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Ich bin aufgeflogen, total und absolut aufgeflogen, daran gibt es jetzt keinen Zweifel mehr. Was Paco gesagt hat - und vor allem, was er nicht gesagt hat -, verrät mir das laut und deutlich. Als er seine Fühler ausgestreckt hat, muß Blake oder einer von den anderen Bossen sich gedacht haben, er habe mit mir geredet und würde es bald wieder tun. Paco war bei diesem letzten Telefonat nicht allein. Andere haben mitgehört, um sich zu vergewissern, daß er mich ans Messer liefern und mich nicht warnen würde. Aber er hat mich gewarnt, und zwar auf eine Art und Weise, die Blake und die anderen nicht durchschauen können. Und er hat es getan, obwohl alles darauf hindeuten muß, daß ich ein verdammter Lone Star-Maulwurf bin. Trotzdem hat er mir einen Tip gegeben. Trotzdem hat er mir das Leben gerettet. Muß auf ein Gefühl der Loyalität zurückzuführen sein, alles andere ergibt keinen Sinn.

Also komme ich nicht mehr darum herum. Es wird Zeit für den Anruf.

Tatsächlich sogar für mehrere. Die Telefon-Drohnen in der Bürokratie des Star stellen einfach keine Anrufe von einem Straßendrek wie mir zu den Leuten durch, mit denen ich Verbindung aufnehmen muß. Und aus offensichtlichen Gründen können eben diese Telefon-Drohnen auch nicht wissen, daß ich ein Undercover-Agent bin. In den alten Zeiten hätte ich vermutlich eine Telefonnummer bekommen, die mich direkt mit dem Büro einer meiner Vorgesetzten verbinden würde, aber heutzutage ist solch eine Direktverbindung ein viel zu hohes Risiko - ein Datenpfad für außenstehende Decker, den sie benutzen können, um in das private Computer- und Telekomsystem eines Konzernangestellten einzudringen. Nein, heutzutage laufen alle Anrufe über Relaissysteme mit Wetware-Komponenten. Und diese Wetware-Komponenten - die Telefon-Drohnen - können Rick Larson nicht von einem beliebigen Gossenpunk im Sprawl unterscheiden. Für den Notfall gibt es daher andere Verfahren.

Ich beobachte meine Umgebung. Es ist 0545, und die Docks erwachen langsam zum Leben. Ich kann hier nicht viel länger bleiben, aber ich denke, für einen Anruf reicht es noch. Ich lasse den Kaugummi, wo er ist - auf der Kameralinse -, und tippe die erste von mehreren Nummern ein, die ich auswendig weiß.

»Lone Star Hauptvermittlung«, meldet sich eine synthetisierte Stimme. »Wenn Sie die fünfstellige Durchwahlnummer der Dienststelle kennen, die Sie erreichen wollen, wählen Sie sie bitte jetzt. Sollten Sie die Durchwahl nicht kennen...« Ich unterbreche das Geplapper, indem ich fünf Nullen eintippe.

Einen Augenblick lang herrscht Schweigen, dann meldet sich eine andere - ebenfalls synthetisierte -Stimme. »Sie sind mit dem automatischen Anrufbeantworter Lone Stars verbunden«, plärrt sie. »Die regulären Bürostunden sind montags bis freitags von null neunhundert bis siebzehnhundert. Bitte rufen Sie zurück.« Es klickt einmal, und es klingt so, als sei die Verbindung unterbrochen worden, aber ich weiß es besser. Ich tippe noch einmal fünf Nullen ein. Als ich fertig bin, klingelt das Telefon einmal, dann herrscht Stille. Keine Ansage weist darauf hin, aber ich weiß, daß jetzt irgendwo in den Tiefen des Star-HQs ein Aufzeichnungsgerät läuft.

»Ich bin's«, sage ich einfach und in der Zuversicht, daß der Computer am anderen Ende aufgrund meines Stimmenmusters erkennt, wer ›ich‹ ist. »Ich bin aufgeflogen. Ruft zwo-drei-zwölfhundert an.« Dann hänge ich ein.

