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Wir fahren die paar Blocks vom Wenonah zum Unterschlupf der Cutters am Friedhof. Barts Hobel -eine Gaz-Niki White Eagle Jahrgang '52 - ist fast zehn Jahre jünger als meine Harley Scorpion, aber sein Besitzer pflegt sie offenbar nicht besser als sich selbst. Der aufgedunsene Ork fährt hinter mir her, wobei sich das scheppernde Dröhnen des schlecht eingestellten Motors der Eagle perfekt in den Schlagzeug-Fart von DBs ›Bloody Day Coming‹ einpaßt. Wir parken die Motorräder am Hintereingang und betreten das Haus.
Der ›Kriegsrat‹ findet im Keller statt, und er hat bereits begonnen, als wir eintreffen. Etwa ein Dutzend Soldaten hat sich versammelt - wie Paco sind alle jung und zäh. Mit den meisten von ihnen habe ich schon gearbeitet, und mit den meisten komme ich ganz gut aus. Als sich ein paar Fäuste zum Gruß erheben, reagiere ich darauf mit einem coolen Grinsen. Ranger - der überraschenderweise nicht die Einweisung macht - sitzt ganz vorne, und der Blick, den er mir zuwirft, könnte Farbe abblättern lassen. Alle Stühle sind besetzt, also lehne ich mich gegen die Rückwand des Raumes. Bart folgt mir und, Wunder über Wunder, schaltet die Geräusch-untermalung aus.
Eine zähe kleine Schnalle namens Kirsten macht die Einweisung. Sie benutzt dazu einen tragbaren Projektor mit angeschlossenem Subnotebook, der den Bildschirm auf die gegenüberliegende Wand wirft. Im Augenblick zeigt er eine Karte des Hyundai-Piers, einen Abschnitt der Docks in der Umgebung von Pier 42, wo im letzten November dieses irre Feuergefecht stattgefunden hat, an dem mehrere Konzerne beteiligt waren. Der Faden-kreuz-Cursor ruht auf einem der ›provisorischen‹ Lagerhäuser gegenüber den Piers auf der anderen Seite des Marginal Way direkt unter dem Alaskan Way-Viadukt. (Sie waren ›provisorisch‹, als die Stadt sie baute, um eine vorübergehende Kapazitätslücke zu füllen, so etwa im Jahre 2034, aber die Stadt hat sie nie durch bessere Gebäude ersetzt.) Ich kenne die Gegend, über die sie sich ausläßt. Sie liegt direkt im Schatten des Kingdome, einem Depot und manchmal auch Treffpunkt der Triade, die sich Eighty-Eights nennt.
Kirsten faselt über Kräfteverteilung, Primär- und Sekundärziele, aber ich schalte einfach ab. Dieses ganze militärische Geschwafel läuft auf eine einzige Feststellung hinaus: Stattet den Eighty-Eights einen Besuch ab und mischt sie auf. Ganz einfach. Ganz egal, was der Kriegsboss oder sein Stellvertreter - in diesem Fall Kirsten - zu sagen hat, der Anführer des Überfalls hat völlig freie Hand in bezug auf den Einsatz seiner Kräfte und die Wahl seiner Ziele. So gerne die Cutters auch einen anderen Eindruck erwecken wollen, die Gang ist keine Armee und hat nicht mal annähernd den Grad von Kommandogewalt und Kontrolle einer professionellen Einheit wie dem Star.
Damit habe ich Zeit und Muße, mir über dringendere Probleme Gedanken zu machen. Da wäre zum einen das Problem, am Leben zu bleiben, ein Punkt, der mir sehr am Herzen liegt.
Ranger sähe mich am liebsten tot. Das ist offensichtlich und - nachdem ich ihn beim letzten Kriegsrat fertiggemacht habe - unabänderlich. Doch Ranger muß ebenso wie Bart auf die Tatsache Rücksicht nehmen, daß Blake offenbar ein Auge auf mich geworfen hat, aus welchen Gründen auch immer. Mich ohne einen verdammt guten Grund umzulegen, könnte sich als ihrer Gesundheit sehr abträglich erweisen. Oder so ähnlich.
