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Das ist wirklich nicht die Art von Unterhaltung, wie man sie gerne in einer verdammten Telefonzelle mitten auf der Straße führt. Aber es gibt Zeiten, wo man einfach keine andere Wahl hat.
Ja, genau, eine andere Telefonzelle, diesmal ohne Kaugummi auf der Kameralinse. Bei diesem Anruf will ich sehen und gesehen werden.
Der Bildschirm des Telefons ist viergeteilt. Drei der Fenster zeigen Gesichter, das vierte ist leer für den Fall, daß wir uns Daten oder andere Dinge zeigen wollen. Ich kenne alle drei Gesichter, und wenn irgend jemand auftauchen sollte, den ich nicht kenne, verschwinde ich so schnell aus der Zelle, daß ich ein Vakuum zurücklasse.
In der oberen linken Ecke ist Sarah Layton. Der Bursche rechts neben ihr ist etwa in ihrem Alter - Ende vierzig, würde ich sagen -, aber nicht annähernd so gut erhalten: schütteres, grau werdendes Haar und Tränensäcke unter den Augen wie eine alte Bulldogge. Das ist Vince McMartin. Unter Sarah ist der ›Weiße Blitz‹, ein gewisser Marcus Drummond. Er ist ein Jahrzehnt jünger als die beiden anderen und ein echter Heuler von einem Konzernkrieger, der die Leiter schnell genug hinaufklettert, um den Messern zu entgehen, die ständig auf seinen Rücken gerichtet sind. Er ist dünn und blaß und hat Augen, denen nichts, aber auch gar nichts entgeht. Seine Haare sind stoppelkurz geschnitten und schlohweiß. (Einen Moment lang erinnern sie mich an die Elfengöttin, die bei der Tir-Delegation war, und ich sehe mir Drummonds Ohren genauer an. Nichts, keine Spitzen.)
»Ich weiß, eine Telekonferenz ist unüblich«, sage ich als Antwort auf Drummonds letzte Bemerkung, »aber sie ist absolut erforderlich.«
Sarah Layton mischt sich ein. Ihre Stimme ist wie ein Skalpell. »In Ihrem Bericht steht nichts, was dies rechtfertigen würde.«
»Nicht alles steht in meinem Bericht«, kontere ich. »Ich hatte keine Zeit, ihn auf den neuesten Stand zu bringen.«
»Und?« Das kommt von der Bulldogge McMartin.
»Der Star ist unterwandert«, sage ich schlicht, um maximale Wirkimg zu erzielen. »Ihre Datenintegrität ist nicht mehr gewährleistet.«
Die drei wechseln Blicke, und an der Art, wie sich ihre Augen bewegen, erkenne ich, daß sich Layton und Drummond im selben Raum aufhalten, während sie mit McMartin per Telefon konferieren. Ihre Gesichter und Augen verraten nichts von einem Schock, aber alle drei sind abgebrühte Profis, deren unerschütterlichen Fassaden man ihre Gefühle nicht ansieht.
»Wie kommen Sie darauf?« will Layton wissen.
Also erzähle ich es ihnen. Die Delegation des Tir-Konzerns habe ich bereits in meinem Bericht beschrieben, aber jetzt füge ich Nicholas Finnigans geheimnisvolle Besucher aus meinem ›IrrelKonzern‹ hinzu. Ich muß nicht erst auf die Bedeutung der Tatsache hinweisen, daß IrrelKonzern (oder wer auch immer) von Fin-nigan weiß und vermutet hat, ich könne mich an ihn um Hilfe wenden - ich kann es den sehr steten und aufmerksamen Blicken von sechs Augen entnehmen.
Als ich fertig bin, herrscht für einen Augenblick Schweigen, dann will McMartin wissen: »Sind Sie sicher, daß Sie es sonst niemandem erzählt haben?« Aus den Blicken, die ihm die beiden anderen zuwerfen, geht eindeutig hervor, daß sie selbst diese Bestätigung als überflüssig betrachten. Profis - absolute Profis.