Ich eile zu meinem Motorrad, steige auf und fahre los. Ich habe viereinviertel Stunden Zeit bis zu meinem nächsten Anruf. (Das bedeutet die Nummer, die ich am Ende angegeben habe. Ja, es klang so, als hätte ich dem Star eine LTG-Nummer mitgeteilt. In Wirklichkeit habe ich ihnen gesagt, wann sie mit meinem nächsten Anruf rechnen können. Die ersten beiden Ziffern der ›Telefon-nummer‹ waren bedeutungslos. Die Information ist in den letzten vier Zahlen versteckt: die Zeit meines beabsichtigten Anrufs plus zweihundert. Begriffen? Wenn jemand diese Leitung abgehört hat, ist dieser jemand jetzt damit beschäftigt, der LTG-Nummer 23-1200 nachzugehen. Ich frage mich, ob der Besitzer dieser Nummer in Kürze Besuch von den Cutters bekommt...)

Okay, okay, warum spaziere ich nicht einfach zum Lone Star-HQ, melde mich beim Empfang und warte in einem netten, sicheren Büro, während die Nachricht an die richtigen Stellen weitergeleitet wird - nämlich zu den wenigen Leuten in dem Gebäude, die tatsächlich über mich Bescheid wissen -, bis jemand kommt und mich abholt? Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Erstens: Auch wenn ich bei den Cutters aufgeflogen bin, ist die Zeit meiner Nützlichkeit in der Gegend von Seattle vielleicht noch nicht vorbei. Ich könnte irgendwo anders als Undercover-Agent arbeiten, einen anderen Auftrag bekommen. Das wäre nicht mehr möglich, wenn ich ganz offen ins Lone Star-HQ marschierte: Ein Haufen Gruppen, die ein Interesse an den Vorgängen im Star haben - und umgekehrt -, halten das pyramidenförmige Gebäude an der Ecke Zweite und Union unter Beobachtung. Diese Gruppen registrieren gewohnheitsmäßig jeden, der offenbar eine Verbindung zum Star hat, und wenn sich mein Besuch in der Unterwelt herumspräche, wäre mein nächster Auftrag als verdeckter Ermittler auch mein letzter. Peng.

Es gibt aber noch einen anderen verdammt guten Grund: Selbsterhaltung. Die Tatsache, daß Blake mir ein Killer-Kommando auf den Hals gehetzt hat, anstatt ein-fach abzuwarten, bis ich zum Unterschlupf zurückkomme, kann nur bedeuten, daß er gedacht hat, ich komme nicht zurück. Er muß geglaubt haben, ich sei bereits auf dem Weg zum Star. Es wäre das einfachste von der Welt, ein paar Leute in der Nähe des Star-HQs zu postieren - Heckenschützen mit magischer Rückendeckung, zum Beispiel - und mir eine Kugel oder einen Zauberspruch zu verpassen, sobald ich auftauche. Blake würde diese Möglichkeit nicht übersehen, da können Sie Gift drauf nehmen.

Wenn also das Hauptquartier ausscheidet, warum versuche ich es dann nicht mit einer anderen Lone Star-Niederlassung, einem der ›Reviere‹ irgendwo im Sprawl? Die Cutters können nicht überall Killer-Kom-mandos postiert haben. Nim, auch dafür gibt es einen guten Grund, Chummer, und der hängt mit meiner Tarnung zusammen. Eine Tarnung ist keinen feuchten Drek wert, wenn jemand anders als die direkten Vorgesetzten weiß, daß es eine Tarnimg ist. Das bedeutet wiederum, daß mich die Streifencops und Straßenmonster bei Lone Star - wenn sie mich überhaupt kennen - alle für einen gefährlichen Verbrecher halten, der nach Seattle geflohen ist, um der großen Hätz in Milwaukee zu entgehen. Angeblich bin ich nämlich ein verdammter Cop-Killer, Omae! Ein Teil meiner Tarnung besteht darin, daß ich in Milwaukee einen Streifenwagen mit Lone Star-Beamten weggeputzt habe - zuerst habe ich drei Granaten hineingejagt und dann die beiden Überlebenden niedergemäht, als sie versuchten, aus dem brennenden Wrack herauszuklettern. Diese Art Hintergrund schafft Glaubwürdigkeit und Reputation im Gangland und erklärt auch, warum ich nicht mehr in Milwaukee bin, obwohl ich dort so eine große Nummer war. Die Kehrseite der Medaille ist natürlich, daß sie mich bei den Cops nicht gerade beliebt macht.

