zeit ich mit Blake und den anderen Bossen verbringe, desto größer ist das Risiko, daß jemand herausfindet, wer und was ich bin. Aber wenn ich ganz auf Nummer Sicher gehe, erfahre ich nie etwas Wissenswertes. Wie finde ich einen vernünftigen Mittelweg?

Ich werde langsam zu alt für diesen verdeckten Undercoverdrek.


Wenn Blake weiß oder vermutet, daß ich für den Star arbeite, und er mich nur in eine Falle locken will, hat er es nicht besonders eilig, sie zuschnappen zu lassen. Die ganze nächste Woche lang folge ich dem großen Boss wie ein kleiner Handlanger, wobei ich den einen oder anderen kleineren Auftrag für ihn erledige, doch meistens nur neben oder hinter ihm herumstehe und cool auszusehen versuche. Wie sich herausstellt, ist Box der Troll der Befehlshaber von Blakes Prätorianer-garde. Außerdem stellt sich heraus, daß ich Box die ganze Zeit lang gewaltig unterschätzt habe. Sicher, er redet, als hätte er ein paar Steine verschluckt, die ihm im Hals steckengeblieben sind. Wie jeder, der einem Flüchtling aus einer Alptraumfabrik ähnelt, steht er in puncto Glaubwürdigkeit auf verlorenem Posten. Aber ich bekenne ganz offen und freimütig, daß Box nicht der nichtssagende Idiot ist, für den ihn alle halten, und daß sein unförmiger Schädel eine erstaunliche Menge von Trivialitäten enthält - zum Beispiel alles, was Sie niemals über die Weltliga der Combatbiker wissen wollten (und zu schlau waren zu fragen), sowie alle vergangenen und gegenwärtigen soziopa-thischen Mörder... äh, Spieler, genau, so lautet die Bezeichnung, die in dieser Liga aktiv sind. Außerdem mag er archaische ›Folk‹-Musik aus den Sechzigern des letzten Jahrhunderts. Nach Big Bad Bart kann ich ihm das jedoch verzeihen. Und schließlich behauptet er noch, daß er mal Blockflöte spielen konnte, bevor er sich in einen Troll verwandelte und seine Finger zu groß wurden. Unter anderen Umständen könnte ich ihn sogar mögen, aber so, wie die Dinge liegen, kann ich mir das einfach nicht leisten. Was wahrscheinlich das ist, was ich an diesen verdeckten Ermittlungen am meisten hasse.

In dieser ersten Woche erlebte ich Blake bei inoffiziellen Vier-Augen-Gesprächen und auch bei förmlicheren Anlässen wie dem Kriegsrat in Aktion, bei dem ich Ranger die Wunder des Escrima näherbrachte. Ich lernte eine Menge. Zunächst einmal ist nichts, was Blake tut, zufällig - nichts. Alles ist geplant, jedes mögliche Ergebnis, jede mögliche Kombination und Permutation in seinem großen Schädel zuvor durchgespielt. Ich habe gesehen, wie er eine ›zufällige‹ Begegnung mit Bubba auf dem Flur des Unterschlupfs gesteuert hat, indem er zunächst über ganz belanglose Dinge mit ihm redete, bis Bubba seine anfängliche Vorsicht aufgab, und dann ›ganz spontan‹ den Punkt in das Gespräch einfließen ließ, um den es die ganze Zeit bei diesem Spiel ging, und dann seine Reaktion beobachtete.

Es ist eine gute Technik, das will ich Blake gerne zugestehen. Wenn man jemanden ganz offiziell nach seiner Meinung fragt, reagiert er so, als zwinge man ihn -öffentlich und unwiderruflich - Stellung zu beziehen. Das Ergebnis? Er windet sich, macht Ausflüchte, läßt sich mindestens eine Hintertür offen und versucht möglichst wenig zu sagen. Wenn man ihn aber dazu bringen kann, seine Meinung in einem ›inoffiziellen‹ Gespräch zu äußern, wird man etwas hören, das der Wahrheit - seiner tatsächlichen Meinung - so nah kommt, wie man ihr ohne magische Gedankensondierungen oder Folter nur kommen kann.