Aber ich beruhige ihn dennoch, was diesen Punkt anbelangt. »Wie ich schon sagte, niemandem. Nur Ihnen, und zwar in einem meiner regelmäßigen Berichte. Der Star ist unterwandert.«
»Ja«, sagt Layton zögernd.
Und die Erkenntnis trifft mich wie eine Kugel. »Sie wissen es bereits«, platzt es aus mir heraus.
Ich kann förmlich hören, wie die Stahljalousien hinter drei Augenpaaren herunterrasseln. Die Gesichter werden ausdruckslos wie die von Robotern.
Sie wissen es. Was ich ihnen erzähle, ist Schnee von gestern. Bestenfalls bestätigt es etwas, von dem sie gehofft haben, daß es nicht zutrifft... oder beweist, daß die Unterwanderung, von der sie bereits wissen, weitreichender ist, als sie anfänglich befürchtet haben. Drek. Ich will alle Einzelheiten, aber ich bin nicht so dumm, danach zu fragen. Diese drei verraten immer nur das, was ihr Gegenüber wissen muß, und ich muß nicht, sonst wüßte ich es bereits.
Also klammere ich diesen Punkt erst mal aus und komme zum eigentlichen Grund meines Anrufs. »Ich will wieder ins Licht.« (Vor hundert Jahren hätte ich wahrscheinlich gesagt, »aus der Kälte«.)
Diesmal findet kein Blickwechsel statt, es besteht keine Notwendigkeit. Ein hirntoter Hund hätte sich das aus dem Drek in meinem Bericht zusammenreimen können. Der Weiße Blitz rückt zögernd, und ich erkenne, daß er der Sprecher für diesen Teil der Unterhaltung ist. »Das ist... verständlich«, räumt er ein. »Verständlich, aber im Augenblick unmöglich.«
»Warum?« frage ich. Nicht cool, nicht profihaft, aber, verdammt noch mal, ich will es wissen.
Seine Miene wird noch ausdrucksloser, falls das überhaupt möglich ist. »Sie wissen, daß ich darüber nicht mit Ihnen reden kann«, sagt er.
Zum Teufel mit diesem Drek! Das will ich sagen, aber ich halte mich zurück. Tatsächlich sage ich: »Ich kann das kaum akzeptieren«, und zwar in einem coolen, stahlharten Tonfall, der sogar mir selbst Angst einjagt.
Doch Drummond läßt das völlig kalt. »Zur Kenntnis genommen«, sagt er mit einem schroffen Nicken.
»Doch Tatsachen sind nun mal Tatsachen. Wir können uns nicht die Blöße geben, auf... gewisse Ereignisse... in irgendeiner Form zu reagieren.«
Das reicht für mich als Hinweis, um in Gedanken die Lücken auszufüllen. Der Star hat irgendwelche Schwierigkeiten, große Schwierigkeiten, und diese drei wissen davon. Vielleicht beschränken sich diese Schwierigkeiten auf die Unterwanderung, von der ich geglaubt habe, ich hätte sie erst darauf hingewiesen. Aber vielleicht ist diese Unterwanderung ja auch nur die Spitze eines riesigen Eisbergs (nette Vorstellung). Wie auch immer, die leitenden Pinkel des Konzerns - darunter Layton, Drummond und McMartin, aber gewiß nicht nur sie - tun alles, was sie können, um den Deckel draufzuhalten. Sie dürfen nicht auch nur im geringsten zu erkennen geben, daß etwas nicht in Ordnung ist.
Wem gegenüber dürfen sie das nicht zu erkennen geben? Einem Haufen Leuten, Chummer - es gibt einen Haufen Leute, die aus ganz unterschiedlichen Gründen daran interessiert sind, Sprünge im Panzer zu finden, der Lone Star umgibt. Das fängt bei den Cutters an -und allen anderen Gangs der Stadt. Das gleiche gilt für die Yakuza, die Mafia, die Seoulpa-Ringe, die Triaden, die Tongs...