Klar, Ranger könnte problemlos jemanden damit beauftragen, mich zu geeken. Ein aufstrebender junger Wilder aus den Reihen der Cutters könnte es zum Bei-spiel tun, um Arschkriechpunkte beim Kriegsboss zu sammeln, und Talente von außerhalb sind auf einem derart übersättigten Markt wie Seattle auch nicht so teuer. Doch wie dünn die Verbindimg zwischen Ranger und einem Auftragsmord auch wäre, es bestünde immer die Möglichkeit, daß die Sache auf ihn zurückfiele und die Welt herausbekäme, daß er mich hat umlegen lassen. Ein Weg, der mit einem eindeutigen Risiko behaftet wäre.
Aber es gibt einen viel einfacheren, viel sichereren Weg, den er beschreiten könnte und der sich bis auf jenes frühe Beispiel für Science Fiction, die Bibel, zurückdatieren läßt. Ich weiß nicht mehr, welche biblische Gestalt es warum getan hat, aber eine von ihnen schickte einen Feind in den Krieg, stellte ihn in die vorderste Front und sorgte auf diese Weise für seinen Tod. (In der Bibel steht nicht, ob der Bursche, der den Plan ausgeheckt hat, auch dafür gesorgt hat, daß jemandem in der zweiten Linie der Speer ausrutschte, aber so hätte ich es jedenfalls gemacht, wenn es mein Plan gewesen wäre.)
Und so ist es alles in allem keine Überraschung, als ich Kirsten sagen höre. »Larson, du führst Team A. Bart, du bekommst Team B.«
Ich werfe einen raschen Blick auf Big Bad Bart, und er fixiert mich mit einem Grinsen, bei dem jeder Zahnarzt schreiend weglaufen würde. Er weiß, was ich denke, und ich weiß, daß er es weiß, und er weiß, daß ich es weiß. Plötzlich spüre ich ein Kribbeln auf dem Rücken, direkt zwischen den Schulterblättern, und die Bedeutung ist unverkennbar. Soweit es Ranger und Bart betrifft, ist eine Zielscheibe auf meinen Rücken gepinselt.
Es ist wieder Nacht, und so sicher, wie es in der Hölle heiß ist, rollen wir im nächsten Bulldog durch die Straßen Seattles zur nächsten Schießerei im nächsten Lagerhaus. Wer einmal gesagt hat: »Das Leben ist eine endlose Aneinanderreihung von Mühsal und Plage«, hat nicht die geringste Ahnung. Das Leben ist eine endlose Aneinanderreihung ein und derselben Mühsal und Plage.
Der Bulldog ist bis unter das Dach mit den ›schweren Jungs‹ aus Team A und Team B vollgepackt. Macht zusammen zehn Bandenmitglieder, darunter auch Bart, der Platz für zwei braucht. Alle tragen ein Maximum an Panzerung und sind bis an die Zähne mit einem Sortiment verschiedenster Artillerie bewaffnet und dabei in einen für acht Personen konzipierten fensterlosen Kasten gezwängt. Ein paar von den jüngeren Bandenmitgliedern führen eine markig-coole Unterhaltung, um einander, sich selbst und jedem, den es interessiert, zu beweisen, daß sie kalt wie Eis und glatt wie Seide sind. Aber die erfahreneren Soldaten wissen Bescheid. Wir können die Anspannung riechen, eine Art unterschwelliger Angst, die man nie wirklich vergißt. Einige Mitglieder von Team A überprüfen noch einmal ihre Waffen. Paco, mein Lieutenant bei diesem Unternehmen, spielt mit einer der Granaten in den Schlaufen seines Schultergurtes herum - eine nervöse Angewohnheit, die nicht unbedingt dazu beiträgt, daß ich mich besser fühle. Bart scheint zu schlafen.
Der kleine Empfänger in meinem Ohr blubbert mich mit Hohlheiten voll. Beide Teams haben zwei Motor-rad-Scouts vorgeschickt, um das Ziel zu beobachten, und die Anführer der Teams - Bart und ich - stehen in ständigem Kontakt mit den Scouts. Ich weiß nicht, was mit Barts Leuten ist, aber meine scheinen zu glauben, daß sie ihren Job nur dann richtig erledigen, wenn sie mich ständig - und in allen Einzelheiten - über das beständige Nichts auf dem laufenden halten, das gegenüber von Pier 42 stattfindet. Es ist echt verlockend, sie einfach abzuschalten - wäre ich nicht verdammt sicher, daß sie mir, kaum daß ich es tue, etwas ins Ohr plap-pern, das ich wirklich wissen sollte und dann verpasse.