Blake ist ein Meister dieser und auch anderer Techniken. Er ist ein verdammt guter Anführer. Er hört sich alles an, was die Leute in seiner Umgebung zu sagen haben - und zwar nicht nur mit ihren Stimmen -, und destilliert daraus eine Art Weltbild. Nichts scheint ihn zu überraschen, und er scheint immer schon im voraus zu wissen, was die Leute - mich selbst eingeschlossen -sagen werden, bevor sie es tatsächlich sagen. Er äng-stigt mich zu Tode. Und was es noch schlimmer macht, ist die Tatsache, daß ich ihn dafür nicht einmal hassen kann.

Also denke ich, daß ich in einer Woche mehr darüber erfahren habe, wie die Cutters funktionieren - richtig funktionieren, ganz tief unten an der Basis -, als in den vergangenen achtzehn Monaten zusammen. Zuvor li.ibe ich gesehen, wie Beschlüsse ausgeführt werden. Jetzt sehe ich, wie diese Beschlüsse zustande kommen. I lätte ich vorher gewußt, daß die Brüder derart kompe-tent sind, hätte ich den Auftrag sehr wahrscheinlich abgelehnt. Es gibt keine offensichtlichen Gefahren für mein Leben und meine Gesundheit, aber ganz tief in meinen Eingeweiden spüre ich, daß ich jetzt in viel größerer Gefahr schwebe als in den ganzen vergangenen achtzehn Monaten.

Aber genug gejammert. Ich sammelte härtere Fakten über die Cutters als je zuvor - genau die politikbezogenen Interna, deretwegen mich der Star vermutlich auf die Gang angesetzt hat. Das Problem war nur, daß es viel schwieriger war, Gelegenheiten zu finden, meine Berichte abzuliefern. Als Blakes persönlicher Berater‹ und Handlanger tat ich in der Regel sieben oder acht Stunden am Tag Dienst und hielt mich die übrige Zeit auf Abruf bereit. Dadurch war es verdammt schwierig, Treffen zu arrangieren, wo ich meine Berichte abliefern konnte.

Drek, es war schon schwierig, mich in das UOL einzuschalten und das schwarze Brett zu überprüfen. Wer weiß, wie viele potentielle Treffen ich versäumte, nur weil ich nichts von ihnen wußte? Aber ich nahm an, daß sich das mit der Zeit ändern würde. Die Dinge würden sich beruhigen, wenn ich mich eingearbeitet und einen regelmäßigeren Arbeitsplan hatte. Im Moment konnte ich meine Vorgesetzten beim Star nur wissen lassen, daß ich noch lebte und atmete - indem ich ganz einfach harmlose Botschaften in verschiedene BTX-Systeme einschleuste, deren eigentliche Botschaft nicht der Text, sondern die Tatsache war, daß ich mich überhaupt meldete. In der Zwischenzeit faßte ich alle Fakten, die ich sammelte, für einen riesigen Bericht zusammen, den ich hoffentlich irgendwann würde abliefern können.

Und der Hammer in diesem Bericht wird die Tatsache sein, daß die Cutters mit irgendeinem in Tir beheimateten Konzern ins Bett steigen.

Gut, die Verbindung zu einem Konzern ist gar nicht so ein Hammer. Jeder weiß - oder vermutet zumindest -, daß die Cutters die Drekarbeit für eine ganze Reihe in Seattle angesiedelter Konzerne erledigen. Meines Wissens hat die Gang kleinere Kontrakte mit verschiedenen Konzernen abgeschlossen, darunter Kleinvieh wie Designer Genes, aber auch ein halbes Dutzend Megakonzerne aus der allerersten Reihe wie Ares Macrotechnology. Und das sind nur diejenigen, von denen ich weiß.

Das Interessante an diesem neuen Kontrakt ist die Tatsache, daß der Konzern nicht in Seattle angesiedelt ist - tatsächlich sogar nicht einmal in den Vereinigten Kanadischen und Amerikanischen Staaten. Auf der Straße herrscht die Ansicht vor, daß die Tir-Elfen in Seattle geschäftlich nicht besonders aktiv sind und wenn, dann nur über Mittelsmänner, so daß sich die vornehmen Elfen nicht die blütenweißen Hände schmutzig machen. Jetzt höre ich jedoch etwas anderes. Wenn die Gerüchte stimmen, gibt es einen bedeutenden, in Tir angesiedelten Konzern, der nicht nur geschäftlich im Plex aktiv werden will, sondern auch ein Interesse daran hat, seine Fühler nach der schattigen Seite der Straße auszustrecken. Ob sich der Star dafür interessieren würde? Was für eine Frage.