Wenn ich in einem dieser ›Reviere‹ aufkreuzen und den Brüdern dort sagen würde, sie sollen diese und jene Nummer im HQ anrufen und sagen, Larson sei hier, täten sie das nicht, ohne zuvor meine Identität zu prüfen. Sie würden mich durch den Computer jagen, und bingo! Ein Cop-Killer! Gesucht wegen verschiedener Straftaten, bewaffnet, gilt als äußerst gefährlich, et-cetera etcetera drekcetera.

Was würden die Brüder dort also unternehmen? Würden sie die Nummer anrufen, die ich ihnen genannt hätte? Einen Drek würden sie. Sie würden mich erst mal einbuchten, bis ich nach Milwaukee überführt und den dortigen Behörden übergeben werden könnte. Und das nur, wenn ich sehr viel Glück hätte. Viel wahrscheinlicher ist, daß sich die Straßenmonster von Lone Star Seattle ihres Rufes auf dem ganzen Kontinent als würdig erweisen und dafür sorgen würden, daß ich ›auf der Flucht erschossen‹ werde. Ich erzähle Ihnen keine Märchen; so handhaben sie derartige Fälle tatsächlich. Gut, wenn ich ein Abzeichen oder einen Ausweis oder einen Decodierring von Lone Star oder irgendwas hätte, sähe es anders aus. Aber als verdeckter Ermittler schleppt man solchen Drek nicht mit sich herum. Ich habe nichts, um mich auszuweisen, außer einigen Informationen, über die eine kleine Straßenratte nicht verfügen würde. Aber wenn das funktionieren soll, muß mir erst mal jemand zuhören, bevor er versucht, mich auszuknipsen.

Nein, danke. Ich gehe lieber auf Nummer Sicher, wenn es Ihnen nichts ausmacht.

In der Zwischenzeit muß ich über vier Stunden totschlagen, und mein Körper schreit nach Schlaf. Mit einem derart benebelten Verstand wie dem meinen ist es unvermeidlich, irgendwann Fehler zu machen, also muß ich mich ausruhen. Sofort. Aber wo? Das Weno-nah scheidet aus, und in irgendeiner Absteige aufzukreuzen, könnte zuviel unerwünschte Aufmerksamkeit erregen. (Wie schwierig wäre es wohl für Blake, allen zwielichtigen Absteigen im Sprawl - schließlich gibt es so viele gar nicht - die Nachricht zukommen zu lassen, die und die Nummer anzurufen, wenn ein Bursche aufkreuzt, auf den meine Beschreibimg paßt? Fünfhundert Nuyen sind dabei für dich drin, Chummer!) Glücklicherweise habe ich mindestens einen Kontakt, von dem die Cutters nichts wissen, und es sollte möglich sein, mich dort ein paar Stunden aufs Ohr zu legen. Ich finde noch ein Telefon - immer noch unter dem Alaskan Way-Viadukt, aber näher an der Madison - und rufe meinen Kontakt an.

Das Telefon klingelt nur einmal, bevor am anderen Ende abgenommen wird, was mich überrascht. Der Bursche, den ich anrufe, steht zwar gerne früh auf, das weiß ich, aber nicht so früh. »Ja?« sagt er mit seiner klaren, präzisen Stimme. Keine Spur von Verschlafenheit, nicht die geringste. Wieder heulen Alarmsirenen auf.

»Ich bin's«, sage ich und halte den Atem an. Wenn wirklich der Drek am dampfen ist, wird er es mich mit seinen nächsten Worten wissen lassen.

»Guten Morgen, Richard«, sagt er, und ich atme wieder.

Er heißt Nicholas Finnigan - ich glaube nicht, daß je irgend jemand den Mut aufbringen wird, ihn Nick zu nennen -, und er ist ein hochtrabender alter Furz von über fünfzig, fett und beinahe kahl, der sich durchs Leben schlägt, als könne ihn nichts erschüttern. (Das eine Mal, als ihn doch etwas erschüttert hat, war ich da, um sein Fett aus dem Feuer zu ziehen, sonst wäre es auch das letzte Mal gewesen.) Er ist Schriftsteller - ein echter, nicht so ein Wissensingenieur, ein Dinosaurier, der mit Lineartext, mit Worten in einer Reihe, anstatt mit Hypertext arbeitet. Spionagekrimis, um Himmels willen. Ich persönlich hätte nie gedacht, daß es dafür einen Markt gibt, aber er verdient besser als gut - er besitzt ein Haus, echt, ein richtiges Haus, am Snohomish-fluß und einen Steinwurf von der Salish-Shidhe-Grenze entfernt.