Und das gilt auch für die Megakonzerne. Die meisten Konzerne betrachten Lone Star als Feind oder Rivalen. Wenn sie in illegalen Drek verwickelt sind, wären sie hocherfreut, eine Schwäche oder andere Art von Hebel gegen die Cops zu finden, die ihnen im Nacken sitzen. Und selbst wenn manche Konzerne nicht in illegalen Drek verwickelt sind, stehen diese - auf die eine oder andere Art - mit dem Unternehmenskonglomerat im Wettbewerb, das den Namen Lone Star Security Corporation trägt (dabei fällt einem sofort Knight Errant ein).
Dann überlegen Sie sich die politischen Verzweigungen. Der Star hat einen Vertrag mit der Verwaltung des Seattier Metroplex, die Polizeidienste in der Stadt auszuüben, neh? Wie würde die Verwaltung - zum Beispiel in Gestalt der verschrobenen Gouverneurin Marilyn Schultz - auf Informationen reagieren, daß der Star in seiner Datensicherheit oder sonstwo irgendein großes verdammtes Loch hat? Es geht ums Geschäft, Omae. Ich weiß nicht, was die Plexverwaltung dem Star jedes Jahr für seine Dienste bezahlt; aber wenn besagte Verwaltung die Möglichkeit hat, diese Summe zu drücken, weil sie weiß, daß der Star in Schwierigkeiten steckt, wird sie es so sicher wie nur irgendwas auch tun.
Außerdem ist Gouverneurin Schultz eine Politikerin, und Politiker haben Feinde. Was würden Schultz' Rivalen wohl dafür geben, wenn sie herausfänden - und beweisen könnten -, daß die gute Marilyn die Polizeiarbeit im gesamten Metroplex in die Hände eines Konzerns gelegt hat, der von Grund auf unterwandert ist? Genau, Omae, so ziemlich alles. Und wie würde Schultz darauf wohl reagieren? Indem sie hart durchgreift, um zu zeigen, daß sie Mumm hat, indem sie den Vertrag mit dem Star neu aushandelt oder ihn ein für allemal auflöst.
Ja, ja, ich glaube, ich verstehe, warum Drummond und der Rest der Pinkel-Brigade versuchen, den Mülleimer ganz fest geschlossen zu halten. Aber dieses Verständnis trägt im Moment in keiner Weise dazu bei, daß ich mich besser fühle.
»Das sehe ich ein«, sage ich zu Drummond, »aber das heißt noch lange nicht, daß Sie mich nicht reinbringen können. Drek, meine Tarnung ist geplatzt, das ist doch Grund genug, oder nicht. Es muß keine Verbindung -nicht die geringste - zu der Unterwanderung oder irgendwelchem anderen Drek geben. Ich hänge hier draußen völlig in der Luft.«
Einen Augenblick lang sehe ich etwas in den stahlharten Augen des Weißen Blitzes, das fast Mitgefühl und Verständnis sein könnte. Darin ist es verschwunden. »Zur Kenntnis genommen«, sagt er wieder, »aber trotzdem nicht akzeptabel. Aus Gründen, über die ich auf einer ungesicherten Leitung nicht reden werde. Denken Sie es durch, Larson. Sie werden es verstehen.«
Ich nicke zögernd. Ich glaube, ich verstehe tatsächlich, und dieses Verstehen macht den kalten Schauer, der mir über das Rückgrat kriecht, noch kälter.
Ich bin zu einer eindeutigen Schlußfolgerung gekommen, nicht wahr? Daß Mr. Nemo mich erkannt hat und meine Tarnung geplatzt ist und die Cutters meine Eier als Briefbeschwerer haben wollen. Diese Schlußfolgerung ergibt zumindest einen Sinn. Und wenn sie stimmt, hat der Weiße Blitz keinen Grund, mich nicht hereinzuholen.