Ich weiß nicht, warum sich der Tir-Konzern die Cutters ausgesucht und wie er mit Blake Kontakt aufgenommen hat. Man kann nämlich nicht einfach das Branchenverzeichnis aufschlagen und unter ›Cutters, Verwaltungsbüros‹, nachsehen. (Ich weiß, wie ich es täte, aber ich verfüge über das nötige Hintergrundwissen und Quellen, die einem Konzern von außerhalb nicht offenstehen... glaube ich.) Jedenfalls ist das letzten Endes auch bedeutungslos. Sie haben den Kontakt hergestellt und bereits einleitende Verhandlungen geführt.

Und jetzt ist das erste offizielle Treffen zwischen Blake und Vertretern dieses geheimnisvollen Konzerns angesetzt worden.

Das Treffen soll im Besprechungsraum im Unterschlupf in der Nähe des Flughafens stattfinden - dort, wo ich Ranger in den Hintern getreten habe -, und Blake ergreift alle nur denkbaren Vorsichtsmaßnahmen. Nach allem, was ich höre, sollen nur Blake und seine Berater - Vladimir und Frühlingsblüte - sowie die Repräsentanten des Tir-Konzerns daran teilnehmen. Der Besprechungsraum wird besser versiegelt sein als der Arsch einer Teufelsratte, und zusätzlich wird draußen eine ganze Armee weltlicher und magischer Feuerkraft aufgefahren. Der Raum selbst wird durch ein großes Medizin-Zelt geschützt - für dessen Errichtung Frühlingsblüte persönlich verantwortlich zeichnet, die zum erstenmal, seitdem wir uns kennen, nicht vollkommen stoned ist. Das bedeutet, niemand kann auf astralem Weg lauschen oder einen Fetisch eines der Konzern-Re-präsentanten mit einem unerfreulichen Zauber belegen (oder auch hinein- oder herauskommen, indem er auf eine andere Ebene ausweicht). Blake und seine Berater verzichten auf ihre Prätorianergarde, aber die Konzernleute werden wissen, daß sie den Besprechungsraum nicht lebend verlassen werden, sollten sie irgend etwas Unüberlegtes tun (zum Beispiel, jemanden umzulegen).

(Ein rascher Exkurs. Wenn Blake einigermaßen Verstand hat - was der Fall ist -, wird er trotzdem ein wenig nervös hinsichtlich der Sicherheit sein. Sind die Konzern-Repräsentanten die, die zu sein sie vorgeben? Oder ist alles nur Schwindel? Drek, wenn ich ein rivalisierender Gang-Anführer wäre und Blake aus dem Weg räumen wollte, wäre dies eine erstklassige Methode. Mir fällt ein ganzer Haufen Möglichkeiten ein. Gut, die Sicherheitsvorkehrungen der Cutters sind so angelegt, daß die Konzernleute gegeekt werden, wenn sie Blake erledigen. Aber das passiert nur, wenn Blake sofort umgelegt wird. Wie wäre es mit einem langsam wirkenden Gift oder Bioagens? Drei Tage später, nachdem die ›Konzernleute‹ lange verschwunden sind, zucken Blake, Vladimir und Frühlingsblüte einmal und sterben. Oder vielleicht ist so eine gerissene Vorgehensweise gar nicht nötig. Einer der Repräsentanten könnte ein Kamikaze sein, eine lebende Bombe. Oder... nun, Sie wissen, was ich meine. Ich kann nur annehmen, daß Blake seine Hausaufgaben in bezug auf Überprüfungen und den ganzen Drek gemacht hat. Und natürlich hoffen, daß es sich im Falle einer Bombe nur um eine kleine handelt. Ende des Exkurses.)

Mein Platz bei diesem Unsinn ist im Flur vor der großen Tür des Besprechungsraums. Box steht neben mir und trägt seine beste Lederkluft. Wir sind beide bis an die Zähne bewaffnet, aber das ist nur Schau. Unsere Befehle lauten, uns unter keinen Umständen zu rühren, es sei denn, Blake persönlich befiehlt es uns. Und das gilt auch für den Fall, daß es sich um Selbstverteidigung handelt. (Dieser Befehl wird eher mißachtet denn befolgt werden, darauf können Sie Ihren Arsch verwetten.) Ich weiß, daß überall im Unterschlupf Soldaten auf Posten stehen, so daß die Konzernleute durch ein Spalier bewaffneter und gemeingefährlich aussehender Gangmitglieder gehen müssen - ein subtiler Hinweis, daß sie sich besser an die Regeln halten. Blake und Frühlingsblüte warten bereits im Besprechungsraum, während Vladimir die Ehre hat, die Gäste zu begrüßen (und den Kopf als erster in die Schlinge zu stecken, falls sie einzig und allein die Absicht haben sollten, Wirbel zu veranstalten).