Ich habe Nicholas vor sechs Monaten ganz in der Nähe des Telefons kennengelernt, von dem aus ich ihn jetzt anrufe - vielleicht hat die Erinnerung daran meine Wahl unbewußt beeinflußt. Jemand hatte sich mit dem Wunsch an die Cutters gewandt, ein paar Gremiin-Luftabwehrraketen zu kaufen, aber die Führung der Gang hatte Grund zu der Annahme, daß an dem vereinbarten Treffen etwas faul war. Ich führte das Team an, dessen Aufgabe es war, den Burschen zu schnappen, der zum Treffen kam, und ihn dann irgendwohin zu bringen und aus ihm herauszuholen, was tatsächlich ablief. (Ich nehme an, Blake hatte den Verdacht, daß der ganze Deal ein Lone Star-Komplott war.)

Jedenfalls wird das Treffen angesetzt, und der Bursche, den ich mir schnappen soll, ist dieser pummelige alte Kauz in einer verdammten Tweedjacke und einer Brille auf der Nase, um Himmels willen. Nicholas Fin-nigan. Mir war sofort klar, daß es sich nicht um ein Komplott handelte, der Deal aber auch nicht astrein war. Ich hatte meine Leute in der Gegend verteilt, und sie zogen den Ring zu, sobald Finnigan auftauchte. Offenbar spürte er, daß irgendwas faul war, da er nervös und auf dem Sprung war. Wenn er in Panik geriet und loslief, war klar, daß ihn einer meiner Leute umlegen würde.

Also verließ ich mein Versteck, rannte ins Freie und lenkte meine Leute ab, indem ich in die Dunkelheit auf einen Haufen Nichts schoß und ein paar unschuldige Müllcontainer demolierte. Während meine Leute aus der ganzen Gegend ein Sieb machten, scheuchte ich Finnigan nach Hause. Während ich das tat, gab er mir -ich kann es immer noch nicht glauben - seine verdammte Visitenkarte. Jedenfalls, als er in Sicherheit war, ging ich zurück und kümmerte mich persönlich um die Aufräumarbeiten. Die Geschichte, die ich Blake und Konsorten anschließend auftischte, war die, daß das Treffen tatsächlich nicht astrein gewesen sei, die Rückendeckung der anderen Seite ihre Absichten aber zu früh zu erkennen gegeben habe und der Kontakt-mann im anschließenden Feuergefecht entkommen sei. Wie schade. Blake kaufte mir die Geschichte ab, und damit war die Sache erledigt.

Ein paar Tage später rief ich aus reiner Neugier die Nummer auf der Visitenkarte an. Und so habe ich Nicholas Finnigan kennengelernt. (Als ich all das meinen Vorgesetzten beim Star meldete, bekam ich natürlich einen Anschiß. Aber zum Teufel mit ihnen.)

»Morgen, Nicholas«, sage ich. Ich grinse und muß einfach hinzufügen: »Immer noch mit Recherchen zum Waffenkauf beschäftigt?«

Er kichert warm. »Ich glaube, die Lektion, die du mir zu diesem Thema erteilt hast, zeigt immer noch Nachwirkungen«, sagt er. »›Schreib über Dinge, von denen du etwas verstehst‹ ist ja schön und gut, aber ich bin zu der Einsicht gelangt, daß in einigen Bereichen aus zweiter Hand erworbenes Verständnis völlig ausreicht.«

Ich schüttle den Kopf. Finnigan redet immer so, und man muß ihm bis zum Ende seines geschraubten Geredes folgen, wenn man wissen will, wovon, zum Teufel, er redet. Aber er ist ein netter Bursche. Unter anderen Umständen würde ich ihn gerne als Freund bezeichnen und nicht nur als Kontakt. »Freut mich zu hören«, sage ich. »Sorg dafür, daß es so bleibt, und halt dich aus allem Ärger raus.«

Eine kleine Pause tritt ein, und die Alarmsirenen heulen wieder los. »Vielleicht solltest du deinen Rat selbst etwas mehr beherzigen, Richard«, sagt er zögernd.