Ich sehe mir meine Leute noch mal an. Außer Paco habe ich Jaz, ein klassisches Beispiel für eine Messerklaue der Cutters (groß und nicht übermäßig hell). Außerdem Maria, die behauptet, eine Schlangenschama-nin zu sein, deren bevorzugter Fetisch jedoch Neun-Mil-limeter-Munition zu sein scheint. Dann ist da noch der muskelbepackte Ork, den alle nur Doink nennen. Ich habe noch nie mit Doink zusammengearbeitet, aber ich weiß, daß die anderen ausgeglichen und verläßlich sind. Hinzu kommt, daß sie mich persönlich mögen - zumindest glaube ich das -, wodurch ich mich etwas besser fühle. Nicht, weil ich in Gegenwart von Leuten, die mich nicht mögen, unsicher bin, sondern eher deshalb, weil es dadurch unwahrscheinlicher wird, daß sie eine Rolle in Rangers Plan spielen, mich abzuservieren - hoffe ich.
Und Team B? Die kenne ich auch: Sydney mit ihrem heißgeliebten Granatwerfer. Fortunato und Jack ›der Hammer‹, zwei der jüngeren Gangmitglieder. Und Zig der Zwerg, der seine Remington Roomsweeper wie ein Baby im Arm hält. Mit einigen von ihnen habe ich schon zusammengearbeitet und mit den anderen manche Flasche geköpft und nett gelabert. Wie bei den Mitgliedern meines eigenen Teams gehe ich davon aus, daß sie wahrscheinlich nicht in einen etwaigen Plan eingeweiht sind, mich von hinten umzulegen.
Andererseits ist das auch gar nicht nötig, weil Big Bad Bart dabei ist. Der Ork, der sich in eine Ecke des Bulldog gequetscht hat und schnarcht, als wolle er sich den fetten Schädel von den Schultern sägen, ist mit einer Enfield AS7 Sturmschrotflinte bewaffnet - ein großes, brutales Dreksding von einer Waffe, die in seinen Händen nicht größer als eine Erbsenpistole aussieht. Die Mossberg CMDT - die von den Taktischen Einsatzkommandos des Star vor einigen Nächten benutzt wurde, um den kleinen Piers auszuradieren und an meinem Bulldog ein paar kosmetische Veränderungen vorzunehmen - ist tödlicher, aber nicht viel. Wenn Bart auf mich schießt, werde ich zu sehr damit beschäftigt sein, in Stücke gerissen zu werden, um einen Unterschied zu bemerken. Das Gebot der Stunde lautet also, jede Situation zu vermeiden, in der er auf mich schießen kann.
Bart und ich haben - mit unseren Lieutenants Paco und Sydney - unsere Taktik besprochen, bevor wir die Teams in den Bulldog geladen haben. Oder vielleicht ist Taktik nicht der richtige Ausdruck für einen Schlachtplan, der darauf hinausläuft, ›durch den Zaun zu fahren, auszuschwärmen und den Laden so richtig hochgehen zu lassen‹. Meiner (begrenzten) Erfahrung mit den Eighty-Eights nach brauchen wir in dem provisorischen Lagerhaus nicht mit sonderlich viel Sicherheit zu rechnen, und die Berichte der Scouts bestätigen diese Auffassung. (Es sei denn - und das ist ein häßlicher Gedanke -, Ranger hat Einzelheiten über den Überfall durchsickern lassen, und jetzt warten sie auf uns mit allem, was sie haben. In diesem Fall würde ich mit Sicherheit draufgehen, aber Ranger würde außerdem neun weitere Soldaten verlieren, darunter auch Bart. Nein, das käme ihn ganz einfach zu teuer zu stehen.) Die Losung lautet, schnell rein und schnell wieder raus - maximale Wucht, maximale Schockwirkung, minimales persönliches Risiko. Und das ist auch der Grund, warum alle mit einem halben Dutzend Handgranaten bestückt sind. Wenn wir es richtig anstellen, sind wir wieder im Bulldog und auf der Straße, bevor die Explosionen verhallt sind - und bevor die Eighty-Eights, die sich zufällig dort aufhalten, überhaupt wissen, was los ist.
Eine neue Stimme in meinem Empfänger - die Fahrerin. »Wir sind jetzt Ecke King und Marginal.« Ich tippe einmal gegen den Ohrhörer und schicke ihr ein Summen der Bestätigung. Aus dem Augenwinkel sehe ich Bart das gleiche tun. Seine Augen sind immer noch geschlossen, aber er ist jetzt eindeutig wach.