Aber man kann die Sache auch aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten. Meine Tarnung ist geplatzt, ja, aber nicht, weil Mr. Nemo mich erkannt hat. Schön, wir sind einander schon begegnet, aber das war, als er in der Schlange vor dem Club Penumbra stand und ich das letztemal gerade rausgeschmissen wurde, oder bei einer vergleichbaren Gelegenheit. Er hat Blake nicht gesagt, daß ich für den Star arbeite, weil er es gar nicht wußte.
Wer könnte mich also, abgesehen von jemandem, der mich wiedererkennt und weiß, daß ich für den Star arbeite, auffliegen lassen? Natürlich jemand, der mit seinen geisterhaften elektronischen Fingern durch die Akten der Datenbanken Lone Stars blättert. Absolut logisch... glaube ich. Aber übersehe ich dabei nicht etwas?
Drek, darüber mache ich mir später Gedanken. Gedanken über all die kleinen paranoiden Drehungen und Wendungen und Intrigen, wenn ich nicht mehr auf der Straße bin und nach Leuten Ausschau halte, die mich geeken wollen. Tatsache ist, der Star wird mich nicht hereinholen, nicht jetzt, und mit dieser Tatsache muß ich mich abfinden.
»Zur Kenntnis genommen«, speie ich Drummond förmlich ins Gesicht. Seine Gründe nachvollziehen zu können, bedeutet nicht, daß die Tatsache mir gefallen muß. »Wann?«
Wiederum wechseln die drei Pinkel einen Blick, und diesmal antwortet mir Layton. »In sechsunddreißig Stunden, höchstens. Wahrscheinlich eher in vierundzwanzig.«
»Bis dahin ist die Situation stabil?« will ich wissen.
Vielleicht ist es ein Lächeln, das ihre Lippen den Bruchteil eines Millimeters zucken läßt, vielleicht war es auch nur ein winziger Fehler in der Datenübertragung. »Stabil genug«, sagt sie entschieden. Okay, sie haben also etwas am laufen, um der Unterwanderung Herr zu werden. Haltet euch ran und macht Dampf, das ist meine Meinung dazu.
»Halten Sie Verbindimg«, sagt Drummond (als würde ich sie sonst abbrechen). »Melden Sie sich alle sechs Stunden plus minus fünf Minuten.«
Ich werfe einen Blick auf meine Uhr - 1134 - und trage 1730 als Zeitpunkt für den nächsten Anruf in meinen geistigen Terminkalender ein. »Verstanden«, sage ich zu ihnen. »Auf dieser Leitung?«
Wieder ein rascher Blickwechsel, dann gibt mir McMartin LTG-Nummer und Sicherheitscode für eine andere Leitung. »Diese Leitung hat absoluten Vorrang«, sagt er. »Ihr Anruf erreicht uns, egal wo wir uns gerade befinden oder was wir gerade tun.«
»Ist gespeichert«, sage ich. »Bis später.« Und ich unterbreche die Verbindung.
Sechs Stunden von 1130 bis 1730. Nur ein Augenblick, Priyatel, stimmt's? Einfach zurücklehnen und ein paar Soykafs trinken. In eine Bar gehen und ein paar Drinks kippen. Vielleicht zur Massage gehen. Und im Nu ist der Nachmittag vorbei.
Außer, wenn man weiß, daß die Cutter jeden verdammten Mann auf der Straße haben und nach einem suchen, ganz zu schweigen von einem unbekannten Konzern mit Zugriff auf die Datenbanken des Star. Das verändert die Situation drastisch. Bei jeder verdammten Bewegung, die man macht, stellt sich die Frage: Wissen die Cutters, daß ich dazu neige, in einer bestimmten Art von Laden herumzuhängen? Erwähnt meine Personalakte, daß ich Kontakte zu diesem oder jenem Schieber habe? Wenn die Antwort »ja« lautet, vergiß es. Jemand könnte dort sein und nur darauf warten, mir das Gehirn wegzupusten. Alles in allem zieht sich der Nachmittag dadurch ganz schön in die Länge, Omae.