»Und mich aus allem Ärger raushalten?«

»Ja. Es sieht so aus, als könntest du ein paar Nachhilfestunden in dieser Hinsicht brauchen.«

»Was ist denn los?« frage ich, aber ein kalter Knoten in meinem Magen verrät mir, daß ich es bereits weiß.

Wie, zum Teufel, sind Blake und die Cutters nur auf Nicholas gekommen?

Doch seine nächsten Worte gehen in eine ganz andere Richtung. »Was weißt du über die Lightbringer Services Corporation?« fragt er mich.

»Wie?«

»Lightbringer Services Corporation«, wiederholt er. »Ich habe hier eine Geschäftskarte direkt vor mir liegen.«

Ich schüttle den Kopf. »Der Name sagt mir nichts. Hört sich aber nach Tir an.«

»LTG-Nummer und Matrix-Adresse sind von hier, aber der Name erinnert an das Land der Verheißimg, da stimme ich dir zu. Und der ziemlich ernsthafte junge Mann, der mir diese Karte gegeben hat, war ein Elf.«

»Welcher ›ernsthafte junge Mann‹?« will ich wissen.

»Der heute morgen zu mir gekommen ist und sich nach dir erkundigt hat, Richard.« Seine Stimme klingt beiläufig, aber ich höre heraus, daß er um die Ernsthaftigkeit der Lage weiß. »Er und seine zwei Freunde, die im Wagen geblieben sind. Er schien sehr erpicht darauf zu sein zu erfahren, was ich über dich weiß.« Er schnaubt. »Ich glaube, er war ziemlich enttäuscht, als er feststellte, daß das so gut wie nichts ist.«

»Hat er dir geglaubt?« Die Worte rutschen mir heraus, bevor ich weiß, was ich sage.

Einen Augenblick Stille am anderen Ende, dann sagt Nicholas zögernd: »Hmm, ich verstehe. Ich glaube schon. Ansonsten würden wir diese kleine Unterhaltung jetzt nicht führen, das meinst du doch, oder?«

Ich entspanne mich ein wenig. Nicholas weiß faktisch tatsächlich einen Drek über mich, aber ich habe keine Ahnung, was er sich zusammengereimt hat. Ich habe ihm nie etwas erzählt, nicht mal meine offizielle Tarngeschichte, und er hat nie gefragt. »Was wollte der Elf sonst noch?«

»Er sagte, es könnte sein, daß du dir eine Menge Ärger eingehandelt hast, Richard, Ärger, der möglicherweise fatal sein könnte. Gut, er hat es nicht ausdrücklich und mit so vielen Worten gesagt«, fügt er rasch hinzu, »aber diesen Schluß sollte ich wohl ziehen. Er ließ durchblicken, daß er und seine Freunde auf der Seite der Engel stehen, und falls du Kontakt mit mir aufnimmst, sollte ich sie umgehend informieren. Daher auch die Geschäftskarte. Natürlich gab ich mich angemessen besorgt.« Er kichert trocken. »Er muß wirklich geglaubt haben, er hätte mich eingewickelt.«

»Häh?« Daraufhin blinzle ich verwirrt. Ich weiß, daß es ein faules Ei ist. Woher weiß er es?

Nicholas lacht wieder. »O gewiß, sein Text war gut, und er hat ihn auch sehr überzeugend vorgetragen, aber ich habe ihn schon zu oft gelesen. Um Himmels willen, ich habe ihn selbst geschrieben. Unser Elfenfreund hat einfach das getan, was man ›einen Versuchsballon steigen lassen‹ nennt. Jeder, der irgendeines meiner Bücher gelesen hat - oder auch einen der Klassiker des Genres wie Ludlum -, würde alles nur zu gut verstehen. Wenn ich das alles geplant hätte, würde ich mein Haus mit genügend Leuten überwachen lassen, um dich umlegen oder ausschalten zu können, falls du mich besuchen kämst. Natürlich würde ich auch mein Telefon abhören lassen. Ich nehme an, du rufst aus einer öffentlichen Telefonzelle an?«

Ich blinzle wieder. »Ja.«

»Dann würde ich vorschlagen, daß wir dieses Gespräch schnell beenden«, fährt er in demselben intellektuellen, distanzierten Tonfall fort. »Anrufe lassen sich so leicht zurückverfolgen.«

Er hat recht, und ich spüre, wie meine Paranoia noch einen Zahn zulegt. Aber es gibt noch einige Dinge, die ich wissen muß. Normalerweise würde ich ganz gezielte Fragen stellen, aber mir wird plötzlich klar, daß das bei Nicholas wahrscheinlich gar nicht nötig ist. »Wie siehst du die Sache?« frage ich.