Weniger als eine Minute. Ich spüre, wie der Bulldog beschleunigt. »Durchladen und fertigmachen«, sage ich zu meinen Leuten - wahrscheinlich unnötigerweise, aber ich sage das immer gerne. Das Innere des Bulldog hallt vom metallischen Klicken und Klacken wider. Ich ziehe meine H&K aus dem Schulterhalfter und erneuere die Bekanntschaft zwischen Elektronik und Waffe.
»Punkt eins«, sagt die Fahrerin, und jetzt höre ich ihre Stimme sowohl in meinem Ohrhörer als auch über das Interkom des Bulldog. »Haltet euch fest, Leute.«
Ich wappne mich gegen den Anprall, während der Bulldog hart nach links schleudert und weiter beschleunigt. Ein Ruck und ein Krachen von Metall gegen die Panzerplatten der Karosserie, und wir sind durch das Tor. Ich werde fast aus dem Sitz geschleudert, als die Fahrerin in die Eisen geht und wir mit quietschenden Reifen zum Stehen kommen. »Los!« rufe ich. Die beiden Seitentüren des Bulldog fliegen auf, und wir springen hinaus - Team A auf der linken Seite, Team B auf der rechten.
Das Lagerhaus liegt direkt vor mir, etwa zwanzig Meter entfernt. Die beiden Fenster, die ich sehen kann, sind dunkel, und das einzige Licht fällt durch die Milchglasscheibe über der Tür, die zum Büro führen muß. Vor dem Büro ist ein brandneuer Westwind 2000 Targa geparkt. (Sieht so aus, als würden zumindest ein paar Mitglieder der Eighty-Eights mehr Geld verdienen als die Cutters.) Der Wert des Westwind sinkt beträchtlich, als Sydney eine Granate in ihn hineinjagt - eine freundliche Aufforderung an alle, die sich im Lagerhaus befinden, doch bitte zum Spielen rauszukommen, vermute ich mal. Ich wende mich von den Flammen ab und winke Team A um die linke Lagerhausseite herum. Paco übernimmt die Spitze. Die anderen folgen ihm, während ich den Abschluß der kleinen Prozession bilde.
Gerade als wir um die Ecke biegen, fliegt eine Tür auf und drei bewaffnete Gestalten rennen nach draußen. Paco und Jaz eröffnen das Feuer mit ihren MPs, und die drei verschwinden in einer Wolke aus Blut und Gewebe. Es ist vorbei, bevor die drei Eighty-Eights auch nur einen einzigen Schuß abgeben können und Doink überhaupt merkt, daß ein Kampf stattfindet. Auf der Vorderseite des Lagerhauses wird ebenfalls geschossen, und mir wird klar, daß die Triade offenbar auch ein paar Leute durch die Vordertür geschickt hat. Soweit es mich betrifft, wird es an dieser Stelle heikel. Sobald die Kugeln fliegen, braucht Bart sich nur noch zurückzulehnen und in aller Ruhe auf die beste Gelegenheit zu warten, mich abzuknallen. Wiederum spüre ich ein starkes Kribbeln zwischen den Schulterblättern.
Die drei verblichenen Eighty-Eights haben es versäumt, die Tür hinter sich zu schließen, also betritt Paco das Lagerhaus mit einer Hechtrolle, und ich höre seine MP drinnen loshämmern. Jaz und die anderen folgen ihm, und wieder beißen mich die Hunde.
Dieses Lagerhaus ist wesentlich kleiner als das der Cutters am Meridiansee und nicht annähernd so klau-strophobisch - es gibt keine riesigen Kistenstapel, die das Lagerhaus in ein Labyrinth aus Wänden und Gängen verwandeln. Dennoch gibt es überall haufenweise Deckung, und die Handvoll kleiner Lämpchen sorgt für Lichtverhältnisse, die denjenigen auf einer vom Mondlicht beschienenen Straße gleichen. Man kann keine Farben erkennen und kaum Einzelheiten, aber es reicht, um Bewegung auszumachen.