Und jetzt höre ich Schritte die Treppe herunterkommen. Ich sehe, daß Box sich zu so großer Höhe aufrichtet, wie es ihm die Decke erlaubt, und ich tue es ihm nach. Wir sehen vier Personen: Vladimir und drei andere. Ich starre sie nicht an - das verbietet die Höflichkeit -, beobachte sie aber aus dem Augenwinkel, so gut ich kann. Vladimir unterhält sich leise mit einem hochgewachsenen schlanken Elf in einem Anzug nach Konzernart, der wahrscheinlich genauso teuer wie mein Motorrad war. Ein hübscher Bursche, dieser Elf - jung (natürlich), doch mit einer ernsten Ausstrahlung, als habe er schon eine Menge im Leben gesehen. Eindeutig ein Konzernvertreter.

Zu seiner Linken und einen halben Schritt hinter ihm geht ein Mensch, von dem ich annehme, daß er der Assistent oder Berater des Elfs ist. Durchschnittlich groß, durchschnittlich schwer. Ich kann sein Gesicht nicht sehen - es wird von Vladimir und dem Elf verdeckt, die beide größer als der Mensch sind. Und dann wird meine Aufmerksamkeit von dem dritten Konzernrepräsentanten in Beschlag genommen.

Natürlich habe ich auch schon früher Elfenfrauen gesehen. Wer nicht? Aber noch nie eine wie diese. Sie ist groß - wahrscheinlich über zwei Meter ohne Schuhe (Mann, welch ein Gedanke...) -, ungefähr so groß wie ich. Aber sie sieht viel größer aus, und das nicht nur wegen der silbernen Absätze an ihren Schuhen. Sie ist gertenschlank und geschmeidig und bewegt sich wie Quecksilber - flüssig und mühelos. Längliches, blasses Gesicht mit Augen, die strahlen wie Gold. Ihr Haar ist fein und glatt und so hell, daß es fast weiß sein könnte, und reicht ihr im Nacken bis zum Hintern. Sie trägt eine Jacke von ernstem, geschäftsmäßigem Schnitt -schwarzer Samt über einer Bluse aus jadegrüner Kunstseide. Ihr Rock ist ebenfalls aus Kunstseide, wadenlang, doch an der Seite bis fast zur Hüfte geschlitzt.

Zum Teufel mit der Höflichkeit, es gibt Zeiten, da muß man einfach starren. Ich tue es, sie bemerkt es, und es gefällt ihr. Ich registriere einen abwägenden Blick aus dem Winkel eines dieser goldenen Augen und den Anflug von etwas, bei dem es sich um ein Lächeln handeln könnte, und plötzlich will ich heulend im Kreis herumlaufen oder irgend etwas anderes Dämliches tun. (Nein, ganz ehrlich, was ich wirklich gern täte, ist, dem Grad von Bewegungsfreiheit auf den Grund zu gehen, den der geschlitzte Rock gestattet.) Ich beobachte ihr Hinterteil, bis die Gruppe im Besprechungsraum verschwindet und sich die Tür hinter ihr schließt. Dann grinse ich Box vielsagend an.

Der große Troll schüttelt traurig den Kopf, da er offenbar einen weiteren Aspekt in der Tragik der Goblini-sierung erkennt. Ich fühle mit ihm: Die Elfe ist auch für mich unerreichbar.


Es ist eine lange Unterredung, und ich habe massenhaft Zeit zum Nachdenken, was in erster Linie gleichbedeutend mit dem Versuch ist, die Elfe ins rechte Licht zu rücken. Die große Frage ist, da ich nicht hören kann, was Blake und die Konzernleute bereden: Was kann ich dem Star Wissenswertes mitteilen?

Die Antwort lautet, eine möglichst genaue Beschreibung der drei. Offensichtlich sind wörtliche Beschreibungen nicht so gut wie Holos oder Videos - und warum, frage ich mich mal wieder, hat der Star eigentlich meine Headware nicht so verbessert, daß ich richtige Bilder in einen Datenspeicher kopieren kann? -, aber sie sind immer noch besser als gar nichts. Wenn die drei Konzernleute immer zusammenarbeiten, reichen auch unvollständige Beschreibungen von ihnen aus, um sie zu identifizieren.