»Unser Freund - Pietr Taleniekov lautet der Name auf seiner Karte, obwohl sein Akzent reinster Sprawl ist - ist Konzern durch und durch«, stellt Finnigan fest, als zitiere er aus der Heiligen Schrift. »Ich wäre nicht überrascht, wenn sich herausstellte, daß tatsächlich eine Lightbringer Services Corporation existiert und diese einen Pietr Taleniekov auf ihrer Lohnliste hat. Des weiteren würde mich nicht überraschen, wenn sich der Elf, der mit mir geredet hat, Namen und Konzernidentität nur ausgeborgt hätte.

Dennoch«, fährt er entschlossen fort, »stammt er aus der Konzernwelt, und zwar mit allem, was das impliziert - man könnte ihn einen ›Pinkel‹ nennen. Er und seine Hintermänner wollen dich aus irgendeinem Grund umbringen oder zumindest fassen, ich weiß nicht, was, und sie verfügen über ausgedehnte Hilfsmittel und Informationsquellen, sonst hätten sie mich nie gefunden. Meine Schlußfolgerung lautet daher, daß du wirklich in großen Schwierigkeiten steckst, Richard, aber ich würde weiter schlußfolgern, daß ich als Hilfsquelle ›kompromittiert worden bin. Es tut mir aufrichtig leid.«

Die kalte Faust, die mein Herz umkrampft, packt fester zu. »Und jetzt bist du noch einmal kompromittiert worden«, sage ich zu ihm, und meine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern. »Du hast recht, sie haben wahrscheinlich dein Telefon angezapft. Sie wissen, daß du mich gewarnt hast.«

»Sehr wahr«, sagt er ungerührt, »und meine einzige Zuversicht, daß diese zwielichtigen Kräfte nichts gegen mich unternehmen, beruht auf der Tatsache, daß sie ihrem Wesen nach zur Konzernwelt gehören. Wie wir alle wissen, unternehmen Konzerne nichts, bei dem für sie nichts herausspringt.« Er kichert wieder. »Um einen netten Spruch zu zitieren, den ich irgendwo gelesen habe: ›Für Rache kann man sich nichts kaufen.‹ Ich wünschte, ich hätte das geschrieben.«

»Das wirst du noch«, sage ich, indem ich einen Blick auf meine Uhr werfe - ich bin jetzt drei Minuten und ein paar zerquetschte auf Sendimg. Wenn Finnigans Leitung angezapft ist, wird es Zeit, die Kurve zu kratzen, bevor die Truppen anrauschen. »Halt den Kopf unten, Chummer.«

»Du deinen auch, mein Freund.« Er hält inne. »Erzähl mir später mehr darüber, wenn du kannst. Könnte ein unterhaltsames Buch werden.«

»Worauf du dich verlassen kannst«, sage ich und hänge ein. Wenn es ein Später gibt.


Unter den Brücken der Überführungen des Highway 5 ist immer noch Platz für einen weiteren Penner, sind immer noch zwei Quadratmeter für jemanden frei, den das Glück verlassen hat. Keiner der Stammgäste redet mit Neuankömmlingen, sie machen einem einfach Platz - die meisten jedenfalls. Einigen muß man erst die Zähne zeigen, bevor sie einen in Ruhe lassen - aber man kann das Gefühl der Verwandtschaft spüren, das schwache, entfernte Gefühl der Bruderschaft, das fast Kameraderie sein könnte, wäre es nicht so erbärmlich und zum Verzweifeln. Nach meinem Anruf bei Finni-gan wußte ich, daß ich mich bei ihm nicht hinhauen konnte, ebenso wie ich wußte, daß ich mich in keiner Absteige im Sprawl blicken lassen durfte. Ich wußte außerdem, daß ich irgendwo schlafen mußte, und zwar sofort, wenn ich mir mit dem nächsten Anruf auf meiner Liste einen Gefallen tun wollte. Der einzige Ort, der mir einfiel, wo ich zumindest einigermaßen geschützt sein würde, ohne mir über Lone Star-Streifen oder neugierige Nachtwächter Gedanken machen zu müssen, war die Pennerstadt unter dem Highway. Ganz unten ist immer noch Platz.