Wie die dort drüben. Ich wirbele nach links und reiße die H&K hoch. Doch bevor ich mein Ziel anvisieren kann, wird die rennende Gestalt - vermutlich ein weiterer Eighty-Eight - von jemand anderem niedergemäht. Von rechts - aus der Richtung des Büros, das sich Team B vorgenommen hat - höre ich das unverkennbare Stakkatohämmern einer Uzi III auf Vollautomatik. Offensichtlich ein Feind - von uns hat keiner eine Uzi dabei. Dann hallt der ganze verdammte Laden plötzlich vom brutalen Ba-Ba-Bam! von Barts Auto-Schrotflinte wider, und die Uzi verstummt.
Das Donnern der verdammten Schrotflinte spült zu viele unangenehme Erinnerungen an meinen letzten Besuch in einem Lagerhaus an die Oberfläche, und vor meinem geistigen Auge sehe ich, wie der kleine Piers von der Mossberg zerlegt wird. Ganz tief in meinem Herzen (oder vielleicht auch einen halben Meter tiefer in meinen Eiern) weiß ich, daß der gute alte Bart eine dieser dreischüssigen Salven für mich reserviert hat. Daß er mich umpusten wird, vorzugsweise von hinten, so daß ich keine Chance habe zu reagieren - und dann behaupten wird, daß das Licht trügerisch war oder ich durch sein Schußfeld gelaufen bin oder irgendeinen anderen Drek. Übersetzung: Hoppla, mehr Glück in der nächsten Reinkarnation. Von meinem Standpunkt aus nicht besonders befriedigend.
Der Witz ist also, irgendwo in Deckung zu gehen, wo ich jeden Ärger auf mich zukommen sehe und etwas dagegen tun kann. Ich sehe mich um, schaue nach oben... Ah, perfekt.
An der Wand neben mir ist eine Leiter befestigt, die (vermutlich) zu den Laufstegen unter der Decke führt. Etwa zehn Meter über dem Boden und direkt neben der Leiter ist ein verrosteter Beleuchtungskörper an der Wand befestigt. Wie bei den anderen Lampen im Lagerhaus reicht auch hier das Licht nicht aus, um den Boden einigermaßen vernünftig zu beleuchten.
Aber die Lampe ist hell genug, um jemanden zu blenden, der direkt hineinsieht. Und nur darauf kommt es an.
Schnell, bevor ich Zeit habe, die Sache zu durchdenken und mir in die Hose zu machen, husche ich zur Leiter und klettere hinauf. Im ersten Moment fühle ich mich scheußlich exponiert, aber das ist nur irrationale Angst, die daraus spricht. Darin bin ich zehn Meter über dem Boden, direkt neben der Lampe. Ich kann ihre Hitze auf meiner nackten Haut spüren. Ich fühle mich exponierter denn je, aber ich weiß, daß das einfach nicht der Fall ist. Jeder, der in meine Richtung schaut, wird nur das Licht sehen. Ich drehe mich um, halte mich mit der linken Hand an einer Leitersprosse fest und warte mit der H&K in der rechten.
Plötzlich erkenne ich, daß man von hier aus einen unglaublich guten Überblick hat. Zwar geben niedrige Kistenstapel und ähnlicher Drek überall Deckung, aber ich kann über die meisten Hindernisse hinwegsehen. In den ersten Sekunden mache ich zwei Eighty-Eights aus, die sich vor den marodierenden Cutters verstecken. Ich könnte sie beide umlegen, wenn ich wollte, aber ich will nicht. Das würde nur die Aufmerksamkeit auf mich lenken, und das will ich auf gar keinen Fall. Außerdem kann ich ein paar Mitglieder von Team A -nämlich Paco und Doink - sehen, die das Lagerhaus systematisch durchkämmen.
Und da ist auch Bart. Er kommt aus dem Bürobereich und tastet sich langsam an der Wand entlang. Seine Schrotflinte hängt an der speziellen Gurthalterung und ist schußbereit, das Schockpolster fest gegen die Hüfte gepreßt. Selbst in der Gurthalterung ist die AS7 groß und klobig genug, um die meisten Leute unbeholfen und schwerfällig wirken zu lassen. Nicht so Bart: Er ist auch so groß und klobig und stark genug, um die Kanone herumzuschwenken, als sei sie federleicht. Das muß ich ebenso wie die Tatsache berücksichtigen, daß er wahrscheinlich stark genug ist, um dem Rückschlag mehrerer Schüsse standzuhalten. Nach allem, was ich weiß, könnte er an der Kanone so herumgebastelt haben, daß sie für Auto-Feuer geeignet ist. Kein sehr angenehmer Gedanke. Ich verliere ihn für einen Au-genblick hinter einem abnorm hohen Kistenstapel aus den Augen, und mein Magen verkrampft sich in jäher Furcht. Vielleicht weiß er, wo ich bin, und schleicht sich an, um einen sauberen Treffer zu landen... Doch dann taucht der große Lauf der Schrotflinte wieder auf, gefolgt von Bart persönlich, und ich atme auf.