Also schön, ich habe eine ziemlich gute Vorstellung von der Frau, eine sehr gute sogar. Aber keine ganz so gute von dem Elf, der sich mit Vladimir unterhalten hat, und praktisch gar keine von dem menschlichen Assistenten (falls er das wirklich ist). Also besteht meine Aufgabe darin, meinen Eindruck von den beiden zuletzt genannten zu vertiefen, wenn die Besprechung zu Ende ist.

Und endlich - endlich, dem Schutzgott der Blasenkontrolle sei Dank - ist sie vorbei. Die Magnetschlösser surren und klicken, die Tür öffnet sich, und die Delegation kommt heraus. Zuerst Frühlingsblüte und Vladimir, dicht gefolgt von der Elfe. Für einen Moment haben wir Blickkontakt, aber - erst die Arbeit, dann das Vergnügen, zum Teufel - ich sehe rasch weg und konzentriere meine Aufmerksamkeit auf den Elf, der den Besprechungsraum neben Blake verläßt.

Diesmal betrachte ich ihn genauer. Er ist ein oder zwei Zentimeter größer als die Frau und genauso schlank, doch während sie nur aus Anmut und Geschmeidigkeit zu bestehen scheint, sieht er aus, als versteckten sich außerdem auch noch stahlharte Muskeln unter seinem Anzug. Adlernase, dunkle Augen, olivfar-bene Haut. Schwarzes, oben kurzgeschnittenes Haar, das an den Seiten und im Nacken schulterlang ist - ein typischer konservativer Konzernhaarschnitt. Kein Schmuck und keine besonderen Kennzeichen, die mir auffallen. Nicht viel, aber mehr kann ich nicht tun.

Den Abschluß bildet der menschliche Assistent/Irgendwas. Er ist nicht so groß wie die anderen und wiegt achtzig bis fünfundachtzig Kilo. Mittelgroß, durchschnittlicher Körperbau, im wesentlichen das, was ich schon beim erstenmal registriert habe. Er trägt einen konservativ geschnittenen Geschäftsanzug in einem gedämpften Dunkelbraun mit schwarzen Accessoires und Schnörkeln. Dunkles, überall kurzgeschnittenes Haar. Dunkler olivfarbener Teint, dunkle Augen...

Jene Augen begegnen meinen, und mich trifft ein Blitz des Wiedererkennens wie eine Nadel im Rückgrat. Ich habe ihn schon einmal gesehen - keine Ahnung, wo, keine Ahnung, wann. Ich weiß nicht, wer, zum Teufel, er ist, aber ich weiß, ich habe ihn schon gesehen - entweder persönlich auf einem Holo, im Trid oder sonstwo.

Und ich will verdammt sein, wenn er mich nicht ebenfalls erkennt! Ich kann es sehen, ich kann es spüren - und ich wette meinen letzten Nuyen, daß er weiß, daß das Erkennen auf Gegenseitigkeit beruht.

Seine Augen weiten sich ein wenig, und seine Miene wird vollkommen ausdruckslos. Ich bin ganz sicher, daß meine Reaktion genauso ausfällt. Es ist so, als begegnete man jemandem auf der Straße, von dem man genau weiß, daß man ihn kennt, sich aber ums Verrecken nicht an seinen Namen oder daran erinnern kann, woher man ihn kennt, oder ob er wichtig - oder unwichtig - ist. Anstatt sich also zum Affen zu machen, läßt man den Blick ganz einfach weiterschweifen, als habe man ihn überhaupt nicht gesehen. So ähnlich ist es, aber es ist schlimmer, weil wir beide ganz genau wissen, daß wir einander gesehen haben.

Was, zum Teufel, soll ich jetzt tun? Der Reaktion des anderen Burschen nach zu urteilen, befindet er sich in genau der gleichen Situation. Ich kenne ihn, kann ich seine Gedanken förmlich hören, ich bin ihm schon begegnet - aber wo? Und wer ist der Kerl überhaupt?

Wir setzen beide die ausdruckslose Miene auf und versuchen einander vorzumachen, daß wir nichts gesehen haben. Und das tun wir so lange, bis er die Treppe hinaufgegangen und außer Sicht ist.