Und dort liege ich jetzt auf dem verdammten kalten Boden, in meine Lederjacke gewickelt, aber nicht in der Lage einzuschlafen. Mir schwirrt einfach zuviel Drek im Kopf herum. Pietr Tal-sowieso, Elf-Pinkel bei der Lightbringer Services Corporation... wer's glaubt. Wer ist er, und was will er von mir? Finnigan hält den Elf für den Vertreter eines Konzerns, wenngleich wahrscheinlich nicht des Konzerns, für den er tätig zu sein behauptet, und ich gebe ihm recht. Ich glaube nicht, daß ein, sagen wir mal, Cutters-Mitglied einen Pinkel gut genug verkörpern könnte, um den alten Schriftsteller zum Narren zu halten. Für welchen Konzern aber dann?

Wenn ich einmal raten darf, würde ich sagen, für den Konzern, mit dem Blake vor einer Woche die Verhandlungen geführt hat, und zwar mit eben jener Delegation, zu deren Mitgliedern auch Mr. Nemo gehörte, der mich erkannt hat. Bis hierher ergibt noch alles einen Sinn.

Aber wie, zum Teufel, hat dieser Konzern Nicholas Finnigan aufgespürt? Ich habe Finnigan niemandem von den Cutters gegenüber je erwähnt (aus offensichtlichen Gründen, wenn man bedenkt, wie wir uns kennengelernt haben). Natürlich habe ich einen Bericht für den Star angefertigt, in dem ich den gescheiterten Waffenkauf beschrieb, und in diesem Bericht ist Finnigan namentlich erwähnt worden. (Ich mußte es tun: Ich mußte erklären, warum sich der Star keine Gedanken über eine Gang zu machen braucht, die Gremlins kauft, weil es sich nämlich nicht um eine Gang handelte, sondern um einen schwachsinnigen Schriftsteller, der bei seinen Recherchen hinsichtlich des Ablaufs von Waffenkäufen ein wenig über das Ziel hinausgeschossen war.) Aber all meine Berichte werden - natürlich - ganz tief unter Verschluß gehalten, verschlüsselt und mit einer Geheimhaltungsstufe und all dem Drek versehen.

Damit irgendein Konzern Finnigans Namen als Person, an die ich mich möglicherweise um Hilfe wende, aus meiner Akte herausfischen könnte - Drek, dazu müßte dieser Konzern seine Finger verdammt tief im Star vergraben haben. Äußerst gründliche Infiltration -Decker, die ihre gierigen elektronischen Klauen in die schwärzesten Dateien in der Lone Star-Pyramide schlagen. Und dieser Gedanke ängstigt mich zu Tode, das kann ich Ihnen sagen.

Ich muß es meinen Vorgesetzten beim Star mitteilen. Ich muß ihnen alles sagen, angefangen von dem mysteriösen Konzernkontakt der Cutters bis hin zu der Möglichkeit, daß ihre eigene Datenfestung geknackt worden ist. (Ich weiß nicht, wie dieser mysteriöse Konzern heißt, aber ich muß ihm irgendeinen Namen geben. Das Etikett ist irrelevant - wie wäre es mit IrrelKon-zern?) Und ich muß die Möglichkeit in Betracht ziehen - wie unwahrscheinlich sie auch sein mag -, daß dieser Konzern einen Maulwurf im Star hat, bei dem es sich möglicherweise sogar um einen meiner Vorgesetzten handeln könnte. Ich seufze und starre auf die Unterseite der Highway-Abfahrt, keine zehn Meter über mir. Wenn das die Art Drek ist, über die Finnigan schreibt, bin ich froh, daß ich noch keines seiner Bücher gelesen habe. Ich verschränke die Hände unter meinem Kopf zu einem behelfsmäßigen Kopfkissen, schließe die Augen und warte auf den Tagesanbruch.