Ein Teil von mir will ihn jetzt gleich erledigen. Die Elektronik verrät mir, daß ich eine Salve direkt ins Ziel setzen kann, daß ich alle fünf Schüsse im Umkreis von einem Zentimeter um sein häßliches Ohr setzen kann, bevor er überhaupt weiß, was los ist. Doch dann stellen sich die Jahre meiner verdammten Ausbildung als Cop quer: tödliche Gewalt nur als Reaktion auf direkte Bedrohung und der ganze Quatsch. Wer weiß? Vielleicht irre ich mich, und Bart will mich gar nicht umlegen. Ihn zu geeken, bevor ich mir dessen sicher bin, wäre jedenfalls vorsätzlicher Mord. Unter mir dreht sich der aufgedunsene Ork langsam und richtet die Schrotflinte auf irgendwas. Ich folge seiner beabsichtigten Schußlinie.
Es ist Paco. Das junge Bandenmitglied geht gerade an einer Kiste vorbei, die laut Aufschrift Maschinenteile enthält. Ich sehe, wie sich sein Kopf leicht bewegt, und weiß, daß er Bart mit seiner peripheren Sicht entdeckt hat. Außerdem weiß ich, daß er den Ork als ›befreun-det‹ einstuft und beschlossen hat, ihn zu ignorieren. Barts Schrotflinte folgt Paco, und ich weiß, was geschehen wird. Der Ork hat nicht nur das ›Mandat‹, mich umzulegen, sondern darüber hinaus auch noch jeden, der mir treu ergeben ist.
»Paco, in Deckung!« rufe ich, und keine Millisekunde zu früh. Er reagiert, als sei er bis zur Halskrause ver-chippt, und wirft sich vorwärts und in die Deckung einiger Makroplast-Transportbehälter.
Die Schrotflinte donnert, und der Dreifachschuß pulverisiert die Kiste, vor der Paco einen Augenblick zuvor noch gestanden hat. Paco könnten noch ein paar Schrotkörner aus dem äußersten Streubereich erwischt haben, und er ist mit Sicherheit von den Überresten der Kiste getroffen worden, aber es ist recht wahrscheinlich, daß er es überlebt hat. Was natürlich nicht Barts Verdienst ist.
Ich lege mit meiner H&K an, und der rote Laserzielpunkt fällt auf die Schläfe des Orks. »Du bist raus«, sage ich.
Doch bevor ich abdrücken kann, wirbelt er herum und reißt die AS7 hoch. Schneller, als er sich je bewegt hat, schneller, als irgend jemand das Recht hat, sich zu bewegen. Er drückt ab, und die Schrotflinte donnert erneut.
Zu früh, einen Augenblick zu früh. Das Licht neben mir, die Metallverkleidung und ein gutes Stück der Wand explodieren in einem Hagel von Splittern. Metallfetzen peitschen über mein nacktes Gesicht und die gleichfalls nackten Hände. Instinktiv reiße ich die rechte Hand - meine Waffenhand - vor das Gesicht, um meine Augen zu schützen. Dann muß ich die H&K erneut auf mein Ziel ausrichten.
Diesmal habe ich jedoch genug Zeit, um nichts mehr anbrennen zu lassen. Bart mußte das Schockpolster der Schrotflinte von der Hüfte nehmen, als er zu mir herumgewirbelt ist, um auf mich zu schießen, also hat das Schockpolster auch nicht den Rückschlag absorbiert. Er ist zwar stark, aber nicht stark genug, um eine auf Halbautomatik gestellte AS7 davon abzuhalten, hierhin und dorthin zu rucken. Und so stark er auch sein mag, es reicht nicht, um die Schrotflinte wieder auf mich auszurichten, bevor ihm ein Feuerstoß von fünf Neun-Mil-limeter-Kugeln den Schädel zerschmettert.
»Zum Teufel mit allem«, murmele ich, als ich die Leiter herunterklettere und versuche, das plötzliche Zittern in meinen Händen und den Knoten in meinem Magen zu kontrollieren.