Es endet damit, daß ich den größten Teil des frühen Nachmittags damit verbringe, den Highway 5 herauf-und herunterzufahren, weil die Chancen, daß ich dort von jemandem entdeckt werde, ziemlich dünn sind. Ich habe reichlich Zeit zum Nachdenken, aber meine Gedanken bewegen sich nicht von der Stelle und scheinen irgendwie im Kreis herumzuirren. Zum Beispiel werde ich aus irgendeinem Grund das Gefühl nicht los, daß Mr. Nemo - eigentlich diese ganze Geschichte mit der Tir-Konzern-Delegation - ein wichtiges Teil des Puzzles ist. Keine Ahnung, warum, aber meine Eingeweide sagen mir ständig, daß es einfach so sein muß. Wenn ich mehr darüber herausfinden kann, was da genau abläuft - welcher Konzern es ist, warum er an den Cutters interessiert ist, um welchen Deal es geht, diese Art Drek -, verstehe ich vielleicht besser, was eigentlich los ist. Zumindest habe ich dieses Gefühl, und ich habe vor langer Zeit gelernt, meinen Gefühlen zu trauen.
Aber wie, zum Teufel, soll ich das herausfinden? Ich bin kein Technomancer - ich bin eher auf den wirklichen Straßen des Sprawl zu Hause als auf den virtuellen Pfaden der Matrix. Ja, sicher, ich kann mit einem Computer umgehen, wer kann das nicht? Aber mich in UCAS Online einzuschalten, ein Telekom anzuweisen, einen Anruf zu tätigen oder einen Taschencomputer oder ein Telefon mit Datenausgang zu benutzen, um Karten für die Seahawks zu kaufen, ist etwas ganz anderes, als hochgeheimen Drek über Konzernaktivitäten auszugraben, das können Sie mir glauben. Dazu bedarf es eines ganz besonderen Talents. Da ich das nicht besitze, muß ich es entweder anheuern oder mir sonstwie aneignen.
Sehen Sie sich das nächstemal, wenn Sie im Netz sind, die Geschäftseintragungen unter »Datenbeschaf-fer‹ an, dann werden sie eine ganze Wagenladung von Leuten finden, die behaupten, dieses Talent zu besitzen. Rufen Sie einen dieser Burschen an, sagen Sie ihm, was Sie wollen, überweisen Sie die Creds und warten Sie einfach ab, bis er liefert, null Problemo. Klappt auch prima, wenn niemand das, wonach man gräbt, geheimhalten will - zum Beispiel die derzeitige Bevölkerungsdichte von Seattle, den Teepreis in China oder so etwas. Beauftragen Sie einen kompetenten Datenbeschaffer und lassen Sie ihn schnüffeln.
Lustiger wird es, wenn die Daten, die Sie suchen, mehr im Schatten angesiedelt sind. Offensichtlich ist diese Art von Drek schwerer zu finden und bedarf zunächst einmal eines talentierteren Datenschnüfflers. (Zum Beispiel würde sich derselbe Bursche, der Ihnen alle Daten über die Zukunft des Tees in China beschafft, möglicherweise das Gehirn bei dem Versuch grillen, Hintergrundinformationen über MCTs wichtigste Execs auszugraben.) Und Sie müssen sich Gedanken über Zuverlässigkeit und Motive des beauftragten Datenschnüfflers machen. Ich weiß definitiv, daß Lone Star »persönliche Vereinbarungen mit einer nicht näher bestimmten Anzahl von Datenschnüfflern dort draußen getroffen hat, und jeder andere Konzern, der den Namen mit Recht trägt, muß das gleiche tun.
Was beinhalten diese persönlichen Vereinbarungen? Das ist wahrscheinlich von Fall zu Fall verschieden.