Irgend etwas plärrt mich an, und ich schieße kerzengerade in die Höhe, wobei ich instinktiv nach meiner H&K greife. Dann versuche ich mein Herz wieder herunterzuschlucken und empfehle der Elektronik, sich wieder schlafen zu legen. Das Geräusch war der Wecker an meiner Armbmiduhr, was bedeutet, daß es 0945 ist. Außerdem bedeutet es, daß ich tatsächlich ein wenig Schlaf bekommen habe, obwohl meine schmerzenden Gelenke und der Nebel in meinem Kopf eher das Gegenteil bezeugen. Ich mache eine Bestandsaufnahme von mir - Ausrüstung und Körperteile -, um mich zu vergewissern, daß sich nicht irgendein unternehmungslustiger Penner mit irgendwas aus dem Staub gemacht hat, während ich weg war. Ich komme zu dem Schluß, daß noch alles da ist, trotte zu meinem Motorrad, sitze auf, und dann sind wir wieder unterwegs.

Es regnet nicht mehr so stark wie gestern, was bedeutet, daß mehr Leute auf der Straße sind. Ob das ein Segen oder ein Fluch ist, weiß ich noch nicht. Unter Menschen kann man sich gut verstecken, aber das funktioniert in beiden Richtungen. Für einen Jäger ist es schwieriger, mich inmitten einer Menschenmenge auszumachen, aber umgekehrt ist es auch schwieriger für mich, einen potentiellen Attentäter zu entdecken, bevor er mir eine Kugel durch den Kopf jagen kann. Da ich es ohnehin nicht ändern kann, schlage ich mir alle Gedanken daran aus dem Kopf.

Wieder eine verdammte Telefonzelle, diesmal auf der Union ein Stück oberhalb des Highway 5 am Rande der »Pill Hill‹-Region. Ich versuche mir Augen im Hinterkopf wachsen zu lassen, während ich eine weitere LTG-Nummer eintippe und warte. Nach den ersten wohlklingenden Tönen von Lone Stars automatischem Anrufbeantworter wähle ich eine fünfstellige Durchwahl und lausche einer synthetisierten Stimme, die zu mir sagt: »Die von Ihnen gewählte Durchwahlnummer ist nicht belegt.« Ja, ja. Ein Klicken, aber die Leitung wird nicht unterbrochen, und ich gebe meine fünf Nullen ein.

Zuerst begrüßt mich ein Schweigen, das stundenlang anzuhalten scheint, dann erhellt sich der Videoschirm, und ich sehe ein Gesicht, das ich kenne. Schulterlanges schwarzes Haar, cremefarbene Haut, die Augen fast so dunkel wie das Haar - ein Gesicht, das man hinreißend nennen könnte, wenn es je auch nur den geringsten Anflug eines menschlichen Gefühls erkennen ließe. Sarah Layton, Topmanagerin der Abteilung Organisiertes Verbrechen und eine meiner Vorgesetzten.

Ich bin ein wenig überrascht. Layton ist tatsächlich die Person, die ich mit meiner Kontaktsequenz erreichen soll, aber nicht so schnell. Normalerweise enthält die Sequenz ein weiteres Relais. Sie hätte das Verfahren nicht ohne guten Grund geändert. Aber was soll's, ich habe jetzt andere Dinge im Kopf.

»Was ist los?« fragt sie, wobei es ihr gelingt, eine gehörige Portion kühle Mißbilligung in die drei Worte einfließen zu lassen.

Ich antworte ihr nicht direkt, sondern sage lediglich: »Machen Sie sich zum Empfang bereit.« Ich lege meinen Datenchip in den Dateneingabeschlitz des Telefons ein und weise es an, den Inhalt zu übertragen. Während die Daten durch die Matrix fegen, suche ich unter den Leuten, die an mir vorbeigehen, nach einem Gesicht, daß für mich und mein Tim etwas zuviel Interesse aufbringt. Augenblicke später summt das Telefon, und ich weiß, mein Bericht ist übertragen und gespeichert.

»Sehen Sie das durch«, sage ich zu Layton, bevor sie irgendeine Bemerkung machen kann. »Zeigen Sie es den anderen, sie sollen es ebenfalls durchsehen. Ich will eine Telekonferenz, und zwar mit allen von Ihnen.« Ich sehe wieder auf die Uhr. »Sagen wir um elf Uhr dreißig. Das sollte reichen. Auf dieser Leitung.« Ich lege auf und bin aus der Telefonzelle heraus, bevor sie auch nur den Mund aufmachen und darüber maulen kann.