Manche Datenschnüffler liefern ganz einfach falsche Antworten, wenn jemand Fragen über den Konzern stellt, der sie an der Angel hat. Andere halten den Fragesteller einfach hin, während sie den Konzern davon in Kenntnis setzen, daß jemand neugierige Fragen stellt. Ich kann nicht glauben, daß jeder registrierte Datenschnüffler mit jedem Konzern eine Vereinbarung getroffen hat, und vielleicht gibt es sogar ein oder zwei, die an niemandes Angel hängen, aber jemanden zu finden, der Ihnen offene und ehrliche Antworten gibt und nicht an den Konzern verkauft, an dem Sie interessiert sind, wird zu einem echten Glücksspiel.
Deshalb sind persönliche Beziehungen bei diesen Deals auch so wichtig. Wenn Sie hinter ›schwarzen‹ Daten her sind, gehen Sie nicht einfach die Eintragungen im Branchenbuch durch und suchen aufs Geratewohl einen Namen heraus. Sie gehen zu einem Decker oder Datenschnüffler oder zu irgend jemandem, den Sie kennen und dem Sie vertrauen - zu jemandem, zu dem Sie eine Beziehimg haben, eine Beziehung, die sich mit der Zeit entwickelt hat. Wenn Sie keine Beziehung zu einem Decker haben, gehen Sie zu einem Schieber, dem Sie vertrauen. Ein Netz wichtiger und persönlicher Bekannter, Omae, darauf läuft alles hinaus.
Ich habe solch ein Netz, und zwar ein gutes: ein paar Schieber, einen Decker, sogar einen Schattendoktor. Oder besser gesagt, ich hatte eines. Manche von diesen Personen habe ich durch die Cutters kennengelernt, die anderen durch den Star. Und das bedeutet, daß mindestens einer der beiden Vereine, die mich schnappen wollen - die Cutters und mein IrrelKonzern - über jede einzelne Bescheid wissen. Ich bekomme vielleicht Antworten auf die Fragen, die ich stelle, aber die Frage bleibt: Zahlt jemand den Leuten, die mir die Antworten geben, einen Haufen Kohle, damit sie mich belügen? Die Schlußfolgerung ist simpel, auch wenn sie mir nicht gefällt: Ich habe kein Netz, dem ich vertrauen kann. Zum Teufel mit diesem Paranoia-Drek, er ist gesundheitsschädlich.
Doch je länger ich auf dem Highway 5 herumgondele, desto mehr packt mich die Idee, die Tir-Connec-tion zu verfolgen. Die Zeit scheint noch langsamer als vorher zu verstreichen. Wenn mir die Zeitspanne von 1300 bis 1330 schon wie ein paar (subjektive) Stunden vorgekommen ist, dann scheint mir 1730 noch ein ganzes Leben entfernt zu sein. Ich kann mich einfach nicht der Überzeugimg erwehren, daß ich irgendwas unternehmen muß.
Also gehe ich alles noch einmal und noch einmal und noch einmal durch. Auf wen kann ich mich stützen? Gibt es jemanden, den ich übersehe, jemanden, der nicht in den Computern des Star gespeichert und auch den Cutters nicht bekannt ist, dem ich trauen kann und der bereit ist, mir einen Gefallen zu tun?
Es könnte auch jemand sein, der in den Computern gespeichert ist, jedoch den Mumm hat, die Tatsache zu verheimlichen, daß er mir hilft. Jemand wie Cat Ash-burton. Ja, sie könnte das im Schlaf.
Ich weiß, daß ich grinse, weil mir die kalte Luft auf meinen Vorderzähnen den Eindruck vermittelt, sie müßten jeden Augenblick abbrechen. Ja, das ist es. Cat Ashburton hat die Fähigkeiten, Zugang zur erforderlichen Ausrüstung und den Mumm, diese Art von Nachforschungen im geheimen zu betreiben. Die Frage ist nur, wird sie es tun? Wie es immer so schön heißt, es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.
Ich nehme die nächste Abfahrt, die ins Zentrum von Süd-Tacoma führt, und halte wieder mal nach einer verdammten öffentlichen Telefonzelle Ausschau.